Blaue Frau • Antje Rávik Strubel

Roman

Mit Blaue Frau hat Antje Rávik Strubel einen kleinen Wälzer hingelegt. Die über 400 Seiten lesen sich nicht mal so eben weg, obwohl sie mich immer wieder in ihren Bann gezogen haben, auch wenn ich den Roman schließlich durchaus zwiegespalten beendete. Aber von vorn.

Ein halber Kontinent in einem Roman

Blaue Frau habe ich nur gelesen, da Strubel dieses Jahr den Deutschen Buchpreis dafür verliehen bekommen hat. Noch als es auf der Shortlist stand, dachte ich mir bei den verschiedenen Vorstellungsvideos, dass die Handlung des Romans doch sehr konstruiert wirkt.
Im Mittelpunkt steht Adina. Adina wurde im tschechischen Riesengebirge als »Kind der Samtenen Revolution« (S. 180) geboren. Später ging sie nach Berlin, wollte dort studieren, kam über Kontakte aber an ein Praktikum in der Uckermark, wird nun Nina genannt, weil Adina so kompliziert wäre – und wird dort von einem Mann vergewaltigt, der sich für Menschenrechte einsetzt. Adina flieht verzweifelt nach Finnland, schließt sich in eine Plattenbau-Wohnung am Rand von Helsinki ein, heißt nun Sala und versucht dort, den Missbrauch zu verarbeiten.

Die eigentliche Handlung wird immer wieder von kurzen Kapiteln unterbrochen, in der eine Ich-Erzählerin in einen philosophischen Dialog mit der blauen Frau tritt – zunächst scheinbar auf einer Meta-Ebene, aber dies löst sich später in unklaren Rätseln auf. Und auch wer die blaue Frau ist, erschließt sich mir bis zum Schluss nicht wirklich. Dennoch stören mich diese Unterbrechungen weniger als gedacht.

Feministische Einsteigerliteratur für ältere Semester

Antje Rávik Strubel hat laut Interview-Aussagen zehn Jahre an dem Buch gearbeitet – und ich frage mich, wie sich Blaue Frau vor #metoo gelesen hätte. Ein wenig überholt wirkt das Thema so für mich schon; dass Tätern immer mehr Glauben geschenkt wird als den Opfern oder dass Opfer nach sexuellem Missbrauch zutiefst verängstigt sind, sich vielleicht sogar schämen und eher nicht zur Polizei gehen ist für mich persönlich nichts Neues. Aber vielleicht ja für die Buchpreis-Jury? Sollte das eine Art kleines feministisches Statement von den Jury-Mitgliedern sein, quasi feministische Einsteigerliteratur für »Oldies«? Wenn ja, überzeugt mich die Entscheidung nicht so ganz.

Aber der erlebte Missbrauch ist nicht der einzige Schwerpunkt des Romans. Der andere ist Europa. Mit Finnland als Haupthandlungsort hat sich Strubel einen Staat zwischen Ost- und Westeuropa ausgesucht, »russische Seele, skandinavisches Design« (S. 47) der ähnlich unabhängig wie die Schweiz gilt. Immer wieder versucht sie, mit gängigen Osteuropa-Klischees aufzuräumen und zu informieren, was ihr größtenteils mit viel politischem Wissen gespickt auch äußerst interessant gelingt – aber nicht immer. Ab und zu tappt sie in Nebensätzen dann doch in kleine Klischeefallen, vor allem wenn es um Personenbeschreibungen geht.

Besser gelingt ihr die Beschreibung des Verhältnisses zwischen Ost- und Westdeutschland. Ich schätze es sehr, dass Strubel in der gleichen Stadt wie ich geboren ist und bereits einiges über Brandenburg geschrieben hat. Auf diesem Themengebiet bewegt sie sich äußerst sicher und kompetent, das beweisen mir viele Sätze, zum Beispiel »Hältst du das denn aus? Den Assimilationsdruck? Den inneren Druck, anzukommen, dich anpassen zu müssen, die Codes der Fremde so schnell wie möglich zu beherrschen? Es gibt Tausende wie dich, denen niemand gesagt hat, dass auch Deutsche, ein gutes Drittel von ihnen, als Migranten im eigenen Land leben und das seit zwanzig Jahren« (S. 184).

Zwischen gekonnt und zu gewollt

Zunächst las sich Blaue Frau ganz wundervoll. Der erste Teil nahm mich ganz in seinen Bann, die Schilderungen wechseln fließend zwischen der Gegenwart in Finnland und Adinas Kindheit in Tschechien. Doch beim Übergang zum zweiten Teil verändert sich etwas, bricht etwas. Das ist von Strubel durchaus gewollt, da sie ihre ganze Textstruktur ändert (die kurzen Kapitel, in denen die Ich-Erzählerin – eventuell die Autorin selbst? – der blauen Frau begegnet, kommen nicht mehr vor) und der Handlungsort nur noch in Berlin liegt. Strubels Erzähltechnik ist dabei dennoch weiterhin grandios. Doch die Figuren sind nun unnahbar und anstrengend, die Dialoge verstehe ich kaum. Im dritten Teil ändert sich das wieder, er erinnert mich an den ersten Teil. Der vierte Teil unterscheidet sich noch einmal ganz, hier begleite ich auch noch eine weitere Figur neben Adina und der blauen Frau, das Ende zieht sich plötzlich sehr – im Gegensatz zu den Teilen davor. Auch sind die Kapitel mit der blauen Frau nun wesentlich länger und scheinen nun nicht mehr auf einer reinen Meta-Ebene stattzufinden, sondern sich mit der Romanhandlung zu vermischen. Ich verstehe nicht, worauf Strubel abzielen möchte. Das gilt übrigens auch für Adinas »Alter Ego«: der letzte Mohikaner, der sich wie ein zweites Gesicht über ihr eigenes legt. Das habe ich so gar nicht verstanden.

Wechselnder Fokus

Ich weiß nicht richtig, worauf der Roman hinauswollte – abgesehen vom Sensibilisieren für sexuellen Missbrauch, Osteuropa, Ostdeutschland. Zumindest das erstere habe ich in feministischen Lektüren schon besser behandelt gelesen. Über Osteuropa und Ostdeutschland hat sie aber sehr Interessantes geschrieben, darüber hätte ich gern mehr gelesen. 
Am Ende lässt mich Blaue Frau zwiegespalten zurück. Irgendwie waren das zu viele große, wichtige Themen in einem Roman. Der Fokus pendelt oder schwankt, wird mal scharf, dann rückt er wieder in den Hintergrund, auch wenn Strubel auf über 400 Seiten dennoch einiges unterbringen konnte. Ich mag es, dass eine ostdeutsche Frau den Buchpreis gewonnen hat, die über wichtige Themen geschrieben hat, aber wie wäre es mit ein paar neuen, jungen Stimmen im nächsten Jahr?

Antje Rávik Strubel, Jahrgang 1974, ist eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Für ihre Romane wurde sie bereits mit zahlreichen Preisen geehrt, Sturz der Tage in die Nacht stand im Jahr 2011 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Blaue Frau erschien 2021 bei S. Fischer, umfasst 432 Seiten und wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Im Menschen muss alles herrlich sein • Sasha Marianna Salzmann

Roman

Als ich 18 Jahre alt war, bin ich in Jena gestrandet. Meine Wunsch-Studienplätze in Potsdam und Berlin hatte ich nicht bekommen, also musste eine schnelle NC-freie Alternative her: Jena. Eine Stadt, in der ich noch nie zuvor gewesen war und mit der ich bis dahin nur den NSU und einen Autobahntunnel verband.

Zuerst wohnte ich in zahlreichen Konstellationen in einer WG, später zogen Dominik und ich zusammen in unsere erste gemeinsame Wohnung in Jena. Dunkles Erdgeschoss, feuchtkalter Keller, Stromheizung und eine russische Vermieterin, die in Moskau Germanistik studiert hatte, um die Jahrtausendwende herum das Haus von der Stadt gekauft hatte und seitdem mit ihrer Familie in der obersten Etage wohnte. Ihr Mann saß im Sommer manchmal im Feinripp-Unterhemd im winzigen, von Mauern und Häusern umgebenen Innenhof und hörte russische Volksmusik.

An sie musste ich immer wieder denken, während ich Im Menschen muss alles herrlich sein las. 

Fünf Jahrzehnte, vier Frauen, zwei Generationen

In Sasha Marianna Salzmanns zweitem Roman bringt sie nicht weniger als fünf Jahrzehnte auf 384 Seiten unter. Im Mittelpunkt stehen vor allem zwei Mütter mit ihren Töchtern: Lena und Edita sowie Tatjana und Nina. Auf Lena liegt die meiste Zeit des Romans über der Fokus: Ihr gelten die umfangreich geschilderten drei Jahrzehnte der 70er, 80er und 90er Jahre, während Tatjana ihre Lebensgeschichte lediglich als Rückblick während einer Autofahrt von Berlin nach Jena erzählt.

