Elsterjahre  • Charlie Gilmour

Bei einem Besuch in Rendsburg entdeckte ich in der Auslage einer kleinen Buchhandlung ein Buch, von dessen Cover ich mir ein Foto machte, um mich später genauer über das Buch zu informieren. Mehrere Monate später fand ich beim digitalen Ausmisten meines Handys das Buch wieder – und kaufte es direkt. Nachträglich bereue ich, das Buch erst so spät (wieder-) gefunden zu haben: Charlie Gilmours Elsterjahre ist ein beeindruckendes Stück Nature Writing, das – ebenfalls wie Kerri ní Dochartaighs Thin Places – für den Wainwright Prize nominiert war.

Eine Schwäche für Kaputtes

In seinem Debüt findet Charlie Gilmour einen versöhnlichen Zugang zu seinem Vater, indem er Verantwortung für ein zerbrechliches Lebewesen übernimmt – eine »flugunfähige, junge Elster« (S. 11) voller Parasiten. Diese fand Yana, die damalige Verlobte und jetzige Ehefrau Gilmours, in der lebensfeindlichen Welt einer Müllkippe.
Gilmour räumt eingangs direkt ein, dass es nicht ungewöhnlich sei, dass Elsternjungen alleine durch die Gegend stolzieren: In der Regel verlassen sie ihr Heim viel zu früh, noch bevor sie sich selbst versorgen oder fliegen können. Bei dieser um von Öl durchzogenen Wasserpfützen herumtorkelnden Elster waren keine Eltern in der Nähe zu sehen. Da Yana, gelernte Bühnenbildnerin, eine Schwäche für Beschädigtes und Kaputtes habe, hätte sie die Elster mitgenommen. Gilmour vergleicht Yann daher mit einer Elster: »Ich vermute, dass sie selbst so eine Art Elster ist; nicht direkt eine Diebin, aber mit Sicherheit eine Sammlerin gefundener Schätze. Sie hat immer einen Schraubenzieher dabei und überlegt selten zweimal, ob sie weggeworfene Leuchtkörper, Marmorplatten oder gewaltige Säcke voller Krempel, den sie am Themseufer gefunden hat, zu uns nach Hause schleppen soll« (S. 19).

Urban legends und Metaphern

Die Pflege der jungen Elster ist vielschichtig metaphorisch aufgeladen: Diese schlägt nicht nur eine Brücke zur Versöhnung mit dem Vater, sondern auch mit den eigenen Familienplänen: »Gelegentlich fühle ich mich ein bisschen wie eines ihrer [Yanas] aufgelesenen Objekte. Jedenfalls habe ich mir nie vorgestellt, dass ich mich in meinen Zwanzigern schon fest niederlassen würde. Ich hatte doch eben noch einen rasierten Schädel und zerschrammte Knöchel und steuerte geradewegs auf einen Absturz zu. Und jetzt scheine ich mich kurz vor der Heirat und mitten im Nestbau zu befinden« (S. 20). Die Elster ängstigt Gilmour zunächst, weil er sich die Verantwortungsübernahme für ein so zerbrechliches Lebewesen aufgrund seiner Selbstzweifel nicht zutraut. Die Elster sei wie »Knochenporzellan mit Federboa« (S. 21). 

Um seine Vorurteile gegenüber der Elster abzubauen, streut Gilmour kulturgeschichtliches Sachwissen in seine Prosa ein. Zum Beispiel spiegelt der englische Begriff magpie die Verachtung wider, die der Elster seit jeher entgegengebracht wird. Mag ist Altenglisch für ›Klatschweib‹ und soll auf das Geschnatter der Elster verweisen. Allgemein wird dem eigentlich empathischen Vogel die Funktion als Schicksalsvogel, als Verkünder von Tod und Geburt nachgesagt. Sicherlich sind sie auch deshalb seit jeher Opfer von Verfolgung, willkürlicher Tötung und Hass. Auch dies ist ein Anliegen Gilmours: Seine Leser:innen für die Anmut der Elster zu begeistern.

Eine Liebeserklärung an einen heimischen Vogel

Streckenweise wirkt Elsterjahre ein wenig wie erbauende Unterhaltungsliteratur: »Die Art, wie sie in ihrem Cape aus schwarzer Seide und Hermelinpelz auf dem Bett umherstolziert, wobei ihre sich bildenden Flugfedern wie Edelsteine funkeln, hat durchaus etwas Prinzenartiges. Yana und ich halten die Elster inzwischen für ein männliches Tier« (S. 52).

Nachdem er die tief in diesem Vogel schlummernde Intelligenz entdeckt hat (Elstern sind der Hirnmasse-Körper-Relation nach etwa so klug wie siebenjährige Kinder), ergeben sich auch ganz andere Perspektiven auf das ihn umgebende Leben und gleichen damit der veränderten Umweltwahrnehmung von Jenny Odell in ihrem Buch Nichts tun. Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen. Anstatt Elstern nur als umherzischende schwarz-weiße Blitze der Lüfte zu betrachten, sind sie für Gilmour seit der Pflege ›seiner‹ Elster geradezu magische Wesen, die er fast verliebt folgendermaßen beschreibt: »Die Farbe dieser Federn, der Flügelfedern, ist, ebenso wie die seiner Augen, vollkommen unerwartet. In der Sonne leuchten sie neonblau, wie das Aufblitzen der Flosse eines exotischen Zierfischs« (S. 56). Gilmours Elster erhält aufgrund dieses Schimmers der Federn, die den Öl-getränkten Pfützen auf dem Schrottplatz gleichen, den magischen Namen ›Benzene‹.

Schicksal oder Zufall?

Besonders beeindruckend in dem Buch sind die wiederkehrenden Momente, in denen sich Parallelitäten zwischen Gilmour und seinem anarchistischen, verwirrten Vater Heathcote ergeben. Beispielsweise fand Heathcote dreißig Jahre vorher eine Dohle den Weg an seine Seite – ebenfalls ein Aasfresser und Rabenvogel.

Diese seltenen Begegnungen mit Heathcote waren schmerzhaft: »Du warst halt ein Unfall« (S. 131). So erklärte Heathcote seinem damals 12-jährigen Sohn seine Existenz. Vieles davon erinnert mich an die Beziehung zu meinem Vater.
Ähnlich wie die Elster, so stellt es Gilmour bei den gescheiterten Auswilderungsversuchen von Benzene fest, könne er auch seinen Vater, William Heathcote, nicht loslassen. Dieses Nicht-Loslassen-Können der unbeantworteten Liebe des leiblichen Vaters sowie die daraus resultierenden Enttäuschungen und Abstoßbewegungen führten Gilmour schließlich in die Drogensucht, in den Absturz und geradezu hilflos naiv in das offene, fluffige Federkleid Benzenes. Sie dient als Trägermedium des Vater-Sohn-Traumas dient und liefert eine Bühne für die Trauma-Bewältigung. Mit ihrem Tod endet schließlich auch Gilmours Trauma.
Durch die Lyrik Heathcotes über seine Dohle nähert sich Gilmour seinem Vater jedoch an und versöhnt sich schließlich mit diesem, obwohl sein Vater ihn nie wirklich lieben konnte. Letztlich verfolgt Heathcote ihn aber selbst mit seinem Tod: Heathcote stirbt genau an dem Tag, an dem Yana und Charlie Gilmour das erste Mal versuchen möchten, ein gemeinsames Kind zu bekommen. All diese Zufälle haben schon fast etwas Spirituelles.

Mein Lieblingsbuch des Jahres

Bis ich diese Rezension schrieb, war ich noch hin- und hergerissen, ob Mercè Rodoredas Der Garten über dem Meer oder Charlie Gilmours Elsterjahre mein Lieblingsbuch des Jahres ist. Doch schon nachdem die ersten Zeilen in den Laptop gehämmert waren, war mir klar: Durchzogen von einer zärtlichen, einfühlsamen, verliebten, aber auch am Rande der Depressivität wandelnden Melancholie und einer erfrischenden Prise Humor liegt mit Elsterjahre mein liebstes Buch dieses Lektürejahres in meinen Händen. Gilmours NatureWriting-Prosa hat mich mitgerissen. Die Aneinanderreihung von Metaphern und Fakten, die die Vorurteile gegenüber Rabenvögeln abbauen sollen, windet sich grazil um die biografische Aufarbeitung der Vater-Sohn-Beziehung und den Reifeprozess des Autors. Selten ist mir ein so sympathisches, reizendes, anspruchsvolles Buch begegnet, dessen Kernaussage sich mit folgendem Zitat kondensieren lässt: »Vögel sind Medizin« (S. 246).

Erst kürzlich entdeckten wir vor unserem Wohnzimmerfenster einen Fischadler im Wipfel eines Baumes am See. So viel Oxytocin fließt nicht jeden Tag durch meinen Körper. Die heilende Wirkung der Vögelbeobachtung kann ich also durchaus bestätigen.

Charlie Gilmour, Jahrgang 1989, ist ein englischer Autor. Sein Adoptivvater ist der Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour. Nach zahlreichen Abwegen mit Drogen- und Alkoholproblemen fand eine junge Elster den Weg in Gilmours Arme. Sein Debüt Elsterjahre stand auf der Longlist für den Wainwright Prize und erschien erstmals 2020 unter dem Originaltitel Featherhood bei Weidenfeld & Nicolson. Die hier rezensierte Version erschien 2021 im Rowohlt Verlag, wurde von Christel Dormagen übersetzt und umfasst 320 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. beim Autor und der Übersetzerin. 


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Der kommende Aufstand • Unsichtbares Komitee

Junge Liberale und RCDS-Mitglieder dürften nun Schaum vor den Mund bekommen: In Der kommende Aufstand schildern mehrere (mehr oder weniger) anonyme, französische Autor:innen, wie sie den Kapitalismus und die um ihn herum existierenden (Teil-) Systeme überwinden wollen. Dabei liefern sie eine profunde Analyse und Kritik des Kapitalismus, die ich unterstütze und bereits bei Pier Paolo Pasolini in seinen Freibeuterschriften sehr mochte. Gleichzeitig zeichnen sie aber einen fragwürdigen Gegenentwurf, der auf befremdlichen Mitteln zur Überwindung des Kapitalismus beruht.

Zukunft? Welche Zukunft?

Am Anfang jeder Abschieds-Arie auf den Kapitalismus steht die kulturkritische und traditionsreiche, aber dennoch zulässige Analyse, dass die Gegenwart ausweglos sei und das ›Künftige‹ keine Zukunft mehr habe. Das haben Sascha Lobo, Bettina Fellmann, Roger Willemsen, Sibylle Berg und viele weitere Autor:innen, die wir bereits auf diesem Blog rezensiert haben, schon getan – nur haben diese fast schon zarte Töne im Vergleich zum Unsichtbaren Komitee angestimmt.
Politiker:innen, die quasi die Büttenredner:innen des Kapitalismus seien, werden vom Unsichtbaren Komitee als »Gondelköpfe, die ihre Reden gemäß den neuesten Funden der Werbeabteilung austauschen« (S. 5) bezeichnet. Die darüberhinaus nahe am Rand der fake news wandelnde Behauptung, dass ›die Medien‹ revolutionäre Bewegungen in Frankreich kleinschreiben würden, wird durch den Begriff der »Medien-Omerta« (S. 6) auf den Punkt gebracht. Omertà bezeichnet die Schweigepflicht der sizilianischen Mafia gegenüber Außenstehenden.
Die zitierten Sätze stehen auf den ersten zwei Seiten – und auch die folgenden knapp 120 Seiten verschonen mich nicht. Dennoch liest sich die Holzhammer-Rhetorik ganz gut. Sie hat ihren eigenen flow und ist irgendwie sogar chic, wenn auch etwas unangenehm. 

Zuspitzung des linken Kulturkritik-Potpourri 

Ähnlich wie Bettina Fellmann es in Zur Verteidigung der Traurigkeit formulierte, brandmarken die Autor:innen des Unsichtbaren Komitees psychiatrische Kliniken als Platzhalter oder Türsteher des ›Systems‹, weil die Individuen, die formal betrachtet ›am System scheitern‹ eigentlich diejenigen sind, die verstanden haben, dass das System krank macht und psychische Erkrankungen daher mehr über das System aussagen als die Individuen. Jedes geistlose »Wie geht’s?«, das wir nicht als Austritt, sondern als Eintritt in einen Kommunikationsakt betrachten, ist Ausdruck der tiefgreifenden Pathologisierung des Ichs der (Post-)Moderne: Ich bin angepasst, funktioniere, arbeite. Ich bin. Egal, wie es mir geht.

Das Individuum, das psychisch erkrankt, ist in den Augen der Autor:innen aber nicht primär krank, sondern vielmehr streikend: »Wir sind nicht deprimiert, wir streiken. Für den, der verweigert, sich selbst zu verwalten, ist die ›Depression‹ nicht ein Zustand, sondern ein Übergang, ein Auf Wiedersehen, ein Schritt zur Seite in Richtung eines politischen Austritts« (S. 15). Die Unruhen in den Vorstädten (Banlieue) Frankreichs im Jahre 2005 begrüßen sie darüberhinaus wenig geschmackvoll, aber pointiert mit »Es wurde Zeit, dass das Fick die Polizei! das Ja, Herr Wachtmeister! ablöst« (S. 21). Wie zurückhaltend. So klingt also französische Kapitalismuskritik. 

Sehr viel Schwarz-Weiß, sehr wenige Grautöne

Linke Systemkritik muss quietschen, peppig, anstoßend und wenig anbiedernd sein. Über weite Strecken des Manifests changiert der Der kommende Aufstand aber zwischen schwerfälliger, profunder Kapitalismuskritik und flapsigen Bemerkungen. Ein Beispiel: Die Autor:innen erkennen an, dass es im bestehenden System zwar die Notwendigkeit gibt, Geld zu finden, aber nicht unbedingt zu arbeiten, denn Arbeit sei nichts anderes als Selbstkasteiung, -entfremdung und -ausbeutung. Sie ›bitten‹ daher um folgendes: »Man erlaube uns, einen Scheißdreck darauf zu geben« (S. 27).

Wichtig ist den Autor:innen ein weiterer Punkt, den ich als wichtigsten Bestandteil ihrer System- und Kapitalismuskritik betrachte: Nicht die Ökonomie sei in der Krise, sondern die Krise sei die Ökonomie. Nicht die Arbeit, die fehlt, ist die Krise, sondern die Arbeit, die überflüssig sei. Letzterer Punkt ist nah an der Fundamentalkritik des letztes Jahr verstorbenen Anthropologie-Professors David Graeber, der den Begriff der Bullshit-Jobs prägte. Letztlich ist der Kapitalismus eine intrigante, sich selbst erhaltende Hydra, die – egal, wie viele Köpfe man ihr abschlägt – das Individuum immer dort zum Schuldigen oder Haftenden macht, wo es selber versagt. So folgte auf die wachstumshuldigende Vernichtung der Umwelt zugunsten der ›blühenden‹ Wirtschaft nicht die Erkenntnis, dass der Kapitalismus ganz irre böse ist, sondern »das stählerne Lächeln des neuen grünen Kapitalismus« (S. 55). Natürlich ist der Schutz der Umwelt richtig und wichtig, jedoch ist die Erwartung des Systems nun, dass jede:r Einzelne:r die Aufgabe hätte, einen eigenen Beitrag zur Rettung des ›zivilisatorischen Modells‹ zu leisten, ziemlich schizophren. Erst vernichtet das System die Umwelt und gerät an die Grenzen des Wachstums, weil eine intakte Umwelt als Motor des Wachstums schwer beschädigt wurde – und nun haftet nicht das zerstörende System, sondern das Individuum. 

