Der Gesang der Flusskrebse • Delia Owens

Sie lebt allein in einer Hütte im Wald und sammelt alles aus dem Marschland, was ihr unter die Nase kommt; manche munkeln, sie könne mit den Möwen sprechen: Im Mittelpunkt von Owens Der Gesang der Flusskrebse steht die Protagonistin Kya, auch das Marschmädchen genannt.

Zwischen Spreewald und True Detective

Kya wächst in North Carolina auf, in einer Gegend, die mich an eine Mischung aus Spreewald, True Detective (Staffel 1) und Nordsee erinnert. Von klein auf fährt sie mit dem Boot ihres Vaters, wenn er mal wieder tagelang betrunken verschwunden ist, durch die verschlungenen kleinen Flüsse, beobachtet die Flora und Fauna um sich herum und sammelt alles, was ihr unter die Nase kommt: Federn, Käfer, Muscheln.

Ich begleite Kya von ihrer Kindheit bis ins Alter. Ich erlebe, wie ihre Mutter eines Sommertages einfach geht und sie und ihre Geschwister allein bei ihrem Vater zurücklässt. Ich erlebe, wie nach und nach ihre Geschwister gehen und eines Tages sogar ihr Vater verschwindet, bis nur noch Kya allein zurückbleibt. Sie lernt, sich allein durchzuschlagen. Von einer Art Tankstellenwärter namens Jumpin’ und dessen Frau bekommt sie Kleidung und Saatgut geschenkt. Einen Tag geht sie sogar zur Schule – und dann nie wieder. Neben dem Marschland – ihrer Ziehmutter, ihrem Ein und Alles, das in der Amtssprache als »Kategorie Brachland. Dreckiger Sumpf« (S. 276) bezeichnet wird – und Jumpin’ – ihrem Ziehvater – bietet ihr lediglich der etwas ältere Tate einen Halt.

Zwischen Mogli und Mononoke

Kya ist extrem schüchtern, menschenscheu und vertraut niemandem. Nicht selten erinnert sie mich an Mogli oder Prinzessin Mononoke. Ihre sich mit der Zeit entwickelnde, außergewöhnliche Schönheit steht ihr in ihrem Leben sehr im Weg: Sobald sie doch mal in die Stadt muss, zieht sie sämtliche Blicke auf sich. Unter den jungen Männern und Jugendlichen der Stadt ist es eine Art Challenge geworden, nachts möglichst nah an ihre Hütte zu gelangen – in der stillen Hoffnung auf eine Möglichkeit, das »Marsch-Luder« (S. 251) zu vergewaltigen. Doch Kya hat die Flucht und das Verstecken perfektioniert. Wenn sie es nicht will, findet sie auch niemand.

Der Gesang der Flusskrebse spielt auf zwei fortlaufenden Zeitebenen. Auf der einen begleite ich Kya auf ihrem Weg vom Kind, das ›im Schlamm spielt‹, zur erwachsenen Autorin, die andere spielt im Jahr 1969, als Kya etwa Mitte 20 ist und der Tod von einem der beliebten Männer die Stadt erschüttert: Chase Andrews wird im Marschland tot unter einem Feuerwachturm gefunden. Relativ schnell gerät Kya in Verdacht, worauf ein Gerichtsprozess folgt, der mich stark an Wer die Nachtigall stört erinnert.

Diese Zweiteilung sorgt für einen hervorragend gelungenen Spannungsaufbau. Owens hat es geschafft, dass ich das doch nicht allzu dünne Buch kaum aus der Hand legen wollte und es in sehr kurzer Zeit durchgelesen hatte. Natürlich rätselte ich ununterbrochen mit, wer denn nun Chase umgebracht haben könnte. Aber gleichzeitig beschreibt Delia Owens das Marschland so einfühlsam und detailliert, dass ich mich beim Lesen in einem bunten Kopfkino wiederfinde und die Buchverfilmung ausnahmsweise kaum erwarten kann.

Feine Töne

Ich könnte an dieser Stelle noch viel darüber schreiben, wie gekonnt Owens in das Setting der 60er Jahre in North Carolina den allgegenwärtigen Rassismus und Klassismus einflicht und sogar auf gleichberechtigte, feministische Beziehungen eingeht, doch tut sie das in solch feinen und doch deutlichen Tönen, dass ich lediglich ihre genaue Betrachtung und Darstellung von der damaligen Gesellschaft und Beziehungsstrukturen sowie Figurenzeichnungen loben möchte.
Einen Beitrag dazu leisten auch die Übersetzer:innen, die im Rahmen einer editorischen Notiz begründen, weshalb sie den Begriff colored im Roman mit Schwarz übersetzen.

Den feinen und doch deutlichen Tönen begegne ich im Roman auch in Bezug auf familiäre Bindungen. Kya macht der Weggang ihrer Mutter und Geschwister sehr zu schaffen, immer wieder verliert sie vertraute Bezugspersonen. Lange Zeit besteht ihr soziales Sicherheitsnetz lediglich aus ihr Selbst und der Natur, die sie umgibt, bis sie sich ihre Familie schließlich selbst zusammensucht und sie immer wieder neu definiert. Familie sind die, die Kya auch verstehen, wenn sie keine Worte findet oder sich nicht traut, andere zu sehen. Familie sind nicht nur Blutsverwandte, sondern auch Schwarze Tankstellenbesitzer, vergessene Kindheitsfreunde, Möwen. »Endlich war wieder eine Familie um den alten Ofen versammelt, und auf dem Tisch standen Mas Maisküchlein, Rührei und gebackene Tomaten. Aber diesmal gab es dazu Lachen und Liebe« (S. 449).

Auf herausragende Weise massenkompatibel

All diese kleinen Feinheiten sind es, die ein so herausragendes Gesamtbild erschaffen, einen bis in die Wurzeln soliden, überaus guten und vielseitigen Roman, der mit seinem Happy End und einzigartigen, untypischen American-Dream-Erzählungen aus dem Marschland heraus so ziemlich jede:n begeistern dürfte. Einzig und allein stört es mich, dass Kya immer wieder als so überaus wunderschön beschrieben wird. Ich wüsste zu gern, warum sich Owens dazu entschieden hat, eine so perfekt aussehende Protagonistin zu erschaffen. Wäre ihre andersartige American-Dream-Erzählung sonst nicht aufgegangen? Hat so viel von dem, was Kya geschieht, mit ihrem Aussehen zu tun? Ich bin mir nicht sicher, denke aber, dass es dem Roman noch ein gewisses Quäntchen mehr gegeben hätte, wenn Kya äußerlich doch etwas mehr wie Mogli und etwas weniger wie Prinzessin Mononoke gewesen wäre.

Delia Owens, Jahrgang 1949, ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und Zoologin. Ihr Debütroman Der Gesang der Flusskrebse erschien 2019 bei hanserblau und 2021 als deutsche Taschenbucherstausgabe, wurde von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann aus dem US-Amerikanischen übersetzt, stand wochenlang auf der Bestsellerliste der New York Times und erreichte den ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste. Die Taschenbuchausgabe umfasst 208 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover liegen beim Verlag bzw. der Autorin / den Übersetzer:innen.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Drei Kameradinnen • Shida Bazyar

Der Buchmarkt ist in den letzten Jahren wesentlich diverser geworden. Es vergeht kein Monat, in dem kein neues Buch von einer ›migrantischen Stimme‹ erscheint. Und ich liebe es! Nur mit Drei Kameradinnen, das ich auch definitiv zu migrantischer Literatur zählen würde, bin ich nicht ganz warm geworden. Das Problem ist nur: Ich weiß nicht, ob das am Buch oder an mir liegt.

Drei angriffslustige Kameradinnen

Shida Bazyar schreibt in dem Roman über drei Freundinnen bzw. Kameradinnen Saya, Hani und Kasih (die Ich-Erzählerin), die zusammen in einer Siedlung am Rand einer westdeutschen Kleinstadt aufgewachsen sind. Wo sie geboren sind oder wo ihre Eltern geboren sind, vor welchen Kriegen sie geflohen sind, erfahre ich als Leserin ganz absichtlich nicht. Die Ich-Erzählerin spricht mich als Leserin im Laufe des Buches immer wieder ganz direkt an: »Ich sage euch dazu nichts. Da müsst ihr durch. Ich weiß ja auch über euch nichts.« Dieses direkte Ansprechen nutzt sie immer wieder, um mich als Leserin auf meine Vorurteile und Erwartungen hinzuweisen, auf meine stereotypen Denkmuster, auf meine Pauschalisierungen und persönlichen sowie gesellschaftlichen Privilegien: »Ihr wartet auf den Moment, in dem ich erkläre, wer von uns aus welchem Land kommt. Das nämlich müsst ihr wissen, bevor ihr euch in uns eindenken könnt.«

Ich verfolge einige Tage im Leben der drei mit – Saya ist bei Kasih zu Besuch, weil sie eine Hochzeit besuchen werden – und erlebe zahlreiche Rückblicke, Voraussichten, Andeutungen, Spielchen. Die Ich-Erzählerin ist extrem unzuverlässig, ich kann ihr noch weniger vertrauen, als ich zunächst dachte. Darüberhinaus gibt es in dem Buch keine Kapitel, der gesamte Text ist wie in einem endlos langen Tagebucheintrag Seite für Seite aneinandergereiht. Dennoch zieht mich Drei Kameradinnen nicht so richtig in seinen Bann. Das liegt nicht nur an der unzuverlässigen Ich-Erzählerin, sondern auch an der unsympathischen Leser:innenansprache.

Ein Roman mit Herzinfarkt-Potenzial

Zugegeben: Shida Bazyar hat ein astreines Aufregerbuch geschrieben. Ich wette, alte, reiche, weiße Männer würden beim Lesen einen Herzinfarkt vor lauter Aufregung bekommen, schließlich geht es um alle Reizthemen, die unsere Gesellschaft so bewegen: Rassismus, Gentrifizierung, Klassismus, Amazon-Einkäufe, Vorurteile gegen Ostdeutsche, Lifestyle-Besuche von linken Demos, Vorurteile gegen Hartz-IV-Beziehende, Vorurteile gegenüber ›schlechten‹ Jobs. Allerdings ist mir auch klar, dass diese Menschen das Buch wohl nie auch nur in die Hand nehmen werden. Immer wieder habe ich mich deshalb gefragt, wer genau die Zielgruppe ist. Bin ich die Zielgruppe? Weiß ich nach all den letzten Jahren, nach all den Diskursen immer noch so wenig über meine Privilegien und über migrantische Perspektiven? Kann ich mich von der Seite leicht beleidigen lassen, dass ich mich nicht mit Hass im Netz auseinandergesetzt hätte, obwohl ich sechs Monate lang nur Kommentarspalten gelesen und eine sehr lange Examensarbeit über Hate Speech gegenüber Geflüchteten geschrieben habe? Bin ich ignorant, wenn ich auch nur so etwas denke? Bin ich heuchlerisch, wenn ich bei vielen Leser:innen-Ansprachen, die Vorurteile ansprechen, denke, dass diese Vorurteile nicht in meinen Gedanken auftauchen? Ist es okay, wenn ich wütend bin, wenn die Ich-Erzählerin es okay findet, wenn der Osten in Fernsehdebatten verallgemeinert, verniedlicht und dämonisiert wird? Ist es okay, wenn ich mich vor allem über die im Roman geschilderten Vorurteile gegenüber Ostdeutschen aufrege? Wie reagieren wohl Westdeutsche auf diese Szenen? Fühlen sie sich so ertappt wie ich mich, wenn es um ›schlechte‹ Jobs wie den im Callcenter geht oder darum, dass man nur eine vorbildliche Übergangsarbeitslose sein möchte, die nie in einem Fertighaus leben möchte? Der Roman weckt dadurch, dass er etliche Differenzierungen eröffnet und gleichzeitig andauernd pauschalisiert, so viele Fragen in mir – doch Antworten finde ich weder im Buch noch in mir selbst.

Die innere Privilegienliste abhaken

Während der Lektüre von Drei Kameradinnen lohnt es sich, immer wieder die innere Privilegienliste abzuhaken, um nicht aus der Haut zu fahren. Ich bin weiß, ich bin Europäerin, ich habe eine Festanstellung, ich habe einen Hochschulabschluss. Check, Check, Check. Ich habe sehr vieles, was sehr viele andere Menschen nicht haben, und sollte, nein, muss mir dessen stets bewusst sein. Denn bei mir würde die Feuerwehr sehr wahrscheinlich rechtzeitig kommen, um mich aus einem brennenden Haus zu retten und sich nicht extra viel Zeit und mich sterben lassen, nur weil mein Name nicht nach Kartoffel klingt – so wie im Roman geschehen.