Lena und Tatjana sind beide in der Sowjetunion aufgewachsen. Lena verbrachte jeden Sommer ihrer Kindheit bei ihrer Großmutter in Sotschi, bis sie in die Schule musste und in den Sommerferien jedes Jahr das Pionierlager auf sie wartete. Zeitnah erkrankt ihre Mutter – woran genau, erfahre ich nicht, nur, dass es etwas Neurologisches, etwas wie Migräne sei. Lena begegnet zum ersten Mal der anderen Seite der sozialistischen Sowjetunion, als der Vater der behandelnden Ärztin vor ihren Augen einen prall mit Geld gefüllten Briefumschlag übergibt. Ihr wird klar: Sie wird Medizin studieren, Fachrichtung Neurologie. Später schafft sie es nach mehreren Bestechungen und mithilfe ›Vitamin B‹ (gute Beziehungen) immerhin in die Dermatologie. Während die Sowjetunion zerfällt, untersucht sie die Geschlechtsteile reicher Russen auf Hautkrankheiten und verdient sich selbst durch ›großzügige Gaben‹ eine kleine goldene Nase. Parallel verliebt sie sich in einen Moslem aus Tschetschenien, ihre Beziehung bleibt geheim. Als er sie schwängert, lässt er sie sitzen und sie geht zusammen mit ihrer Tochter Edi und einem 10 Jahre älteren Juden nach Deutschland, genauer gesagt: nach Jena, wo sie in Lobeda-Ost, einem Plattenbauviertel, strandet und im städtischen, benachbarten Krankenhaus als Krankenschwester arbeitet. Diese (leider) klassische Migrationsgeschichte, die sich im Kleinen so schmerzhaft liest, wenn man weiß, was Lena alles durchgestanden hat für das immer erträumte Medizin-Studium, und die mich an einen Mann bei einer Mitfahrgelegenheit erinnert, der aus Syrien geflüchtet war. Dort operierte er allein in Damaskus Schwerstverletzte. Hier räumt er Regale ein.

Blick durch Sowjetaugen

Es ist erstaunlich, wie detailliert Salzmann Lenas Leben auf das Papier bringt – und damit gleichzeitig ein Bild der zerfallenen Sowjetunion zeichnet. Große Fehler im System macht sie auf der kleinen, individuellen Ebene sichtbar: der gute Cognac für den Chefarzt, das »diskrete Gespräch« mit den Leitenden der Universität. Gerade die Korruption ist in großen Teilen des Romans allgegenwärtig. Was Lena zuerst dazu bewegt hat, Medizin zu studieren – eine Ärztin zu sein, die auch ohne Bestechungen gute Arbeit leistet –, kehrt sich schließlich fast paradox um, als sie selbst Bestechungsgeld oder teure Uhren erhält, und bleibt gleichzeitig ein Schlüsselmotiv: »Lena riss hektisch am Verschluss ihrer Handtasche und zog den Umschlag mit Bargeld hervor, den sie beim überstürzten Aufbruch ohne Absprache mit Daniel aus der Schublade der Anrichte genommen hatte. Sie reichte das Geld der Ärztin. »Ich bleibe bei meiner Tochter hier auf der Station.« Die Frau im weißen Kittel starrte ihr eine Weile ins Gesicht, dann steckte sie das Kuvert ein, ohne hineinzusehen.«

Mit vielen von dem, was Salzmann über die Sowjetunion schildert, kann ich nicht gut umgehen, zu wenig weiß ich über das heutige Russland und die heutige Ukraine bzw. über die damalige UdSSR (schon erstaunlich, was man im Geschichtsunterricht lernt – und was nicht). Mir sagen die Städte nichts, in denen Lena aufwächst oder studiert, könnte aber aus dem Stehgreif mindestens zehn US-Staaten aufzählen. Der geschilderte Staat ist mir fremd. Ich verstehe den Tschechow zitierenden Chefarzt und dementsprechend auch den Titel des Romans nicht, ich verstehe die späteren jüdischen Witze von Lenas Mann nicht, ich verstehe die Meinungen zu den Tschetschenienkriegen nicht, ich verstehe nicht, wie aus den eingefleischten Kommunist:innen quasi über Nacht Christ:innen oder Muslim:innen werden konnten. Und denke mir gleichzeitig: Wie gut dieser Roman Menschen tun muss, die eine ähnliche Sozialisierung wie Salzmann haben, Menschen, die »mit ihren Sowjetaugen durch die Gardinen in die Höfe und auf die Straßen einer mittelgroßen ostdeutschen Stadt schauen«. Die in der ehemaligen Sowjetunion groß geworden und später nach Deutschland gekommen sind, eine neue Sprache lernen mussten, Prüfungen nochmal ablegen mussten, in Asylheimen leben mussten, alles hinter sich lassen und neu anfangen mussten. Wie gut es sein muss, endlich eine eigene Erzählung lesen zu können, eine Perspektive sehen zu können, die in unserer Gesellschaft nicht gesehen wird. Wie schlimm es sein muss, ein ukrainisches Nationalgericht als italienische Spezialität im Delikatessenregal zu entdecken – weil es sonst niemand kaufen würde; »bei Italien denken alle an Dolce Vita und bei Ukraine an Tschernobyl«.

So oft höre ich von den geringen Anteilen von Menschen mit Migrationsgeschichte in den neuen Bundesländern, doch suche ich nach Zahlen über Kinder von russischen oder vietnamischen Eingewanderten, bleibt Google still. Es gibt auch im Osten Migration, doch wird sie von der (westdeutschen) Mehrheitsgesellschaft noch immer nicht gesehen. Wenn ich an diese osteuropäischen Stimmen denke, tut es mir nicht mehr leid, dass ich so wenig mit Lenas Lebensrealität anfangen kann – denn das Buch ist nicht in erster Linie für mich geschrieben.

Auf der A9 zwischen Berlin und Thüringen

Auch, wenn Lenas Leben in Im Menschen muss alles herrlich sein den meisten Raum einnimmt, so sind doch die Perspektiven der nachfolgenden Generation nicht unwichtig. Nina und Edita sind zusammen groß geworden, doch während Nina in Jena versackt, ist Edita nach Berlin gezogen, entdeckt ihre Sexualität, blondiert sich die Haare, hat einen Scheißjob, träumt von Florida. Beide vereint ihr Herkunftsland, ihre Migrationsgeschichte, »diese Dauerwehen des Nie-richtig-Angekommenen« und dass sie mit ihren Müttern nicht klarkommen – so, wie Lena und Tatjana selbst mit ihren Müttern nicht klarkamen. Es fliegen die Fetzen, es zerbrechen Türen, aber alles ist gut, solange die Mütter noch schreien und keifen. Besorgniserregend wird es erst, wenn sie klein beigeben. Das fühlt auch Edita, als sie zum Geburtstag ihrer Mutter nach Jena zurückkehrt. Sie fährt zusammen mit Lenas Freundin Tatjana über die A9 zurück nach Thüringen und rechnet mit Jena ab: »Thüringen sprang ihr fett aus der Schlagzeile entgegen. Was für ein hässliches Wort, fand sie. Es gab keine Art, es melodisch auszusprechen. Mit Thüringen verband sie Schmelzkäsewettessen, Berge, die das Tal, in dem Jena lag, vor Wind und der sonstigen Realität schützten – wenn es überall sonst im Land regnete, schien hier die Sonne, und wenn es oben sonnig war, stellte sich im Tal Monsunwetter ein –, mit Thüringen verband sie die Haltestelle mit dem Namen »Paradies«, die von ICEs nicht mehr angefahren wurde.« Es triggert mich sehr; ich fühle jeden Satz, jedes Wort.

Individuelle, kollektive Erfahrungen

In der Danksagung schreibt Sasha Marianna Salzmann, der Arbeitstitel von Im Menschen muss alles herrlich sein hätte Du musst dir dich selber zumuten geheißen – und ich stelle mir die verbotene Frage nach dem autobiographischen Anteil an dem Roman, obwohl diese Frage eigentlich überflüssig ist. Denn so, wie die Erzählung von Lenas Leben das große Ganze im Kleinen abbildet, so steht die Erzählung gleichzeitig pars pro toto selbst für das große Ganze. Es sind individuelle und gleichzeitig kollektive Erfahrungen, die Sasha Marianna Salzmann hier schildert: Erfahrungen von Korruption, Unterdrückung und Unterwerfung; Erfahrungen vom Überwinden von Erfahrungen, vom Fehlen und Suchen von Worten, von Emigration, von Postemigration. Salzmann ist keine ihrer Figuren und gleichzeitig birgt sie einen ähnlichen Erfahrungshintergrund in sich, das spüre ich auf jeder Seite: Sie schreibt ohne Klischees und gleichzeitig so bunt und lebensnah, fast alltäglich, ohne dass ich das abwertend meine. Ich bin allzu gern in die Leben der vier nicht immer sympathischsten, mir oftmals fremden und dadurch dennoch umso lebensechter wirkenden Protagonistinnen eingetaucht und habe den Roman kaum aus der Hand legen können. Chapeau, Sasha Marianna Salzmann – das ist große Literatur.

Sasha Marianna Salzmann, Jahrgang 1985, ist eine deutsche Dramatiker*in, Essayist*in, Kurator*in und Autor*in. Sie ist Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater Berlin und leitete zwei Jahre lang dessen Studiobühne Studio Я. Ihre Theaterstücke sind international bekannt; ihr Debütroman Außer sich stand 2017 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Im Menschen muss alles herrlich sein erschien 2021 bei Suhrkamp, stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und umfasst 384 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Salonfähig • Elias Hirschl

Politik, Roman

Sebastian Kurz hat als Stereotyp des Law-and-Order-Schwiegersohns im Slim-Fit-Anzug in Österreich eine Generation schmieriger, aalglatter Politiker:innen etabliert, die sich eines Personenkults bedient, die sozialistische oder kommunistische Systeme wie Anachronismen wirken lassen. Die dabei verwendete Rhetorik ist nicht nur teilnahmslos, sondern vor allem auch gefährlich.