Der Pestgestank der Zivilisation

Zum Ende des Analyse-Teils des Buches kommt die große, hämmernde Erkenntnis des Unsichtbaren Komitees: Nüchtern betrachtet sind wir als Zivilisation eigentlich ziemlich am Arsch. »Es gibt keinen ›Kampf der Kulturen‹. Was es gibt, ist eine Zivilisation im Zustand des klinischen Todes, über die man eine ganze Apparatur der lebenserhaltenden Maßnahmen ausbreitet und die in der planetarischen Atmosphäre einen charakteristischen Pestgestank verströmt« (S. 69). Die Strategie der Zivilisationskritik laufe ins Leere, weil eine Leiche sich nicht wiedererwachen lasse. Folglich müsse man sich diese Leiche vom Hals schaffen und dies gehe nur durch Widerstand.

Nach über 70 Seiten prangt dort endlich das kämpferische Auf geht’s! und ich war gespannt, was der geniale Gegenentwurf zum Kapitalismus nun sei. Die Ernüchterung erfolgt sofort: Dem unsichtbaren Komitee schwebt als ›revolutionärem‹ Gegenentwurf zum Kapitalismus die Kommune als Mikrosystem eines neu gedachten Kommunismus vor. Dabei handele es sich um kleine Einheiten ›im Geiste vereinter‹ Personen, die sich selbst versorgen und aufeinander achten. Und wie überwindet man den Kapitalismus? Natürlich mit Gewalt, ist ja klar! Die Autor:innen schwadronieren zunächst von der Empfindlichkeit der Elektro- und Computernetze und kondensieren ihre Pläne zu dem rhetorisch gelungenen, aber intellektuell sowie allen humanistischen Werten fernen Aufruf, das Prometheische wiederzuentdecken. Dieses lasse sich »zurückführen und zusammenfassen zu einer gewissen Aneignung des Feuers – fern von jedem blinden Voluntarismus« (S. 90). Um »alles zu ficken« (S. 91) legt man also Feuer? Spätestens an dieser Stelle war ich raus. 

Keine Antwort ist auch eine Antwort

Die Analysen der Autor:innen zum Kapitalismus und seiner krankmachenden sowie schizophrenen Selbsterhaltungsmechanismen mögen zutreffen, aber die Härte, Totalität und propagandistische Verharmlosung von Gewalt finde ich mehr als bedenklich. Das Unsichtbare Komitee überschreitet nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks, sondern auch rote Linien der Gesetzgebung. Die Lektüre war zum Schluss hin nur noch entrüstend. Für einen funktionierenden Gegenentwurf hoffe ich nun auf das nächste Buch von Sibylle Berg.

Das unsichtbare Komitee ist der Zusammenschluss mehrerer französischer Autor:innen, die der französischen autonomen Szene zugeordnet werden. 2015 bekannte sich der libertäre Autor Serge Quadruppani in einem Blogpost mit anderen Autor:innen als Teil des Komitees bzw. als Verfasser von Der kommende Aufstand. Der kommende Aufstand erschien erstmals 2007 unter dem Titel L’Insurrection qui vient. Die hier rezensierte Version erschien 2010 im EDITION NAUTILUS Verlag, wurde von Elmar Schmeda übersetzt und umfasst 124 Seiten. Das Buch sorgte national und international für Furore und führte zur vorläufigen Untersuchungshaft von neun Einwohnern des französischen 341-Seelen-Dorfes Tarnac. Die Verhafteten sind seitdem als Tarnac Nine bekannt, streiten aber ab, Der kommende Aufstand verfasst zu haben.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag, den Autor:innen und dem Übersetzer.


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Mystical Places  • Sarah Baxter

Nach etwas schwer verdaulichen, aber dennoch sehr erhellenden Lektüren wurde es mal wieder Zeit für eine leichtere Lektüre. Erneut entschied ich mich für ein Buch der englischen Reisejournalistin Sarah Louise Baxter – und wurde wie erwartet nicht enttäuscht. In Mystical Places. Inspired Traveller’s Guide entführen mich die Schilderungen der Engländerin in Kombination mit ästhetischen Pop-Art-Illustrationen von Amy Grimes an bekannte und unbekannte Orte der spirituellen Folklore. Nie war Reisen günstiger und in Zeiten der Pandemie entspannter – schließlich trete ich diese Reise an Orte wie Xanadu, den Harz, Nan Madol oder die Nazca-Linien in Kuschelsocken gekleidet und schlecht rasiert an.

Weitschweifende, philosophische Betrachtungen

»Humans need stories. Always have. And most likely always will« (S. 6). Relativ simpel, aber pointiert fasst Baxter zusammen, warum es überall auf der Welt Orte gibt, die nicht nur mit Schönheit, sondern erst recht mit Geschichten aufgeladen sind. Bevor es x-beliebige Dokumentationen auf Netflix gab, erzählten sich die Menschen früher in Geschichten, wie sie die Welt deuten. Auch wenn ich ein sehr rationaler, wissenschaftsliebender Mensch bin, muss ich einräumen: Ein wenig ist der Zauber schon aus der Welt gewichen, seit wir diese durch die wissenschaftliche Methode tiefgreifender verstehen. Ein wenig spüre selbst ich (wie Kerri ní Dochartaigh es bereits in Thin Places schilderte) die Faszination und Anziehungskraft ›mystischer Orte‹. Sie besitzen einen Hauch davon, »that something bigger than ourselves might be just at play – even if that something is the scope of the human imagination« (S. 6). 

Zur vollständigen Lektüre oder zum Durchblättern

Wie man Mystical Places. Inspired Traveller’s Guide liest, ist dem persönlichen Geschmack überlassen. Ähnlich wie schon Atlas der literarischen Orte. Entdeckungsreise zu den Schauplätzen der Weltliteratur oder auch Accidentally Wes Anderson bietet das Buch zwei Möglichkeiten: Entweder man blättert sich ziellos/suchend durch oder liest es an einem Stück. Ich habe mich für die letztere Möglichkeit entschieden, weil mich nicht nur die Orte faszinieren, sondern auch der Schreibstil Baxters. Mal schnörkellos und präzise schildernd, mal verträumt und ausschweifend, legt sie ihren Fokus auf die Geschichte oder die kulturell-historische Bedeutung des jeweiligen Ortes. Hervorragend fand ich insbesondere – vermutlich, weil ich für beide ›Erzählstoffe‹ einen soft spot habe – sowohl die jeweils drei kurzen Seiten über die englische Ortschaft Tintagel mit ihren in die Artus-Sage verwobenen Klippen sowie das japanische Takachiho mit seiner tief im Staats-Shintō verwurzelten Schlucht. Beide gelten als Kraftorte, »pulsating with spiritual energy« (S. 87).

Manchmal erliegt Baxter ihren Ausführungen den Geschichten und grenzt sich nicht stark genug von den manchmal doch eher fantastischen Sagen und Geschichten ab, aber das stört mich nicht. Viele der Orte kannte ich vorher nicht, dann habe ich sie ergänzend zu den farbenfrohen Illustrationen von Amy Grimes gegoogelt und bin auf meiner Recherche im Internet in mehrere rabbit holes gefallen. Mehr kann ich mir als Mensch mit tiefen Inselinteressen von einer doch eher leichteren Lektüre nicht erhoffen – und das im positiven Sinne. Wunderschön!

Sarah Louise Baxter ist eine englische Journalistin. Vor ihrer Karriere als Journalistin für das Reisemagazin Wanderlust bereiste sie Asien, Australien, Neuseeland und die USA. Als freie Journalistin arbeitet sie unter anderem für den Guardian, Telegraph und Independent. Amy Grimes ist eine englische Illustratorin. Sie schloss ihr Studium am Camberwell College of Art 2014 ab. Inspiriert durch die Natur sind ihre Illustrationen farbintensiv und von floralen Mustern charakterisiert. Mystical Places. Inspired Traveller’s Guide erschien 2020 bei White Lion Publishing und umfasst 144 Seiten. Außerdem haben wir von Sarah Baxter bereits Atlas der literarischen Orte. Entdeckungsreise zu den Schauplätzen der Weltliteratur rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / der Illustratorin und der Übersetzerin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Das Eis-Schloss • Tarjei Vesaas

Letzte Woche wachte ich eines Morgens auf, schaute aus dem Fenster – und sah eine verwandelte Landschaft. Noch im Sommer, als wir hierher zogen, erzählte man uns immer wieder: »Ach, hier in Mecklenburg schneit es so gut wie nie.« Doch die Welt vor den Fenstern sah aus wie in der Verfilmung von Drei Haselnüsse für Aschenbrödel oder wiein den Weihnachtsgeschichten von Astrid Lindgren. Ich konnte mir keine bessere Kulisse für Das Eis-Schloss wünschen – ein Roman, der im einem verschneiten norwegischen Dorf spielt, das mich stark an Lindgrens Handlungsorte erinnerte.

Überraschend zeitgemäß

Tarjei Vesaas, der Autor von Das Eis-Schloss ist schon seit über 50 Jahren tot. Das war das erste, was mich überraschte, als ich mich über den Roman informierte. (Als zweites überraschte und begeisterte mich zugleich das Autorenfoto, auf welchem die Katze von Vesaas auf seiner Schulter sitzt.) Denn der Roman wirkt in seiner ganzen Erscheinung unfassbar zeitgemäß, ja fast modern, aber keineswegs fast 60 Jahre alt. Darüberhinaus war ich erstaunt, dass Vesaas ausgerechnet zwei Mädchen im Alter von elf Jahren als Protagonistinnen ausgewählt hatte. Es ist sicherlich nicht allzu einfach, sich als alter Mann so authentisch in dermaßen junge Figuren hineinzuversetzen. Daran wird mir schon am Anfang deutlich, wie gekonnt Vesaas schreiben kann.

Die beiden Protagonistinnen Siss und Unn fühlen sich ab dem Moment voneinander angezogen, als Unn zu ihrer Tante in das Dorf zieht, in dem Siss lebt. Unns Mutter ist im Frühling des Jahres gestorben, ihren Vater kennt sie nur von einem Foto. Die ganzen Sommerferien hinweg betrachten sich die beiden Mädchen kritisch aus der Entfernung und auch die erste Zeit in der Schule bleibt Unn bei den von Siss angeführten Pausenspielen abweisend am Rand stehen. Doch eines Tages wird Siss plötzlich von Unn zu ihr nach Hause eingeladen. Beide Mädchen sind nervös, spüren ihre Verbindung zueinander immens. Sie halten Smalltalk, nähern sich einander nur ganz langsam, ziehen sich plötzlich vollständig aus, aber direkt wieder an. Kurz bevor Unn Siss schließlich ihr großes Geheimnis offenbaren möchte, flieht Siss nach Hause. Diese Begegnung wird ihre letzte gewesen sein: Am nächsten Tag traut sich Unn nicht in die Schule und geht zum Eis-Schloss, einem Gebilde am Wasserfall in der Nähe, wo das Wasser jeden Winter in farbenfrohe Säulen und Räume gefriert. Magisch angezogen erkundet sie Raum für Raum, quetscht sich dafür auch ohne Mantel bekleidet durch dünnste und schmalste Zugänge, bis sie in einem Raum erfriert.

Der tiefste seelische Winter

Unn stirbt schon nach einem guten Viertel des schmalen Bändchens und ihr Tod steht auch direkt auf dem Klappentext von Das Eis-Schloss. Er ist es also nicht, um den es in erster Linie in dem Roman gehen soll. Vielmehr verhandelt Vesaas im Folgenden den Schmerz und den Verlust von Siss. Siss verspricht Unn an einer zentralen Stelle im Buch, an der Vesaas vom auktorialen zum Ich-Erzähler wechselt, dass es keine andere außer Unn geben wird. »Solange du weg bist, soll es jeden Tag so sein« (S. 102).
Was nun auf 100 Seiten folgt, ist der tiefste, eisige Winter. Siss zieht sich zurück, sie vereist innerlich, verschließt sich allen gegenüber. Auf dem Schulhof nimmt sie den Platz von Unn ein. Anfangs wird sie immer wieder von allen möglichen Personen aus dem Dorf darüber ausgefragt, was sie wüsste, was ihr Unn erzählt habe. Doch Siss hat das Problem, dass sie zwar weiß, dass Unn ihr ein Geheimnis anvertrauen wollte, Siss aber ihr zuvorgekommen und geflohen ist. Sie weiß, dass sie nichts weiß.

Erstaunlich finde ich, dass Siss mit dem Ende des Winters heilt – nicht aus sich selbst heraus, sondern durch ›Fremdeinwirkung‹. Irgendwann, als sie sich sicher ist, dass Unn nicht zurückkommen wird, beschließt die Tante von Unn, wegzuziehen. Sie verkauft ihr Haus und geht am Vorabend vor ihrem Umzug mit Siss spazieren. Dort macht sie ihr deutlich, dass Unn nicht zurückkommen wird. Und sie entbindet Siss von jedweder Art Versprechen, das Siss gegenüber Unn ausgesprochen haben könnte. Siss ist hin- und hergerissen und findet auch langsam wieder Kontakt zu ihren Mitschüler:innen. Gerade, als ein Junge aus der Schule ihre Grübchen erwähnt, taut sie allmählich auf – passend zu der Zeit, als der Schnee schmilzt und schließlich auch das Eis-Schloss zusammenbricht.

Punktgenaue Poesie

Mich überrascht, wie ›sensationslos‹ und dennoch fesselnd die Handlung von Das Eis-Schloss ist. Geprägt von Büchern, Serien und Filmen, wo immer wieder das Sterben oder ›aktive‹ Handlungen im Mittelpunkt stehen, muss ich mich immer wieder erst auf Handlungen einlassen, bei denen das nicht der Fall ist. Becketts Warten auf Godot ist dafür natürlich das Paradebeispiel. Aber auch Das Eis-Schloss war schwierig für mich. Da Siss nicht aktiv den Tod von Unn verarbeitet, sondern sich von ihrem Versprechen durch die »Schneezeit und Todeszeit« (S. 158) tragen lässt und sich noch dazu nicht nur vor den anderen Figuren, sondern sich auch vor mir als Leserin verschließt, geschieht in weiten Teilen des Romans doch nicht allzu viel. Und dennoch konnte mich Das Eis-Schloss zutiefst begeistern. Vesaas schreibt derart fokussiert, das er nicht selten nur Ellipsen auf das Blatt bringt. Das klingt dann entweder nach Alltagssprache oder nach schönster Poesie – er biegt sich die Sprache punktgenau und ohne künstliche Hilfsmittel so zurecht, wie er sie haben möchte. Dazu kommt das Alter der Mädchen: Mit elf Jahren befinden sich Siss und Unn in einer Zwischenphase, beide sind keine Kinder mehr, aber auch noch lange keine Jugendlichen. Sie entdecken allmählich ihren Körper und ihre Gefühle und sind damit gleichzeitig immens überfordert. Dieses Alter macht die gesamte Handlung noch einmal besonders spannend.

Mit Das Eis-Schloss hat Tarjei Vesaas 200 Seiten Winterprosa aufs Papier gebracht, die kaum zeitgemäßer klingen könnte. Vesaas changiert in jeden Absatz zwischen alltäglichen Gesprächen und Poesie und webt so eine Sprache, die sich hervorragend an den Eissäulen des Eis-Schlosses bricht. Mithilfe dieser Sprache baut er neben der eigentlichen Handlung und Jahreszeit eine feine, aber permanent vorhandene Meta-Ebene auf, die sich um die eigentliche Handlung schmiegt: Während die Natur vereist, vereist auch Siss – und gemeinsam mit dem großen Schmelzen taut auch in Siss wieder etwas auf. Schöner können Metaphern für einen Verlust kaum sein.