Kein Backrezept, keine Pointe

Drei Kameradinnen lässt mich ratlos zurück. Natürlich habe ich kein Backrezept zum Kampf gegen alle Vorurteile und Privilegien der Welt erwartet, aber zumindest irgendetwas Greifbares wäre schön gewesen. Denn irgendwann bin auch ich müde. Ich tue, was ich kann, um gegen all die Ungerechtigkeiten der Welt anzukämpfen, aber ich bezweifle, dass es dann irgendwem irgendwie weiterhilft, mit zahllosen Anschuldigungen konfrontiert zu werden. Und ja, ich weiß auch, dass dies eine verdammt privilegierte Situation ist, da ich nur kämpfen brauche, aber kein Opfer bin, und doch weiß ich nicht, was ich noch darüber hinaus tun kann. Und gleichzeitig weiß ich, dass ich nicht in der Position bin, mir etwas Greifbares zu erhoffen, schließlich ist meine Privilegienliste ziemlich lang. Und so sitze ich ratlos vor dem Laptop, ohne zu wissen, was die Pointe ist.

Shida Bazyar, Jahrgang 1988, ist eine deutsche Schriftstellerin mit iranischem Migrationshintergrund. Ihr Debüt Nachts ist es leise in Teheran wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Drei Kameradinnen erschien 2021 bei Kiepenheuer & Witsch und umfasst 352 Seiten.
Ich danke Kiepenheuer & Witsch und NetGalley für das Rezensionsexemplar. Sämtliche zitierte Stellen stammen aus dem E-Book und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


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Irgendwann werden wir uns alles erzählen • Daniela Krien

Dominik und ich haben ein Händchen für Umzüge im Sommer. Alle Umzüge, an die ich mich aktiv erinnern kann, waren – und sind – im Sommer. Da bleibt kaum Zeit für Gedanken an Weizenfelder, staubige Wege, Freibäder, Schatten oder Bücher. Dennoch habe ich dieses Jahr trotz oder gerade durch die vielen Unabwägbarkeiten und riesigen Veränderungen ein regelrechtes Verlangen nach mich beruhigenden, sommerlichen Buchseiten.
Zwei Bücher habe ich in letzter Zeit angefangen und beide direkt wieder beiseite gelegt. Beide konnten mich nicht dort abholen, wo ich stehe. Dann stieß ich durch meinen Buchclub zufällig auf Kriens Debüt und ließ mich darauf ein, ohne zu wissen, was mich erwarten würde.

Ein bäuerlicher Sommerroman im Umbruch Deutschlands

Wie auch unser Umzug spielt der Roman im Sommer, auf dem Land, im Osten. Er spielt in den Jahren 1989 und 1990; aus den wenigen konkreten Angaben im Roman und der Biographie der Autorin schließe ich darauf, dass die Handlung im Thüringischen Vogtland an der Grenze zu Bayern verortet ist. Das Buch beginnt wie ein guter Sommerroman: Daniela Krien zeichnet ein umfassendes, genaues (Wahl-) Familienbild sowie den nicht allzu klischeehaften Coming-of-Age-Sommer der 17-jährigen Protagonistin Maria. Besonders schätze ich dabei die bäuerliche Atmosphäre und Kriens Gespür für die Zeit direkt nach der Wende und die Wunden, die der Untergang der DDR gerissen hat. Es geht viel um Familie und Familienzusammenführungen, um stille Vorurteile und die Verachtung der ›Wessis‹ gegenüber den ›Ossis‹, um Kriegs- und Generationentraumata und um die LPG sowie Enteignungen der Bauernfamilien.

Zwischen naiver Obsession und quälenden Lügen

Leider hält sich Krien nicht allein an ländlichen Nachwende-Erzählungen fest. Stattdessen flicht sie relativ schnell eine Beziehungsebene mit ein, die ich nicht richtig greifen oder verorten kann. Während sich Marias Freund Johannes, auf dessen Familienhof sie seit einigen Monaten lebt, immer besessener seiner neuen Kamera aus dem Westen hingibt, beginnt sie ein Abhängigkeitsverhältnis zum 24 Jahre älteren Besitzer Henner (dessen Vorname nie genannt wird) des benachbarten Hofs. Ihr Verhältnis changiert zwischen romantischer Affäre und Obsession, zwischen Liebelei und hartem Sex. Ich betrachte dies alles mit großem Unbehagen: Marias Aufregung, ihre Naivität, ihr Drang, etwas Verbotenes und Neues zu tun, später sogar ihre Träume nach einem gemeinsamen Leben und Kind, während tief in ihr ein Sturm der verheimlichenden Lügen tobt.
Schon nach einem Drittel des Romans ahne ich, dass das alles nicht gut enden wird. Dennoch kann ich den Roman kaum aus der Hand legen. Denn auch, wenn Marias Obsession und Geheimniskrämereien irgendwann schon fast nerven, hat Irgendwann werden wir uns alles erzählen doch etwas an sich, was mich ununterbrochen an den Roman fesselt und ihn trotz Umzugschaos in nicht einmal 24 Stunden durchlesen lässt.

Kein Buch für den Bus

Vom Ton her erinnert mich Irgendwann werden wir uns alles erzählen schnell an einen freundlicheren, aber ebenso simplen und etwas kargen Stil von Adlers „Die Infantin trägt den Scheitel links“, doch vom Setting her (DDR-Bauernhof in Thüringen, betrachtet aus der Perspektive einer Ost-Autorin) ist es etwas definitiv Neues, das mich angenehm überrascht. Einen feinsinnigen Coming-of-Age-Roman, eingebettet in die Zeit der ›Auflösung‹ der DDR – so etwas habe ich bisher nicht gelesen und deshalb umso mehr genossen, auch wenn es sich zeitweise so las, wie ich mir eine bäurische Variante von Fifty Shades of Grey vorstelle – ohne, dass ich die Buchreihe kenne. Im Bus würde ich den Roman jedenfalls nicht lesen.

Daniela Krien, Jahrgang 1975, ist Schriftstellerin. 2020 wurde ihr der Sächsische Literaturpreis verliehen. Irgendwann werden wir uns alles erzählen erschien 2012 bei List / Ullstein und umfasst 236 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


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Greenwood • Michael Christie

Manche Bücher machen es mir nicht leicht. Greenwood kaufte ich mir im vergangenen Herbst – damals auf Deutsch als Das Flüstern der Bäume. Ich versprach mir viel von dem Buch und wurde bitter enttäuscht. Etwa 80 Seiten quälte ich mich durch die verschiedenen Zeitebenen, bis ich das Buch endgültig weglegte. Nur mein Buchclub sorgte dafür, dass ich dem Buch noch eine zweite Chance gab. Diesmal auf Englisch, digital und bis zur letzten Seite.

Ein Epos über vier Generationen einer Familie, die sich den Bäumen verschrieben hat

Michael Christie hat mit Greenwood ein Epos über die titelgebende Familie Greenwood geschaffen. Der Roman erstreckt sich über vier Generationen vom Jahr 1908 bis ins Jahr 2038 und ist wie ein Querschnitt, wie die Jahresringe eines Baumes aufgebaut: Greenwood beginnt im Jahr 2038 und erzählt rückwärts bis ins Jahr 1908, um dann wieder vorwärts zu laufen und im Jahr 2038 zu enden. Das sorgt für viele Rätsel und Auflösungen, für viel Hin-und-her-blättern, für zahlreiche Fäden, die immer wieder fallen gelassen und wieder aufgegriffen werden. Vor allem aber sorgt es dafür, dass sich die Figuren sehr intelligent selbst erklären. Das beste Beispiel dafür ist Liam (Zeitlinie 2008), der selbst als Erwachsener nicht verstehen kann, warum seine Mutter Willow die Bäume immer mehr geliebt hat als ihn selbst. Auf Willows Zeitebene (1974) werden mir die Gründe dafür wie auf einem Silbertablett präsentiert. Christie gestaltet so multidimensionale, keinesfalls einfach gestrickte Figuren, die sehr menschlich wirken.

Zwei Themen stehen bei Greenwood unangefochten im Mittelpunkt: Familie und Bäume. Wenn man mit einem von beidem nichts anfangen kann, wird einem das Buch wahrscheinlich eher nicht gefallen.
Christie erzählt über vier Generationen hinweg, wie unterschiedlich Familie aussehen kann. Er schreibt über Wahlfamilien, über Puzzle-Konstellationen, über (glückliche) Zufälle. Irgendwie scheint sich alles zu finden, zu fügen, irgendwie passt es zum Schluss und ergibt einen logischen Zusammenhang, um nicht zu sagen: Stammbaum, in dem alle verwurzelt sind. Ich mag es sehr, dass Christie auf keiner einzigen Zeitebene auf prototypische Familienvorstellungen setzt und immer wieder scheinbar gesetzte Normen dieses Bereichs hinterfragt: die alleinerziehende Mutter, die ihr Kind im Van aufzieht; der scheinbar verbrecherische Kriegsveteran, der alles geben würde, um das von ihm gefundene Baby zu beschützen; der Bruder, der sich ohne Weiteres um das Kind kümmert. Alle wachsen von Generation zu Generation weiter wie ein Baum, um den sich ein Jahresring nach dem anderen legt – und alle sind durch die Bäume miteinander verbunden. Die Bäume, die einige in dem Buch pflanzen, andere abholzen, andere schützen, andere untersuchen. Die Bäume, um die sich alles, aber auch wirklich alles dreht.

Naturschutz durch die Holzhammer-Methode

Ausgangspunkt des Romans ist die Greenwood Island, auf der die junge Frau Jake Greenwood im Jahr 2038 reiche Touristen durch einen einzigartigen Mikrokosmos, in dem etliche, tausend Jahre alte Bäume wachsen, führt. Vor einigen Jahren begann The Great Withering, in dessen Folge nahezu alle Bäume starben. Papierbücher sind nun einzigartige Relikte und die Bäume, die immer noch auf der Greenwood-Insel wachsen, sind (zumindest in Nordamerika) die einzigen in ihrer Größe, Anzahl und ihrem Alter, die es noch gibt.
Abgesehen davon, dass jede:r in der Familie Greenwood mit Bäumen und Holz gearbeitet hat, nutzt Christie die Bäume vor allem auch, um mich als Leserin auf diese wertvolle Ressource aufmerksam zu machen. Mich als Geographin reißen seine nicht gerade impliziten Holzhammer-Hinweise auf Naturschutz und Klimawandel-Bekämpfung nicht vom Hocker, aber den meisten wird Greenwood doch ziemlich dabei helfen, die Augen zu öffnen und verstehen zu lernen, was es bedeutet, wenn unsere Wälder sterben: »Though why is it, she wonders casually as she stacks the boxes in her van, that we expect our children to be the ones to halt deforestation and species extinction and to rescue our planet tomorrow, when we are the ones overseeing its destruction today?«

Little Fires Everywhere

Die Handlungsstränge rund um Bäume und Familie sind zwar ganz nett, ziehen sich aber ab und zu auch sehr in die Länge. 100 Seiten weniger hätten dem Buch gut getan (und Papier gespart). In der Hinsicht bin ich dankbar dafür, dass Christie zumindest am Rande immer wieder kleinere Konflikte thematisiert. Im Jahr 2038 streut er ein paar Sätze über Klassismus und Rassismus ein, im Jahr 1974 schreibt er darüber, wie man es sich mit sich selbst vereinbaren kann, ein Kind in unsere heruntergewirtschaftete Welt zu setzen. Im Jahr 1908 kritisiert er den Umgang mit indigenen Völkern und auf der Zeitebene 1934 konzentriert er sich neben dem Thema der Drogensucht auf Möglichkeiten, ›verlorene‹ Bevölkerungsschichten wieder in die Gesellschaft zurückzuholen und ihnen eine zweite Chance zu geben.

Greenwoods ist so vielschichtig wie die Jahresringe eines Baumes. Ich mag nicht nur das Konzept des Romans an sich sehr, auch die Erzählung hat mich beim zweiten Anlauf für sich eingenommen. Ausnahmsweise habe ich das Gefühl, dass mich beim ersten Versuch allein die Übersetzung extrem gestört hat. Ich bin froh, dem Buch eine zweite Chance gegeben zu haben. Trotz seiner vielen Längen schärft Greenwood auf einzigartige Weise das Bewusstsein dafür, wie (überlebens-) wichtig unsere grünen Mitbewohner um uns herum sind. Hoffentlich denken wir auch dann noch daran, wenn der Hochsommer da ist und die Bundestagswahl bevorsteht.

