Im Menschen muss alles herrlich sein • Sasha Marianna Salzmann

Als ich 18 Jahre alt war, bin ich in Jena gestrandet. Meine Wunsch-Studienplätze in Potsdam und Berlin hatte ich nicht bekommen, also musste eine schnelle NC-freie Alternative her: Jena. Eine Stadt, in der ich noch nie zuvor gewesen war und mit der ich bis dahin nur den NSU und einen Autobahntunnel verband.

Zuerst wohnte ich in zahlreichen Konstellationen in einer WG, später zogen Dominik und ich zusammen in unsere erste gemeinsame Wohnung in Jena. Dunkles Erdgeschoss, feuchtkalter Keller, Stromheizung und eine russische Vermieterin, die in Moskau Germanistik studiert hatte, um die Jahrtausendwende herum das Haus von der Stadt gekauft hatte und seitdem mit ihrer Familie in der obersten Etage wohnte. Ihr Mann saß im Sommer manchmal im Feinripp-Unterhemd im winzigen, von Mauern und Häusern umgebenen Innenhof und hörte russische Volksmusik.

An sie musste ich immer wieder denken, während ich Im Menschen muss alles herrlich sein las. 

Fünf Jahrzehnte, vier Frauen, zwei Generationen

In Sasha Marianna Salzmanns zweitem Roman bringt sie nicht weniger als fünf Jahrzehnte auf 384 Seiten unter. Im Mittelpunkt stehen vor allem zwei Mütter mit ihren Töchtern: Lena und Edita sowie Tatjana und Nina. Auf Lena liegt die meiste Zeit des Romans über der Fokus: Ihr gelten die umfangreich geschilderten drei Jahrzehnte der 70er, 80er und 90er Jahre, während Tatjana ihre Lebensgeschichte lediglich als Rückblick während einer Autofahrt von Berlin nach Jena erzählt.

Lena und Tatjana sind beide in der Sowjetunion aufgewachsen. Lena verbrachte jeden Sommer ihrer Kindheit bei ihrer Großmutter in Sotschi, bis sie in die Schule musste und in den Sommerferien jedes Jahr das Pionierlager auf sie wartete. Zeitnah erkrankt ihre Mutter – woran genau, erfahre ich nicht, nur, dass es etwas Neurologisches, etwas wie Migräne sei. Lena begegnet zum ersten Mal der anderen Seite der sozialistischen Sowjetunion, als der Vater der behandelnden Ärztin vor ihren Augen einen prall mit Geld gefüllten Briefumschlag übergibt. Ihr wird klar: Sie wird Medizin studieren, Fachrichtung Neurologie. Später schafft sie es nach mehreren Bestechungen und mithilfe ›Vitamin B‹ (gute Beziehungen) immerhin in die Dermatologie. Während die Sowjetunion zerfällt, untersucht sie die Geschlechtsteile reicher Russen auf Hautkrankheiten und verdient sich selbst durch ›großzügige Gaben‹ eine kleine goldene Nase. Parallel verliebt sie sich in einen Moslem aus Tschetschenien, ihre Beziehung bleibt geheim. Als er sie schwängert, lässt er sie sitzen und sie geht zusammen mit ihrer Tochter Edi und einem 10 Jahre älteren Juden nach Deutschland, genauer gesagt: nach Jena, wo sie in Lobeda-Ost, einem Plattenbauviertel, strandet und im städtischen, benachbarten Krankenhaus als Krankenschwester arbeitet. Diese (leider) klassische Migrationsgeschichte, die sich im Kleinen so schmerzhaft liest, wenn man weiß, was Lena alles durchgestanden hat für das immer erträumte Medizin-Studium, und die mich an einen Mann bei einer Mitfahrgelegenheit erinnert, der aus Syrien geflüchtet war. Dort operierte er allein in Damaskus Schwerstverletzte. Hier räumt er Regale ein.