Tarjei Vesaas, Jahrgang 1897, gestorben 1970, war ein norwegischer Schriftsteller. Zeit seines Lebens brach er mit gängigen Konventionen: Er übernahm nicht den Hof seines Vaters, reiste durch Europa und heiratete eine Lyrikerin. In Norwegen gilt er als einer der bedeutendsten Autor:innen des 20. Jahrhunderts. Er schrieb seine Bücher auf Nynorsk, einer der beiden offiziellen Sprachen Norwegens, die auf westnorwegischen Dialekten basiert. Mehrmals wurde Vesaas für den Literaturnobelpreis nominiert, bekam ihn aber nie verliehen. Das Eis-Schloss wurde erstmals 1963 veröffentlicht und mit dem Preis des Nordischen Rats, dem wichtigsten Literaturpreis Skandinaviens, ausgezeichnet. Meine Ausgabe ist 2021 bei dtv erschienen, umfasst 208 Seiten und wurde von Hinrich Schmidt-Henkel übersetzt.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Autor, dem Verlag bzw. bei dem Übersetzer.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Zur Verteidigung der Traurigkeit • Bettina Fellmann

Jede:r kennt das: Manchmal sind wir traurig, ohne genau erklären zu können, warum das so ist. In den letzten Jahren häufen sich die Schreckensmeldungen der Krankenkassen und Behörden, dass soundsoviel Prozent der Gesellschaft mittlerweile in psychotherapeutischer Behandlung seien oder an ›modernen‹ Erkrankungen – Erschöpfung, Burnout, Depressionen  – leiden würden.
Jetzt ist im MaroVerlag aus der Feder der Krankenschwester Bettina Fellmann Ein erschöpftes Heft mit dem schönen Titel Zur Verteidigung der Traurigkeit erschienen. In ihrem Essay plädiert sie für eine andere Wahrnehmung von Erschöpfungssymptomen: Diese seien letztlich (nicht in allen Fällen) die Folge äußerer, systemischer Umstände – und keine inneren Zustände des Individuums. Das leide vielmehr unter der Realität, die wir verharmlosend als ›Normalität‹ bezeichnen.

»You take the red pill … you stay in Wonderland, and I show you how deep the rabbit hole goes«

Dass der Essay keine leichte Kost werden und potentielle Leser:innen nicht wie ein rohes Ei behandeln würde, machen bereits die ersten Sätzen Fellmanns deutlich: »Die von Menschen gemachte, gesetzmäßige Ordnung ist eine traurige Ordnung und sie erscheint ausweglos. Wer darin lebt, wird unwiderruflich beschädigt oder zerstört« (S. 3). Hiermit fängt der eigentliche (systemkritische) Spaß erst an.
Fellmann hebt hervor, dass vor allem individuelle Abweichungen von der Norm, gerade in politisch widerständiger Hinsicht, gezielt vom System zermürbt und kleingemacht werden. So stoßen Verbesserungsvorschläge in den verschiedenen Teilsystemen der Gesellschaft zwar nicht auf Abwehr, fundamentale Veränderungen lassen sich aber dennoch nicht durchsetzen. Dafür sollen uns Meditationen, Mindfulness-Gelaber und Glückssprüche auf Teebeuteln trösten: Selbst Yogi-Tee betreibt konservative Systempropaganda.

Zwar zielt Fellmanns Kritik auf die Beständigkeit des Pflegesystems als Teilsystem des Kapitalismus ab, jedoch lässt sich dieses hervorragend dekontextualisieren und auf jedes beliebige Teilsystem übertragen. Fellmann schießt auf jeder Seite rhetorische Enttäuschungs-Salven ab, die ihr Ziel treffen: »Wie sich die Menschen im Alltag fühlen, wie es ihnen wirklich geht, rückt in den Hintergrund« (S. 5). Als Leser werde ich gar nicht erst wie Neo in der Matrix-Trilogie von Morpheus vor die Wahl gestellt, ob ich die rote oder blaue Pille möchte. Fellmann verordnet mir relativ drakonisch die rote Pille und lässt mich in das unschöne Antlitz der Realität blicken.

Vorhersehbare, linke Technikskepsis und konservative Psychotherapie

Etwas sprunghaft folgert Fellmann aus ihrer grob umrissenen Systemkritik mit Bezug auf das bereits 1965 von Theodor W. Adorno geschilderte Überforderungsgefühl, dass die ›digitale Kultur‹, wie sie es nennt, zu einer Verarmung der tatsächlichen erlebten Lebenswahrnehmung führe. Damit wärmt sie allerdings nur das gerne in linksintellektuellen Kreisen beliebte Narrativ der ›menschenfeindlichen‹ Technik auf und macht es sich angesichts der anfänglich hervorragenden Interpretationsansätze lächerlich einfach. Nach den Erfahrungen der verbindenden Kraft technologischer Möglichkeiten durch das pandemiebedingte social distancing schmeckt diese unreflektierte Technikskepsis nach bitterem, kalten Kaffee. Da reicht es auch nicht, protektionistisch zu behaupten, dass jeder Person, die »bei der digitalen Entwicklung nicht mitziehen will« (S. 6), ›Technikfeindschaft‹ vorgeworfen werde.
Philipp Blom hatte es bereits in Was auf dem Spiel steht angedeutet: Die transformativen Kräfte der Technologie dringen in die Mitte der Gesellschaft, weil diese bereits die transformativen Kräfte der Gesellschaft als solche längst überholt haben.

Pathologisierung der Systemmüdigkeitssymptome

Stark ist Fellmann dann wieder dort, wo sie den Zusammenhang von Systemüberdrüssigkeit und Traurigkeit herstellt. So hält sie fest, dass nur diejenigen reicher werden könnten, die »auf der Ablehnung der verkehrten Welteinrichtung« (S. 8) beharren. Folgt man der Argumentation und den Gedanken Fellmanns, so ist letztlich die Psychotherapie Verteidigerin des Systems. Die »Pathologisierung« (S. 12) des traurigen Menschen folge systemerhaltenden Logiken, weil die Gesellschaft und das System vermittelt bekommen, das diese bleiben könnten, wie sie sind und das eigentliche Problem das (traurige) Individuum ist. Früher las man Marx und schrie sich mit roten Flaggen bestückt die Seele aus dem Hals, heute bucht man sich ein Yoga-Retreat, weil nicht die Welt, sondern man selbst ›aus den Fugen‹ geraten sei.

Mit vielen Zwischenhalten und zu lang geratenen Horkheimer- und Adorno-Zitaten kommt Fellmann letztendlich zur sprachlich hervorragenden Schlussfolgerung, dass nur das sich mit dem System abfindende Individuum dieses System erhält. »Das System, das von uns zehrt, verdient nicht, erhalten zu werden« (S. 31). Punkt.

Sensibilisierung für eine andere Wahrnehmung der Traurigkeit

Bettina Fellmann hätte ihre Gedanken in dem Essay Zur Verteidigung der Traurigkeit ruhig und gern ausführlicher fassen können, weil die Ansätze der Systemkritik hervorragend, wenn auch nicht immer durchweg folgerichtig oder zielsicher sind. Für mich kommt dieser Essay zur rechten Zeit. Meine Erschöpfung oder Traurigkeit sind demnach die Folge äußerer Einflüsse, auf die ich herzlich wenig Einfluss habe. Die Konsequenz daraus wäre, sie einfach zu verlassen. Vielleicht eröffnet das neue Jahr ja solche Handlungsspielräume.

Bettina Fellmann, Jahrgang 1978, ist seit 1998 eine deutsche Krankenschwester und wundert sich sehr häufig über das System, in dem sie arbeitet. Aus Ermangelung fundierter  Widerstandsbewegungen beschäftigt sie sich in ihrer Freizeit mit kritischer Theorie und schrieb bereits mehrere Beiträge für die Wochenzeitung Jungle World. Rebekka Weihofen, Jahrgang 1991, ist eine deutsche Illustratorin und Graphikerin. Zur Verteidigung der Traurigkeit erschien 2021 im MaroVerlag, wurde von Rebekka Weihofen illustriert und umfasst 32 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Autor, dem Verlag bzw. bei der Illustratorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Frag Iwata • Satoru Iwata

Satoru Iwata, der leider 2015 an einer aggressiven Krebserkrankung verstorbene Nintendo-Präsident, entschuldigte sich mit »Please understand« bei den Core-Gamern immer wieder in den zahlreichen Nintendo-Direct-Streams, in denen das Videospiel-Unternehmen seine neuesten Spiele ankündigte, wenn es wie so oft erneut zu Verzögerungen in der Produktion von Spielen kam. »Please understand« ist so zum geflügelten Wort geworden.

Neben Christopher Hitchens, Carl Sagan, Mercè Rodoreda und Pier Paolo Pasolini ist das Ableben von Satoru Iwata für mich persönlich einer der herbsten Verluste in der Menschheitsgeschichte. Sicherlich werden sich jetzt einige fragen: »Satoru… wer?«. Satoru Iwata war gemeinsam mit Shigeru Miyamoto (Erfinder der Videospielfigur Mario; er wurde auch Mr. Nintendo genannt) und Eiji Aonuma (Koordination des The Legend of Zelda-Franchise) an der Produktion zahlreicher Videospiele beteiligt, die meine Kindheit prägten, mit denen ich aufwuchs, das Lesen lernte und die ich als Trägermedium mit meinem ebenfalls zu früh verstorbenen Bruder verbinde. Nun sind Weisheiten und Hintergrundinformationen zum Leben und der Person Satoru Iwata in dem niedlichen Büchlein Frag Iwata. Weise Worte von Nintendos legendärem CEO Satoru Iwata erschienen. Die gesammelten Zitate, Schnipsel, Aussagen und Interviews unter anderem mit Shigeru Miyamoto zeichnen das Bild eines aufrichtigen Workaholics und wertschätzenden Mannes, der das ›Glücklichsein‹ zum Unternehmensziel erklärte.

Berührender Anlass für die Herausgabe des Buches

Die japanische Originalausgabe wurde von Hobo Nikkan Itoi Shinbun herausgegeben, dem Unternehmen des MOTHER-Produzenten Shigesato Itoi, einem Weggefährten Iwatas. Angesichts des großen Lochs, dass der Tod Iwatas in die Herzen der Spielefans in aller Welt riss, entstand laut ihm das starke »Gefühl, dass jetzt und in Zukunft eine Nachfrage nach einem Buch bestehen könnte, das die Worte von Iwata-san zusammenfasst« (S. 11). Itoi schließt das Vorwort hoffnungsvoll ab: »Wir hoffen, die Worte von Iwata-san mögen noch lange Zeit viele Menschen erreichen« (S. 12).
Die sieben Kapitel berichten von Iwata als Privatperson, Unternehmer und Spieleentwickler und werden durch Gespräche mit Weggefährten wie Miyamoto und Itoi abgeschlossen. Sie sind dabei so strukturiert, dass zunächst gebündelte und anschließend fragmentarische Aussagen von Iwata zum jeweiligen Schwerpunkt angeführt werden. So erfahre ich zum Beispiel, dass Iwata sich selbst durch das Programmieren von Schultaschenrechnern an das Spielen heranführte.

Ein japanischer Wolfgang Grupp

Ähnlich wie der deutsche Textilunternehmer Wolfgang Grupp (Trigema) propagierte Iwata die Überzeugung, als Unternehmer für das eigene Handeln persönlich zu haften. So beschnitt Iwata 2013/2014 in krisengeschüttelten Zeiten die Gehälter der Unternehmensführung Nintendos – inklusive seines eigenen Gehalts – um 20 bis 50% für einige Monate, damit niemand aus der Belegschaft entlassen werden musste. Schon damals fand ich das beachtlich, weil ein solches Verhalten von moralischer und unternehmerischer Verantwortung sowie Solidarität mit der Belegschaft zeugt. Während der Lektüre des Buches nahm diese Beachtung zu: Um die eigenen Entscheidungen abzuwägen, führte Iwata bereits während seiner Zeit als Direktor von HAL Laboratory Einzelinterviews mit allen Mitarbeitenden durch, um herauszufinden, wo die Stärken und Schwächen des Unternehmens lagen. Bei diesem bottomup-Ansatz ging es jedoch nicht primär um die unternehmerische Ausrichtung in nächster Zeit, sondern vor allem um das Glücksempfinden der Mitarbeiter:innen. »Bei den Gesprächen gab es mit allen Angestellten andere Themen zu besprechen. Einzig und allein die erste Frage war von vornherein festgelegt: »Sind Sie jetzt glücklich?« (S. 26). Oberste Maxime allen Handelns, ob als Unternehmer oder als Personalchef war es für Iwata, das Eigeninteresse zu eliminieren und dieses dem Glück aller unterzuordnen – seien sie Kund:innen (Spieler:innen) oder Mitarbeitende. 

Der Ton macht die Musik

Selbst nach der Übernahme der Unternehmensgeschäfte von Hiroshi Yamauchi, dem milliardenschweren dritten Präsidenten von Nintendo, schlug Iwata stets milde, vorsichtige Töne an: »Derzeit bin ich also dabei, vieles zu ändern. Doch ich verändere es nicht, weil ich es ablehne« (S. 45). Behutsam mit der Arbeit und Leistung von anderen Personen umzugehen, war Iwata wichtig. Davon können sich viele Vorgesetzte eine dicke Scheibe abschneiden. So besonnen und rücksichtsvoll zu kommunizieren, zeugt von einem großen Respekt gegenüber der Leistung eines jeden Menschen. Unter dem selbstgewählten Schlagwort der ›Visualisierung‹ verschickte Iwata an alle Mitarbeiter:innen Sitzungsprotokolle, lud interessierte Mitarbeiter:innen zu Podien mit Redner:innen ein oder spielte mit den Werksleitern und dem versammelten Vorstand Wii Sports, bis alle Beteiligten »nassgeschwitzt« (S. 150) waren.
Das Bild eines weitsichtigen, offenen, transparenten und sympathischen Unternehmers verfestigte sich bei mir durch die Lektüre. Auch von Rückschlägen ließ sich Iwata nicht beeindrucken. Ähnlich wie beim Programmieren des Schultaschenrechners betrachtete er sein Handeln als Unternehmer unter dem Aspekt des Prinzips des trial and error. Auf diesem Gebiet sei er mit den Jahren geübt gewesen und betrieb diesbezüglich täglich gewissermaßen »Krafttraining« (S. 71).

Sympathische, aber selektive Darstellung

Durch die Schilderungen von Satoru Iwata als arbeitenden, nachfragenden, interessierten und bücherverschlingenden Menschen, der selbst auf Flügen arbeitete, während der Mario-Erfinder Shigeru Miyamoto schlief, ergibt sich das mosaikartige Bild eines Menschen, der in seiner Arbeit aufging und sich selbst sowie seine Gesundheit vergaß. Iwata stand sowohl bei HAL als auch bei Nintendo mehrere Unternehmenskrisen durch, ohne Mitarbeiter:innen feuern zu müssen, weil er stets bei sich oder dem Vorstand sparte. In der Post-Finanzkrisen-Welt ist das eher eine Seltenheit. Immer wieder hört man im Bekannten- oder Freundeskreis von Mitarbeiter:innen, die nach 20 Jahren in einem Unternehmen vor die Tür gesetzt werden. Die Schilderungen in Frag Iwata. Weise Worte von Nintendos legendärem CEO Satoru Iwata machen Hoffnung, dass Vorgesetzte auch anders sein können. Iwata erinnert mich vielfach an meinen alten Chef, weil dieser genauso respektvoll mit allen Kolleg:innen umgeht und umging. Zwar wirkt die Übersetzung stellenweise etwas gestelzt, jedoch ist das Buch eine absolute Empfehlung für alle ›Nintendo-Kinder‹ und Personen, die sich mit einem Unternehmer auseinandersetzen möchten, der wie aus dem Bilderbuch zu entspringen schien. Ich vermisse Iwata-san sehr und verneige mich vor seiner Lebensleistung für das Glück so vieler Menschen rund um den Globus.