Michael Christie ist ein kanadischer Autor und lebt mit seiner Familie in einem selbst gezimmerten Holzhaus auf der Insel Galiano vor Vancouver. Bevor er zu schreiben anfing, arbeitete er in der Obdachlosenhilfe. Greenwood erschien 2020 bei Hogarth, umfasst 528 Seiten und wurde unter anderem für den bedeutendsten kanadischen Literaturpreis, den Scotiabank Giller Prize, nominiert.
Sämtliche zitierte Stellen stammen aus dem E-Book und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


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Miroloi • Karen Köhler

Im zweiten Semester Germanistik schrieb ich eine sehr nerdige Hausarbeit, in der ich die Seeräuber-Jenny aus Brechts Dreigroschenoper mit Grace aus Lars von Triers Dogville verglich. An die Seeräuber-Jenny kann ich mich kaum noch erinnern, doch Dogville ist mir überaus präsent im Gedächtnis geblieben. Long story short: Eine fremde Frau kommt in ein abgelegenes Dorf und erledigt dort für alle Bewohner:innen Hilfsarbeiten. Nach und nach wird sie immer mehr ausgenutzt, immer stärker degradiert, bis die psychischen und physischen Misshandlungen so immens sind, dass sie als emanzipierte Rächerin das von ihr in Brand gesteckte Dorf verlässt.
Seitdem ich diesen Film gesehen habe, nehme ich diese Handlung immer wieder, immer öfter in Film und Literatur wahr. Ein Beispiel dafür ist zum Beispiel der Film Midsommar – oder auch Karen Köhlers Debütroman Miroloi.

Ein sektenähnlicher Mikrokosmos

Ein Miroloi ist laut Wikipedia »ein von Frauen gedichtetes und gesungenes Totenlied für einen Verstorbenen in der Tradition der griechisch-orthodoxen Kirche«. Im gleichnamigen Buch singt die zunächst namenlose Protagonistin, die sich später Alina nennt, ihr eigenes Miroloi – in ganzen 128 Strophen. Das klingt etwas seltsamer als es tatsächlich ist, da die meisten Strophen mehr oder weniger kurzen Kapiteln entsprechen. Nur wenige Strophen sind graphisch besonders gestaltet oder beinhalten über mehrere Seiten hinweg gar keinen Inhalt.

Miroloi ist kein Buch für schwache Nerven. Die Erlebnisse von Alina sind von Anfang an bedrückend und werden im Fortgang der Handlung immer beklemmender und furchtbarer – eine Entwicklung, wie sie auch Grace in Dogville erlebt hat. Alina ist ein Findelkind. Sie wurde auf den Treppen eines Betshauses auf einer kleinen, griechischen Insel abgelegt und ›genießt‹ seitdem einen Grace-ähnlichen Sonderstatus, da sie keinen ›Stammnamen‹ hat. Nur durch den Stammnamen ist man auf der Insel, auf der es nur ein einziges Dorf mit 500 Bewohner:innen gibt, das sektenähnlich strukturiert ist, etwas wert. Nur durch den Stammnamen kann man auch einen Vornamen bekommen, verheiratet werden, Teil der Dorfgemeinschaft sein, etwas besitzen.
In diesem Mikrokosmos gibt es mehrere Dutzend formulierte Gesetzesregeln und Normen, die in der (mittlerweile redigierten) Khorabel zusammengefasst sind. Das Dorf lebt weitestgehend unabhängig von der Regierung, ihr einziger Kontakt zur Außenwelt besteht durch Betsschüler, die auf die Insel kommen, sie aber nie mehr verlassen, sowie durch einen Händler und einen Arzt, die mehrmals im Jahr vorbeikommen.
Die kleine Gesellschaft ist stark patriarchal strukturiert und lebt für das Europa im Jahr 1985, in dem die Handlung ansetzt, sehr ›rückschrittig‹. Während die Männer im Schatten rauchen und Schnaps trinken, kümmern sich die Frauen um Feld und Hof. Alina trifft es natürlich noch härter, da sich alle im Dorf Alina für Hilfsarbeiten ausleihen können und sie darüberhinaus Haus und Hof von ihrem Finder alias Ersatz- und Bethaus-Vater in Schuss hält.
Der Bethaus-Vater genießt in der patriarchalen Dorfgemeinschaft eine Art Sonderstellung; im Gegensatz zum höchst konservativen Ältestenrat ist er relativ liberal und eine der wenigen Personen, die Alina gut und liebevoll behandeln. Schnell stellte sich bei mir beim Lesen die (berechtigte) Angst vor der Zukunft ein: Was wird wohl geschehen, sobald der Betshaus-Vater nicht mehr lebt?

Namenlose Alina

Alina wird von den meisten wie eine Ausgestoßene, Verfluchte behandelt. Ein Strohhalm, an den sie sich mit der Zeit immer stärker klammert, ist der Betsschüler Yael, den sie zufällig kennenlernt und mit dem sie heimlich eine Beziehung eingeht. Nach und nach wird Alina immer rebellischer: Sie bekommt ihren geheimen Namen Alina. Sie hinterfragt die Regeln und Götter und erkennt, dass die Khorabel nicht von den Göttern, sondern von Männern geschrieben ist. Sie lernt heimlich vom Betshaus-Vater lesen und schreiben. Sie lernt schwimmen und ihre Sexualität kennen, sie sammelt ein wenig Besitztum an. Sie kleidet sich nachts wie ein Mann, um sich ohne Kleid freier zu fühlen und um darüberhinaus die für Frauen geltende Ausgangssperre umgehen zu können. Sie emanzipiert sich.

Gewaltauswüchse des patriarchalen Systems

Tatsächlich stecken in diesem Debüt sehr viele Themen, über die man länger diskutieren könnte: der Versuch, ein kapitalistisches System im Dorf zu etablieren, die scheinbare Unabhängigkeit vom Staat, über die Freiheit und vieles mehr. Doch am meisten haben mich das patriarchale System  und dessen ›Gewaltauswüchse‹ schockiert. Karen Köhler spart nicht an Darstellungen häuslicher und offener Gewalt, an Bestrafungen oder an sexuellen, auch pädophilen Übergriffen. Die Schilderungen sind schmerzvoll, zumal sie aus der Perspektive eines jugendlichen Mädchens in einem relativ trockenen, einfachen, abgeklärten Stil beschrieben werden. Die Gewalt ist von Anfang an ein bedeutender Teil des Buchs, sie taucht  immer wieder auf und entwickelt sich wie zu einem Sog, zu einem Tsunami – und natürlich folgt schließlich der reine Gewaltexzess, gefolgt von Alinas tiefer Trauer und feuriger Rache. Ich sehe mehr als nur eindeutige Parallelen zum Dogville-Motiv.

Ein fast schon witziger Punkt der Dorfdebatten betrifft das Thema Strom. Seit der Beamte den Frauen erklärt hatte, was mit Strom alles möglich sei (Wäsche automatisch waschen, Geschirr automatisch spülen, nachts Licht haben …), hätten die Frauen zu gerne Strom. Doch der Ältestenrat ist strikt dagegen – da die Frauen dann mehr Zeit hätten und mit den Männern zusammen im Schatten sitzen und Schnaps trinken könnten. Das patriarchale System der Unterdrückung hat sich selbst entlarvt und kann doch ungehindert weiter existieren, viel mehr wird es nach dem Tod des Betshaus-Vaters und einer Umschreibung der Khorabel durch den Ältestenrat noch brutaler: Frauen müssen ihren Mund und die Haare bedecken, sie dürfen nachts nicht mehr rausgehen. Im Laufe des Buches wird das Dorf immer wieder mit der Hölle verglichen, bis Alina schließlich feststellt: Das Dorf ist die Hölle selbst.

Erschlagende Selbstbefreiung

Im Laufe ihres Mirolois befreit sich Alina, jedoch nicht für sich selbst. Sie singt ihr Totenlied, weil im Laufe der Zeit so viel von ihrer Seele gestorben ist, das kaum noch etwas von ihr bleibt.
Gute Laune macht das Buch nicht. Es ist mir in seiner Gesamtheit schlicht zu brutal. Die abgebildete Gemeinschaft hat Karen Köhler sehr interessant entworfen, doch bietet mir das Buch in seiner Negativität keinen Mehrwert. Die grundlegende Struktur wurde schon so oft erzählt. Erschlagenheit und keine allzu gute Laune – das ist, was bleibt.

Karen Köhler, Jahrgang 1974, ist Schauspielerin, (Theater-) Autorin, Performance-Künstlerin und Illustratorin. Die Taschenbuchausgabe von Miroloi erschien 2021 bei dtv und umfasst 464 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Wetter • Jenny Offill

Wie schreibt man über Zeiten, in denen alles den Bach heruntergehen zu scheint? Wie findet man Worte dafür, wenn Donald Trump gerade zum Präsidenten gewählt wurde und die Klimakrise schon seit Jahren in den Startlöchern steht? Jenny Offill hat passende Worte gesucht, aber nicht unbedingt gefunden.

Handlung ohne Kohärenz und Kontext

In Wetter begleite ich Lizzie, eine Quereinstiegs-Bibliothekarin. Sie hat eine enge Beziehung zu ihrem Bruder, der früher drogenabhängig war, einen Bildungs-PC-Spiele programmierenden Mann und einen kleinen Sohn. Neben ihrem Job in der Bibliothek beantwortet sie laut Inhaltsangabe außerdem die Fanpost ihrer alten Mentorin Sylvia, die eine Art Klima-Prophetin sein soll. Das Problem ist nur: Irgendwie lese ich davon kaum etwas in Jenny Offills Roman. Die Inhaltsangabe klingt zunächst recht vielversprechend – es ist die Rede von einer »Auseinandersetzung mit besorgten Linken, die die Klimakatastrophe kommen sehen, ebenso wie mit den Ultrakonservativen und deren Sorge um den Untergang der westlichen Zivilisation«, es soll wohl um den Clash zwischen der kleinen, privaten, heilen Welt und dem kaputten, großen ›Draußen‹ gehen. Doch davon merke ich nichts.

Der Roman ist so seltsam geschrieben, dass sich keine kohärente Handlung aufbauen kann. Vielmehr prasseln kurze Gedanken und Alltagsmomente von Lizzie auf mich ein, unterbrochen durch Zitate ohne Kontext, kursive Textstellen ohne Kontext, Frage-Antwort-Kasten ohne Kontext. Ein Twitter-Profil in ein Buch zu drucken ist wesentlich erhellender und spannender. Ich verstehe nicht, worauf Jenny Offill hinaus will und ohne die Inhaltsangabe hätte ich die Handlung nicht einmal ansatzweise verstanden.

Wenige gute Sätze auf 224 Seiten

Zugegebenermaßen: Einige wenige Textstellen finde ich dennoch gut. Gerade die Passagen, in denen Lizzie beobachtet, wie ihr Umfeld auf die Wahl von Trump reagiert – an Türen von Lebensmittelläden hängen Schilder, dass bitte nicht über Politik gesprochen werden soll; zwei Mitarbeiterinnen brüllen sich gegenseitig an, dass sie Kinder wären, weil sie (nicht) wählen waren – finde ich sehr interessant. Und auch die spärlichen Abschnitte, in denen es dann doch mal um Wetter und Klima geht, sind ganz nett. Zum Beispiel zieht sich Sylvia irgendwann vollkommen aus der Zivilisation in die Wüste von Nevada zurück. Eine andere Klimatologin erzählt im Fernsehen, dass ihre multilingual aufwachsenden Kinder drei Pässe haben, um später in verschiedenste Regionen der Erde fliehen zu können. Und ein typischer Trump-Wähler möchte keine Vorträge mehr über Gletscher mehr hören, sondern nur wissen, wie das Wetter wird. Das alles gefällt der Geographin in mir – und dennoch handelt es sich bei diesen Passagen um einige wenige Sätze. Auf 224 Seiten hochgerechnet ist das nicht gerade viel.

Wäre das Buch nicht so kurz bzw. kurzweilig gewesen, hätte ich es abgebrochen. So bereue ich dennoch ein wenig die vergeudete Zeit – denn mitgenommen habe ich aus Wetter definitiv nichts außer vielleicht die Tatsache, dass ich gerne endlich mal einen wirklich guten Roman lesen würde, der sich mit der nahenden Klimakrise auseinandersetzt.