Blick durch Sowjetaugen

Es ist erstaunlich, wie detailliert Salzmann Lenas Leben auf das Papier bringt – und damit gleichzeitig ein Bild der zerfallenen Sowjetunion zeichnet. Große Fehler im System macht sie auf der kleinen, individuellen Ebene sichtbar: der gute Cognac für den Chefarzt, das »diskrete Gespräch« mit den Leitenden der Universität. Gerade die Korruption ist in großen Teilen des Romans allgegenwärtig. Was Lena zuerst dazu bewegt hat, Medizin zu studieren – eine Ärztin zu sein, die auch ohne Bestechungen gute Arbeit leistet –, kehrt sich schließlich fast paradox um, als sie selbst Bestechungsgeld oder teure Uhren erhält, und bleibt gleichzeitig ein Schlüsselmotiv: »Lena riss hektisch am Verschluss ihrer Handtasche und zog den Umschlag mit Bargeld hervor, den sie beim überstürzten Aufbruch ohne Absprache mit Daniel aus der Schublade der Anrichte genommen hatte. Sie reichte das Geld der Ärztin. »Ich bleibe bei meiner Tochter hier auf der Station.« Die Frau im weißen Kittel starrte ihr eine Weile ins Gesicht, dann steckte sie das Kuvert ein, ohne hineinzusehen.«

Mit vielen von dem, was Salzmann über die Sowjetunion schildert, kann ich nicht gut umgehen, zu wenig weiß ich über das heutige Russland und die heutige Ukraine bzw. über die damalige UdSSR (schon erstaunlich, was man im Geschichtsunterricht lernt – und was nicht). Mir sagen die Städte nichts, in denen Lena aufwächst oder studiert, könnte aber aus dem Stehgreif mindestens zehn US-Staaten aufzählen. Der geschilderte Staat ist mir fremd. Ich verstehe den Tschechow zitierenden Chefarzt und dementsprechend auch den Titel des Romans nicht, ich verstehe die späteren jüdischen Witze von Lenas Mann nicht, ich verstehe die Meinungen zu den Tschetschenienkriegen nicht, ich verstehe nicht, wie aus den eingefleischten Kommunist:innen quasi über Nacht Christ:innen oder Muslim:innen werden konnten. Und denke mir gleichzeitig: Wie gut dieser Roman Menschen tun muss, die eine ähnliche Sozialisierung wie Salzmann haben, Menschen, die »mit ihren Sowjetaugen durch die Gardinen in die Höfe und auf die Straßen einer mittelgroßen ostdeutschen Stadt schauen«. Die in der ehemaligen Sowjetunion groß geworden und später nach Deutschland gekommen sind, eine neue Sprache lernen mussten, Prüfungen nochmal ablegen mussten, in Asylheimen leben mussten, alles hinter sich lassen und neu anfangen mussten. Wie gut es sein muss, endlich eine eigene Erzählung lesen zu können, eine Perspektive sehen zu können, die in unserer Gesellschaft nicht gesehen wird. Wie schlimm es sein muss, ein ukrainisches Nationalgericht als italienische Spezialität im Delikatessenregal zu entdecken – weil es sonst niemand kaufen würde; »bei Italien denken alle an Dolce Vita und bei Ukraine an Tschernobyl«.

So oft höre ich von den geringen Anteilen von Menschen mit Migrationsgeschichte in den neuen Bundesländern, doch suche ich nach Zahlen über Kinder von russischen oder vietnamischen Eingewanderten, bleibt Google still. Es gibt auch im Osten Migration, doch wird sie von der (westdeutschen) Mehrheitsgesellschaft noch immer nicht gesehen. Wenn ich an diese osteuropäischen Stimmen denke, tut es mir nicht mehr leid, dass ich so wenig mit Lenas Lebensrealität anfangen kann – denn das Buch ist nicht in erster Linie für mich geschrieben.