Satoru Iwata, Jahrgang 1959, verstorben 2015, war ein japanischer Programmierer und Manager. Er war Präsident von HAL Laboratory, der vierte Präsident des Videospiel-Giganten Nintendo und CEO von Nintendo of America. Er spielte besonders bei der Entwicklung der Nintendo Wii und der Wii U eine zentrale Rolle. Letztere ist gemeinsam mit der Nintendo Switch sein Vermächtnis an die Spiele-Welt. Er entwickelte zahlreiche beliebte Nintendo-Videospiele mit. Frag Iwata. Weise Worte von Nintendos legendärem CEO Satoru Iwata erschien erstmals 2019 im Verlag 100%Orange. Die hier rezensierte Version erschien 2021 mit freundlicher Genehmigung von Hobonichi Co. Ltd. im Verlag FinanzBuch Verlag, wurde von Dr. Monika Lubitz übersetzt und umfasst 185 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Autor, dem Verlag bzw. beim Herausgeber und der Übersetzerin.


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Erste Person Singular • Haruki Murakami

Alle reden von Haruki Murakami. An mir ist dessen Prosa bisher völlig vorbeigegangen. Bisher habe ich mich der japanischen Literatur viel mehr durch die Lektüre von Kenzaburo Ôes Stolz der Toten, San’yūtei Enchōs Die Pfingstrosenlaterne und Yukio Mishimas The Sailor Who Fell from Grace with the Sea angenähert. Ich betrete also mit der Lektüre von Murakamis kaleidoskopischem Kurzgeschichtenband Erste Person Singular literarisches Neuland, immerhin schwingt bei der Nennung des Namens ›Murakami‹ direkt etwas Glanzvolles, Bedeutungsschweres mit, das Echo von Weltliteratur – und die Kurzgeschichtensammlung versprach schon bereits ab der Lektüre der ersten Kurzgeschichte ein wilder Ritt zu werden.

Wer bin ich und wenn ja, wie viele?

Dass die Kurzgeschichten Murakamis autobiografisch geprägt sind, wird schon vor der Lektüre schnell deutlich, wenn man mal kurz in seinen Wikipedia-Artikel schaut. Murakami ist Freund der klassischen Musik, liebt Baseball, Wodka Gimlet, Schallplatten und betrieb von 1974 bis 1982 eine Jazz-Bar in Tokio. Mit den Kurzgeschichten legt Murakami Zeugnis über punktuelle Erfahrungen und Erinnerungen seiner Biografie ab, indem er diese poetisch aufgeladen wiedergibt. Das ist streckenweise große, hervorragende Literatur, ab und zu aber auch Schund.

Dass japanische Autor:innen einen anderen Bezug zu kreatürlichen, körperlichen Schilderungen haben, ist mir im Vorfeld bewusst gewesen, schließlich habe ich ja ähnliche Lektüreerfahrungen bei Yukio Mishima gemacht, als er – relativ bildreich beeindruckend – einen erigierten Penis als »lustrous temple tower« bezeichnete. Murakami weiß dies jedoch intellektuell zu unterbieten, indem er schreibt: »Also überlegte ich, ob ich vielleicht ihren Namen rufen sollte, was mir aber letztendlich doch zu albern vorkam, sodass ich nur stumm in der anderen Frau ejakulierte« (S. 14). Die aufflackernde Plakativität und geradezu plumpe Prosa Murakamis machte mich nicht nur ein paar Mal sprachlos. Wenige Zeilen nach dieser unterfordernden Textzeile zaubert Murakami jedoch den Satz »Mitunter berührt ein Name einen Menschen bis in sein tiefstes Inneres« (ebd.) auf das Papier und weiß mich damit zu begeistern. Vielleicht ist dies ja auch die Absicht Murakamis – mit meinen Gefühlen pendelnd zwischen Faszination und Ablehnung zu spielen.

Einfühlsame Mystik trifft auf stupide Erotik

Zeitweise wird mein Lesefluss durch die ständige Wiederholung der erotischen Erlebnisse des literarischen Ichs gestört. Allein in der ersten Kurzgeschichte (Ein Kissen aus Stein) geht er nach der stumpfen Schilderung des Techtelmechtels mit einer Kellnerin sechsmal erneut auf den zurückliegenden Sex ein, als würde er ihn nicht loslassen.
Die zweite Kurzgeschichte Crème de la Crème hingegen wiederum fand ich recht beeindruckend, weil sie mit dem Narrativ der falsch oder verdreht erinnerten Vergangenheit spielt. Das literarische Ich erhält vermutlich eine scherzhafte Einladung zu einem Klavierspiel und findet sich auf einer Parkbank auf einem Hügel in Kobe wieder und begegnet einem alten Mann, der dem literarischem Ich – einem jungen, unmotivierten Schüler – ein Rätsel aufgibt. Der alte Mann, von dem Murakami offen lässt, ob er tatsächlich existiert oder nicht, fragt den Schüler, ob er sich einen Kreis mit mehreren Mittelpunkten und ohne Begrenzung vorstellen könne. Könne er nicht, antwortet das literarische Ich. »Natürlich nicht. Das liegt auf der Hand. In der Schule lernt man doch nichts. Was wirklich wichtig ist, bringen sie einem dort nicht bei« (S. 40). Der Kreis, so wird die Geschichte und letztlich ihre Moral aufgelöst, sei eine Metapher für das tiefe Mitgefühl, das ein Individuum einem anderen Menschen oder einer Weltauffassung gegenüber empfinde. Das ist schön, aber immer noch von keiner großartigen literarischen Fallhöhe. Ähnlich wie Sigrid Löffler das schon wortwörtlich im Literarischen Quartett über Murakamis Buch Gefährliche Geliebte sagte, mag ich dies auch diesem Buch unterstellen: Was Murakami vorlegt, ist literarisches »Fast Food«.

Bekenntnisse eines gealterten Literaten

An vielen Stellen zeigt sich Murakami über sein Alter etwas betrübt und schwelgt in Erinnerungen. Im Mittelpunkt dieser Erinnerungen stehen Schallplatten und Schulmädchen. Trotz der poetischen Lakonie in Sätzen wie »Womöglich erscheint einem der Tod eines Traums trauriger als der eigentliche Tod« (S. 65) ist das schon etwas flach. Schnell erwecken die Schilderungen Murakamis in mir den faden Geschmack der Früher-war-alles-besser-Prosa. Schön ist dabei jedoch immerhin die metaphorische Aufladung von Schallplatten nicht nur als Trägermedien von Musik, sondern auch als Trägermedien schöner Erinnerungen. 

Die letzten beiden Kurzgeschichten bilden dabei das Fanal der vorigen Kurzgeschichten. In Bekenntnis des Affen von Shinagawa begegnet das literarische Ich in einem Onsen (einer heißen Quelle) einem sprechenden Affen, der die Musik von Bruckner schätzt und Frauen (natürlich) durch die Entwendung von Ausweisdokumenten ihren Namen stiehlt: »»Sie mögen Bruckner?« »Ja, seine siebte Sinfonie, besonders den dritten Satz, finde ich immer sehr inspirierend.« »Ich höre öfter seine neunte«, bemerkte ich wieder mehr oder weniger sinnlos« (S. 176).

Auf die sowieso gewollt und konstruiert wirkende Mystik, die in der Geschichte zum Ausdruck kommt und die ich nicht verstehe, packt Murakami noch oben drauf seine Präferenz für klassische Musik und lässt sie auch in der letzten titelgebenden Geschichte Erste Person Singular mehr als deutlich durchscheinen. Letztlich erinnert mich das an ungute Lese-Erfahrungen aus von Schirachs Kaffee und Zigaretten und lässt mich zu dem Schluss kommen, dass bei Erste Person Singular trotz der netten Prosa und des dahinplätschernden Leseflusses viel intellektuelle Besserwisserei dabei ist.

Allerwelts-Prosa

Die Kurzgeschichten Crème de la Crème, With the Beatles sowie Carnaval haben mich rundum überzeugt, der Rest lässt mich etwas fragend zurück, da die Prosa Murakamis in mir den Zwiespalt des Spiels von Anziehung und Ablehnung hinterlässt. Teilweise hat mich die gewollte Provokation Murakamis mit seinen stumpfen Erotik-Ergüssen arg angeekelt und mein Verständnis für Sigrid Löfflers Fundamentalkritik im Literarischen Quartett im Jahr 2000 geschärft. Das Frauenbild Murakamis ist definitiv kritisch zu betrachten. Dennoch weiß er zu erzählen, da sich Erste Person Singular an einem Abend flüssig ›weglesen‹ lässt. Ein netter, literarischer Snack für zwischendurch, aber keine Weltliteratur.

Haruki Murakami, Jahrgang 1949, gilt als einer der bedeutendsten japanischen Schriftsteller. Seine Bücher wurden in über 50 Sprachen übersetzt und er ist Träger zahlreicher nationaler und internationaler Literaturauszeichnungen. Er ist unter anderem Träger des Franz-Kafka-Literaturpreises. Im Jahr 2000 sorgte Murakamis Prosa für einen Eklat im Literarischen Quartett. Erste Person Singular erschien erstmals 2020 bei Bungeishunju. Die hier rezensierte Version erschien 2021 bei der Büchergilde Verlagsgesellschaft mit Genehmigung von DuMont, wurde von Ursula Gräfe übersetzt und umfasst 217 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / der Übersetzerin.


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Realitätsschock • Sascha Lobo

Die PISA-Krise aus dem Jahr 2000 ist einer der mir am lebhaftesten in Erinnerung gebliebene Einbruch der Realität in die Zuckerwattewelt vieler liberaler, konservativer und allgemein bürgerlicher Kreise – also jener Teile der gesellschaftlichen Diskurse, die sich ohne Reue als Realitätsurlauber:innen bezeichnen lassen können. ›Plötzlich‹ wurde das, was bereits seit den 1970er Jahren der Bildungsforschung bekannt war, breiten Schichten der deutschen Bevölkerung bewusst: Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schul(miss)erfolg ist in keinem Land Europas so signifikant wie in Deutschland und führt zu dem schlechtem Abschneiden bei internationalen Vergleich-Tests. Die Schlagzahl dieser ›Realitätsschocks‹ hat in den letzten Jahren an Dichte zugenommen: »Plötzlich müssen wir erkennen, dass die Welt anders ist als gedacht oder erhofft« (S. 9).
In seinem zunächst plakativ wirkenden, essayistisch geprägten Sachbuch Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart + neu: Der Corona-Schock lokalisiert und analysiert der Blogger Sascha Lobo zehn dieser Realitätsschocks und stellt dabei ähnliche Beobachtungen wie Roger Willemsen in Wer wir waren und Philipp Blom in Was auf dem Spiel steht an.

Globalisierungs- und Digitalisierungsprozesse als Fixpunkte

Katalysatoren der verschiedenen Realitätsschocks und Transformationsprozesse sind laut Lobo wie im Essay von Blom die zunehmenden Globalisierungs- und Digitalisierungsprozesse. Hier ist Lobo zunächst (ebenso wie bereits Willemsen und Blom) einer begrifflichen Unschärfe unterlegen, denn wie der hervorragende Globalhistoriker Jürgen Osterhammel in Die Flughöhe der Adler. Historische Essays zur globalen Gegenwart festhielt: Die Digitalisierung und die Globalisierung gibt es nicht, sondern verschiedene Globalisierungsprozesse, die parallel zueinander verlaufen.

Als Realitätsschock definiert Lobo »eine schlagartige Erkenntnis oder eine Enttäuschung im Wortsinn (…), also das Ende einer Täuschung« (S. 9). Die Digitalisierungs- und Globalisierungsprozesse hätten Unverbundenes vernetzt und der Zivilbevölkerung die Hoffnung genommen, die wirtschaftlichen Eliten und Amtsträger:innen der Politik hätten so etwas wie ›Kontrolle‹ oder ›Übersicht‹ über den Lauf der Welt. Die Corona-Pandemie war letztlich das Pulverfass, das die nationalistischen, protektionistischen Tendenzen besonders der osteuropäischen Mitgliedsländer innerhalb der Europäischen Union (Stichwort Festung Europa) als das enthüllte und explodieren ließ, was sie sind: lachhafte Versuche, das Aufwärmen der Vergangenheit als wohlgefühligen, funktionierenden Politikentwurf zu verkaufen.
Nonchalant schlussfolgert Lobo: »Kein Land kann sich heute noch leisten, nicht global zu planen und zu handeln« (S. 11). Allein die Einleitung dieses von mir zunächst unterschätzten Buchs gibt einen Vorgeschmack auf die folgenden 400 Seiten, die von Lobos ironischen, manchmal zynischen, aber stets scharfsinnigen Beobachtungen geprägt sind.

Persönliches Erleben ist die Voraussetzung des Realitätsschocks

Lobos Kapitel folgen einem ähnlichen, verlässlichen Muster: Er schildert einen Realitätsschock anhand eines konkreten Beispiels, um mich als Leser behutsam, fast liebevoll auf das nun folgende Thema einzustimmen und spannt dann den Bogen zum großen Ganzen. Hier erfolgt die große Kaskade an Beobachtungen und ausführlichen Analysen, ohne den Bezug zur persönlichen Realität des Individuums zu verlieren. Alle zehn Kapitel sind so aufgebaut. Das funktioniert ganz ausgezeichnet, wirkt aber auch etwas angestaubt, quasi wie aus dem Werkzeugkasten der literarischen Blaupausen gegriffen.

Ausgangspunkt für die Einkehr der Realität in die Wahrnehmung jedes Einzelnen sind laut Lobo sogenannte »persönlich nachvollziehbare Rückkopplungen« (S. 24). So sei den meisten Menschen der Klimawandel besonders durch den trockenen Sommer 2018 und die vage normative Beobachtung, dass es heute weniger Schmetterlinge als früher gäbe, bewusst geworden. Spätestens die Flutkatastrophen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz im Bundestagswahljahr 2021 sowie die Allgegenwärtigkeit der Fridays-for-Future-Bewegung haben zumindest in Teilen der Bevölkerung zur Einsicht geführt, dass sich etwas in der Politik, wenn nicht gar an unserem persönliches Verhalten ändern müsste. Dass Schellnhuber und seine Kolleg:innen bereits seit den 80er Jahren vor allem durch die Weiterentwicklung von Daten-Software konkrete Warnungen vor einer ›Klimakatastrophe‹ aussprachen, ist dabei laut Lobo nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Entscheidend für einen Realitätsschock sei das Erleben.
Zwischendurch schimmert während eines jeden Kapitels bereits die jeweilige Schlussfolgerung Lobos aus dem Realitätsschock durch, aber deutlich formuliert er diese am jeweiligen Kapitelende auf wenigen (maximal vier) Seiten, die quasi die Kirsche auf der Sahnetorte seiner interessanten Beobachtungen ist. Zum Beispiel: »Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts wird ein ökologischer und bedingungslos nachhaltiger sein oder er wird nicht sein. Jedenfalls nicht mehr lange« (S. 58).