Elias Hirschl liefert mit Salonfähig einen brandaktuellen Roman, der das Psychogramm eines Jungpolitikers und seiner Clique in der unmittelbaren Nähe einer Galionsfigur der österreichischen neokonservativen Partei zeichnet. Trotz seiner allgegenwärtigen Überzeichnungen wurde der Roman nach seiner Veröffentlichung von der Realität eingeholt: Die Enthüllungen um die Textnachrichten der türkisen Familie werfen ein Licht auf den österreichischen, türkisen Filz der ÖVP, der diesem Buch in seiner Drastik in nichts nachsteht. Bret Easton Ellis könnte durchaus neidisch auf dieses fulminante, wahnwitzige, schwarze Buch sein.

Aalglatte Unsympathen

»Ich habe geträumt, dass mich Ärzte aufschneiden, und sie finden Milz, Leber, Nieren, Herz, Lunge und legen alles auf einen Tisch in silberne Metallschalen« (S. 7). Etwas enttäuscht war ich von dem ersten, einleitenden Satz schon. Vielmehr erwartete ich, dass der namenlose Protagonist schildert, die Ärzt:innen hätten nichts als Leere entdeckt.

Der namenlose Protagonist hält sich für einen guten Menschen, der selbstverliebt zum Friseur, zur Maniküre, ins Büro, Fitnessstudio, zur Psychotherapie und zur Rhetoriktrainerin geht und seinen Aufzug mit Slim-Fit-Anzug, Oxfords und Gehstock inklusive Pferdekopf-Knauf zum Urteil »Ich würde mich als vielschichtigen jungen Mann bezeichnen« (S. 11) destilliert. Seine Morgen-Routine gleicht der des American Psycho-Antihelden Patrick Bateman, während der er sich in seiner 120-Quadratmeter-Wiener-Altbauwohnung sechs verschiedene Haarprodukte ins Haar schmiert, um später Wachs aufzutragen. Unsympathisch. Dieser Ersteindruck des Antihelden von Salonfähig bessert sich auch nicht im Laufe der Lektüre.

ÖVP-Kopien und Anstandsverwahrlosungsrhetorik

Der namenlose Protagonist und seine – intellektuell betrachtet – Energiesparlampen-Freunde folgen willenlos dem Parteichef der Neuen Mitte Österreichs, der fiktionalen neokonservativen Partei in Salonfähig, die eine so große Ähnlichkeit mit der ÖVP aufweist, dass es einen gruselt, bis ich merke: Moment mal, in der Realität Österreichs ist das ja genauso! Der Parteichef Julius Varga aus der Mitte der Anhängerschaft der Jungen Mitte (die Jugendorganisation der ÖVP-Kopie) ist das absolute Idol, fast schon der gottgewordene Mensch für den namenlosen Antihelden, den ich irgendwann während der Lektüre im Kopf nur noch Julius II nannte. Varga wird während des Verlaufs der Handlung mit seiner Partei bei der Wahl mit gerade einmal 29 Jahren zum Bundeskanzler Österreichs gewählt.

Innerhalb der Jugendorganisation kommt es zu wahrhaften Exzessen des ›Leersprechs‹ des Kapitalismus. So veranstaltet die Junge Mitte mit der ihr nahestehenden Schülervertretung eine schwarz-weiß-Mottoparty, die sie auf Instagram mit folgenden Worten bewirbt: »Schwarz/weiß steht in diesem Sinne selbstverständlich sowohl für Inklusion, gelungene Integration, für differenziertes Denken und eine schicke Casual/Bowtie-Kombination in ebenjenen Farben, die niemals aus der Mode kommen« (S. 26). Würg! Immer, wenn ich während der Lektüre dachte, dass Hirschl mir endlich mal eine Pause gönnen könnte, prügelte er mit seiner Wohlstands- und Anstandsverwahrlosungsrhetorik weiter auf mich ein.

Porträt eines Psychopathen

Julius II schreibt jeden Morgen nach dem Aufwachen in ein in Leder gebundenes Notizbuch, was er geträumt hat, um auf diese Weise seine Träume »kreieren, formen, steuern« (S. 30) zu können und selbst zu bestimmen, was er träumen möchte. Die Empfehlung hat er von seiner Rhetoriktrainerin. Begleitet von Fitness- und Schönheitswahn ergibt sich so nach und nach das Bild einer Person, die sinnbildlich zwischen Ego und Eso nicht mehr zu unterscheiden vermag. So verbindet Julius II seine Gutmütigkeit gegenüber einem Bettler, dem er regelmäßig zwanzig Cent zusteckt, mit Sachertorte: Er belohnt sich als ›Verstärker‹ nach seiner guten Tat mit Sachertorte, sodass der Anblick des Bettlers »bereits ein Lächeln der Vorfreude« (S. 35) in sein Gesicht zaubert. Das ist derart zynisch, dass es schon fast unterhaltend ist.

Julius II macht nichts, dass ihm das Prädikat ›unauffällig‹ verleihen könnte. Stets verunsichert übt er im Auto sein roboterhaftes Lächeln, reflektiert jede mimische Äußerung und kasteit sich in inneren Monologen selbst, wenn eine Blüte der Pflanzen in Julius Vargas Wohnung abgestorben ist, die er für diesen pflegt. Die Therapeutenbesuche, die Hirschl schildert, ergeben das Bild eines in der Kindheit schwer verunsicherten Einzelgängers, der – keiner eigenen Meinung oder Eigenschaften fähig – seine Persönlichkeit ausgelöscht hat, eine leere Folie geworden ist und die Rhetorik, den Kleidungsstil, das gesamte Auftreten seines persönlichen Sonnengottes, Julius Varga, chamäleonhaft kopiert hat: »Kurz erschrecke ich, als ich auf dem Weg nach unten glaube, Julius zu sehen, dann jedoch feststelle, dass es nur ein mannshoher Wandspiegel zu meiner Linken ist. Ich lächle mir zufrieden zu und betrete das eigentliche Lokal« (S. 110). Die unter der Oberfläche brodelnde konservative Radikalität mündet am Ende in einer Zuspitzung, die Patrick Bateman daneben wie einen Milchbubi wirken lässt.

Dauersalven aus der literarischen Überspitzungspatronentrommel

Die Einzeiler sind definitiv Hirschls Stärke. Dort, wo er sich knapp hält, ist er grandios. Sätze wie »Ich lache wie gut verheiltes Narbengewebe« (S. 14) oder »Das Set endete schließlich mit einem durchaus befriedigen Fuckclose in meinem Bett« (S. 66) sind wahnwitzig, pointiert und treffen sehr wohl einen ironischen Nerv bei mir, während die ausschweifenden Schilderungen häufig derart überzeichnet sind und ab der zweiten Hälfte des Buches mich eher mürbe machen. Die definitiv absurdeste Szene ist jene, als Julius II und sein Parteikollege Karl Voigt auf einem Konzert, das sie ›ironisch‹ besuchen, Linksradikale mit Dom-Pérignon-Flaschen verprügeln und nebenbei in Gesprächsfetzen eine popkulturelle Analyse der dort gespielten Musik betreiben. Abschließend kleben sie den blaugeprügelten Irokesen Wahlspruchsticker der Jungen Mitte auf die Augen.

Der Witz und die Komik in den Szenen kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Hirschl ironisch zum Nicolas Cage der österreichischen Literatur überhöht: Beide beherrschen die Kunst des overacting meisterhaft. Hirschl bedient sich einer Prosa, die sich in der zynischen Zuspitzung immer weiter, höher zu schaukeln versucht und damit dem leeren Heilsversprechen des Höher-Weiter-Mantras des Kapitalismus in die Falle geht, das Hirschl eigentlich zu persiflieren versucht. Zwar gibt es immer wieder Momente, die das kippende Boot des Leseeindrucks zu retten vermögen, aber insgesamt schimmert das ›Zuviel‹ von Hirschls Prosa durch.

Mehr Schein als Sein

»Meine Frisur sitzt, und ich habe ein reales Innenleben. Ich bin salonfähig. Mein Hugo-Boss-Anzug, slim fit, betont beiderseits meine schlanke Figur und den Ansatz an wohltrainierter Muskelmasse. Ich bin auf dem Höhepunkt meiner körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit« (S. 245). Fast auf jeder Seite musste ich mich angesichts dieser autoerotischen Schilderungen schütteln. Salonfähig ist ein zugespitztes, wahnwitziges, zynisches Buch fast ohne sonderliche intellektuelle Fallhöhe, weil es den Gestus und die Leere seiner Akteur:innen hervorragend und damit eigentlich gar nicht zugespitzt transportiert, weil diese Kaste der alt- und neureichen Konservativen exakt so wie geschildert existiert, sie um den Ex-Kanzler Sebastian Kurz genau diesen Führerkult etabliert haben und vermutlich in Ansätzen auch so denken und sprechen wie die Figuren Hirschls.

In Salonfähig hat Hirschl das Bild einer brandgefährlichen Radikalisierung der Neokonservativen gezeichnet, das Magenschmerzen bereitet, weil nunmehr die Agitation gegen Minderheiten auch aus der (angeblichen) ›Mitte der Gesellschaft‹ ausgeht. Menschenhass und der leere Erfolgssprech des Kapitalismus sind salonfähiger geworden, besonders in den abgeschlossenen Gruppen unserer Wohlstandsgesellschaften.