Jenny Offill, Jahrgang 1968, ist US-amerikanische Autorin, unterrichtet Kreatives Schreiben und schreibt unter anderem für die Washington Post. Wetter erschien 2021 bei Piper, wurde von Melanie Walz aus dem Englischen übersetzt und umfasst 224 Seiten.
Ich danke Piper und NetGalley für das Rezensionsexemplar. Sämtliche zitierte Stellen stammen aus dem E-Book und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / der Übersetzerin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Daheim • Judith Hermann

Im sechsten Semester meines Germanistik-Studiums belegte ich ein Modul über Literatur und Kultur der Gegenwart mit dem Schwerpunkt auf Short Stories. Damals begegnete ich Judith Hermanns Erzählungen zum ersten Mal. Im Seminar lasen wir Texte aus Alice, für meine umfassende Hausarbeit untersuchte ich ihren 1998 erschienenen Debüterzählband Sommerhaus, später. Diese Hausarbeit hatte als Auseinandersetzung mit Hermanns Büchern erstmal gereicht; erst vor etwa einem Jahr nahm ich das nächste Buch von ihr in die Hand (Lettipark). Jetzt ist es an der Zeit für ihren neuen Roman: Daheim.

anything goes, aber gealtert

In Sommerhaus, später stehen Hermanns Figuren gefühlt nur rauchend in Brandenburg herum. Ihre frühen Erzählungen beinhalten eine Art carpe diem im Stil der Neunziger; die Literaturwissenschaft bezeichnet das als anything goes. Ich mag ihre frühen Erzählungen sehr.

Jetzt, 23 Jahre nach ihrem Debüt, schreibt Judith Hermann anders. Es wäre fast traurig, wenn es nicht so wäre – schließlich zeigt das, dass sie sich auch als Schriftstellerin entwickelt und verändert hat. Waren ihre Sätze früher noch sehr lang und musikalisch, sind sie jetzt kürzer und prägnanter. Sie treibt nicht mehr so stark vor sich hin, direkte Rede nutzt sie aber immer noch nicht. Und auch der melancholische Ton des anything goes mit eingewebter Musik weicht nicht von Hermanns Seite: »Wir zogen uns die Schuhe aus, Mimi legte John Lee Hooker auf, dann J.J. Cale, After Midnight, öffnete ungeduldig ihren Haarknoten, fächerte den Strick ihrer schwarzweißen Haare auseinander.«

Seltsame Figuren …

Statt über Brandenburg und kiffende Erwachsene mit Anfang 30 schreibt Hermann in Daheim nun über komplexe (Wahl-) Familien, Mütter und das Meer. Der Roman beginnt mit einer Anekdote, die mich an eine ihrer alten Erzählungen erinnert: Die namenlose Protagonistin erzählt aus der Ich-Perspektive heraus, wie sie einst von einem Zauberer an der Tankstelle gegenüber von ihrer Wohnung gefragt wurde, ob sie ihn und seine Frau auf einer Reise nach Singapur begleiten und ihm auf dem Schiff bei dem Zaubertrick der ›zersägten Frau‹ assistieren würde. Sie besucht den Zauberer und dessen Frau sogar in deren Bungalow, fährt aber nicht mit.
Lange verstehe ich nicht, was diese Anekdote bedeuten sollte, da mich direkt danach ein Cut in die Gegenwart katapultiert. Die Protagonistin lebt nun allein in einem Haus an der Nordsee. Sie hat in den Jahren zwischen der Begegnung mit dem Zauberer und der Gegenwart ihren Ex-Mann Otis kennengelernt, ihre Tochter Ann zur Welt gebracht und Otis verlassen, als Ann erwachsen wurde und auszog. Schnell merke ich, dass Daheim durchzogen ist von seltsamen Figuren mit seltsamen Biografien, Lebensstilen oder Hobbys: Ann hat die Schule abgebrochen, trampt seitdem durch die Welt und schickt ihren Eltern ab und zu Links mit den Koordinaten, wo sie sich gerade befindet. Otis ist Messie und glaubt daran, dass eines Tages die Katastrophe eintreffen wird. Er ist ein Prepper, wie er im Buche steht, Verschwörungstheoretiker:innen würden ihn beneiden.

Die Protagonistin ist gerade erst an die Nordsee gezogen. Sie schließt immer ihre Haustür ab, was bei ihrer Nachbarin Mimi für Verwunderung sorgt. Mimi ist Künstlerin, duftet nach »Baumwolle, Stärke, Wäsche, die im Wind getrocknet ist« und ist ganz in der Region verwurzelt; ihr Bruder Arild ist Bauer, besitzt 1000 Schweine, beginnt bald eine sehr schweigsame Beziehung mit der Protagonistin und hat noch nie seine Gegend verlassen, nicht einmal für eine Reise. »Wüsste auch nicht, wozu«. Mimi ist charakterlich und körperlich sehr gefestigt und ich bin von ihr als Figur sehr angetan: »Mimi reißt an dem Verschluss ihres Rockes, streift sich die Bluse über den Kopf, zieht ungeduldig ihre Unterwäsche aus, sie zieht sich aus, als wäre das Meer ihr Liebhaber.«

… und seltsame Metaphern

Neben dem Zauberer und seiner Kiste gibt es auch andere Dinge, die im Buch immer wieder erwähnt werden, zum Beispiel der Regen (es regnet so gut wie gar nicht mehr), aber auch der Schlüssel vom Haus der Protagonistin. Fürchtet sie sich zunächst allein sehr, versteckt sie ihn nun unter Muscheln neben der Tür, »und ich habe das Gefühl, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis ich dieses Haus gar nicht mehr abschließen, die Haustür am Ende einfach offen stehen lassen werde.« So ganz durchschaue ich die Metaphern von Hermann nicht, auch wenn gerade das Motiv des In-eine-Kiste-eingesperrt-Seins auch nochmal in einem anderen (tragischen) Zusammenhang aufgegriffen wird. Judith Hermann schafft es nämlich, auf nur 192 eine Geschichte zu entfalten, die sehr komplex und voller tragischer Figuren ist. Neben den bisher erwähnten tauchen nämlich noch der Bruder der Protagonistin und seine toxische, viel zu junge Freundin auf. Außerdem spielt auch der Vater von Arild und Mimi sowie ein Arzt eine Rolle, ein Marder steht immer wieder im Zentrum der Geschichte und das Dasein als Mutter. Tut euren Müttern einen Gefallen und schenkt ihnen dieses Buch!

Kurz, knapp, kolossal

Die Geschichte ist so dicht, dass sie ruhig mehr Raum hätte einnehmen können – und dennoch wirkt sie auch auf den wenigen Seiten nicht gedrängt, dafür sorgt Hermanns gealterter, veränderter und dennoch immer noch herausragender Stil. Sie lässt zwischen ihren neuerdings präzisen, kurzen Sätzen immer wieder die alte, taumelige Melancholie durchblicken oder streut Sätze ein, die ich mir am liebsten gleich drei Mal unterstreichen möchte: »Wir sind Trabanten, denke ich, wir kreisen um unsere Sonnen, jeder um seine eigene«. Dennoch fehlt mir ab und zu die Kongruenz, die konstanten Fäden, wie sie in Hermanns Erzählungen sonst durchscheinen.
Ich habe Daheim sehr, sehr gern gelesen, doch in Zukunft greife ich lieber zu ihren Erzählungen, bis ihr nächstes Buch erscheint, auf das ich mich jetzt schon freue – egal, ob Erzählung, Roman oder etwas ganz anderes.

Judith Hermann, Jahrgang 1970, ist eine mit zahlreichen Preisen geehrte deutsche Schriftstellerin. Daheim erschien 2021 bei S. Fischer, umfasst 192 Seiten und steht auf der Shortlist des Leipziger Buchpreises.
Ich danke S. Fischer und NetGalley für das Rezensionsexemplar. Sämtliche zitierte Stellen stammen aus dem E-Book und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Ministerium der Träume • Hengameh Yaghoobifarah

Vor allem seit dem letzten Jahr hat sich der Buchmarkt extrem verändert. Es erscheinen ununterbrochen zahlreiche Bücher von People of Colour, Menschen mit Migrationsgeschichte, queeren Personen etc. Endlich können so viele Stimmen gehört (bzw. gelesen) werden, die bisher ungehört (bzw. ungelesen) blieben. Eine davon gehört Hengameh Yaghoobifarah.

Ein Roman über migrantische Lebenswege

 Yaghoobifarah vereint etwa alle Aspekte in sich, die alte, weiße, rechte Männer hassen dürften: Yaghoobifarah identifiziert sich als nonbinär, hat iranische Eltern, ist queer und entspricht nicht den Schönheitsnormen unserer Gesellschaft. All diese Aspekte hat Yaghoobifarah in das Debüt Ministerium der Träume gepackt.

Im Roman begleite ich Nasrin (Nas) und ihre jüngere Schwester Nushin (Nush) auf deren Weg von Teheran nach Lübeck. Ihre ziemlich kaltherzige Mutter begleitet sie, ihr Vater will so schnell wie möglich nachkommen. Alle rechnen damit, dass sie eines Tages in den Iran zurückkehren werden.
Nas und Nush sind sehr unterschiedliche Schwestern. Nas bezeichnet sich selbst als »dick, ausländisch, schwach und hässlich«, Nush ist eher das hübsche Nesthäkchen. Oft streiten und ärgern sie sich, aber in schwierigen Momenten halten sie umso stärker zusammen. Später ziehen sie sogar zusammen von Lübeck nach Berlin, sie suchen nicht nur Freiheit, sondern auch Abstand zu ihrer auch mal gewalttätigen, aber immer anstrengenden Mutter – der Vater kam nie nach. In Berlin fängt Nas in einer queeren Bar an und Nush arbeitet als Sexarbeiterin, bis sie mit Parvin schwanger wird.

Große Themen in unglaubwürdigen Klischeekisten

Der Roman schwankt immer wieder wie ein Pendel zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit hin und her. Auf der einen Seite lese ich etwas über die 90er und 00er Jahre – der Fokus liegt vor allem auf dem Dasein als Schülerin, die kaum Deutsch sprechen kann, der Freundschaft zu anderen Migrant:innen, Auseinandersetzungen mit Nazis und dem ›Hintergrundrauschen‹ der damaligen Lage Deutschlands zwischen Hoyerswerda, Hakenkreuzen im Fahrstuhl, Angst auf dem Heimweg, der Fußball-Weltmeisterschaft und dem NSU. Auf der anderen Seite begleite ich Nas auf der Suche nach neuen Liebhaberinnen und nach Antworten auf den plötzlichen tödlichen Autounfall ihrer Schwester, nach dem Nas die Vormundschaft von ihrer Nichte Parvin übernimmt.

Yaghoobifarah packt viele große Themen in die in vier Teile gegliederten 384 Seiten – vielleicht ist auch das ein Grund dafür, warum sie ab und zu in die Klischeekiste greift. Doch dazu später mehr. Neben Nazis, Rassismus, der langweiligen Mittelschicht, Queerness, Suizid und Freundschaft flechtet sie nämlich auch noch körperlich schmerzhafte Themen wie Pädophilie und Vergewaltigung mit ein. War ich dementsprechend zu Beginn froh über Lesepausen, lassen diese großen Themenkomplexe, die mit einem sehr zynischen und zunächst ruppigen Stil gekoppelt sind, im Verlaufe des Buchs etwas nach und fesseln mich umso mehr an die Handlung.
Im zweiten Teil liegt der Fokus vor allem auf der Entwicklung Parvins, der rote Faden – die Nachforschungen zu Nushs Tod – geht immer wieder etwas unter. Zwar wird er im dritten Teil wieder aufgegriffen, erscheint mir aber immer unglaubwürdiger. Zum Beispiel trifft Nas an einem einzigen Tag in ihrer Heimatstadt spontan gleich zwei ihrer Ex-Freundinnen wieder oder überfällt ihre eigene Nichte, um Informationen über Nushs Tod von ihr zu erhalten. Auch andere, für die Handlung wichtige Zusammenhänge erscheinen mir etwas aus der Luft gegriffen. Trotzdem bleibt der Roman stets spannend, viele gute Cliffhanger (mit einer oft nur mittelspannenden Auflösung) zwingen mich förmlich zum Weiterlesen.

Eine junge, andere Stimme

Das Besondere an Ministerium der Träume sind Yaghoobifarahs Schreibstil, politischen Standpunkte und die Figurenzeichnungen. Manchmal trifft alles in geschickten Momenten zusammen, zum Beispiel bei lästernden Müttern nach dem Elternabend in der Schule: »Weiße Frauen brauchen keine Gewehre, um dich als Geisel zu nehmen, sie haben ihre Tränen.«
Nas lässt an nur wenigen Figuren ein gutes Haar. Mit allen streitet sie sich, viele kann sie nicht ausstehen, gegenüber vielen hegt sie (begründete) Vorurteile. Es gibt nicht nur bedeutsame Szenen mit klassischen Annika-Müttern, sondern auch mit rassistischen Polizist:innen. Der Schreibstil wird aber selbst dann nie ausfallend, er bleibt stets ironisch – und jung. Wäre ich Redakteurin in irgendeiner deutschen Feuilleton-Redaktion, würde ich Yaghoobifarahs Stil wohl als ›authentisch‹ bezeichnen. Amüsant finde ich diesbezüglich vor allem die Tatsache, dass Yaghoobifarah fünf Jahre älter ist als ich, aber Sätze schreibt, die ich so nie auch nur im Entferntesten von mir geben würde: »»Digga, tu mal nicht so, als ob ich dir jetzt die Ehre genommen hätte. Manchmal machst du ein bisschen extra auf Opfer, Tante Nas.« Uff, was für ein Read«. Das wirkt manchmal übertrieben oder zu anbiedernd, gleichzeitig gefällt es mir aber beispielsweise sehr, wenn Nas Parvin darauf hinweist, dass der Begriff behindert nicht als Beleidigung genutzt werden sollte. Dass Yaghoobifarah gendert, ergibt sich für mich ganz logisch von selbst – sowohl aus der autobiographischen Perspektive als auch aus der Sicht von Nas heraus.