Politisch gefärbte Mic-Drops

Wer Lobos Redebeiträge kennt, der weiß: Ein Jan Fleischhauer mit Irokesenschnitt ist er nicht. Daher sind seine Beobachtungen stets ungeschont und politisch eingefärbt, gerade beim Thema Migration. Der Grund für die Migrationsbewegungen nach Europa sei letztlich Europa. Die politischen Kräfte jeder Couleur seien dabei einer Märchenerzählung erlegen: der Mär von der ›Bekämpfung der Fluchtursachen‹. Lobo dreht und wendet dieses politische Narrativ und entlarvt dieses als naiv. »Migration ist unaufhaltsam, auch deshalb, weil sie heute mit der Kraft der Vernetzung geschieht. Migration ist heute ein sehr digitales Phänomen« (S. 66). Die heutigen Wanderungsbewegungen seien eine direkte Folge des rassistischen Weltbeherrungstraums Europas, der in der grausamen Kolonialismusgeschichte seinen Ausdruck fand. Viele dieser Beobachtungen sind zwar für mich nicht neu, aber sie sind definitiv einer Erwähnung und näheren Analyse wert.

Besonders erwähnenswert sind hinsichtlich ihrer politisch (für mich) gefälligen Färbung die Kapitel Rechtsruck. Der kurze Weg nach Rechts, Künstliche Intelligenz. Wir nannten es Arbeit und Corona. Die digitale Revolution. So führt Lobo beispielsweise aus, dass der Wendepunkt des Rechtsrucks in Deutschland die Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab gewesen sei. Das rassistische Machwerk des ehemaligen Sozialdemokraten wäre das Fanal gewesen, um den in rechtsextremen, französischen Kreisen bedienten Narrativ einer ›homogenen Gesellschaft‹ Zunder zu liefern und somit in Deutschland ideologisch den Weg frei zu machen für die Nebenwirkung einer von Neurechten erträumten ›Konservativen Revolution‹: Rassismus, Antisemitismus, Misogynie und Homophobie sind wieder en vogue und sickern unter begrifflich falscher Flagge häufiger in die Diskurse ein.
Ausgangspunkt des Rechtsrucks in Deutschland und weiteren Ländern des Westens sei dabei das Gefühl einer Entfremdung von Politik und Geschehen. Lobo findet hierfür den hervorragenden Begriff »Gegenwartshadern« (S. 146), das er als Hauptgrund für die Verschiebung des politischen Spektrums und des Meinungskorridors ausmacht. Auslöser dieses Unsicherheitsgefühls sind wiederum die zwei Fixpunkte, die sich durch alle Kapitel ziehen: Digitalisierung und Globalisierung.

Ein gutes Sachbuch

Ich habe ganz bewusst bei der Lektüre die Kapitel zu China, Gesundheit und Wirtschaft überflogen, weil sie mich ehrlich gesagt weniger interessieren. Vielmehr hätte ich mir ein Kapitel zur Bildung der Zukunft gewünscht. Das Kapitel zur digitalen Revolution durch Corona hätte darüberhinaus auch etwas umfangreicher sein können, statt als Zusatz dieser Version des Buches dahingeschmissen zu werden, da ich gerade von einem ›Digitalexperten‹ wie Lobo diesbezüglich etwas mehr analytischen Tiefgang erwartet hätte.
Aber trotz meiner kleinen Kritikpunkte ist Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart + neu: Der Corona-Schock ein hervorragendes, überraschendes Sachbuch. Nicht nur die Vielfalt der Themen ist beeindruckend und qualitativ hochwertig recherchiert, sondern durch ihre analytische Schärfe und Weitsicht des Autors für mich persönlich bereichernd. Leitmotivisch für alle Kapitel ist die Beobachtung, dass die Globalisierungs- und Digitalisierungsprozesse all diese Themen berühren und bisher nahezu dilettantisch durch die nationalen Regierungen organisiert und gelenkt wurden. Trotz der fehlenden Gegenerzählung von Lobo, wie diese Prozesse moderiert werden könnten, mag ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.

Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist ein deutscher Blogger, Autor und Journalist. Lobo gehört zu den Initiatoren der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union. Seit 2011 schreibt er für Spiegel Online die bekannte Kolumne S.P.O.N. Die Mensch-Maschine. Er spricht regelmäßig auf der re:publica, gilt als »Klassensprecher des Web 2.0« und ist ein gern gesehener Gast in zahlreichen politischen Talkshow-Formaten. Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart + neu: Der Corona-Schock erschien erstmals 2019. Die hier rezensierte Version wurde durch das Kapitel Corona. Die digitale Revolution erweitert, erschien bei Kiepenheuer & Witsch und umfasst 421 Seiten. 
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Blaue Frau • Antje Rávik Strubel

Mit Blaue Frau hat Antje Rávik Strubel einen kleinen Wälzer hingelegt. Die über 400 Seiten lesen sich nicht mal so eben weg, obwohl sie mich immer wieder in ihren Bann gezogen haben, auch wenn ich den Roman schließlich durchaus zwiegespalten beendete. Aber von vorn.

Ein halber Kontinent in einem Roman

Blaue Frau habe ich nur gelesen, da Strubel dieses Jahr den Deutschen Buchpreis dafür verliehen bekommen hat. Noch als es auf der Shortlist stand, dachte ich mir bei den verschiedenen Vorstellungsvideos, dass die Handlung des Romans doch sehr konstruiert wirkt.
Im Mittelpunkt steht Adina. Adina wurde im tschechischen Riesengebirge als »Kind der Samtenen Revolution« (S. 180) geboren. Später ging sie nach Berlin, wollte dort studieren, kam über Kontakte aber an ein Praktikum in der Uckermark, wird nun Nina genannt, weil Adina so kompliziert wäre – und wird dort von einem Mann vergewaltigt, der sich für Menschenrechte einsetzt. Adina flieht verzweifelt nach Finnland, schließt sich in eine Plattenbau-Wohnung am Rand von Helsinki ein, heißt nun Sala und versucht dort, den Missbrauch zu verarbeiten.

Die eigentliche Handlung wird immer wieder von kurzen Kapiteln unterbrochen, in der eine Ich-Erzählerin in einen philosophischen Dialog mit der blauen Frau tritt – zunächst scheinbar auf einer Meta-Ebene, aber dies löst sich später in unklaren Rätseln auf. Und auch wer die blaue Frau ist, erschließt sich mir bis zum Schluss nicht wirklich. Dennoch stören mich diese Unterbrechungen weniger als gedacht.

Feministische Einsteigerliteratur für ältere Semester

Antje Rávik Strubel hat laut Interview-Aussagen zehn Jahre an dem Buch gearbeitet – und ich frage mich, wie sich Blaue Frau vor #metoo gelesen hätte. Ein wenig überholt wirkt das Thema so für mich schon; dass Tätern immer mehr Glauben geschenkt wird als den Opfern oder dass Opfer nach sexuellem Missbrauch zutiefst verängstigt sind, sich vielleicht sogar schämen und eher nicht zur Polizei gehen ist für mich persönlich nichts Neues. Aber vielleicht ja für die Buchpreis-Jury? Sollte das eine Art kleines feministisches Statement von den Jury-Mitgliedern sein, quasi feministische Einsteigerliteratur für »Oldies«? Wenn ja, überzeugt mich die Entscheidung nicht so ganz.

Aber der erlebte Missbrauch ist nicht der einzige Schwerpunkt des Romans. Der andere ist Europa. Mit Finnland als Haupthandlungsort hat sich Strubel einen Staat zwischen Ost- und Westeuropa ausgesucht, »russische Seele, skandinavisches Design« (S. 47) der ähnlich unabhängig wie die Schweiz gilt. Immer wieder versucht sie, mit gängigen Osteuropa-Klischees aufzuräumen und zu informieren, was ihr größtenteils mit viel politischem Wissen gespickt auch äußerst interessant gelingt – aber nicht immer. Ab und zu tappt sie in Nebensätzen dann doch in kleine Klischeefallen, vor allem wenn es um Personenbeschreibungen geht.

Besser gelingt ihr die Beschreibung des Verhältnisses zwischen Ost- und Westdeutschland. Ich schätze es sehr, dass Strubel in der gleichen Stadt wie ich geboren ist und bereits einiges über Brandenburg geschrieben hat. Auf diesem Themengebiet bewegt sie sich äußerst sicher und kompetent, das beweisen mir viele Sätze, zum Beispiel »Hältst du das denn aus? Den Assimilationsdruck? Den inneren Druck, anzukommen, dich anpassen zu müssen, die Codes der Fremde so schnell wie möglich zu beherrschen? Es gibt Tausende wie dich, denen niemand gesagt hat, dass auch Deutsche, ein gutes Drittel von ihnen, als Migranten im eigenen Land leben und das seit zwanzig Jahren« (S. 184).

Zwischen gekonnt und zu gewollt

Zunächst las sich Blaue Frau ganz wundervoll. Der erste Teil nahm mich ganz in seinen Bann, die Schilderungen wechseln fließend zwischen der Gegenwart in Finnland und Adinas Kindheit in Tschechien. Doch beim Übergang zum zweiten Teil verändert sich etwas, bricht etwas. Das ist von Strubel durchaus gewollt, da sie ihre ganze Textstruktur ändert (die kurzen Kapitel, in denen die Ich-Erzählerin – eventuell die Autorin selbst? – der blauen Frau begegnet, kommen nicht mehr vor) und der Handlungsort nur noch in Berlin liegt. Strubels Erzähltechnik ist dabei dennoch weiterhin grandios. Doch die Figuren sind nun unnahbar und anstrengend, die Dialoge verstehe ich kaum. Im dritten Teil ändert sich das wieder, er erinnert mich an den ersten Teil. Der vierte Teil unterscheidet sich noch einmal ganz, hier begleite ich auch noch eine weitere Figur neben Adina und der blauen Frau, das Ende zieht sich plötzlich sehr – im Gegensatz zu den Teilen davor. Auch sind die Kapitel mit der blauen Frau nun wesentlich länger und scheinen nun nicht mehr auf einer reinen Meta-Ebene stattzufinden, sondern sich mit der Romanhandlung zu vermischen. Ich verstehe nicht, worauf Strubel abzielen möchte. Das gilt übrigens auch für Adinas »Alter Ego«: der letzte Mohikaner, der sich wie ein zweites Gesicht über ihr eigenes legt. Das habe ich so gar nicht verstanden.

Wechselnder Fokus

Ich weiß nicht richtig, worauf der Roman hinauswollte – abgesehen vom Sensibilisieren für sexuellen Missbrauch, Osteuropa, Ostdeutschland. Zumindest das erstere habe ich in feministischen Lektüren schon besser behandelt gelesen. Über Osteuropa und Ostdeutschland hat sie aber sehr Interessantes geschrieben, darüber hätte ich gern mehr gelesen. 
Am Ende lässt mich Blaue Frau zwiegespalten zurück. Irgendwie waren das zu viele große, wichtige Themen in einem Roman. Der Fokus pendelt oder schwankt, wird mal scharf, dann rückt er wieder in den Hintergrund, auch wenn Strubel auf über 400 Seiten dennoch einiges unterbringen konnte. Ich mag es, dass eine ostdeutsche Frau den Buchpreis gewonnen hat, die über wichtige Themen geschrieben hat, aber wie wäre es mit ein paar neuen, jungen Stimmen im nächsten Jahr?

Antje Rávik Strubel, Jahrgang 1974, ist eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Für ihre Romane wurde sie bereits mit zahlreichen Preisen geehrt, Sturz der Tage in die Nacht stand im Jahr 2011 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Blaue Frau erschien 2021 bei S. Fischer, umfasst 432 Seiten und wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat • Henry David Thoreau

Henry David Thoreau ist dem breiteren Publikum eher durch sein Buch Walden oder Leben in den Wäldern bekannt, in dem er als einer der geradlinigsten Essayisten Amerikas sein geradezu asketisches Leben im Einklang mit der Natur schildert: Thoreau zog sich zwei Jahre in eine Blockhütte seines Arbeitgebers und späteren Freundes Ralph Waldo Emerson zurück und brachte diese Erfahrungen zu Papier.
Unbekannter hingegen ist Thoreaus kurzer Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, den derzeit sicherlich viele Kritiker:innen der Corona-Schutzmaßnahmen allein vom Titel her positiv rezipieren, Thoreau damit jedoch Unrecht tun würden. Dieser Essay ist Ausdruck eines rationalen, keineswegs moralin sauren Weltbilds und bedient ein klassisches Narrativ: hier der integre, arme (wahrscheinlich linke) Kritiker und dort der übermächtige (mehrheitlich konservative) Staat.

Von der moralischen Lethargie der Regierung

Regierungen sind anfällig für Korruption und Missbrauch. »Wenn die Regierung am notwendigsten wäre, sind die Regierten am meisten allein gelassen« (S. 4). Besonders dieser Satz hat mich an die Misere erinnert, in der wir Bürger:innen dieses Landes momentan stecken. Trotz all der vollmundigen Versprechen, dass dieser Winter anders als der Winter 2020 würde, stecken wir wieder im selben Dilemma. Alle Expert:innen schlagen ›Alarmstufe Rot‹ und die Regierung schaut zu. Es ist wie ein Flugzeugabsturz, den man in Standbildern verfolgen kann. Die Standbilder sind dabei die Meldungen in den allgegenwärtigen Live-Blogs und Newstickern zur Corona-Pandemie. Ich bin kein Anarchist, der die Regierung ablehnt – ich wünsche mir eine moralischere, tatenreichere Regierung. Auch Thoreau plädiert dafür, dass jede:r bekannt geben solle, »welche Art von Regierung seinen Respekt gewinnen würde« (ebd.). Anders könne es zu keiner Besserung der Regierung kommen. 

Widerstand als Recht

Den Widerstand gegen die Regierung stilisiert Thoreau nicht kategorisch zum Prinzip, weil er die Demokratie ablehnt. Vielmehr plädiert er an die Verantwortung aller Bürger:innen, wenn die Regierung das eigene moralische Wertesystem durch ihr Handeln verletzt oder durch ihre Unfähigkeit besteche. Thoreau begründete seinen damaligen Widerstand damit, dass er den Krieg der Vereinigten Staaten Krieg gegen Mexiko ablehnte und daraus folgend die Zahlung seiner Steuern verweigerte, um den Krieg nicht mitzufinanzieren.

Die eigentlichen Bewahrer der Regierung sind in Thoreaus Augen jene, die der Regierung durch ihre Gleichgültigkeit die Treue halten. Er schreibt: »Menschen, die den Charakter und die Maßnahmen einer Regierung missbilligen, ihr aber dennoch Gefolgschaft leisten, sind unzweifelhaft ihre gewissenhaftesten Unterstützer und somit oft die größten Hindernisse einer Reform« (S. 13). Thoreau ruft daher dazu auf, das eigene Handeln und Tun stets im Lichte der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit zu betrachten. Stelle man jedoch fest, dass man sich zum »Arm der Ungerechtigkeit« (S. 15) mache, so solle das eigene Leben zum Gegengewicht werden. Nur so könne die Ungerechtigkeit aufgehalten werden.
Diese Betrachtung ist übrigens einer der Gründe, warum ich seit Jahren mit meinem Beruf als Lehrer hadere. Schließlich mache ich mich durch meine Tätigkeit zum Agenten der sozialen (Aus-)Sortiermaschinerie. 