Elias Hirschl, Jahrgang 1994, ist ein österreichischer Autor, Poetry-Slammer und Musiker. Er gewann 2014 die österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften und ist neben Lisa Eckhart einer der bekanntesten österreichischen Poetry Slammer. Salonfähig erschien 2021 im Paul Zsolnay Verlag und umfasst 254 Seiten. 
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Unterrichtet an einer kreativen Grundschule und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Autumn • Ali Smith

Roman

Ich mag englische Buchausgaben sehr. Zuerst sehen sie wunderschön neu aus, dann trägt man sie einige Wochen lang zwischen Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer hin und her, transportiert sie vielleicht sogar noch im Rucksack und am Ende sehen sie aus, als hätten sie bereits ein ganzes Leben hinter sich gebracht. In etwa dieselbe Zeit habe ich gebraucht, um Ali Smiths Autumn zu lesen.

Der Auftakt eines Quartetts

Autumn ist der erste Teil des sogenannten Jahreszeitenquartetts von Ali Smith – alle vier Teile sind nach den jeweiligen Jahreszeiten benannt und ich freue mich schon jetzt darauf, die restlichen Teile passend zu den Jahreszeiten innerhalb der nächsten Monate zu lesen, auch wenn zumindest im Auftakt nicht allzu viele NatureWriting-Passagen auftauchen, die mich quasi dazu ›zwingen‹ würden, es ausgerechnet im Herbst lesen zu müssen. Long story short: Man kann das Quartett sicherlich auch unabhängig von den Jahreszeiten lesen.

Im Mittelpunkt des Romans stehen Elisabeth und Daniel. Elisabeth ist Mitte 30 und die Protagonistin von Autumn. Daniel ist 101 Jahre alt und im Altenheim. Als Elisabeth noch ein Kind war, war er ihr Nachbar – ein besonderer Nachbar. So ganz finde ich während des Lesens nicht heraus, was er beruflich gemacht hat, aber er hat Songs geschrieben und viel mit Künstler:innen zu tun gehabt.

Viele Sprünge, viele Ebenen, viele lose Enden

In Autumn springe ich immer wieder zwischen den Zeitebenen hin und her – manchmal angekündigt, oft nicht. Mal reise ich zurück in Kindheitserinnerungen von Elisabeth, die oft ihre Mutter oder Daniel betreffen, mal begleite ich die Gegenwarts-Elisabeth bei ihrem Besuch im Bürgeramt bei dem Versuch, einen neuen Reisepass zu beantragen. Ebenfalls spielt die Zeitebene ihrer Dissertation eine wichtige Rolle – und der Brexit.

Vieles kommt in dem Roman zusammen, vieles verstehe ich nicht so richtig, allen voran die Handlung rundum Elisabeths Dissertation. Sie hat Kunstgeschichte studiert und entdeckt kurz vor ihrer Dissertation einen Bildband über Englands einzige Pop-Art-Künstlerin der 1960er Jahre. Sie wirft ihr eigentliches Dissertationsthema über Bord, um über sie schreiben zu können. Unterbrochen durch viele Erinnerungen kommt ein wilder Mix aus Erinnerungen ihrer Mutter, der vergangenen Liebesgeschichten von Daniel und Parallelen zu Marilyn Monroe dazu – und ich komme nicht mehr hinterher. Die Zeitsprünge machen das Buch sehr schwer verständlich, noch dazu erschwert es mir Ali Smiths gekonnter, aber auch schwieriger Stil, Kohärenz aufbauen zu können – gerade bei dem Thema rund um die Künstlerin, wo der Mix aus historischen Erzählungen, künstlerischen Vergleichen, Geschichten um Schauspielerinnen und persönlichen Erfahrungen einfach zu kompliziert und wirr wird.

Wenn der Nachbar zum Opa wird

Wesentlich verständlicher ist die Handlung auf der gegenwärtigen Zeitebene: Elisabeth liest dem schlafenden Daniel im Altersheim regelmäßig etwas vor und führt so ihre tiefe Beziehung fort, die schließlich so intensiv wird, dass sie in einem Großvater-Enkelin-Verhältnis mündet. Ausgehend von dieser gegenwärtigen Ebene tauche ich immer wieder in Daniels unverständliche Träume ein, aber auch in die Anfänge ihrer Beziehung. Ich bekomme einen Schulaufsatz zu lesen, den Elisabeth über ihren neuen Nachbarn schreiben soll und bin dabei, wie sich beide kennenlernen. Vor allem habe ich genossen, davon zu lesen, wie Daniel schnell eine Mentorenrolle gegenüber Elisabeth einnimmt: Bei Besuchen fragt er sie stets als erstes, was sie gerade liest. »Does it look like I’m reading anything? she said. Always be reading something, he said. Even when we’re not physically reading. How else will we read the world? Think of it as a constant. A constant what? Elisabeth said. A constant constancy, Daniel said« (S. 68). Mindestens genauso wortgewandt lehrt er sie, dass Sprache wie Mohn ist: »It just takes something to churn the earth round them up, and when it does up come the sleeping words, bright red, fresh, blowing about. Then the seedheads rattle, the seeds fall out« (S. 69).

Perfekte Fleabag’sche Dialoge 

Gerade in Bezug auf Dialoge wird die besondere literarische Stärke von Ali Smith deutlich: Sie lässt Figuren fasst slapstick-artig miteinander agieren und denkt kommunikative Missverständnisse humorvoll mit. Dieser Stil erinnert mich extrem an die Serie Fleabag – und ist auch der Grund dafür, warum ich mir Autumn überhaupt gekauft habe. Auf der Rückseite von The Bass Rock steht nämlich folgende Pressestimme: »Like Ali Smith’s novels crossed with the TV series Fleabag«. Ich bin ein großer Fan der Serie von Phoebe Waller-Bridge, also ist es kaum verwunderlich, warum eine einzelne Pressestimme mich dazu bringen konnte, eine neue Buchreihe anzufangen.

Ein Musterbeispiel für Smiths gekonnte Dialoge ist das Gespräch zu Beginn des Romans im Bürgeramt, als sie versucht, einen neuen Reisepass zu beantragen: »He shakes his head. What? Elisabeth says. No, I think it’s all right, he says. The hair. It has to be completely clear of your eyes. It is completely clear of my eyes, Elisabeth says. It’s nowhere near my eyes. It also can’t be anywhere near your face, the man says. It’s on my head, Elisabeth says. That’s where it grows. And my face is also attached to my head« (S. 23). Schön ist auch die Stelle, als Elisabeth im Altersheim bei einem Besuch von Daniel einschläft und eine Pflegerin den Raum betritt: »Having a bit of time out? the care assistant says. All right for some, huh? Some of us have to work for a living, she says. She winks in the general direction of Elisabeth« (S. 41). Oder die Stelle, als auf ein GO HOME-Graffiti WE ARE ALREADY HOME THANK YOU geantwortet wird. Es sind immer wieder kleine sassy Passagen, die Autumn auflockern und zu einem grandiosen Lesevergnügen machen.

Der Brexit liegt in der Luft

Weitaus ernsthafter sind die Kapitel, in denen Smith den im Sommer und Herbst 2016 überall in der Luft schwebenden Brexit thematisiert. Da wird Smith fast poetisch: »All across the country, people felt it was the wrong thing. All across the country, people felt it was the right thing. All across the country, people felt hey’d really lost. All across the country, people felt they’d really won. All across the country, people felt they’d done the right thing and other people had done the wrong thing« (S. 59). Aber besonders stark fand ich den Ausbruch von Elisabeths Mutter auf einem Spaziergang. Was mit einem Schlagabtausch in gewohnten Fleabag-Stil beginnt (»I’m tired, she says. It’s only two miles, Elisabeth says« (S. 56)), endet mit einem zweiseitigen Monolog ihrer Mutter über all das, worüber sie tired ist: die Nachrichten, Wut, Egoismus, Gewalt, Lügen, die Regierung, Angst, fehlende Worte – um nur eine Auswahl zu nennen. Es sind diese politischen Passagen, an denen Autumn für mich ganz besonders glänzt und von denen ich mir mehr gewünscht hätte, schließlich wird auch im Klappentext geschrieben: »The United Kingdom is in pieces, divided by a historic once-in-a-generation summer.« Dafür waren es dann doch zu viel Erinnerungen an jugendliche Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter, Kunstlektionen von Daniel und Erkundungen bezüglich der Pop-Art-Künstlerin.

Ich bin zwiegespalten: Einerseits macht Ali Smiths Schreibstil den Roman überaus unterhaltsam, andererseits an anderen Stellen aber auch unverständlich. Einige Passagen sind wundervoll lehrreich, andere lassen jeden roten Faden vermissen. Smith springt nicht nur zwischen Zeit-, sondern auch zwischen Handlungsebenen hin und her, was mich immer wieder verwirrt und dazu geführt hat, dass ich für das gar nicht allzu umfangreiche Buch doch länger gebraucht habe als erwartet. Und dennoch möchte ich auch die folgenden drei Teile lesen – in der geheimen Hoffnung, dass Smith mit jedem Teil ein wenig weiter über sich hinaus wächst. Denn Potenzial, das hat die Idee des Jahreszeitenquartetts definitiv.