Nas ist klar linksradikal eingestellt und lebt sehr erfrischend sowohl ihre Queerness als auch ihre Unabhängigkeit aus. Sie war nicht nur in einer Antifa-ähnlichen, linksmigrantischen Gruppe tätig, die Selbstverteidigungstrainings anbot, sondern steht auch mit Mitte Vierzig dazu, dass es sie nervt, »als Erstes gefragt zu werden, ob ich mit jemandem zusammen bin«. Am schönsten fand ich jedoch die Szene, in der Parvin Unterwäsche in einem Kaufhaus stehlen wollte. Sie wurde dabei erwischt, Nas musste sie abholen und grübelt nonstop, wie sie nun mit Parvin umgeht: »Vielleicht muss deutlicher werden, dass das, was sie getan hat, nicht per se falsch ist, aber in dem System, in dem wir beide uns befinden, sehr problematisch werden und uns viele Schwierigkeiten bereiten kann? Siri, wie sieht linksradikale Pädagogik jenseits der Deutschness aus?« Ich möchte so gern mehr davon lesen!

Klischees stehen allen zu

Liest man die Kritiken zu dem ersten Roman Yaghoobifarahs in den Feuilleton-Rubriken großer deutscher Zeitungen, taucht in überwältigend vielen auf, wie ›holzschnittartig‹ das Debüt doch sei, frei nach dem Motto gute Migrant:innen versus schlechte Deutsche. Etwas mehr oder weniger mag das zutreffen, aber warum auch nicht? Es ist ja nicht so, als ob sämtliche Kartoffel-Literatur frei von Klischees wäre. Warum also legen wir gefühlt nur bei migrantischen Stimmen so viel Wert darauf? Warum müssen gerade migrantische Stimmen immer differenziert, feinfühlig und vorurteilsfrei sein? Es ist sehr bezeichnend, wie laut eine WELT-Rezensentin plötzlich krähen kann, wenn eine migrantische, queere Stimme den Spieß mal umdreht. Natürlich finde ich es auch nicht so berauschend, wenn durchschnittliche ›urdeutsche‹ Frauen allesamt als ›Annikas‹ abgestempelt werden. Aber wie oft haben alte weiße Männer schon über ›Fatimas‹ hergezogen? Wie oft findet immer noch versteckter oder auch offener Rassismus in Büchern statt? Vielleicht ist die Holzhammer-Methode manchmal nicht die schlechteste, erst recht dann, wenn sie von eine:r so umstrittenen Autor:in wie Yaghoobifarah knallhart umgesetzt wird.

Zeit für postmigrantische Belletristik

Ministerium der Träume mag einige Schwächen und ein nach dem großen Spannungsbogen etwas enttäuschendes Ende haben. Nichtsdestotrotz ist der Roman ein hervorragender Auftakt für eine hoffnungsfrohe Zukunft: Ich wage zu behaupten, noch nie einen Roman gelesen zu haben, in dem so sehr mit Sprache und Identität gespielt wird. Nasrin setzt sich nicht wie in bisherigen Romanen mit ihrem Aufwachsen zwischen dem Iran und Deutschland auseinander und auch nicht mit ihrer sexuellen Orientierung. Sie lebt sie einfach. Ich bin davon überzeugt, dass Ministerium der Träume ein Auftakt für eine neue literarische Gattung darstellen könnte, die mehr als nur überfällig ist: postmigrantische Literatur. Hoffentlich ist dieses Zeitalter endlich angebrochen.

Hengameh Yaghoobifarah, Jahrgang 1991, ist ein:e deutsch:e Schriftsteller:in mit iranischen Eltern und schreibt für verschiedene deutschsprachige Medien, unter anderem für das Missy Magazine und für die taz. Ministerium der Träume erschien 2021 beim Aufbau Verlag und umfasst 384 Seiten. Außerdem haben wir von Yaghoobifarah bereits Ich war auf der Fusion, und alles, was ich bekam, war ein blutiges Herz rezensiert.
Ich danke dem Aufbau Verlag und NetGalley für das Rezensionsexemplar. Sämtliche zitierte Stellen stammen aus dem E-Book und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Fang den Hasen • Lana Bastašić

Etwa eine Generation liegt zwischen dem Jugoslawien-Krieg und der Gegenwart. Vielleicht erklärt das, warum gerade jetzt, 20 Jahre nach dem Ende des Krieges, so viele Bücher und Filme dazu erscheinen: weil es eine Generation lang gedauert hat, um auch nur ansatzweise Worte für die Schrecken der Vergangenheit finden zu können.

Die Sonnenkönigin und ihr Mond

Sara ist für ihr Master-Studium nach Dublin gezogen, fort aus Banja Luka, einer Stadt im Norden von Bosnien und Herzegowina, fort aus dem dunklen Herzen des ehemaligen Jugoslawiens. Sie lässt ihre ehemalige beste Freundin zurück, die mittlerweile nicht mehr schwarze, sondern gebleichte Haare hat und die mit zehn Jahren ihren Vor- und Nachnamen wechselte: Aus dem muslimisch klingenden Namen Lejla Begić wurde der slowenisch klingende Name Lela Berić.

Die ›Freundschaft‹ zwischen Sara und Lejla (die nur noch von Sara so genannt wird) ist zutiefst toxisch. Lejla ist die Sonne, alles dreht sich um sie, »Rom ist ein Witz dagegen«. Sara ist ein kleiner, unscheinbarer Mond. Sara tut alles, was Lejla ihr befiehlt. Selbst nach zwölf Jahren ohne jeglichen Kontakt, in denen Sara sich so einige Züge von Lejla angewöhnt hat (vor allem in Hinsicht auf Dates), reist Sara sofort in ihr Heimatland, als Lejla sie anruft und ihr sagt, dass sie nach Mostar, wo Lejla mittlerweile lebt, kommen muss. Dennoch verwundert es mich, dass Sara ihr auf den 336 Seiten des Romans stets folgt, da sie ihr Abhängigkeitsverhältnis aus der Perspektive einer Ich-Erzählerin sehr wohl reflektiert. Sie weiß genau, wie toxisch ihre Beziehung ist, was für ein schlechter Mensch Lejla sein kann und wie oft sich Sara selbst dadurch schlecht fühlt.

Grund für das ›Herbeordern‹ Saras durch Lejla ist das Auftauchen von Lejlas Bruder Armin in Wien. Armin verschwand als Jugendlicher und galt viele Jahre lang als tot, nur Lejla und Sara glaubten daran, dass er noch lebte. Sara ist seit ihrer Kindheit in Lejlas älteren Bruder verliebt; ab und zu scheint es gar so, als wäre sie nur wegen ihm mit Lejla verbunden. Dementsprechend zieht sie nicht nur Lejla, sondern auch Armin zurück auf das europäische Festland.
Auf Saras Rückkehr nach Mostar folgt ein Roadtrip quer durch den Balkan von der größten Stadt Herzegowinas zur österreichischen Hauptstadt, auf dem sich die beiden ehemaligen Freundinnen gezwungenermaßen wieder annähern und alte, verkrustete, emotionale Wunden aufreißen: »Vielleicht ist das Erinnern für mich auch wie ein zugefrorener See – trüb und glatt –, an dessen Oberfläche sich von Zeit zu Zeit ein Riss auftut, durch den ich meine Hand stecken und ein Detail, eine Erinnerung im kalten Wasser fassen kann.«

Sprache und Sein

Jedes Kapitel ist in sich gespalten: Es beginnt in der Erzählung der Gegenwart, des Roadtrips mit Lejla, und endet mit einer Erinnerung an ihre gemeinsame Vergangenheit. In diesen Erinnerungen spricht Sara Lejla stets direkt in der zweiten Person Singular an: »Alle sehen dir zu, wie du ins Meer gehst, dein Schritt verändert sich nicht, wenn sich die Luft in Wasser verwandelt.« Ich mag diese direkte Ansprache, bildet sie die enge Bindung zwischen Sara und Lejla doch noch enger ab, als es eine Beschreibung aus der dritten Perspektive heraus könnte.
Allgemein spielt Lana Bastašić sehr kunstvoll und verschlungen mit der von ihr verwendeten Sprache. Manchmal wird mir dieses Spiel auch zu viel, doch gerade die Passagen, an denen sie Sara mit den verschiedenen Sprachen zaudern lässt, berühren mich sehr: »Die Worte fallen mir aus dem Mund und bleiben an meinem Mantel kleben wie ein Haufen Kletten. Wann habe ich zum letzten Mal diese Sprache gesprochen?« Immer wieder kämpft Sara mit ihrer Zweisprachigkeit. Zuerst fühlt sich ihre Erstsprache wie Kletten an, doch sobald sie wieder in ihrem Herkunftsland ist, »traf mich [das Englische] schwer wie Ziegelsteine in den Bauch, Brocken für Brocken«. Besonders schlimm fühlt sich für mich (neben der Schlüsselszene, die zunächst unausgesprochen bleibt, aber immer wieder angedeutet wird) während des Roadtrips der Besuch bei einer alten Freundin von Lejla an, Frau Knežević, gegenüber der Lejla behauptet, dass Sara nicht ihre Sprache spreche: »Und so verbat sie mir den Mund, noch bevor ich auch nur ein Wort hervorbrachte. In nur zwei Sekunden nahm sie mir meine Muttersprache weg.« Der Besuch ist nicht nur ein hervorragendes Beispiel dafür, welches Zugehörigkeitsgefühl Sprache vermittelt, sondern auch, wie durch Sprache Macht über Personen ausgeübt werden kann.

Zwischen toxischer Wahrheit und grenzenloser Erzählung

Während des Roadtrips erzählt Sara immer wieder, wie dunkel es im Inneren Bosnien und Herzegowinas wäre. Es gibt eine starke Szene um drei Uhr nachmittags auf der Straße, als Sara denkt, dass die Uhr stehen geblieben wäre, weil es so durchdringend dunkel sei. Ich bin mir immer noch unklar darüber, ob diese Darstellung der Realität entspricht oder metaphorisch gemeint ist. Doch die Dunkelheit ist nur ein Aspekt in Fang den Hasen, der mich an Sara als Erzählerin zweifeln lässt. Immer wieder schildert sie zentrale, wichtige Erinnerungen – und wird prompt von Lejla ausgelacht, weil die Situationen, Orte oder Personen keinesfalls so gewesen seien, wie Sara sie erinnert. Ich denke immer wieder, Sara blind vertrauen zu können, und werde jedes Mal aufs Neue verunsichert. Selbst das toxische Abhängigkeitsverhältnis gerät irgendwann ins Wanken, als Sara reflektiert, dass sie schuld ist an zentralen, traumatischen Erlebnissen in ihrer gemeinsamen Kindheit und Jugend. Inwiefern beide Recht haben, was wahr und was falsch ist, bleibt offen.

Um ehrlich zu sein, hatte ich vor dem Lesen von Fang den Hasen etwas ganz anderes erwartet: zahlreiche historische Bezüge, eine Aufarbeitung von Kriegstraumata, die Gegenwart im Pulverfass des Balkan. Stattdessen füllte das toxische Abhängigkeitsverhältnis so viel Raum aus, dass kaum Luft für etwas anderes übrig blieb. Und dennoch tauchen einige meiner Erwartungen immer wieder auf – einige nur so kurz wie ein Wimpernschlag, andere begleiten den gesamten Roman wie eine Art Grundton.
Während auf die muslimischen Wurzeln von Lejlas Familie immer wieder nur sehr knapp am Rande eingegangen wird und jede Menge Hintergrundwissen zur Einordnung nötig ist, thematisiert Sara vor allem immer wieder ihre Beziehung zu Bosnien und Herzegowina, aber auch zu Europa – was in ihrem und Lejlas Sinne Dublin, aber nicht den Balkan umfasst. Europa wäre wie der Pelzmantel einer zivilisierten Neureichen, der lediglich »die Narben des Balkans« verdecken würde: »Etwas war davon übrig, kleine Bruchstücke der Erde, Teilchen der Dunkelheit, die wir unter der Haut trugen.« Die Geographin in mir macht das Spiel mit den vielen Grenzen und Verortungen sehr glücklich.