Auf der A9 zwischen Berlin und Thüringen

Auch, wenn Lenas Leben in Im Menschen muss alles herrlich sein den meisten Raum einnimmt, so sind doch die Perspektiven der nachfolgenden Generation nicht unwichtig. Nina und Edita sind zusammen groß geworden, doch während Nina in Jena versackt, ist Edita nach Berlin gezogen, entdeckt ihre Sexualität, blondiert sich die Haare, hat einen Scheißjob, träumt von Florida. Beide vereint ihr Herkunftsland, ihre Migrationsgeschichte, »diese Dauerwehen des Nie-richtig-Angekommenen« und dass sie mit ihren Müttern nicht klarkommen – so, wie Lena und Tatjana selbst mit ihren Müttern nicht klarkamen. Es fliegen die Fetzen, es zerbrechen Türen, aber alles ist gut, solange die Mütter noch schreien und keifen. Besorgniserregend wird es erst, wenn sie klein beigeben. Das fühlt auch Edita, als sie zum Geburtstag ihrer Mutter nach Jena zurückkehrt. Sie fährt zusammen mit Lenas Freundin Tatjana über die A9 zurück nach Thüringen und rechnet mit Jena ab: »Thüringen sprang ihr fett aus der Schlagzeile entgegen. Was für ein hässliches Wort, fand sie. Es gab keine Art, es melodisch auszusprechen. Mit Thüringen verband sie Schmelzkäsewettessen, Berge, die das Tal, in dem Jena lag, vor Wind und der sonstigen Realität schützten – wenn es überall sonst im Land regnete, schien hier die Sonne, und wenn es oben sonnig war, stellte sich im Tal Monsunwetter ein –, mit Thüringen verband sie die Haltestelle mit dem Namen »Paradies«, die von ICEs nicht mehr angefahren wurde.« Es triggert mich sehr; ich fühle jeden Satz, jedes Wort.

Individuelle, kollektive Erfahrungen

In der Danksagung schreibt Sasha Marianna Salzmann, der Arbeitstitel von Im Menschen muss alles herrlich sein hätte Du musst dir dich selber zumuten geheißen – und ich stelle mir die verbotene Frage nach dem autobiographischen Anteil an dem Roman, obwohl diese Frage eigentlich überflüssig ist. Denn so, wie die Erzählung von Lenas Leben das große Ganze im Kleinen abbildet, so steht die Erzählung gleichzeitig pars pro toto selbst für das große Ganze. Es sind individuelle und gleichzeitig kollektive Erfahrungen, die Sasha Marianna Salzmann hier schildert: Erfahrungen von Korruption, Unterdrückung und Unterwerfung; Erfahrungen vom Überwinden von Erfahrungen, vom Fehlen und Suchen von Worten, von Emigration, von Postemigration. Salzmann ist keine ihrer Figuren und gleichzeitig birgt sie einen ähnlichen Erfahrungshintergrund in sich, das spüre ich auf jeder Seite: Sie schreibt ohne Klischees und gleichzeitig so bunt und lebensnah, fast alltäglich, ohne dass ich das abwertend meine. Ich bin allzu gern in die Leben der vier nicht immer sympathischsten, mir oftmals fremden und dadurch dennoch umso lebensechter wirkenden Protagonistinnen eingetaucht und habe den Roman kaum aus der Hand legen können. Chapeau, Sasha Marianna Salzmann – das ist große Literatur.

Sasha Marianna Salzmann, Jahrgang 1985, ist eine deutsche Dramatiker*in, Essayist*in, Kurator*in und Autor*in. Sie ist Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater Berlin und leitete zwei Jahre lang dessen Studiobühne Studio Я. Ihre Theaterstücke sind international bekannt; ihr Debütroman Außer sich stand 2017 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Im Menschen muss alles herrlich sein erschien 2021 bei Suhrkamp, stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und umfasst 384 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

2 Gedanken zu „Im Menschen muss alles herrlich sein • Sasha Marianna Salzmann

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