Ali Smith, Jahrgang 1962, ist eine britische Schriftstellerin. Nach ihrem Studium arbeitete sie an der Universität Strathclyde als Lecturer. Aufgrund ihrer Erkrankung am Chronischen Erschöpfungssyndrom gab sie ihren Beruf als Literaturdozentin jedoch auf und begann zu schreiben. 2015 wurde sie zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Sie stand bereits drei Mal auf der Shortlist für den Booker Prize, unter anderem für Autumn. Autumn erschien erstmals 2016 bei Hamish Hamilton. Meine Ausgabe wurde 2017 bei Penguin Books veröffentlicht und umfasst 264 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Stolz der Toten • Kenzaburō Ōe

Roman

Auf meiner Reise durch die Welt der japanischen Literatur stieß ich vor kurzem auf den Namen Ōe. Der Literaturnobelpreisträger war mir ebenso wie Yukio Mishima zunächst unbekannt – und ebenso wie bei Mishima sollte ich in Kenzaburō Ōes Stolz der Toten auf ungewöhnliche Betrachtungen stoßen, die sich auf erschreckend körperliche, geradezu kreatürliche Weise mit der Würde des Menschen beschäftigen.

Nur ein Studentenjob

Ein namenloser Philosophiestudent, eine namenlose Anglistikstudentin und ein namenloser Verwalter der Leichenaufbewahrung treffen sich an einem bewölkten Wintermorgen im Leichenkeller der medizinischen Fakultät. Die Ersteren haben einen Job angenommen, um ihr dünnes Studierendenbudget aufzupeppen: Sie sollen die alten Leichen aus dem Tank mit der abgestandenen Flüssigkeit in einen neuen Tank mit frischer Flüssigkeit umbetten. Für diese (sicherlich) ekelerregende Tätigkeit findet Ōe direkt eine passende Allegorie; über den Nebel eines Wintermorgens heißt es: »Der Nebel dringt in den Mund wie ein Tier, er bläht sich auf und reizt zum Husten oder Lachen« (S. 14).

An les- und spürbarer Morbidität weiß Ōe dies noch zu steigern. So verwickelt der Verwalter den Protagonisten der Erzählung, den Philosophiestudenten, in ein Gespräch, an dessen Ende er dem Studenten verspricht, sollte er auch einmal in einem solchen Tank landen, würde er ihn »auf den Grund zu schieben« (S. 20). Denn die ›alten‹ Leichen am Grund werden seltener für Forschungszwecke verwendet.

Verdinglichung und Kriegsgespräche

Ōe lässt den Philosophiestudenten Dinge denken, die den Umgang mit dem Tod erträglicher machen. So werden die harten und festen Körper in der Wanne vergegenständlicht, um den Tod erträglicher zu machen, den Ekel einzudämmen. Dass dies aber auch einer anderen Zielsetzung folgt, wird erst später klar: Ōe ist seit jeher ein eher linker Schriftsteller, der den Nationalismus der Liberaldemokratischen Partei Japans (LDP) sowie das Tennō-System kritisch sieht. Die Verdinglichung der Toten ist daher als zynische Replik auf die Kriegsrhetorik und das Bestreben der LDP, ein stehendes Heer wiederaufzubauen, zu verstehen. So verwundert es nicht, dass der Philosophiestudent gedanklich ein Zwiegespräch mit einem im Tank konservierten Deserteur der Armee hält, das ein pazifistisches Plädoyer darstellt: »Ihr Jungen müßt euch mehr um die Politik kümmern! Ihr seid es, die den nächsten Krieg beginnen werden! Wir Toten können nur noch zuschauen und kritisieren« (S. 36).

Antinatalismus aus dem Jahr 1958

Glich Stolz der Toten bis zum Zwiegespräch mit den ›stolzen‹ Toten bereits einem angejahrten Rotwein, so entwickelt sich das Werk im Verlauf der Lektüre zu einem Portwein, der schwer im Magen liegt – so niederschmetternd wirkt die Lektüre.

Die Anglistikstudentin, die eher eine Nebenrolle spielt, rückt plötzlich in den Mittelpunkt. Diese hat den unattraktiven Job des Leichenumlagerns deshalb gewählt, weil sie eine operative Abtreibung finanzieren möchte. Der eher emotionslose Protagonist verwehrt sich einer moralischen Wertung, während die Anglistikstudentin sich zu Sätzen wie »Die Verantwortung beim Gebären ist genauso schwer wie die bei einem Mord« (S. 43) hinreißen lässt. Ob sie sich nun für das Leben des Embryos oder für das Abtöten entscheide, ändere nichts am Umstand: »Das gibt eine Wunde, und mir bleibt die Narbe« (S. 44). Das Spiel mit mehrdeutigen Wörtern an dieser Stelle gelingt Ōe ganz ausgezeichnet – stehen die Wörter ›Wunde‹ und ›Narbe‹ doch stellvertretend für die physische, gesellschaftliche und psychische Stigmatisierung, die mit einer Schwangerschaft bzw. dem Abbruch dieser einhergehen. 

Ausgewogen, nahezu gleichberechtigt

Doch nimmt nicht nur die Frau eine antinatalistische Sicht ein, sondern auch der Verwalter. So beweist Ōe für seine Zeit nahezu revolutionär i(n Anbetracht des konservativen Rollenbilds Japans), dass die Entscheidung für Kinder auch schwer auf den Schultern des Mannes lastet. Der Verwalter hält den beiden Studierenden nämlich folgenden Monolog: »Daß jemand mit einem solchen Beruf nun einen neuen Menschen erzeugt haben sollte, war sonderbar. Mir war, als hätte ich etwas Überflüssiges getan. Weil ich ständig die Leichen vor Augen habe, kommt mir so manches sinnlos vor« (S. 58). 

Mit Stolz der Toten bietet Ōe eine kurze, morbide Erzählung, die thematisch breit gefächert ist und mit einer nahezu farblosen Sprache daherkommt, die sowohl den Toten als auch den Lebenden das verleiht, was ihr sowohl knallige Metaphern auf dem Papier als auch populistische Kriegsrhetorik von Politiker:innen nehmen würden: die Würde. 

Kenzaburō Ōe, Jahrgang 1935, ist ein japanischer Schriftsteller. Neben Kawabata Yasunari und Kazuo Ishiguro gilt er als einer der bedeutendsten japanischen Schriftsteller. Er erhielt 1994 für sein Lebenswerk den Literaturnobelpreis. Er ist unter anderem Träger des bedeutendsten japanischen Literaturpreises, des Akutagawa-Preis. Er lehnt den japanischen Nationalismus der LDP ab. Stolz der Toten erschien erstmals 1958 in der Zeitschrift Bungei shunju unter dem Originaltitel Shisha no ogori. Die hier rezensierte Version erschien 1969 im Fischer Taschenbuch Verlag, wurde von Margarete Donath und Itsuko Gelbrich übersetzt und umfasst 78 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / den Übersetzerinnen.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Unterrichtet an einer kreativen Grundschule und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

The Sailor Who Fell from Grace with the Sea • Yukio Mishima

Roman

Dass Yukio Mishima kein Kind des Frohsinns war, wird relativ schnell deutlich, wenn man sich mit seiner Biografie beschäftigt – schließlich beging er am 25. November 1970, nationalsozialistisch motiviert, rituellen Selbstmord (Seppuku). Trotz oder gerade wegen seiner lebenslangen Begeisterung für den Dreiklang seiner poetischen Faszinationsquellen – Schönheit, Erotismus und Tod – wohnen Mishimas Schreiben und Wirken farbenfrohe Metaphern und zahlreiche harmonische Wortklänge inne. Das trifft auch auf The Sailor Who Fell from Grace with the Sea (Der Seemann, der die See verriet) zu. Der handlungsarme Roman leuchtet durch seine Poesie und die Spiegelung Mishimas Biografie in seinen fiktiven Figuren als Juwel einer fast vergessenen literarischen Vergangenheit strahlend hell.

Verschwimmen von Realität und Fiktion

Der 13-jährige Noboru wird von seiner Mutter Fusako jede Nacht in sein Zimmer eingeschlossen. Er kann seine Mutter jedoch durch ein Loch in seinem Kleiderschrank beobachten und weiß daher, dass sich diese nachts bei ausgeschaltetem Licht vom Mondlicht beschienen nackt vor dem Spiegel betrachtet. Noborus Mutter lernt im Laufe des Romans einen Seemann, Ryuji Tsukazaki, kennen, mit dem sie zeitnah eine stürmische Beziehung eingeht. Auch diesen beobachtet der kauzige Noboru durch das Loch in seinem Kleiderschrank während des Akts mit seiner Mutter.

Ryuji Tsukazaki ist quasi die Spiegelung des Autors; Fiktion und Realität verschwimmen zu einer Einheit. Die Überfragmentierung des Seemanns geht im Verlauf des Werks sogar so weit, dass sowohl dessen als auch Mishimas Schwester an Typhus starben. Die drahtige Physis von Ryuji Tsukazaki, die ebenfalls der von Mishima deutlich ähnelt, beschreibt er folgendermaßen: »His broad shoulders were square as the beams in a temple roof, his chest strained against a thick mat of hair, knotted muscle like twists of sisal hemp bulged all over his body: his flesh looked like a suit of armor that he could cast of at will. Then Noboru gazed in wonder as, ripping up through the thick hair below the belly, the lustrous temple tower soared triumphantly erect« (S. 9). Zwar musste ich mir bei den Umschreibungen eines erigierten Penis als »lustrous temple tower« und der Körperbehaarung als »sisal hemp« ein wenig das Lachen verkneifen, muss aber dennoch anerkennen, dass darin nicht nur ein raffiniertes Vokabular, sondern auch die faszinierende Beziehung und Liebe Mishimas zur Sprache deutlich wird.