Frühindustrielle Kapitalismuskritik

Im Folgenden entwickelt Thoreau eine Morallehre, die nicht durch ihre Ausdifferenziertheit besticht: Klar, natürlich ist der reiche Schmock ein moralisch verarmtes Individuum, das qua Besitzverhältnisse gar nicht moralisch integer sein kann. Dass es jedoch Unternehmer:innen wie den deutschen Trigema-Chef Wolfgang Grupp oder den früheren Nintendo-Präsidenten Satoru Iwata gibt und gab, die in Krisenzeiten eher an den Vorstandsgehältern sparten, statt den Rotstift am Personal anzusetzen, beweist, wie falsch dieses plakative, in linken Kreisen gerne erzählte Narrativ vom ›bösen Leistungsträger‹ ist. Interessant ist jedoch die konsumkritische Dimension von Thoreaus Reichen-Schelte: »Geld beschwichtigt viele Fragen, die andernfalls Antworten verlangten, während die einzige neue Frage, die es aufwirft, die so schwere wie überflüssige Frage ist, wie es ausgegeben werden soll« (S. 15). Das Zitat sollte in jedem Wartebereich einer Bank prangen.

Und nun?

Zwar regt Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat mich an, meine Privilegien als homo oeconomicus zu hinterfragen, aber mitreißen vermag mich die etwas farblose Prosa von Thoreau nicht. Ob es am Originaltext oder an der Übersetzung liegt, wage ich nicht zu bewerten. Thoreau gelingen zwar einige Einsichten und erwähnenswerte Begriffe wie »Untertanentreue« (S. 27), die verfliegen aber schnell wieder. Für eine tiefergehende Analyse, warum dem Staat mit Widerstand begegnet werden sollte, ist der schnell konsumierte Essay vielleicht nicht das geeignete Genre. Bei der Auswahl des Genres für seine Fundamentalkritik hätte Thoreau ein präziseres Klassenbewusstsein beweisen können.

Henry David Thoreau, Jahrgang 1817, verstorben 1962, war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph. Von seinen Zeitgenossen eher verlacht und ignoriert, avancierte Thoreau besonders durch die Rezeption durch Mahatma Gandhi zum Vorbild gegen materialistisches Denken. Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat erschien erstmals 1849 unter dem Titel Resistance to Civil Government. Die hier rezensierte Version erschien 2016 im Verlag Michael Holzinger, wurde von David Adner übersetzt und umfasst 34 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. beim Herausgeber und dem Übersetzer.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Im Menschen muss alles herrlich sein • Sasha Marianna Salzmann

Als ich 18 Jahre alt war, bin ich in Jena gestrandet. Meine Wunsch-Studienplätze in Potsdam und Berlin hatte ich nicht bekommen, also musste eine schnelle NC-freie Alternative her: Jena. Eine Stadt, in der ich noch nie zuvor gewesen war und mit der ich bis dahin nur den NSU und einen Autobahntunnel verband.

Zuerst wohnte ich in zahlreichen Konstellationen in einer WG, später zogen Dominik und ich zusammen in unsere erste gemeinsame Wohnung in Jena. Dunkles Erdgeschoss, feuchtkalter Keller, Stromheizung und eine russische Vermieterin, die in Moskau Germanistik studiert hatte, um die Jahrtausendwende herum das Haus von der Stadt gekauft hatte und seitdem mit ihrer Familie in der obersten Etage wohnte. Ihr Mann saß im Sommer manchmal im Feinripp-Unterhemd im winzigen, von Mauern und Häusern umgebenen Innenhof und hörte russische Volksmusik.

An sie musste ich immer wieder denken, während ich Im Menschen muss alles herrlich sein las. 

Fünf Jahrzehnte, vier Frauen, zwei Generationen

In Sasha Marianna Salzmanns zweitem Roman bringt sie nicht weniger als fünf Jahrzehnte auf 384 Seiten unter. Im Mittelpunkt stehen vor allem zwei Mütter mit ihren Töchtern: Lena und Edita sowie Tatjana und Nina. Auf Lena liegt die meiste Zeit des Romans über der Fokus: Ihr gelten die umfangreich geschilderten drei Jahrzehnte der 70er, 80er und 90er Jahre, während Tatjana ihre Lebensgeschichte lediglich als Rückblick während einer Autofahrt von Berlin nach Jena erzählt.

Lena und Tatjana sind beide in der Sowjetunion aufgewachsen. Lena verbrachte jeden Sommer ihrer Kindheit bei ihrer Großmutter in Sotschi, bis sie in die Schule musste und in den Sommerferien jedes Jahr das Pionierlager auf sie wartete. Zeitnah erkrankt ihre Mutter – woran genau, erfahre ich nicht, nur, dass es etwas Neurologisches, etwas wie Migräne sei. Lena begegnet zum ersten Mal der anderen Seite der sozialistischen Sowjetunion, als der Vater der behandelnden Ärztin vor ihren Augen einen prall mit Geld gefüllten Briefumschlag übergibt. Ihr wird klar: Sie wird Medizin studieren, Fachrichtung Neurologie. Später schafft sie es nach mehreren Bestechungen und mithilfe ›Vitamin B‹ (gute Beziehungen) immerhin in die Dermatologie. Während die Sowjetunion zerfällt, untersucht sie die Geschlechtsteile reicher Russen auf Hautkrankheiten und verdient sich selbst durch ›großzügige Gaben‹ eine kleine goldene Nase. Parallel verliebt sie sich in einen Moslem aus Tschetschenien, ihre Beziehung bleibt geheim. Als er sie schwängert, lässt er sie sitzen und sie geht zusammen mit ihrer Tochter Edi und einem 10 Jahre älteren Juden nach Deutschland, genauer gesagt: nach Jena, wo sie in Lobeda-Ost, einem Plattenbauviertel, strandet und im städtischen, benachbarten Krankenhaus als Krankenschwester arbeitet. Diese (leider) klassische Migrationsgeschichte, die sich im Kleinen so schmerzhaft liest, wenn man weiß, was Lena alles durchgestanden hat für das immer erträumte Medizin-Studium, und die mich an einen Mann bei einer Mitfahrgelegenheit erinnert, der aus Syrien geflüchtet war. Dort operierte er allein in Damaskus Schwerstverletzte. Hier räumt er Regale ein.

Blick durch Sowjetaugen

Es ist erstaunlich, wie detailliert Salzmann Lenas Leben auf das Papier bringt – und damit gleichzeitig ein Bild der zerfallenen Sowjetunion zeichnet. Große Fehler im System macht sie auf der kleinen, individuellen Ebene sichtbar: der gute Cognac für den Chefarzt, das »diskrete Gespräch« mit den Leitenden der Universität. Gerade die Korruption ist in großen Teilen des Romans allgegenwärtig. Was Lena zuerst dazu bewegt hat, Medizin zu studieren – eine Ärztin zu sein, die auch ohne Bestechungen gute Arbeit leistet –, kehrt sich schließlich fast paradox um, als sie selbst Bestechungsgeld oder teure Uhren erhält, und bleibt gleichzeitig ein Schlüsselmotiv: »Lena riss hektisch am Verschluss ihrer Handtasche und zog den Umschlag mit Bargeld hervor, den sie beim überstürzten Aufbruch ohne Absprache mit Daniel aus der Schublade der Anrichte genommen hatte. Sie reichte das Geld der Ärztin. »Ich bleibe bei meiner Tochter hier auf der Station.« Die Frau im weißen Kittel starrte ihr eine Weile ins Gesicht, dann steckte sie das Kuvert ein, ohne hineinzusehen.«

Mit vielen von dem, was Salzmann über die Sowjetunion schildert, kann ich nicht gut umgehen, zu wenig weiß ich über das heutige Russland und die heutige Ukraine bzw. über die damalige UdSSR (schon erstaunlich, was man im Geschichtsunterricht lernt – und was nicht). Mir sagen die Städte nichts, in denen Lena aufwächst oder studiert, könnte aber aus dem Stehgreif mindestens zehn US-Staaten aufzählen. Der geschilderte Staat ist mir fremd. Ich verstehe den Tschechow zitierenden Chefarzt und dementsprechend auch den Titel des Romans nicht, ich verstehe die späteren jüdischen Witze von Lenas Mann nicht, ich verstehe die Meinungen zu den Tschetschenienkriegen nicht, ich verstehe nicht, wie aus den eingefleischten Kommunist:innen quasi über Nacht Christ:innen oder Muslim:innen werden konnten. Und denke mir gleichzeitig: Wie gut dieser Roman Menschen tun muss, die eine ähnliche Sozialisierung wie Salzmann haben, Menschen, die »mit ihren Sowjetaugen durch die Gardinen in die Höfe und auf die Straßen einer mittelgroßen ostdeutschen Stadt schauen«. Die in der ehemaligen Sowjetunion groß geworden und später nach Deutschland gekommen sind, eine neue Sprache lernen mussten, Prüfungen nochmal ablegen mussten, in Asylheimen leben mussten, alles hinter sich lassen und neu anfangen mussten. Wie gut es sein muss, endlich eine eigene Erzählung lesen zu können, eine Perspektive sehen zu können, die in unserer Gesellschaft nicht gesehen wird. Wie schlimm es sein muss, ein ukrainisches Nationalgericht als italienische Spezialität im Delikatessenregal zu entdecken – weil es sonst niemand kaufen würde; »bei Italien denken alle an Dolce Vita und bei Ukraine an Tschernobyl«.

So oft höre ich von den geringen Anteilen von Menschen mit Migrationsgeschichte in den neuen Bundesländern, doch suche ich nach Zahlen über Kinder von russischen oder vietnamischen Eingewanderten, bleibt Google still. Es gibt auch im Osten Migration, doch wird sie von der (westdeutschen) Mehrheitsgesellschaft noch immer nicht gesehen. Wenn ich an diese osteuropäischen Stimmen denke, tut es mir nicht mehr leid, dass ich so wenig mit Lenas Lebensrealität anfangen kann – denn das Buch ist nicht in erster Linie für mich geschrieben.

Auf der A9 zwischen Berlin und Thüringen

Auch, wenn Lenas Leben in Im Menschen muss alles herrlich sein den meisten Raum einnimmt, so sind doch die Perspektiven der nachfolgenden Generation nicht unwichtig. Nina und Edita sind zusammen groß geworden, doch während Nina in Jena versackt, ist Edita nach Berlin gezogen, entdeckt ihre Sexualität, blondiert sich die Haare, hat einen Scheißjob, träumt von Florida. Beide vereint ihr Herkunftsland, ihre Migrationsgeschichte, »diese Dauerwehen des Nie-richtig-Angekommenen« und dass sie mit ihren Müttern nicht klarkommen – so, wie Lena und Tatjana selbst mit ihren Müttern nicht klarkamen. Es fliegen die Fetzen, es zerbrechen Türen, aber alles ist gut, solange die Mütter noch schreien und keifen. Besorgniserregend wird es erst, wenn sie klein beigeben. Das fühlt auch Edita, als sie zum Geburtstag ihrer Mutter nach Jena zurückkehrt. Sie fährt zusammen mit Lenas Freundin Tatjana über die A9 zurück nach Thüringen und rechnet mit Jena ab: »Thüringen sprang ihr fett aus der Schlagzeile entgegen. Was für ein hässliches Wort, fand sie. Es gab keine Art, es melodisch auszusprechen. Mit Thüringen verband sie Schmelzkäsewettessen, Berge, die das Tal, in dem Jena lag, vor Wind und der sonstigen Realität schützten – wenn es überall sonst im Land regnete, schien hier die Sonne, und wenn es oben sonnig war, stellte sich im Tal Monsunwetter ein –, mit Thüringen verband sie die Haltestelle mit dem Namen »Paradies«, die von ICEs nicht mehr angefahren wurde.« Es triggert mich sehr; ich fühle jeden Satz, jedes Wort.

Individuelle, kollektive Erfahrungen

In der Danksagung schreibt Sasha Marianna Salzmann, der Arbeitstitel von Im Menschen muss alles herrlich sein hätte Du musst dir dich selber zumuten geheißen – und ich stelle mir die verbotene Frage nach dem autobiographischen Anteil an dem Roman, obwohl diese Frage eigentlich überflüssig ist. Denn so, wie die Erzählung von Lenas Leben das große Ganze im Kleinen abbildet, so steht die Erzählung gleichzeitig pars pro toto selbst für das große Ganze. Es sind individuelle und gleichzeitig kollektive Erfahrungen, die Sasha Marianna Salzmann hier schildert: Erfahrungen von Korruption, Unterdrückung und Unterwerfung; Erfahrungen vom Überwinden von Erfahrungen, vom Fehlen und Suchen von Worten, von Emigration, von Postemigration. Salzmann ist keine ihrer Figuren und gleichzeitig birgt sie einen ähnlichen Erfahrungshintergrund in sich, das spüre ich auf jeder Seite: Sie schreibt ohne Klischees und gleichzeitig so bunt und lebensnah, fast alltäglich, ohne dass ich das abwertend meine. Ich bin allzu gern in die Leben der vier nicht immer sympathischsten, mir oftmals fremden und dadurch dennoch umso lebensechter wirkenden Protagonistinnen eingetaucht und habe den Roman kaum aus der Hand legen können. Chapeau, Sasha Marianna Salzmann – das ist große Literatur.

Sasha Marianna Salzmann, Jahrgang 1985, ist eine deutsche Dramatiker*in, Essayist*in, Kurator*in und Autor*in. Sie ist Hausautorin am Maxim-Gorki-Theater Berlin und leitete zwei Jahre lang dessen Studiobühne Studio Я. Ihre Theaterstücke sind international bekannt; ihr Debütroman Außer sich stand 2017 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Im Menschen muss alles herrlich sein erschien 2021 bei Suhrkamp, stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises und umfasst 384 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Salonfähig • Elias Hirschl

Sebastian Kurz hat als Stereotyp des Law-and-Order-Schwiegersohns im Slim-Fit-Anzug in Österreich eine Generation schmieriger, aalglatter Politiker:innen etabliert, die sich eines Personenkults bedient, die sozialistische oder kommunistische Systeme wie Anachronismen wirken lassen. Die dabei verwendete Rhetorik ist nicht nur teilnahmslos, sondern vor allem auch gefährlich.

Elias Hirschl liefert mit Salonfähig einen brandaktuellen Roman, der das Psychogramm eines Jungpolitikers und seiner Clique in der unmittelbaren Nähe einer Galionsfigur der österreichischen neokonservativen Partei zeichnet. Trotz seiner allgegenwärtigen Überzeichnungen wurde der Roman nach seiner Veröffentlichung von der Realität eingeholt: Die Enthüllungen um die Textnachrichten der türkisen Familie werfen ein Licht auf den österreichischen, türkisen Filz der ÖVP, der diesem Buch in seiner Drastik in nichts nachsteht. Bret Easton Ellis könnte durchaus neidisch auf dieses fulminante, wahnwitzige, schwarze Buch sein.

Aalglatte Unsympathen

»Ich habe geträumt, dass mich Ärzte aufschneiden, und sie finden Milz, Leber, Nieren, Herz, Lunge und legen alles auf einen Tisch in silberne Metallschalen« (S. 7). Etwas enttäuscht war ich von dem ersten, einleitenden Satz schon. Vielmehr erwartete ich, dass der namenlose Protagonist schildert, die Ärzt:innen hätten nichts als Leere entdeckt.