Glasklarer Fokus mit Twist

Der gesamte Roman erstreckt sich (abgesehen von der kurzen Vorgeschichte in Dublin) über die Reise von Mostar nach Wien. Saras Ziel – Armin sehen und danach zu ihrem nerdigen Freund und der seltsam gewachsenen Avocadopflanze nach Dublin zurückzukehren – steht ununterbrochen in Saras Fokus, unhinterfragbar, glasklar. So gelingt Lana Bastašić ein letzter, herausragender Coup: Der Roman endet plötzlich, verwirrend – und ziemlich unbefriedigend. Vielleicht würde es helfen, nochmal von vorn anzufangen, um die Lücken, die Lügen, die perspektivischen Erzählungen, die Abhängigkeiten, die Hassliebe zu verstehen. Oder, falls man darauf, wie in meinem Fall, keine Lust hat, weil der Roman zwar gut, aber mit dem Band zwischen Sara und Lejla und dem Wiedersehen mit Armin im Mittelpunkt etwas zu monothematisch, etwas zu einseitig fokussiert war: Man akzeptiert Saras zu Beginn festgestellte Zusammenfassung: »Du hast jemanden, und dann hast du ihn nicht mehr. Und das ist ungefähr die ganze Geschichte.«

Lana Bastašić, Jahrgang 1986, ist eine bosnische Schriftstellerin mit serbischen Eltern. 2020 empfing sie den Europäischen Literaturpreis 2020 für Bosnien und Herzegowina. Fang den Hasen erschien 2021 bei S. Fischer, wurde von Rebekka Zeinzinger aus dem Bosnischen übersetzt und umfasst 336 Seiten.
Ich danke dem S. Fischerverlag und NetGalley für das Rezensionsexemplar. Sämtliche zitierte Stellen stammen aus dem E-Book und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / der Übersetzerin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Offene See • Benjamin Myers

Was kommt dabei heraus, wenn man die romantische Lage eines Hauses wie dessen in Der Garten über dem Meer von Mercè Rodoreda mit der Zeit und ein ganz klein wenig auch mit der Handlung von J. L. Carrs Ein Monat auf dem Land kreuzt? Ganz klar: die Rahmeneinbettung von Benjamin Myers Offene See.

Vorgezeichneter Lebensweg

Eigentlich habe ich Coming-of-Age-Romane schon lange für mich abgeschrieben. Das Schöne an Offene See ist, dass der Roman so viel mehr als eine klassische Geschichte des Erwachsenwerdens erzählt.
Robert Appleyard wächst in Nordengland in einem klassischen Bergarbeiterdorf auf. Im Jahr 1946 beendet er mit 16 Jahren die Schule. Alle leiden unter den Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges: Lebensmittel sind knapp, die meisten Männer sind an der Front gefallen. Roberts Lebensweg scheint vorgezeichnet zu sein; natürlich soll er wie schon sein Vater im Bergwerk arbeiten. Bevor seine ›Galgenfrist‹ abläuft, möchte Robert also etwas von England sehen, um gegen seinen vorgezeichneten Weg zu rebellieren und sich frei zu fühlen. Er macht sich ohne festes Ziel auf den Weg nach Süden ans Meer – er möchte von der Landschaft, von dem Land überrascht werden. Dort angekommen, strandet er zufällig im zugewucherten Garten von Dulcies Cottage – und bleibt. Denn obwohl er immer wieder aufbrechen und weiterziehen möchte, hält ihn dieser Ort, hält ihn Dulcie bei sich.

Nature Writing at it’s best

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass mich das Buch von Anfang an begeistert hat. Vor ein paar Wochen hatte ich bereits einen ersten Anlauf genommen – und legte den Roman nach zwei Seiten enttäuscht weg. Auch jetzt im Nachhinein, vollauf begeistert von diesem wunderschönen Buch, muss ich sagen, dass die ersten beiden Kapitel wirklich schwach sind. Im ersten Kapitel erzählt Robert als alter Mann. Das hätte nicht sein müssen und lässt sich extrem schwer verorten, da ich dem alten Robert erst ganz zum Schluss erneut begegne. So richtig in Fahrt kommt Benjamin Myers erst, als sich sein Protagonist auf den Weg macht. Gebannt folgte ich den ersten Beschreibungen der Natur: »Und jetzt endlich war ich davon umgeben, einem Wunderland, einer blühenden Jahreszeit, erfüllt von den warmen Lauten der Ringeltauben und dem Klopfen der Spechte, von dem Geruch nach Kreuzkraut, Balsam und, jenseits der Bäume auf den sanften Wiesen, dem betörenden, einschläfernden Moschusduft des Rapses.« Von da an nahm mich Offene See so richtig in seinen Bann.

Auf der rein beschreibenden Ebene begibt sich der Roman sehr in die Fußstapfen der Romantik. Benjamin Myers hat offensichtlich ein Händchen für Naturbeschreibungen. Andere mag es stören, wenn er über ganze Absätze hinweg den Garten von Dulcie oder die englische Landschaft beschreibt. Ich finde es wunderschön und kann mich ganz in Roberts Umgebung versetzen und mich aus dem grauen April an den Handlungsort in Offene See träumen. Natürlich ist dieser romantisierende Aspekt auch nicht ganz unkritisch: Dulcie, die Robert bei sich aufnimmt, bezahlt ihn für seine Reparatur- und Gartenarbeiten durch köstliche Mahlzeiten. Bei ihr gibt es Hummer und Butter und Brennesseltee mit Zitronen, während die restliche Bevölkerung sich aus dem wenigen rationierten Mehl und Wasser Eierpfannkuchen backen muss. Immerhin reflektiert Dulcie immer wieder deutlich, wie privilegiert sie durch ihre nicht näher benannten ›Beziehungen‹ ist.

Zwischen Verlust, Verdrängung und Verarbeitung

Benjamin Myers schafft es, die Figur von Dulcie sehr komplex darzustellen, auch wenn der Roman aus der Perspektive von Robert geschrieben ist. Ich begleitete Robert zwar beim Erwachsenwerden – er schildert, wie er Muskeln bekommt, viel aus den Büchern von Dulcie lernt, von der Sonne gebräunt wird und an mentaler Stärke gewinnt –, doch der eigentliche Fokus liegt meiner Meinung nach auf Dulcie, die mal sarkastisch und erhaben, mal politisch und philosophisch und mal zurückweisend und sehr still ist. Die erste Hälfte des Romans begleite ich dementsprechend Robert auf der Suche nach der Antwort, warum Dulcie solche Stimmungswandlungen hat, das Meer so wenig leiden kann, kaum konkret in Bezug auf ihre Vergangenheit wird und im Gegensatz zu den meisten Brit:innen nicht schlecht über die Deutschen reden möchte. Die Lösung des Rätsels liegt in einem Manuskript, das Robert in der von Wind und Wetter mitgenommenen Hütte am Ende des verwilderten Gartens findet und das den titelgebenden Namen Offene See trägt. Durch dieses Manuskript wird eine vollkommen neue Ebene des Romans offengelegt, die Offene See eine ganz andere Perspektive verleiht und das Buch nur noch interessanter macht: Das Manuskript, das Robert findet, wurde von einer gewissen Romy Landau verfasst – die tatsächlich existierte. Ab diesem Zeitpunkt an lassen sich Fiktion und Realität nicht mehr klar trennen. Laut Dulcie war sie mit Romy zusammen. Außerdem erfahre ich sowohl von Google als auch durch das Buch, dass Romy Landau aus Bayern kam und in London studierte. Das Manuskript, einen Gedichtsband, gibt es tatsächlich. Sie schrieb Offene See – laut Roman – in eben diesem verwitterten Gartenhüttchen und, wie es auf der Website von Benjamin Myers steht, »disappeared while swimming near Robin Hood’s Bay in April 1940, shortly after completing her collection«. Romy hatte sich in der offenen See ertränkt.

Nach dem Manuskript-Fund und Roberts beharrlichen Nachfragen, wer Romy war, öffnet sich Dulcie Robert nach und nach. Es scheint, als hätte sie bis Roberts Auftauchen aus lauter Traurigkeit mit ihrem Leben abgeschlossen. Dafür steht nicht nur der zugewucherte Garten, sondern auch die Tatsache, dass sie nicht länger ihrem geliebtem Hobby, der Imkerei, nachging. Robert holt »gleich zwei Menschen zurück ins Leben«, indem er fortan jeden Abend ein Gedicht aus Romys Manuskript vorliest. Dies führt dazu, dass Dulcie im Jahr 1947 das Manuskript posthum veröffentlichen lässt und Robert gestärkt nach Hause zurückkehren kann – nur, um nach einiger Zeit seinen Bergbau-Job an den Nagel zu hängen und in den folgenden Sommern immer wieder zu Dulcie zurückzukehren, die ihm schließlich sogar das Cottage mitsamt Hütte vermacht.

Der ewige Sommer als Lebensphilosophie

Offene See ist nicht nur ein wundervoller Roman über das Älterwerden, über Lyrik und Verlust und über die Natur, sondern auch über den Sommer. Ein wenig erinnern mich die Beschreibungen des Hochsommers an die wundervolle Bildsprache von Ewald Arenz’ Alte Sorten. Ich würde am liebsten ewig in dem Roman von Myers verweilen; ebenso wie die Sommer im Buch scheint die Zeit beim Lesen (im besten Sinne) still zu stehen: »Es war Sommer, und es fühlte sich so an, als würde er ewig währen.«
Dieser Sommer entspricht vollkommen Dulcies Lebensphilosophie. Dulcie hat keinen Wecker, sie lebt allein nach ihrem inneren Zeitgefühl. Als Romy noch lebte, imkerte sie nicht nur, sie arbeitete vor allem im Garten, kochte, malte, atmete und dachte, »damit wir beide einfach sein konnten«. Sie schwamm im Meer, sie trank viel Alkohol und lebte einfach so vor sich hin. Was für eine schöne Vorstellung.

In Offene See scheint die Zeit stillzustehen. Ich ließ mich ganz in diesen ewigen Sommer mit seinen Farben, Gerüchen und Geschmäckern hineinfallen und genoß Benjamin Myers detaillierte Naturbeschreibungen sehr. Die Passagen mit Robert in seiner Heimat oder ihm als älteren Herren waren für die Rahmenerzählung ganz in Ordnung, aber glänzen tut der Roman durch die besondere Beziehung zwischen Robert und Dulcie sowie durch das Spiel mit der Fiktion und Realität. Ach, was würde ich nur dafür geben, im Garten über dem Meer zu sitzen, Brennesseltee mit Zitronenscheiben zu trinken, Gedichte zu lesen und über die Welt nachzudenken!

Benjamin Myers, Jahrgang 1976, ist ein britischer Journalist und Schriftsteller. Offene See erschien 2020 bei DuMont, wurde von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel aus dem Englischen übersetzt, umfasst 270 Seiten und wurde mit dem Preis des unabhängigen Buchhandels als Lieblingsbuch des Jahres ausgezeichnet. Außerdem haben wir von Benjamin Myers bereits Der perfekte Kreis rezensiert.
Ich danke DuMont und NetGalley für das Rezensionsexemplar. Sämtliche zitierte Stellen stammen aus dem E-Book und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / den Übersetzer:innen.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Below Deck • Sophie Hardcastle

Manchmal gibt es Bücher, von denen man sich wünscht, dass jede:r sie gelesen hätte. Below Deck ist so ein Buch.

Komplexe Schwere und farbenfrohe Leichtigkeit

Below Deck ist ein schweres, großes Buch, das gleichzeitig mit einer starken Leichtigkeit daherkommt. Sophie Hardcastle schreibt so leicht und schwingend wie Dolly Alderton, behandelt aber gleichzeitig immens schwere, große Themen: Die Erzählung des Romans spinnt sich um das Sein an sich herum und verbindet so viele inhaltliche Punkte miteinander. Zu sagen, dass Below Deck sexistische Mikroaggressionen, #MeToo und Vergewaltigungen behandelt, wäre viel zu kurz gegriffen. Es geht um den Wandel des Selbst, um das Zu-Sich-Finden, um das Heilen seelischer Narben, um die Entwicklung des Frauseins. Aber es geht auch um den Tod, um Elternschaft, den Klimawandel, indigene Völker, Farben, Lebensentwürfe, toxische Beziehungen, Seeleverwandte, die Kunst, großartige Freundschaften, den eigenen Körper, das Segeln, Brände in Australien, Grauzonen und – erwähnte ich schon Farben?