Fundamentalistischer und neo-faschistischer Wahnsinn

In dieser und vielen weiteren Beschreibungen kommen Mishimas eigener Körperkult und seine homosexuellen Tendenzen zum Ausdruck, die aber keine pornographische, sondern eine erotisierende und poetische Dimension besitzen: Seinen schmalen Körper stählte der stets in adligen Kreisen verkehrende Mishima, um sich den Samurai, seinen religiösen und kulturellen Vorbildern, anzunähern. Enttäuscht von der Kapitulation Japans 1945 und der Herabstufung des Kaisers vom Gott zum Menschen im Jahr 1946 (Negierung der Abstammung des Kaisers von den Shintō-Göttern), die ihn als jungen Mann schwer trafen, begann seine Radikalisierung. Durch seine an aristokratischen Idealen ausgerichteten Erziehung faszinierte ihn schon früh der Verhaltenskodex der Samurai (Bushidō) und das klassische, japanische Nō-Theater. Besonders die Kabuki-Darstellung der 47 Rōnin (die Geschichte der 47 herrenlosen Samurai), gilt als prägend für seine nationalistische Ideologie und seine Entscheidung für den rituellen Selbstmord.

Am 25. November 1970 stürmte Mishima mit seiner Privatmiliz (Tatenokai) das Hauptquartier der japanischen Streitkräfte, nahm einen Offizier als Geisel und rief in seiner Rede auf dem Dach des Gebäudes die japanische Armee zur Besetzung des Parlaments und zur Wiedereinsetzung des Kaisers als politischen Machthaber auf. Das Desinteresse der anwesenden Soldaten war jedoch so groß, dass Mishima seine Rede abbrach und anschließend Seppuku, den ritualisierten Selbstmord der Samurai, beging.

Mishima deutete seinen fundamentalistischen Wahnsinn und seine Todessehnsucht bereits in vielen seiner Werke an – und so auch in diesem Roman: »He had no idea what kind of glory he wanted or what kind he was suited for. He knew only that in the depths of the world’s darkness was a point of light which had been provided for him alone and would draw near someday to irradiate him an no other« (S. 13). Trotz seiner literarischen Brillanz gehört es deshalb leider auch zur Wahrheit, dass Mishima durch seinen nationalistischen Antikommunismus heute von Rechtsextremen wie der Identitäten Bewegung als »Held« stilisiert wird.

Stochern im literarischen Nebel

Auch wenn sich die Motivation Mishimas in The Sailor Who Fell from Grace with the Sea mir für lange Zeit entzieht, macht mir das nichts aus – so sehr lullt mich Mishima in Metaphern ein, die einfach schön sind. Simpel, aber schön: »Her nose was perfect; her lips exquisite. Like a master ringing a go stone onto the board after long deliberation, he placed the details of her beauty one by one in the misty dark and drew back to savor them« (S. 31). Was für ein großer Wurf! Die vorsichtige Entdeckung einer Frau durch den Blick des einsamen und einfühlsamen Seemanns mit der langen Überlegung des Go-Spielers zu vergleichen, ist große Sprachkunst.

Ratlos lässt mich jedoch die Clique des kauzigen Noboru zurück: Nihilistische, 13-jährige Jungs, die Katzen quälen, sind im Gegensatz zur fabelhaften Prosa Mishimas zu gewollt, zu konstruiert, zu unglaubwürdig. Diese Jungs werden von einem wortgewandten, unterkühlten Jungen angeführt, der Noboru und seine Freunde nur mit der Bezeichnung number one / two / three anspricht. Diese Jungs verschmähen die Welt der Erwachsenen als illusorisch und sentimental. Väter sind in den Augen des chief »the flies of this world« (S. 99), denn in The Sailor Who Fell from Grace with the Sea übernehmen Väter die Rolle der Erziehung innerhalb einer Familie. Da die Clique jedoch nicht erwachsen werden möchte, weil sie das Erwachsensein mit Leere, Perversion und Sentimentalität verbinden, bezeichnet Noboru beispielsweise den Tod seines Vaters auch als »happy incident« (S. 7). Dementsprechend verfliegt auch die zunächst vorherrschende Faszination der Jungs für den Seemann Ryuji, nachdem der muskulöse Freigeist Noborus Mutter Fusako einen Heiratsantrag gemacht hat. Er hat sich nun schließlich gegen die endlose Trostlosigkeit des Meeres für die endliche Trostlosigkeit der Gefühle und des Festlands entschieden.

Sprachlich museumsfähig

Mishimas Sprache ist die große Stärke von The Sailor Who Fell from Grace with the Sea und damit ein krasser Gegensatz zu den vielen Büchern, die der Büchermarkt auf die Bestenlisten spült. Andere Bücher mögen durch ihren inhaltlichen Klamauk bestechen, sind sprachlich aber zumeist derart unspektakulär, dass sie mich kaum berühren.

Sprache ist das Medium, das Geschichten und Erzählungen transportiert. Sie ist das Medium, das Salz in der Suppe, das der Mahlzeit und der Lektüre ihren Pepp gibt. Mishima verwendet Codes, die ich zwar nicht vollends verstehe, aber sie schenken mir das, was ich in Büchern suche: Entgrenzung, Transzendenz – und auch Überforderung, die mich von meinem mich unterfordernden Alltag ablenkt. Dass die Handlung und die Handlungseinbrüche dabei flacher sind als der Verhandlungserfolg der Grünen in den Ampel-Sondierungen, ist mir egal. Es braucht mehr solcher sprachlicher Kanonenschüsse wie The Sailor Who Fell from Grace with the Sea.

Yukio Mishima, Jahrgang 1925, verstorben 1970, war ein japanischer Poet, Regisseur, Model, Bühnenautor, Schriftsteller und politischer Aktivist. Er gilt als einer der bedeutendsten Literaten des 20. Jahrhunderts und war 1968 in der Vorauswahl für den Literaturnobelpreis. Zur Ehrung seines Lebenswerkes wurde 1988 der Mishima-Preis eingeführt, der seither jährlich vergeben wird. The Sailor Who Fell from Grace with the Sea erschien erstmals 1963 unter dem Originaltitel Gogo No Eiko. Die hier rezensierte Ausgabe erschien 2019 bei Vintage Classics in der Penguin Random House Group und umfasst 131 Seiten. 
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Herausgeber.


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Insel der verlorenen Erinnerung • Yōko Ogawa

Roman

Wie wäre es wohl, eines Morgens aufzuwachen und beim Versuch, die Morgenstimmung einzufangen, zu spüren, dass etwas unwiderruflich verschwunden ist? In Insel der verlorenen Erinnerung versucht Yōko Ogawa, genau das abzubilden.

Orwell in light

Das Setting des Romans erinnert mich von Anfang an stark an Orwells 1984. Die Handlung des Romans spielt auf einer kleinen japanischen Insel, auf der immer wieder Dinge verschwinden, plötzlich, ohne Ankündigung. Oder, besser: Es verschwinden die Erinnerungen an Dinge. Ist wieder etwas »verschwunden«, existiert es zwar noch, wird aber vollkommen bedeutungslos für die meisten Inselbewohner:innen. Nur wenige können sich an Verschwundenes erinnern. Diese Menschen werden von der sogenannten »Erinnerungspolizei« verfolgt – und hier setzen auch die starken Parallelen zu Orwell ein. Die Erinnerungspolizei handelt rücksichtslos und routiniert und ist eine Quelle ständiger Angst. Nur wird mir im Gegensatz zu Orwell nie klar, wie die Erinnerungspolizei in das gesellschaftliche System eingebettet ist. Der Fokus des Romans liegt vor allem auf dem Alltag der namenlosen Protagonistin und weniger auf Systemkritik.

Ein Roman im Roman

Die Protagonistin ist Schriftstellerin. Vor Jahren ist ihre Mutter von der Erinnerungspolizei »abgeholt« worden. In der Gegenwart ist sie mit dem »alten Mann« eng befreundet, der einst die Fähre zum Festland und zu den anderen Inseln fuhr – bevor sein Beruf verschwand. Die Protagonistin arbeitet während der eigentlichen Handlung des Romans an ihrem eigenen Roman, der von einer Frau handelt, die an einem Schreibmaschinenkurs teilnimmt und plötzlich ihre Stimme verliert. Es entwickelt sich zwischen ihr und ihrem Kursleiter schnell eine toxische Beziehung: Er sperrt sie in das Turmzimmer eines Glockenturms ein, wo er sie zwischen Bergen alter Maschinen nicht nur verkleidet und sexuell missbraucht, sondern nach und nach auch immer mehr vergisst, bis sich die Frau schließlich auflöst.

Übergriffige, toxische Beziehungen

Es dauert eine Weile, bis ich die Parallelen zwischen der Handlung von Insel der verlorenen Erinnerung und des Romans der Protagonistin entdecke. Währenddessen hat die namenlose Protagonistin nämlich ein Gespräch mit ihrem Verleger namens R geführt. R kann sich wie ihre Mutter an Dinge erinnern und äußert dies ihr gegenüber. Anschließend schlägt die Protagonistin R vor, dass sie ihn in ihrem Haus in einer geheimen Kammer in einer Art »Zwischenetage« verstecken wird. Auf mich wirkt ihre Handlung immens übergriffig, da sie ihn nicht einmal richtig fragt, sondern es als einzige Möglichkeit äußert, wie er gerettet werden kann. Dass er dem ohne Weiteres folgt, macht mich doch sehr ratlos, da er mit einer hochschwangeren Frau verheiratet ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Sie versteckt R, der seine Kammer nicht mehr verlassen darf und in jeglicher Hinsicht auf sie angewiesen ist – und nach und nach wird für mich ersichtlich, dass sie vor allem aus egoistischen Gründen gehandelt hat, da sie in R verliebt ist. Um sich ihre Übergriffigkeit nicht eingestehen zu müssen, äußert sie self-fulfilling prophecies wie diese: »Sobald er die Außenwelt wieder betritt, würde es ihn zerreißen, wie einen Fisch, der aus der Tiefe des Meeres zu schnell an die Oberfläche kommt. Deshalb muss ich ihn dort unten auf dem Meeresgrund festhalten« (S. 254). Während die Frau in ihrem Roman von einem Mann in luftiger Höhe eingesperrt wird, sperrt hier die Frau den Mann also in dunkler Tiefe ein. In beiden Handlungssträngen entwickeln die jeweils Eingesperrten eine Art Stockholm-Syndrom und erwidern die toxische »Liebe«.