Der namenlose Protagonist hält sich für einen guten Menschen, der selbstverliebt zum Friseur, zur Maniküre, ins Büro, Fitnessstudio, zur Psychotherapie und zur Rhetoriktrainerin geht und seinen Aufzug mit Slim-Fit-Anzug, Oxfords und Gehstock inklusive Pferdekopf-Knauf zum Urteil »Ich würde mich als vielschichtigen jungen Mann bezeichnen« (S. 11) destilliert. Seine Morgen-Routine gleicht der des American Psycho-Antihelden Patrick Bateman, während der er sich in seiner 120-Quadratmeter-Wiener-Altbauwohnung sechs verschiedene Haarprodukte ins Haar schmiert, um später Wachs aufzutragen. Unsympathisch. Dieser Ersteindruck des Antihelden von Salonfähig bessert sich auch nicht im Laufe der Lektüre.

ÖVP-Kopien und Anstandsverwahrlosungsrhetorik

Der namenlose Protagonist und seine – intellektuell betrachtet – Energiesparlampen-Freunde folgen willenlos dem Parteichef der Neuen Mitte Österreichs, der fiktionalen neokonservativen Partei in Salonfähig, die eine so große Ähnlichkeit mit der ÖVP aufweist, dass es einen gruselt, bis ich merke: Moment mal, in der Realität Österreichs ist das ja genauso! Der Parteichef Julius Varga aus der Mitte der Anhängerschaft der Jungen Mitte (die Jugendorganisation der ÖVP-Kopie) ist das absolute Idol, fast schon der gottgewordene Mensch für den namenlosen Antihelden, den ich irgendwann während der Lektüre im Kopf nur noch Julius II nannte. Varga wird während des Verlaufs der Handlung mit seiner Partei bei der Wahl mit gerade einmal 29 Jahren zum Bundeskanzler Österreichs gewählt.

Innerhalb der Jugendorganisation kommt es zu wahrhaften Exzessen des ›Leersprechs‹ des Kapitalismus. So veranstaltet die Junge Mitte mit der ihr nahestehenden Schülervertretung eine schwarz-weiß-Mottoparty, die sie auf Instagram mit folgenden Worten bewirbt: »Schwarz/weiß steht in diesem Sinne selbstverständlich sowohl für Inklusion, gelungene Integration, für differenziertes Denken und eine schicke Casual/Bowtie-Kombination in ebenjenen Farben, die niemals aus der Mode kommen« (S. 26). Würg! Immer, wenn ich während der Lektüre dachte, dass Hirschl mir endlich mal eine Pause gönnen könnte, prügelte er mit seiner Wohlstands- und Anstandsverwahrlosungsrhetorik weiter auf mich ein.

Porträt eines Psychopathen

Julius II schreibt jeden Morgen nach dem Aufwachen in ein in Leder gebundenes Notizbuch, was er geträumt hat, um auf diese Weise seine Träume »kreieren, formen, steuern« (S. 30) zu können und selbst zu bestimmen, was er träumen möchte. Die Empfehlung hat er von seiner Rhetoriktrainerin. Begleitet von Fitness- und Schönheitswahn ergibt sich so nach und nach das Bild einer Person, die sinnbildlich zwischen Ego und Eso nicht mehr zu unterscheiden vermag. So verbindet Julius II seine Gutmütigkeit gegenüber einem Bettler, dem er regelmäßig zwanzig Cent zusteckt, mit Sachertorte: Er belohnt sich als ›Verstärker‹ nach seiner guten Tat mit Sachertorte, sodass der Anblick des Bettlers »bereits ein Lächeln der Vorfreude« (S. 35) in sein Gesicht zaubert. Das ist derart zynisch, dass es schon fast unterhaltend ist.

Julius II macht nichts, dass ihm das Prädikat ›unauffällig‹ verleihen könnte. Stets verunsichert übt er im Auto sein roboterhaftes Lächeln, reflektiert jede mimische Äußerung und kasteit sich in inneren Monologen selbst, wenn eine Blüte der Pflanzen in Julius Vargas Wohnung abgestorben ist, die er für diesen pflegt. Die Therapeutenbesuche, die Hirschl schildert, ergeben das Bild eines in der Kindheit schwer verunsicherten Einzelgängers, der – keiner eigenen Meinung oder Eigenschaften fähig – seine Persönlichkeit ausgelöscht hat, eine leere Folie geworden ist und die Rhetorik, den Kleidungsstil, das gesamte Auftreten seines persönlichen Sonnengottes, Julius Varga, chamäleonhaft kopiert hat: »Kurz erschrecke ich, als ich auf dem Weg nach unten glaube, Julius zu sehen, dann jedoch feststelle, dass es nur ein mannshoher Wandspiegel zu meiner Linken ist. Ich lächle mir zufrieden zu und betrete das eigentliche Lokal« (S. 110). Die unter der Oberfläche brodelnde konservative Radikalität mündet am Ende in einer Zuspitzung, die Patrick Bateman daneben wie einen Milchbubi wirken lässt.

Dauersalven aus der literarischen Überspitzungspatronentrommel

Die Einzeiler sind definitiv Hirschls Stärke. Dort, wo er sich knapp hält, ist er grandios. Sätze wie »Ich lache wie gut verheiltes Narbengewebe« (S. 14) oder »Das Set endete schließlich mit einem durchaus befriedigen Fuckclose in meinem Bett« (S. 66) sind wahnwitzig, pointiert und treffen sehr wohl einen ironischen Nerv bei mir, während die ausschweifenden Schilderungen häufig derart überzeichnet sind und ab der zweiten Hälfte des Buches mich eher mürbe machen. Die definitiv absurdeste Szene ist jene, als Julius II und sein Parteikollege Karl Voigt auf einem Konzert, das sie ›ironisch‹ besuchen, Linksradikale mit Dom-Pérignon-Flaschen verprügeln und nebenbei in Gesprächsfetzen eine popkulturelle Analyse der dort gespielten Musik betreiben. Abschließend kleben sie den blaugeprügelten Irokesen Wahlspruchsticker der Jungen Mitte auf die Augen.

Der Witz und die Komik in den Szenen kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Hirschl ironisch zum Nicolas Cage der österreichischen Literatur überhöht: Beide beherrschen die Kunst des overacting meisterhaft. Hirschl bedient sich einer Prosa, die sich in der zynischen Zuspitzung immer weiter, höher zu schaukeln versucht und damit dem leeren Heilsversprechen des Höher-Weiter-Mantras des Kapitalismus in die Falle geht, das Hirschl eigentlich zu persiflieren versucht. Zwar gibt es immer wieder Momente, die das kippende Boot des Leseeindrucks zu retten vermögen, aber insgesamt schimmert das ›Zuviel‹ von Hirschls Prosa durch.

Mehr Schein als Sein

»Meine Frisur sitzt, und ich habe ein reales Innenleben. Ich bin salonfähig. Mein Hugo-Boss-Anzug, slim fit, betont beiderseits meine schlanke Figur und den Ansatz an wohltrainierter Muskelmasse. Ich bin auf dem Höhepunkt meiner körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit« (S. 245). Fast auf jeder Seite musste ich mich angesichts dieser autoerotischen Schilderungen schütteln. Salonfähig ist ein zugespitztes, wahnwitziges, zynisches Buch fast ohne sonderliche intellektuelle Fallhöhe, weil es den Gestus und die Leere seiner Akteur:innen hervorragend und damit eigentlich gar nicht zugespitzt transportiert, weil diese Kaste der alt- und neureichen Konservativen exakt so wie geschildert existiert, sie um den Ex-Kanzler Sebastian Kurz genau diesen Führerkult etabliert haben und vermutlich in Ansätzen auch so denken und sprechen wie die Figuren Hirschls.

In Salonfähig hat Hirschl das Bild einer brandgefährlichen Radikalisierung der Neokonservativen gezeichnet, das Magenschmerzen bereitet, weil nunmehr die Agitation gegen Minderheiten auch aus der (angeblichen) ›Mitte der Gesellschaft‹ ausgeht. Menschenhass und der leere Erfolgssprech des Kapitalismus sind salonfähiger geworden, besonders in den abgeschlossenen Gruppen unserer Wohlstandsgesellschaften.

Elias Hirschl, Jahrgang 1994, ist ein österreichischer Autor, Poetry-Slammer und Musiker. Er gewann 2014 die österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften und ist neben Lisa Eckhart einer der bekanntesten österreichischen Poetry Slammer. Salonfähig erschien 2021 im Paul Zsolnay Verlag und umfasst 254 Seiten. 
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Utopien für Realisten • Rutger Bregman

Die Utopie hätte ich vor der Lektüre eher in Reden von Janine Wissler oder schlecht besuchten Germanistik-Seminaren zur Ästhetik der Utopien der Frühen Neuzeit gesucht, aber nicht im Buch eines niederländischen, zumal sehr jungen Historikers. Sowohl Roger Willemsen in Wer wir waren als auch Philipp Blom in Was auf dem Spiel steht würden die Relevanz der Utopie jedoch mit kulturpessimistischem Duktus verneinen – schließlich sind beide der Überzeugung, dass der Kapitalismus an seine Grenzen geraten sei und die Menschen aus Ermangelung an konsistenten, alternativen Gesellschaftsentwürfen aufgehört hätten, von einer besseren Zukunft zu träumen.

Wir haben die Utopie beerdigt

Hier setzt Bregman in Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen einleitend an. Er überschüttet mich mit Zahlen, Grafiken und Gleichnisse etwa zur Entwicklung des durchschnittlichen BIP oder der Gesundheitsversorgung. Dabei vergleicht er verschiedene Jahrhunderte mit unserer jetzigen Zeit und kommt zum Schluss, dass wir das ›Schlaraffenland‹, von dem vorige Generationen träumten, schon erreicht hätten. Genau darin läge aber auch das Problem unseres Gesellschaftsmodells: »Der alte Traum vom Land des Überflüsses hat seinen Reiz verloren« (S. 13). Statt den Wohlstand zu nutzen, in dem wir leben, und ihn mit Sinn zu füllen, hätten wir die Utopie begraben und uns für mehr Konsum und/oder mehr Arbeit entschieden. Bregman verfolgt mit dem vorliegenden Buch deshalb auch nicht den Anspruch, Vorhersagen für die Zukunft zu liefern, sondern die Tür zu dieser Zukunft – wie auch immer sie aussehen mag –, (wieder) aufzustoßen. 

Reflektierte Begriffsgeschichte

Bregman ist jedoch bewusst, welchen Drahtseilakt er mit seinem Plädoyer hinlegt, schließlich können Utopien, die als gute Idee anfingen, in einer Dystopie enden – wie beispielsweise die verschiedenen Versuche des letzten Jahrhunderts, dem Raubtierkapitalismus sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaftsentwürfe entgegenzusetzen. Bregman hält daher fest: »Utopien liefern keine fertigen Antworten, geschweige denn endgültige Lösungen. Aber sie werfen die richtigen Fragen auf« (S. 21). Auch ist Bregmans Analyse korrekt, dass der Liberalismus dem Individuum mehr Freiheiten einräumte, es aber gleichzeitig wieder in Geiselhaft nahm, weil der Fortschrittsgedanke des Liberalismus sich in eine minder besagt totalitäre Ausbeutungsideologie entwickelt hätte, die nur die Besserung der wirtschaftlichen Kennzahlen, nicht aber das Individuum im humanistischen Geiste wertschätzt.

Bregman stilisiert unsere Zeit zur kalten ›Technokratie‹ und stellt ihr die Utopie entgegen. Die Zeit bräuchte daher, wollten wir unseren Wohlstand tatsächlich sinnvoll nutzen, »alternative Horizonte, die unsere Phantasie anregen« (S. 28). Ab da begann Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen,noch interessanter zu werden.

Ein Ritt auf der linken Klinge

Bregman begibt sich daraufhin auf eine gedankliche Reise zum bedingungslosen Grundeinkommen, dem Ende der Armut, einer Alternative zum BIP sowie alternativen Arbeitsweltentwürfen. Bei letzteren nimmt er Bezug auf die These des im letzten Jahr verstorbenen Kulturanthropologen David Graeber: dass viele Menschen derzeit in sogenannten Bullshit-Jobs arbeiten würden, die sie unglücklich machen.

Leider bedient sich Bregman dabei durchweg einer plakativen Rhetorik, die in Analysen wie »Seit mehr als dreißig Jahren erhöht das Wirtschaftswachstum kaum noch unseren Wohlstand und in einigen Fällen sinkt er sogar« (S. 110) gipfeln. Diese Analysen sind leicht verdaulich, weil sie zunächst schwarze Tinte auf Papier sind und noch nicht zu aktivem Handeln aufrufen. Den Versuch, den Autopionier und Großkapitalisten Henry Ford aber als linken Utopisten darzustellen, weil er als erster Unternehmer die Fünf-Tage-Woche einführte, finde ich dann doch etwas lächerlich. Die ideologische Färbung steht Bregmans Buch dennoch gut.

Rhetorische Schwäche des linken Spektrums

Die guten Ansätze, die Bregman schildert – wie beispielsweise das bedingungslose Grundeinkommen – könnten jederzeit eingeführt werden, sind sie doch sowohl qualitativ als auch quantitativ durch soziologische Experimente und Studien verifiziert. Das Problem sei vielmehr, so analysiert er hervorragend, dass Rechte und neoliberale Ökonom:innen den Diskurs bestimmen und durch ihre mediale Omnipräsenz das Meinungsfenster zu ihren Gunsten weiten. Linke Stimmen fehlen dort, obwohl die Zeit nach linken Gegenentwürfen geradezu schreit. Das Phänomen gießt Bregman direkt in einen schönen Begriff: Er spricht von Underdog-Sozialist:innen. Diese »sehen ihre einzige Mission darin, die Gegenseite zu kontrollieren und zu bremsen. Sie kämpfen gegen Privatisierungen, gegen das Establishment, gegen die Sparpolitik. Sie sind gegen so vieles, dass man sich fragt, ob es irgendetwas gibt, das die Underdog-Sozialisten befürworten« (S. 253). Nicht, dass sie falsch lägen, sei das Problem, sondern dass sie »langweilig wie eine Türklinke« (ebd.) seien. Die politische Linke hätte keine Geschichte, mit der sie ihre Ideen vermitteln kann und bediene sich einer Sprache mit Begriffen wie Postkapitalismus und Intersektionalität, die nach Bücherstaub und akademischem Elfenbeinturm klingt.
Die Analyse ist zwar flach, aber treffend. Wer Millionen Menschen eine gute Zukunft sichern möchte, muss dafür auch die dementsprechende, verständliche Sprache finden. Daran könnten sich hierzulande SPD, Grüne und Linke gerne orientieren. 

Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen las sich zunächst so wie eines jener Sachbücher, die regelmäßig auf den Bestsellerlisten landen und das ein komplexes oder aktuelles Thema durch einfach Analysen zu simplifizieren versucht. Tendenziell war dies hier auch der Fall, jedoch kehrte Bregman meiner Wahrnehmung nach immer dann wieder auf den Pfad der Sachlichkeit ab, wenn er kurz zuvor noch in den Abgrund der Plakativität geblickt hatte. Eine gelungene, profunde Diskussion verschiedener Gesellschaftsentwürfe, die gerne präsenter in den Diskurs rutschen können. Hoffentlich werden diese eines Tages Realität – gerade das bedingungslose Grundeinkommen kann gerne kommen. 