Der Roman lebt von der Synästhesie. Sowohl Oli als auch Maggie leben in Farben – und Sophie Hardcastle nutzt dies vollkommen aus. So ein farbenreiches, blumiges in der Wortfindung und Darstellung wirklich kreatives Buch habe ich selten gelesen. Nicht nur Vergleiche wie den, in dem Sophie Hardcastle den Sternenhimmel mit Sommersprossen auf grauer Haut in Verbindung bringt, reißen mich mit. Es sind vor allem die allgegenwärtigen Wasser-Metaphern, die aus den Seiten herausquellen, geradezu heraussprudeln. 

Mit den Wahleltern auf hoher See

[Triggerwarnung für diesen Abschnitt] Aber von vorn: Olivia, genannt Oli, hat gerade ihr Studium beendet und steht kurz vor ihrem Berufseinstieg in die freie Wirtschaft – einem Bereich, der sie nie interessiert hat. Eigentlich wollte sie schon immer Künstlerin werden. Nach einem Abend, der mit einem Alkoholabsturz endet, landet sie auf dem Boot des älteren Schiffers Mac, ohne sich am nächsten Morgen daran zu erinnern, wie sie auf das Boot gekommen ist. Sie freundet sich mit Mac an, der sie wiederum mit Maggie, seiner besten Freundin, bekannt macht. Zwischen der erblindeten Maggie und Oli besteht von der ersten Sekunde an eine wunderbare Seelenverwandtschaft. Mac und Maggie sind es auch, die schnell zu so etwas wie Olis Adoptiveltern werden, ihr das Segeln beibringen und nach dem Tod von Olis Großvater eine mehrwöchige Schiffsreise mit ihr gemeinsam unternehmen, die Oli so sehr begeistert, dass sie danach, inspiriert von den Erzählungen Maggies, ihr Leben komplett umkrempelt. Sie verlässt ihren toxischen Freund Adam, der sie vergewaltigt hat (ohne dass sie es als solches wahrnimmt, schließlich habe er ›nur‹ mit ihr geschlafen, obwohl sie das nicht wollte), schießt ihre Wirtschaftslaufbahn in den Wind und heuert auf verschiedenen Schiffen an.

Seemonster

[Triggerwarnung für diese Abschnitte] Ein paar Jahre nach der wundervoll beschriebenen Reise mit Mac und Maggie und mehreren Touren auf See bricht das Buch auseinander. Während der erste, wunderschöne Teil sea flowers heißt, trägt der zweite Teil den vielsagenden Titel sea monsters. Schnell wurde mir beim Lesen klar: Die Monster, das sind keine Wesen auf dem Meeresgrund. Die Monster, das sind die Menschen um Oli herum.
Der zweite Teil beginnt damit, dass Oli per E-Mail bei einer neuen Schiffs-Crew anheuert. Die Reise soll von Australien nach Neuseeland führen. Beim Gespräch mit Vlad, dem Kapitän, wird aber schnell klar, dass er keine Olivia vor sich erwartet hatte, sondern einen Mann namens Oli. Schon der Auftakt ist kaum auszuhalten und voller sexistischer ›Mikroaggressionen‹ und anzüglicher Bemerkungen. So macht ihr Vlad sofort klar, dass sie, wenn sie mit an Bord geht, in der Küche arbeiten wird. Als die drei anderen Männer in der Crew sie kennenlernen, pfeifen sie ihr hinterher und meinen gleichzeitig: »It’s bad luck to have a chick at sea« (S. 110). Oli lässt sich davon nicht klein kriegen und fühlt sich teils sogar geschmeichelt. Doch schnell kippt die sexuelle Spannung ins Negative. Kommentare wie »Sorry, Mum« (S. 116), »She’s fucking crazy« (S. 159) oder die Tatsache, dass niemand sie für voll nimmt, sind nur der Anfang. Es folgen ungewollte Küsse und kleine ›Neckereien‹, bei denen sie sich eine Rippe bricht. Doch die Crew fährt nicht zurück nach Australien, um sie medizinisch versorgen zu lassen, sondern hält weiter Kurs. Oli muss weiter in der Küche arbeiten. Das klingt zunächst recht klischeehaft, doch Sophie Hardcastle lässt sämtliche Handlungen durch detaillierte Beschreibungen des Innenlebens von Oli (leider) vollkommen realistisch klingen. Es überraschte mich kaum, dass Oli vergewaltigt, in ein Schlauchboot ausgesetzt und schließlich, in einer Lache ihres eigenen Periodenbluts, in eine dunkle, nasse, kleine Kammer auf dem Boot eingesperrt wird. »At sea, no one can hear you scream« (S. 160). Die Handlung nimmt mich mehr als nur mit. Die Entwicklungen auf See sind nicht nur im Vergleich zum ersten, so blumigen Kapitel unfassbar und gleichzeitig doch irgendwie logisch: »When things go wrong at sea, they get very bad very quickly« (S. 75).

Feministische Traumaverarbeitung auf der Antarktis

Der dritte Teil setzt ein paar Jahre nach ihrem traumatischen Erlebnis an. Oli lebt mittlerweile in London und arbeitet in einer Galerie; die Kontakte hat sie durch Maggie knüpfen können. Ich begleite Oli auf dem vermeintlichen Weg zu ihrer Heilung durch ihren neuen Freund Hugo. Hugo ist einer ›von den Guten‹, er liebt Oli zutiefst und ist verständnisvoll. Es gibt immer wieder Situationen, in denen weibliche Figuren Hugo darauf aufmerksam machen, dass er etwas nicht sagen oder tun darf – zum Beispiel, dass man Frauen nicht als crazy bezeichnet (auf Deutsch wäre wohl hysterisch das angemessene Pendant). Hugo reagiert darauf verständnisvoll und reflektiert sich selbst. Das ist ganz angenehm, aber dennoch funktioniert die Beziehung zwischen Oli und Hugo nicht, da sie sich seit der Vergewaltigung auf See nicht mehr an, in oder auf das Wasser traut und sich keiner Seele anvertraut hat. Immer wieder schwappt das Trauma in ihr hoch, »the body always remembers« (S. 225).
Schließlich hilft ihr eine Reise im vierten Teil, ihr Trauma zu verarbeiten: Eine Künstlerin hat sie auf eine Reise von Südamerika in die Antarktis eingeladen. Zuerst lehnt Oli wegen des Wassers und der Fahrt mit dem Boot immer wieder ab. Durch den Tod von Maggie überwindet sie sich aber und nimmt doch an der Reise teil, die ihr tiefe Einblicke in den fortschreitenden Klimawandel und in sich selbst offenbart. In einer Nacht auf dem Meer direkt bei der Antarktis löst sich endlich etwas in ihr: »›HEAR ME!‹ I scream. ›HEAR ME NOW!‹ I survived. I survived!« (S. 266). Den etwas übertriebenen Pathos, der nicht nur an dieser Stelle durchscheint, gleicht Sophie Hardcastle immer wieder durch sehr philosophische, schmerzhafte oder traurige Szenen aus. Diese Balance wirkt mit der Zeit wie ein Boot auf dem Meer, es ist ein stetes Auf und Ab und ich gebe mich dem sehr angetan hin – vor allem, da die Emanzipation und die Kraft der weiblichen Figuren in Below Deck so stärkend sind.

Below Deck ist ein Auf und Ab, ein Strudel der Gefühle. Ich leide gemeinsam mit Oli und verfolge erfreut ihre Emanzipation. Ich hoffe auf ihre Heilung und liebe die vielen tollen Frauen um sie herum. Und vor allem genieße ich die feministische Exkursion zum Anfang und Ende der Welt, zu dem Punkt, an dem alle Flüsse wieder zusammenfließen.

Sophie Hardcastle, Jahrgang 1993, ist eine australische Autorin, Künstlerin und Drehbuchautorin. Sie hat in Oxford Englische Literatur und in Sydney Kunst mit dem Schwerpunkt Malerei studiert. Below Deck erschien 2020 bei Allen & Unwin und umfasst 296 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Durch die Nacht • Stig Sæterbakken

Scheidungsromane sind eigentlich überhaupt nicht mein Fall. Liebesgeschichten finde ich größtenteils trivial – ja, sie gehören zum Menschsein dazu, langweilen mich jedoch, weil sie nicht der Literatur entsprechen, die ich rezipieren möchte. Zunächst hatte ich daher vor der Lektüre des Scheidungsromans Durch die Nacht Bedenken, dass seine Thematik einer Valium in Romanform gleich kommen könnte. Weit gefehlt. Stig Sæterbakkens Roman ist eine komplexe Erzählung über Trauer, Reue und psychische Zusammenbrüche. Der Roman ist definitiv keine Gute-Nacht-Geschichte. Er besitzt eine Vielschichtigkeit und Traurigkeit, die mich auch lange nach der Lektüre noch beschäftigen wird.

Das bürgerliche Leben bekommt Risse

Die Handlung ist relativ schnell zusammengefasst. Der Zahnarzt Karl Meyer führt ein konservatives Bilderbuch-Leben: In seinem Haus wohnt er mit seiner wunderschönen Frau Eva, seiner Tochter Stine und seinem Sohn Ole-Jakob. Der Familie mangelt es an nichts – so scheint es jedenfalls zunächst. Karl fehlt nämlich der Kick, die Überraschung. Als er auf einer Party Mona kennenlernt, beginnt er eine Affäre mit ihr. Wegen seiner Treue zu seiner Familie ist er jedoch hin- und hergerissen und gesteht seine Affäre schließlich seiner Frau Eva. Nach der Trennung und seinem Auszug fühlt sich Karl neben der deutlich jüngeren Mona jedoch fehl am Platze und kehrt zu seiner Familie zurück. Der 18-jährige Ole-Jakob, der seit der Trennung seiner Eltern und des Betrugs des Vaters kein Wort mehr mit Karl gewechselt hat, isoliert sich immer stärker und wird noch stiller als zuvor. Eines nachts betrinkt er sich mit dem elterlichen Schnaps, nimmt den Autoschlüssel der Mutter und rast mit ihrem Auto volltrunken mit hunderten Stundenkilometern frontal in einen LKW. Karl führt den Suizid seines Sohnes auf seinen ›Verrat‹ an der Familie zurück und droht – so wie bereits seine Ex-Frau Eva und seine Tochter Stine – in der eigenen Trauer zu ertrinken. Er verlässt die beiden erneut und begibt sich auf eine Odyssee der Trauerbewältigung quer durch Zentral- und Osteuropa.

Der Roman beginnt mit der Schilderung der Trauerphase Karls und führt mich erbarmungslos in die Handlung ein. Ich fühlte mich unmittelbar an den schmerzhaften Verlust meines Bruders erinnert: »Ihn zu vergessen, war das Schlimmste, was ich tun konnte. An ihn zu denken, war das Schlimmste, was ich tun konnte« (S. 9). Sæterbakkens Prosa sowie die lakonische Grundstimmung, die sie erzeugt, nahm mich ab der ersten Seite mit – nicht auf eine negative, sondern auf positive Art. Sie klemmte mich in einen emotionalen Schraubstock, in eine emotionale Achterbahnfahrt. Ich schrie innerlich voller Zustimmung. Das letzte Buch, das auf so unverblümte, poetische Weise das Gefühl des Verlustes beschrieb, ist Roger Willemsens Der Knacks.

Den kürzeren Sätzen Sæterbakkens folgen – wie auch in 23 Notizen über den Alkohol – Sätze, die nach Atem ringen. Der Autor wagt nicht zu atmen oder einen Punkt zu setzen – alles muss einfach raus. Sein Zorn sucht sich seine Bahn und endet kaum. Sæterbakken hat Angst, er höre auf zu existieren, wenn er aufhöre zu reden. Sätze, die sich über 20 Zeilen erstrecken, sind zwar eine Seltenheit, aber es gibt sie.