Logische Schlüsse sind wohl schon lange verschwunden

Allgemein nimmt diese parallele toxische Liebesgeschichte für mich lange Zeit viel zu viel Platz in dem Roman ein, in dem es doch in erster Linie um das Verschwinden von Erinnerungen gehen soll. Da macht es das auch nicht besser, dass gerade dieses Verschwinden für mich nicht allzu logisch vonstatten geht. Ich habe mich so oft gefragt, wie es überhaupt passieren kann, dass Emotionen und Erinnerungen gegenüber Dingen einfach so verschwinden können. Darüberhinaus habe ich mich noch gefragt, wie das Erinnern so nachhaltig verloren gehen kann, dass nichts diese Erinnerungen neu erwecken kann. Irgendwie erscheint mir das alles nicht ganz schlüssig. Lange hoffte ich, dass die Prozesse entweder erläutert werden oder noch etwas geschieht, das erklärt, warum Yōko Ogawa schlicht keinen Wert darauf legt, die Prozesse zu erläutern. Doch keines von beidem tritt ein. Stattdessen verschwinden immer mehr Dinge, später auch Bücher (hier werden Parallelen zu den Bücherverbrennungen der Nazis eröffnet, was – wie die Bezüge zu 1984 – die repressive, autokratische Gewalt des unsichtbaren Regimes unterstreicht) und schließlich sogar Körper; meine Fragen bleiben ungeklärt und meine verärgerte Verwirrung erhärtet sich noch mehr.

Unausgeschöpftes, hohes Potenzial

Zugegeben: Die Handlung des Romans hat ein extrem hohes Potenzial. Jedoch verdichtet sie sich nicht und schweift durch den Roman im Roman sowie durch die parallelen toxischen Liebesbeziehungen von dem (von mir als solchen empfundenen) eigentlichen Kern ab. Dass immer mehr verschwindet, ohne dass ich erfahre, wie dies geschieht und wer oder was dahintersteckt, ist sehr frustrierend – auch wenn es ein gekonnter Kniff ist, schließlich alle verschwinden zu lassen, bis auf diese, die sich erinnern können, sodass diese nun für die Verschwundenen leben. Noch dazu habe ich mich etwas zu oft über verschiedene Dinge und Handlungen in Insel der verlorenen Erinnerung geärgert, als dass ich die schnell vorüberziehenden Seiten hätte genießen können. Dafür, dass die Handlung so viel Potenzial gehabt hätte, hat es sich Yōko Ogawa meiner Meinung nach viel zu leicht gemacht.

Yōko Ogawa gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen ihrer Generation. Sie hat zahlreiche Bücher geschrieben und wurde dafür mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Yokiuri-, Akutagawa- und Tanizaki-Jun’ichiro-Preis. Insel der verlorenen Erinnerung, erstmals im Jahr 1994 im Original erschienen, erschien 2020 im liebeskind-Verlag erstmals in deutscher Übersetzung. Der Roman wurde von Sabine Mangold aus dem Japanischen übersetzt, umfasst 352 Seiten und stand auf der Shortlist für den National Book Award 2019 und den International Booker Prize 2020.
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Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Wer wir waren • Roger Willemsen

Geschichte, Roman

Der Bundestagswahlkampf ist überstanden. Trotzdem hält dessen Ende Politiker:innen nicht davon ab, mit Kitschwörtern um sich zu werfen. Der Wahlverlierer der konservativen Bremser-Partei, Armin Laschet, redet nun von einer »Zukunfts-Koalition«; der schlumpfig grinsende Wahlsieger der weniger konservativeren Bremser-Partei, Olaf Scholz, spricht von einer »Fortschritts-Koalition«. Als halbwegs in der Semantik beheimatete Person frage ich mich da schon: Von welcher Zukunft, von welchem Fortschritt sprechen diese beiden alten Herren, die die letzten 16 Jahre lang mehr oder minder die Geschicke dieses Landes in verschiedenen Funktionen beeinflusst haben? In Philipp Bloms Was auf dem Spiel steht klang es schon in ausführlicher Form an: Die Zukunft, über die gerade jetzt so viel und gern gesprochen wird, ist in erster Linie eine Erzählung über Katastrophen und Niedergänge, weil es wohl keiner kommenden Generation besser gehen wird als uns.

Aus Roger Willemsens Nachlass ist Wer wir waren. Zukunftsrede als Fragment im Jahr 2016 nach dessem Tod erschienen. Als umfangreicheres Buch geplant, brach Willemsen die Arbeit an seiner Zukunftsrede, nachdem er 2015 seine Krebsdiagnose erhielt, ab. Die Rede veröffentlichte seine Nachlassverwalterin, die wunderbare Insa Wilke, zum Glück dennoch, denn trotz ihrer fragmentarischen Gestalt ist und bleibt die Zukunftsrede brandaktuell; nicht zuletzt durch den Umstand, dass, basierend auf der Rede, kürzlich die gleichnamige Dokumentation ihre Premiere feierte.

Über Fantasy, Cyber-Glanzbildchen und Future-Kitsch

Wir kriseln, also sind wir. Seitdem wir uns unserer Selbst bewusst seien, begleiten uns die Krisen. »Vom Anfang aller Tage an« (S. 8) sei alles immer schlecht(er) geworden. »Luft und Wasser sowieso, dann die Manieren, die politischen Persönlichkeiten, der Zusammenhalt unter den Menschen, das Herrentennis und das Aroma der Tomaten« (ebd.). Angesichts aller Krisen, die Namen wie Klimaerwärmung, Dürre, Migration, Ressourcenknappheit und multiresistente Keime tragen, wird eine Zukunft herbeizitiert, die ausgehöhlt, entkernt, wie »Science-Fiction ohne Science« (S. 9) wirke.

Ein wenig nimmt mir die Satzdichte und die damit bei Roger Willemsen immer einhergehende, kluge und unangenehme Wahrheitsdichte die Luft. In der Rede steckt so vieles, das angestrichen und drei oder auch vier Mal gelesen werde möchte – nicht nur, weil es so komplex, sondern auch von so unbegreiflicher Aktualität ist. Besonders der Satz »Was nicht neu ist, das ist die Zukunft« (S. 11) ist direkt zu Beginn der Lektüre bereits ein elementarer Teil der intellektuellen Weitsicht dieses schmalen Buches. Wir machen uns in die alte Zukunft auf; Stagnation ist die neue Zukunft. Als Alternative dazu scheint nur ein rechtskonservativer, misogyner, alles (im wahrsten Sinne de Wortes) »Andere« hassender Backlash übrig zu bleiben.

Wer wir gewesen sein werden

Konfus, kongenial und Foucaultschen Sätzen ähnlich nimmt Willemsen in Wer wir waren. Zukunftsrede eine ungewöhnliche Perspektive ein: Er blickt aus der Perspektive der – wie auch immer aussehenden – Zukunft auf unsere Gegenwart. Wir reflektieren uns häufig in den Augen jener Menschen, die waren und dann gingen. »Vergleichsweise selten aber versuchen wir, uns im Blick jener zu identifizieren, die kommen und an uns verzweifeln werden« (S. 25). 

Woher nehmen wir unsere Arroganz in Anbetracht aller Probleme, die uns umgeben? Die Zeiten und wissenschaftlichen Prognosen laden nicht nur zum Nonkonformismus gegenüber der politischen Mitte ein. Vielmehr sind sie eine moralische Pflicht für jede:n Humanist:in. Eines Tages wird sich die Fuck Greta-Sticker-SUV-Generation gegenüber der folgenden Generation rechtfertigen müssen, warum sie sich für den Liegestuhl und nicht für Protestplakate und sich empörende Demonstrationen entschieden haben.

Kulturpessimismus mit Hoffnungsschimmer

»Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, die begriffen, aber sich nicht vergegenwärtigen konnten, voller Information, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, nicht aufgehalten von uns« (S. 43). Nie klang Weltuntergangsprosa hoffnungsvoller! Gedanklich hat sich Willemsen schon in eine Situation unseres Niedergangs, unseres Verschwindens gedacht, um uns jetzt zu warnen. Der letzte Zyklus der Utopie hat begonnen, das macht Wer wir waren. Zukunftsrede deutlich. Die Dystopie nimmt nun die Rolle der Utopie ein. Es gibt keine Zukunft mehr zu erträumen.

Die Zukunftsrede ist Willemsens Vermächtnis. Sie ist ein flammendes Plädoyer für die Überwindung des eigenen Bestrebens, sich in der Gegenwart einzuigeln, da es uns im Westen noch zu gut geht, um die Zeichen der Bedrohungen ernst- statt nur wahrzunehmen. Doch die Zeit läuft.