Rutger Bregman, Jahrgang 1988, ist ein niederländischer Autor, Aktivist und Historiker. Er war bereits zwei Mal für den European Press Prize nominiert und nahm am Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums 2019 in Davos teil. Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen erschien erstmals 2014 auf Niederländisch. Die hier rezensierte Version erschien 2017 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, wurde von Stephan Gebauer übersetzt und umfasst 302 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Übersetzer.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Soll & Habitus • Daniela Dröscher & Paula Fürstenberg

Ich glaube, man ist ein anderer Mensch, man hat einen vollkommen anderen Blick auf das Leben, wenn man mit wenig Geld aufwächst bzw. akuten Geldmangel erlebt hat. Wenn das Leben aus dem Kalkulieren von Essen, Miete, Versicherung, Kleidung besteht – Monat für Monat, immer wieder. Ich glaube, das prägt Menschen ihr Leben lang. In Soll & Habitus scheinen mir 15 Autor:innen zuzustimmen.

Zwischen Scham und Klasse

Soll & Habitus ist ein schmales Heftchen, es umfasst lediglich 21 Seiten und macht von außen nicht wirklich viel her. Umso mehr hat mich das Innere überwältigt. Autor:innen wie Shida Bazyar, Christian Dittloff, Mareice Kasier, Şeyda Kurt und Deniz Utlu schreiben darüber, wie es ist, ohne Geld aufzuwachsen oder als Erwachsene ohne Geld klarkommen zu müssen – aber auch darüber, wie es ist, ›es zu schaffen‹ oder sich etwas zu leisten. Viele schauen aus ihrer heutigen Perspektive zurück und schämen sich: Scham spielt in Soll & Habitus eine riesige Rolle. »Erst die Scham darüber, arm zu sein, dann die Scham darüber, nicht mehr arm zu sein, schließlich die Scham darüber, sich nicht mehr zu schämen« (S. 4, Sahar Rahimi). Dazu passend begegnet mir bereits in der Einleitung der Begriff Klassenübergänger:in, der sich ebenfalls wie ein roter Faden durch die Ausgabe zieht.

Tiefsitzende Traumata

Es gibt kaum eine Seite in Soll & Habitus, auf der ich keinen Absatz unterstrichen habe. So oft finde ich mich wieder, so oft werden ungute Erinnerungen geweckt: an Monate, in denen wir nicht wussten, wie wir die Miete bezahlen können. An Einkäufe, bei denen man sich die Tränen herunterschlucken muss, weil es wieder nur Milchreis geben kann. Noch heute verfalle ich in eine kleine Krise, wenn am Monatsende kaum noch Geld da ist – so tief sitzt dieses Trauma, kein Geld zu haben, obwohl wir mittlerweile zwei Einkommen (unter dem Bundesdurchschnitt) haben. »wie entspannt die welt ist, wenn man geld in der tasche hat, wie frei die gedanken sind, wenn man geld in der tasche hat« (S. 4, Özlem Özgül Dündar).

Brechen wir die Tabus!

Seit kurzem bin ich Kleinunternehmerin – ein Wort, das in meinen Ohren immer noch äußerst absurd klingt. Seit Jahren erledige ich für Bekannte kleine Gefälligkeiten im Grafik- oder Webdesign-Bereich – und es hat ebenfalls Jahre gedauert, bis ich lernte, meine ›Arbeitskraft‹ angemessen in Geld umzurechnen. Auch das gießen die Autor:innen in Soll & Habitus in Worte, wie so vieles, von dem ich nicht wusste, dass auch andere so empfinden. Geld ist so oft der sprichwörtliche Elefant im Raum und es tut gut, dass all diese Probleme rund um das Geld endlich festgehalten und in die Öffentlichkeit gelassen werden.

Mit dem Aufwachsen mit Geld gehen auch gewisse Codes einher. Ein Beitrag in Soll & Habitus, der mich diesbezüglich ganz besonders angesprochen hat, stammt von Mareice Kaiser und ist in einem Restaurant verortet: »Wohin lege ich die Karte, wie viel Trinkgeld gebe ich, wie geht das?, denke ich. Ich kenne den Code, aber ich kenne nicht die Codes« (S. 8). Bis heute machen wir keinen Urlaub in Hotels und betreten keine noblen Restaurants, bis heute fühle ich mich in Städten mit relativ reichen Menschen unglaublich unwohl. Ich kenne nicht die Codes.

Perspektivwechsel und Optionen

Apropos Urlaub: »Ich kann schlecht in den Urlaub fahren. Irgendetwas ist da bei mir blockiert« (S. 12, Verena Brakonier). Erwähnte ich, wie viel ich mir in dem kleinen Heft angestrichen habe? So oft hatte ich das Gefühl, meine Gefühle gedruckt zu sehen. Und fragte mich gleichzeitig, wie wohl Menschen Soll & Habitus lesen würden, für die Geld eine Selbstverständlichkeit ist. Die nie Mangel erlebt haben und ihn nun als Titelthema in der ZEIT erklärt bekommen müssen. Was wäre man dann für ein Mensch? Wäre man grundsätzlich glücklicher? Oder ist das zu plakativ gedacht und man hätte dann ganz andere Probleme? Aber könnten die jemals auch nur so elementar sein wie Geldmangel in einem gesellschaftlichen System, das auf Geld beruht, in dem ohne Geld nichts funktioniert? Es ist ja nicht so, als ob man eine Option hätte; dass man sagen könnte, mir ist das Geld egal, ich brauche kein Geld. Nein, wir alle brauchen immer stets und ständig Geld, denn Arbeits- oder Obdachlosigkeit sind keine würdevolle Alternative. Aber das bedingungslose Grundeinkommen, das wäre eine. Wie sich Soll & Habitus wohl lesen würde, wenn diese Utopie Realität wäre?

Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987, studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und wurde unter anderem mit dem Hattinger Förderpreis für Junge Literatur und dem Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg ausgezeichnet. Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in Trier und London. Sie wurde mit verschiedenen Förderpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Soll & Habitus ist 2021 bei SUKULTUR erschienen, umfasst 21 Seiten und beinhaltet Beiträge von Shida Bazyar, Ewe Benbenek, Verena Brakonier, Christian Dittloff, Özlem Özgül Dündar, Verena Güntner, Mareice Kaiser, Şeyda Kurt, Aurélie Maurin, Maria Milisavljević, Jacinta Nandi, Hendrik Quast, Sahar Rahimi, Lynn Takeo Musiol und Deniz Utlu. Auf der dazugehörigen Website stehen alle Beiträge auf mehreren Sprachen kostenlos zur Verfügung.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei den Herausgeberinnen / Autor:innen.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Autumn • Ali Smith

Ich mag englische Buchausgaben sehr. Zuerst sehen sie wunderschön neu aus, dann trägt man sie einige Wochen lang zwischen Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer hin und her, transportiert sie vielleicht sogar noch im Rucksack und am Ende sehen sie aus, als hätten sie bereits ein ganzes Leben hinter sich gebracht. In etwa dieselbe Zeit habe ich gebraucht, um Ali Smiths Autumn zu lesen.

Der Auftakt eines Quartetts

Autumn ist der erste Teil des sogenannten Jahreszeitenquartetts von Ali Smith – alle vier Teile sind nach den jeweiligen Jahreszeiten benannt und ich freue mich schon jetzt darauf, die restlichen Teile passend zu den Jahreszeiten innerhalb der nächsten Monate zu lesen, auch wenn zumindest im Auftakt nicht allzu viele NatureWriting-Passagen auftauchen, die mich quasi dazu ›zwingen‹ würden, es ausgerechnet im Herbst lesen zu müssen. Long story short: Man kann das Quartett sicherlich auch unabhängig von den Jahreszeiten lesen.

Im Mittelpunkt des Romans stehen Elisabeth und Daniel. Elisabeth ist Mitte 30 und die Protagonistin von Autumn. Daniel ist 101 Jahre alt und im Altenheim. Als Elisabeth noch ein Kind war, war er ihr Nachbar – ein besonderer Nachbar. So ganz finde ich während des Lesens nicht heraus, was er beruflich gemacht hat, aber er hat Songs geschrieben und viel mit Künstler:innen zu tun gehabt.

Viele Sprünge, viele Ebenen, viele lose Enden

In Autumn springe ich immer wieder zwischen den Zeitebenen hin und her – manchmal angekündigt, oft nicht. Mal reise ich zurück in Kindheitserinnerungen von Elisabeth, die oft ihre Mutter oder Daniel betreffen, mal begleite ich die Gegenwarts-Elisabeth bei ihrem Besuch im Bürgeramt bei dem Versuch, einen neuen Reisepass zu beantragen. Ebenfalls spielt die Zeitebene ihrer Dissertation eine wichtige Rolle – und der Brexit.

Vieles kommt in dem Roman zusammen, vieles verstehe ich nicht so richtig, allen voran die Handlung rundum Elisabeths Dissertation. Sie hat Kunstgeschichte studiert und entdeckt kurz vor ihrer Dissertation einen Bildband über Englands einzige Pop-Art-Künstlerin der 1960er Jahre. Sie wirft ihr eigentliches Dissertationsthema über Bord, um über sie schreiben zu können. Unterbrochen durch viele Erinnerungen kommt ein wilder Mix aus Erinnerungen ihrer Mutter, der vergangenen Liebesgeschichten von Daniel und Parallelen zu Marilyn Monroe dazu – und ich komme nicht mehr hinterher. Die Zeitsprünge machen das Buch sehr schwer verständlich, noch dazu erschwert es mir Ali Smiths gekonnter, aber auch schwieriger Stil, Kohärenz aufbauen zu können – gerade bei dem Thema rund um die Künstlerin, wo der Mix aus historischen Erzählungen, künstlerischen Vergleichen, Geschichten um Schauspielerinnen und persönlichen Erfahrungen einfach zu kompliziert und wirr wird.

Wenn der Nachbar zum Opa wird

Wesentlich verständlicher ist die Handlung auf der gegenwärtigen Zeitebene: Elisabeth liest dem schlafenden Daniel im Altersheim regelmäßig etwas vor und führt so ihre tiefe Beziehung fort, die schließlich so intensiv wird, dass sie in einem Großvater-Enkelin-Verhältnis mündet. Ausgehend von dieser gegenwärtigen Ebene tauche ich immer wieder in Daniels unverständliche Träume ein, aber auch in die Anfänge ihrer Beziehung. Ich bekomme einen Schulaufsatz zu lesen, den Elisabeth über ihren neuen Nachbarn schreiben soll und bin dabei, wie sich beide kennenlernen. Vor allem habe ich genossen, davon zu lesen, wie Daniel schnell eine Mentorenrolle gegenüber Elisabeth einnimmt: Bei Besuchen fragt er sie stets als erstes, was sie gerade liest. »Does it look like I’m reading anything? she said. Always be reading something, he said. Even when we’re not physically reading. How else will we read the world? Think of it as a constant. A constant what? Elisabeth said. A constant constancy, Daniel said« (S. 68). Mindestens genauso wortgewandt lehrt er sie, dass Sprache wie Mohn ist: »It just takes something to churn the earth round them up, and when it does up come the sleeping words, bright red, fresh, blowing about. Then the seedheads rattle, the seeds fall out« (S. 69).

Perfekte Fleabag’sche Dialoge 

Gerade in Bezug auf Dialoge wird die besondere literarische Stärke von Ali Smith deutlich: Sie lässt Figuren fasst slapstick-artig miteinander agieren und denkt kommunikative Missverständnisse humorvoll mit. Dieser Stil erinnert mich extrem an die Serie Fleabag – und ist auch der Grund dafür, warum ich mir Autumn überhaupt gekauft habe. Auf der Rückseite von The Bass Rock steht nämlich folgende Pressestimme: »Like Ali Smith’s novels crossed with the TV series Fleabag«. Ich bin ein großer Fan der Serie von Phoebe Waller-Bridge, also ist es kaum verwunderlich, warum eine einzelne Pressestimme mich dazu bringen konnte, eine neue Buchreihe anzufangen.

Ein Musterbeispiel für Smiths gekonnte Dialoge ist das Gespräch zu Beginn des Romans im Bürgeramt, als sie versucht, einen neuen Reisepass zu beantragen: »He shakes his head. What? Elisabeth says. No, I think it’s all right, he says. The hair. It has to be completely clear of your eyes. It is completely clear of my eyes, Elisabeth says. It’s nowhere near my eyes. It also can’t be anywhere near your face, the man says. It’s on my head, Elisabeth says. That’s where it grows. And my face is also attached to my head« (S. 23). Schön ist auch die Stelle, als Elisabeth im Altersheim bei einem Besuch von Daniel einschläft und eine Pflegerin den Raum betritt: »Having a bit of time out? the care assistant says. All right for some, huh? Some of us have to work for a living, she says. She winks in the general direction of Elisabeth« (S. 41). Oder die Stelle, als auf ein GO HOME-Graffiti WE ARE ALREADY HOME THANK YOU geantwortet wird. Es sind immer wieder kleine sassy Passagen, die Autumn auflockern und zu einem grandiosen Lesevergnügen machen.

Der Brexit liegt in der Luft

Weitaus ernsthafter sind die Kapitel, in denen Smith den im Sommer und Herbst 2016 überall in der Luft schwebenden Brexit thematisiert. Da wird Smith fast poetisch: »All across the country, people felt it was the wrong thing. All across the country, people felt it was the right thing. All across the country, people felt hey’d really lost. All across the country, people felt they’d really won. All across the country, people felt they’d done the right thing and other people had done the wrong thing« (S. 59). Aber besonders stark fand ich den Ausbruch von Elisabeths Mutter auf einem Spaziergang. Was mit einem Schlagabtausch in gewohnten Fleabag-Stil beginnt (»I’m tired, she says. It’s only two miles, Elisabeth says« (S. 56)), endet mit einem zweiseitigen Monolog ihrer Mutter über all das, worüber sie tired ist: die Nachrichten, Wut, Egoismus, Gewalt, Lügen, die Regierung, Angst, fehlende Worte – um nur eine Auswahl zu nennen. Es sind diese politischen Passagen, an denen Autumn für mich ganz besonders glänzt und von denen ich mir mehr gewünscht hätte, schließlich wird auch im Klappentext geschrieben: »The United Kingdom is in pieces, divided by a historic once-in-a-generation summer.« Dafür waren es dann doch zu viel Erinnerungen an jugendliche Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter, Kunstlektionen von Daniel und Erkundungen bezüglich der Pop-Art-Künstlerin.

Ich bin zwiegespalten: Einerseits macht Ali Smiths Schreibstil den Roman überaus unterhaltsam, andererseits an anderen Stellen aber auch unverständlich. Einige Passagen sind wundervoll lehrreich, andere lassen jeden roten Faden vermissen. Smith springt nicht nur zwischen Zeit-, sondern auch zwischen Handlungsebenen hin und her, was mich immer wieder verwirrt und dazu geführt hat, dass ich für das gar nicht allzu umfangreiche Buch doch länger gebraucht habe als erwartet. Und dennoch möchte ich auch die folgenden drei Teile lesen – in der geheimen Hoffnung, dass Smith mit jedem Teil ein wenig weiter über sich hinaus wächst. Denn Potenzial, das hat die Idee des Jahreszeitenquartetts definitiv.

Ali Smith, Jahrgang 1962, ist eine britische Schriftstellerin. Nach ihrem Studium arbeitete sie an der Universität Strathclyde als Lecturer. Aufgrund ihrer Erkrankung am Chronischen Erschöpfungssyndrom gab sie ihren Beruf als Literaturdozentin jedoch auf und begann zu schreiben. 2015 wurde sie zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Sie stand bereits drei Mal auf der Shortlist für den Booker Prize, unter anderem für Autumn. Autumn erschien erstmals 2016 bei Hamish Hamilton. Meine Ausgabe wurde 2017 bei Penguin Books veröffentlicht und umfasst 264 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.