Roger Willemsen, Jahrgang 1955, verstorben 2016, war ein deutscher Publizist, Fernsehmoderator und Filmproduzent. Er galt als beliebtester Intellektueller Deutschlands. Wer wir waren. Zukunftsrede erschien 2016 im S. Fischer Verlag und umfasst 60 Seiten. Außerdem haben wir von Roger Willemsen bereits Der Knacks, Willemsens Jahreszeiten und Afghanische Reise rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Herausgeber.


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Was auf dem Spiel steht • Philipp Blom

Geschichte, Roman

Ähnlich wie Roger Willemsen in seiner fragmentarischen Zukunftsrede Wer wir waren zeichnet der Historiker Phillipp Blom in Was auf dem Spiel steht das Bild einer Gesellschaft, die den Mut verloren hat, visionäre Ideen für die Zukunft zu entwickeln bzw. wie Digitalisierung und Klimawandel die westlichen Gesellschaften transformieren könnten. Die Analyse ist gnadenlos in ihrer Schonungslosigkeit: Anstatt mutig einzugestehen, dass Reformen der »Sozialen« Marktwirtschaft dringend notwendig sind, um die Ressourcen des Planeten zu schonen und unser Weiterbestehen als Spezies auf diesem blauen Staubkorn am Rande dieser Galaxis zu gewährleisten, rennen wir mit verbundenen Augen wie im Film Bird Box mit Sandra Bullock in rasendem Tempo auf den Abgrund zu. Wir haben das Interesse an der Zukunft verloren, weil der Liberalismus die Werte der Aufklärung pervertiert hat.

Willkommen im Status-Quo-Wohlgefühl der Gegenwart

Wie reagiert ein moralisch integrer Markt auf das Schmelzen der Gletscher? So: Findige Kapitalisten füllen Gletscherwasser in eine mundgeblasene und mit 24-karätigem Gold besetzte Flasche ab und verkaufen 750 ml davon für 99.000 US-Dollar.

Statt auf die enormen Transformationsprozesse, die die beginnende Erderwärmung und die Digitalisierung aller Lebensbereiche mit sich bringen, zu reagieren, drehe sich laut Blom »alles um die Verwaltung von Erwartungshaltungen und um die Verteidigung von Privilegien« (S. 15). Die Zukunft haben alle großen Wirtschaftsmächte des reichen, demokratischen Westens an den Rand gedrängt. Das schönste Gefühl, das sie vermitteln, sei die Nostalgie, das Heilsversprechen, dass die Gegenwart nie endet. Nichts wirkt so auserzählt und ausgenutzt wie das popkulturelle Narrativ der Utopie, die das Genre der Science-Fiction bis in die frühen 2000er Jahre vermittelte.

Nach der Finanz-, Griechenland-, Fukushima-, Flüchtlingskrise und zahlreichen Naturkatastrophen berieseln uns Dystopien und Untergangserzählungen in Literatur, Kultur, Politik und Rundfunk. Ganz vorne dabei sind die AfD sowie alte weiße Männer wie Houellebecq und Lars von Trier. Blom hält daher auch etwas zynisch fest: »Die Ratten packen schon ihre Sachen, die Superreichen kaufen sich boltholes in Neuseeland, Refugien mit Nahrungsreserven, Bunkern und Generatoren, um sich vor der nahenden Apokalypse zu retten« (S. 17).

»Zeit ist ein flacher Kreis«

Wie bedrohlich massive Klimaveränderungen für den gesellschaftlichen Frieden sein können, zeichnet Blom anhand der Kleinen Eiszeit des 17. Jahrhunderts nach. Durch die Abkühlung der mittleren Temperatur um zwei Grad blieben Ernten aus und verursachten einen Dominoeffekt: Auf Bittprozessionen folgten Hexenverfolgungen, Hungersnöte, Seuchen, Aufstände und Migrationsströme in die Städte, die die Lebensmittelknappheit noch verstärkten. Zeit ist ein flacher Kreis. Geschichte wiederholt sich.

Obwohl die historische Rückschau auf die Kleine Eiszeit keinen Rückschluss auf die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte liefern kann, hebt sie hervor, dass keine noch so reiche Gesellschaft, die ihren Reichtum durch die Ausbeutung von natürlichen und humanitären Ressourcen erwarb, vor den Konsequenzen des eigenen Handelns gefeilt ist: »Ihre heute sichtbaren Folgen, besonders die Erderwärmung und der dadurch bedingte Klimawandel, bedeuten, dass dieses Modell an seine Grenzen gestoßen ist. Die Ausbeutbarkeit des Planeten ist ausgereizt, wenn auch weiterhin Menschen auf ihm leben sollen« (S. 38). Dieser Prozess wird durch einen weiteren Transformationsprozess katalysiert – die Digitalisierung, die den Niedergang der menschlichen Arbeit markiert – und erhöht den Druck auf das auf Wirtschaftswachstum angewiesene Gesellschaftsmodell des Westens.

Ich konsumiere, also bin ich

Der Konsum und der damit verbundene Wohlstand der Länder hätten die beste aller Welten geschaffen. Im Kopf höre ich dabei das höhnische Lachen Pier Paolo Pasolinis. Dass dieses Modell des Konsums und Reichtums weiterhin eine Zukunft hat, ist ungewiss, da die Risiken, die dadurch entstanden sind, besonders für die unteren sozialen Gruppen erdrückend werden und dem Solidaritäts- und Gerechtigskeitsversprechen der westlichen demokratischen Gesellschaften diametral gegenüberstehen. Die Friss-oder-stirb-Mentalität sowie das Der-Markt-regelt-das-Mantra des Neoliberalismus beängstigen jedoch nicht nur jene, die im unteren Lohnsektor arbeiten und von ihrer Austauschbarkeit im kapitalistischen System wissen, sondern auch den wohlstandsverwahrlosten Mittelstand. Allen sitzt die Angst vor Verlust im Nacken: »Nicht nur all die schönen Spielzeuge, auch das eigene Haus und die Ausbildung der Kinder können morgen weg sein. Die wenigsten Menschen heuten sehen ihre Zukunft als gesichert an oder glauben auch nur, dass sie ihnen Gutes bringen wird. Deswegen verweigern sich diese Gesellschaften dem Gedanken an die Zukunft: weil er Verschlechterung bedeutet« (S. 98f.).

Episodenhafte Analysen

Bloms Sachbuch lässt sich als episodenhaft, manchmal sogar etwas rhapsodisch charakterisieren. Jedoch stört mich das nicht, denn das Buch transportiert eine in sich konsistente moralische Botschaft, die sich jetzt im Bundestagswahlkampf 2021 genauso abbildete: Keine der zur Wahl stehenden etablierten Parteien, nicht einmal Bündnis90/Die Grünen, hatte einen Zukunftsentwurf parat, der viele der drängenden, explosiven Probleme des Westens lösen könne. Ein Volk feilt sich sein politisches Personal so lange zurecht, bis es sich an den Zeitgeist anpasst. Ein bisschen Veränderung ist okay, sie darf nur nicht weh tun oder den Status Quo bedrohen. Dass der liberal-bürgerliche Traum nicht nur ausgeträumt, sondern auch kompromittiert ist, hält Blom an der stärksten Stelle seines Buches fest: »Ein bisschen wie Oscar Wildes Antiheld Dorian Gray konnte er [der liberale Traum] nur deshalb so lange schön bleiben, weil er die Hässlichkeit seines Lebens verstecken konnte« (S. 114). Auch die Zukunftsangst sei, so Bloms These, eine Konsequenz des Liberalismus und seines Fortschrittsgedankens. Die andauernde Veränderung oder Transformation impliziere das Hinwegfegen des Alten und produziere damit ein Gefühl der Heimatlosigkeit und des Sich-nicht-in-der-Welt-zurechtfinden. Dieses Gefühl treibe einige in die Arme der Propagandist:innenen der »autoritären Festungsmentalität« (S. 144), deren Protagonist:innen Putin, Erdogan, Bolsonaro oder Le Pen sind.

Statuserhalt versus Informiertheit

Die Fixierung der westlichen Gesellschaften auf ihren Statuserhalt im Auge des Sturms der massiven Transformationsprozesse münden bei Blom in Sätzen wie »Stell dir vor, es ist Geschichte, und keiner hat Bock drauf« (S. 180) oder »Diese Gegenwart ist bereits zu Ende – nur die Kulissen stehen noch« (S. 211). Viel Hoffnung macht Blom mit seinen Beobachtungen nicht. Vielleicht ist das aber auch gar nicht das Ziel. Vielmehr ist Was auf dem Spiel steht eine ernüchternde Rekapitulation der Veränderungsmüdigkeit des Westens und der Chancen, die er damit verspielt. Das ideale Geschenk für Familienmitglieder, die Energiewende für nicht finanzierbar oder auch unnötig halten.

Was bei all dem, was ›unseren‹ Wohlstand und unsere Art der Lebensführung bedroht, auf dem Spiel steht? Alles.

Philipp Blom, Jahrgang 1950, ist ein deutscher Schriftsteller, Historiker, Journalist und Übersetzer. Er publiziert im britisch-englischen Sprachraum in den großen Zeitungen und Zeitschriften (Guardian, Independet usw.) sowie im deutschsprachigen Raum (ZEIT, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung usw). Blom ist seit 2017 Mitglied des Stiftungsrats des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Was auf dem Spiel steht erschien erstmals 2017 im Hanser Verlag. Die hier rezensierte und abgebildete Ausgabe erschien 2018 in der Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft und umfasst 224 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Unterrichtet an einer kreativen Grundschule und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.