Leid und Trauer sind multiperspektivisch

Nicht nur Karl leidet, es gibt keine Fetischisierung des Vaterleidens. Eva, seine spätere Ex-Frau, rennt beispielsweise in die Garage, holt eine Axt und zertrümmert den Fernseher, um danach in einer Tränenpfütze auf dem Wohnzimmerboden zusammenzubrechen. Stine stellt das Reden ein und hört auf zu essen. Die üblichen Sätze, die Trauernde zu hören bekommen, entlarvt Sæterbakken in kurzen Sätzen als das, was sie sind: inhumane Scheiße: »Die Zeit, die alle Wunden heilt – auch das ist ein Hohn. Der Gedanke, es würde ihr [Stine] einmal wieder besser gehen, sie würde darüber hinwegkommen« (S. 12). In diesen schwermütigen, schonungslosen Schilderungen der Trauerarbeit der drei Figuren schleichen sich Erinnerungen von Karl an die Kindheit Ole-Jakobs ein, die stilistisch wichtig für die restliche Handlung und das fulminante Ende des Romans sind. So berichtet Karl davon, dass er Ole-Jakob das eigene, erfundene Märchen Prinz Unwissend Abend für Abend erzählte, dessen Dialogszenen namensgebend für Durch die Nacht sind: »Und passt du auf mich auf, was auch passiert?« – »Du brauchst dich vor nichts zu fürchten, mein Sohn«, antwortet der König. »Was auch geschehen mag, ich werde da sein und auf dich aufpassen. Tag für Tag und durch die Nacht« (S. 27). Dass dieser Ausschnitt des Prinz Unwissend eine Parabel für das gebrochene Versprechen Karls als Familienvater und für seine tiefe Verbitterung und Trauer über den Tod seines Sohnes ist, muss nicht erst hervorgehoben werden. Das ergibt sich von selbst.

Es liegen jedoch nicht nur Schwere und Traurigkeit über der Handlung. Karl blickt auf sein komplettes Leben zurück und beschreibt einfühlsam, wie er Eva kennenlernte und wie ihr erstes Date verlief. Die Sätze flimmern vor emotionaler Poesie, wenn Karl beispielsweise schildert, dass er im Beisammensein mit Eva die Vorstellung von der Zeit und der Gegend um sich herum vergaß und »ganz bei ihr [war], dadurch, dass ich nicht ein Mal an mich dachte« (S. 35). Nachdem er sein Versprechen, Eva treu zu sein und sie nie zu belügen, brach und ihr die Affäre mit Mona beichtete, verfällt Sæterbakken in die poetische Traurigkeit, die er wie einen Lichtschalter an- und ausschalten kann: »Wir kennen einander nicht. Menschen, die am Rand eines Abgrunds stehen, kennen sich nicht« (S. 80).

Sprachsalven, die den Leser im Herz treffen

Erschreckend ist vor allem die Art, wie Sæterbakken das Grauen des Suizids schildert. Karl fährt nach dem Suizid-Unfalltod seines Sohns in die Werkstatt, um das Auto in Augenschein zu nehmen, das »irgendein Riesenwesen zwischen den Händen zerquetscht hatte« (S. 130). Die Schilderung der Zerstörung ist detailliert und grauenvoll, weil sie, als Beschreibung der Überreste Ole-Jakobs gelesen, wie ein Anthropomorphismus klingen. Ich bin erleichtert, dass Karl zwar den Leichnam seines toten Sohnes in Augenschein nimmt, ihn aber dankenswerterweise nicht näher beschreiben kann, weil er sich unmittelbar übergeben muss.

Die Gleichnisse, die Sæterbakken Karl in den Mund legt, sind berührend und deprimierend zugleich. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion fährt Karl zum Friedhof, steigt über die Friedhofsmauer und stellt fest: »Auf der anderen Seite traf mich gleich der Gedanke an all die alten Menschen, von denen er umgeben war. Das war eine Kränkung. Als hätten wir ihn in der wilden Pracht seiner Jugend in einem Altersheim untergebracht« (S. 146). Karl vergisst mit der fortschreitenden Zeit die Stimme seines Sohnes und erschrickt darüber. Das zu lesen, wirkt auf mich gleichermaßen beruhigend und heilend, denn auch das ist mir persönlich bekannt. Literatur ist auch Schreckensverarbeitung.

Die Reise Karls in das fiktive deutsche Weihnachtsstädtchen Redenburg stellt für die Handlung nur ein Interludium vor dem großen Finale des Romans dar, das Elemente des Suspense und Horrors enthält. Schlüsselort für das Ende des Romans ist ein mystisch aufgeladenes Horror-Haus in Osteuropa, das eine Person mit den schlimmsten Erfahrungen, dem persönlichen Horror konfrontiere und entweder befreie oder in den Wahnsinn, wenn nicht gar in den Tod treibe. Der konspirative Barkeeper, Zagreb, der Karl gegen eine hohe Summe Zugang zu dem Haus gewährt, beschreibt die Erfahrungen, die Karl erwarten werden, als »deinen privaten, kleinen Holocaust« (S. 237). Ein grenzwertiger stilistischer Kniff, der aus der Feder deutscher Autor:innen undenkbar wäre. Sæterbakken interessiert das jedoch nicht: Seine gesamte Prosa gilt in Norwegen bis heute, neun Jahre nach seinem Tod, als Provokation.

Durch die Nacht ist das beeindruckendste Buch, das ich seit langem gelesen habe: Eine Gratwanderung zwischen der Freude über Familie, Leben, Liebe, Poesie und dem schweren Mantel der Trauer und Reue über eigene Fehler. Sæterbakken hat einen Roman erschaffen, den man unmittelbar nicht nochmal lesen möchte, aber im Abstand von mehreren Jahren als memento mori erneut in die Hand nimmt.
Das Schicksal des Zahnarztsohnes Ole-Jakob erinnert daran, wie zerbrechlich Zustände des allumfassenden Glückes sind, weil der menschliche Geist die Endlichkeit des eigenen Seins allzu gern erfolgreich verdrängt. Bis der Sensenmann an der Tür steht. Sæterbakkens Sensenmann ist jedoch ein Freund der Poesie und Überraschung.

Stig Sæterbakken, Jahrgang 1966, verstorben 2012, war ein norwegischer Schriftsteller. Sein erstes Buch veröffentlichte er im Alter von 18 Jahren. 2012 nahm er sich das Leben. Durch die Nacht erschien 2019 bei Dumont, wurde von Karl-Ludwig Wetzig aus dem Norwegischen übersetzt und umfasst 288 Seiten. Außerdem haben wir von Stig Sæterbakken bereits 23 Notizen über den Alkohol rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Übersetzer.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Der große Sommer • Ewald Arenz

Denke ich an die Sommer meiner Kindheit und Jugend zurück, fügen sich wie bei Die Sommer viele, kleine Mosaiksteine zu einem Sommer zusammen. Es gibt keinen bestimmten Sommer, der heraussticht. Bei Der große Sommer ist es anders.

Der Sommer als Gnadenfrist

Im vergangenen Herbst las ich Alte Sorten von Ewald Arenz. Das Buch kletterte direkt unangefochten in die Liste meiner Lieblingsbücher. Wenig überraschend, dass ich auch Ewald Arenz’ Neuerscheinung lesen möchte. Im Mittelpunkt steht ein Gespann aus vier Freund:innen: Frieder ist 16 Jahre alt und wird mit dem Wissen in die Sommerferien entlassen, dass er am Ende der Ferien in Mathe und Latein nachgeprüft wird. Besteht er die Nachprüfung nicht, ist die Schulzeit für ihn vorbei. Deshalb fährt er nicht wie sonst mit in den Familienurlaub, sondern verbringt die sechs Wochen bei seiner liebevollen Großmutter Nana und seinem extrem strengen Großvater, den er jahrelang siezen musste. Nur sein bester Freund Johann und seine beinahe gleichaltrige Schwester Alma versüßen ihm diese Zeit. Und dann lernt er noch Beate kennen. Auf dem Sprungturm im Freibad ist es fast wie Liebe auf den ersten Blick.

Frieder, Johann, Alma und Beate verbringen also die meiste Zeit dieses Sommers zusammen. Ziemlich schnell kaufen sie sich sogar ein gemeinsames Grab, was ich für Jugendliche ziemlich seltsam finde. Immerhin sind sie abseits dessen ziemlich normale Jugendliche in den 80er Jahren. (Natürlich spielt das Buch nicht in der Gegenwart, WhatsApp-Nachrichten sind bei weitem nicht so romantisch wie spontane Treffen am Fluss.) Sie sitzen nachts auf Stadtmauern, trinken Bier, rauchen sehr viel, hören Musik, brechen nachts in Schwimmbäder ein oder machen aus Versehen Bagger kaputt. Abseits dieser Ereignisse entwickeln sich Beziehungen weiter – sowohl die zwischen Frieder und Beate als auch die zwischen Frieder und seinen Großeltern. Dabei erfährt Frieder, dass sein Großvater auf seine Weise eigentlich auch ganz okay ist …
Ein wenig langweile ich mich schon selbst beim Schreiben dieser Sätze, denn die meiste Zeit zieht sich der Roman so wie klebriger Erdbeer-Kaugummi und ist ähnlich rosarot-durchsichtig. Erst zum Ende hin ergeben sich unvorhergesehene, erschreckende Ereignisse, die dem Buch etwas Schwung verleihen. Endlich!

Coming-of-Age in Bestform

Im Jahr 2016 erlag gefühlt die gesamte Republik dem Tschick-Fieber. Mittlerweile reagiere ich leider allergisch auf alle Roadtrip- und die meisten Coming-of-Age-Romane. Ich werde in diesem Zusammenhang jedoch das Gefühl nicht los, dass Ewald Arenz als Lehrer durch seine alltägliche Arbeit mit Kindern und Jugendlichen für das Schreiben von Coming-of-Age-Romanen prädestiniert ist. Schon in Alte Sorten thematisierte Arenz das Erwachsenwerden, dort geschah dies jedoch aus einer erwachsenen Perspektive. Der große Sommer ist dagegen – trotz der Rahmenerzählung eines älteren Mannes, die ziemlich überflüssig ist – eine rein jugendliche Erzählung. Das ist keinesfalls negativ aufzufassen und Ewald Arenz auch herausragend gelungen, doch zieht es mich einfach nicht in seinen Bann. Da hilft leider nicht einmal der – abgesehen von nervigen, möchtegern-philosophischen Fragen, die ab und zu auftauchen – wundervolle, atmosphärische Schreibstil. Ewald Arenz schreibt so detailliert, einfühlsam und lebendig über Gefühle und die Natur, dass ich vor meinem inneren Auge Mauersegler im blauen Himmel kreisen sehe, Freibad-Pommes schmecke und die »helle Süße« der Linden rieche. Wie schon bei Alte Sorten kann ich auch bei Der große Sommer mit allein Sinnen in die Umgebung eintauchen.

Manchmal habe ich mir beim Lesen gewünscht, wieder 16 Jahre alt und viel zu sensibel für die Welt zu sein. Wäre ich acht Jahre jünger, hätte ich den Roman wahrscheinlich geliebt. Er kann so feinfühlig, tiefgründig, schmerzhaft, ehrlich und liebevoll zugleich sein und hat damit anderen Coming-of-Age-Romanen jede Menge voraus. Ich wünsche mir, dass sehr viele sensible Jugendliche dieses Buch lesen und sehen werden: Alles wird wieder gut. Die Pubertät geht vorbei. Eure vielen, vielen Emotionen werden sich irgendwie halbwegs ordnen. Alles – das mit der Liebe, mit der Schule, mit der Familie – wird gut. Oder zumindest besser. Ich wünschte – ohne die durchaus schmerzhaften, schwierigen Jahre von Jugendlichen herunterspielen zu wollen –, das würde auch für große ›erwachsene‹ Probleme gelten. Wo bleibt der große Sommer, nach dem wir das mit der Spaltung der Gesellschaft, der starken Rechten, den kaputten Sozial-, Gesundheits- und Bildungssystemen und das mit der Klimaerhitzung endlich geregelt bekommen, so, wie sich das Vierergespann nach den Sommerferien wieder einrenkt? Ich warte sehnsüchtig auf diesen großen Sommer.

Ewald Arenz, Jahrgang 1965, hat englische und amerikanische Literatur und Geschichte studiert und arbeitet als Lehrer in Bayern. Der große Sommer ist 2021 bei Dumont erschienen und umfasst 320 Seiten. Außerdem haben wir von Ewald Arenz bereits Alte Sorten rezensiert.
Ich danke Dumont und NetGalley für das Rezensionsexemplar. Sämtliche zitierte Stellen stammen aus dem E-Book und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


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Und andere Formen menschlichen Versagens • Lennardt Loß

Und andere Formen menschlichen Versagens ist zufällig in meine Hände geraten und stellt eine Offenbarung dar: Ähnlich wie William Golding in Der Herr der Fliegen oder Yann Martel in Schiffbruch mit Tiger schildert der Lennardt Loß in seinem Roman eine rasante Robinsonade, eine Aneinanderreihung abstruser Begebenheiten, die eine unfreiwillige Isolation der jeweiligen Figuren beinhaltet. Literarisches Handwerk und schwarzer Humor stehen hier Schulter an Schulter.

Poppige Überzeichnungen für den Leseeffekt

Den Auftakt des Romans bildet die Geschichte des RAF-Terroristen und Zahntechnikers Hannes Sohr, der eigentlich gar nicht Hannes Sohr, sondern Carl Fuchsler heißt und von den deutschen Behörden als Rohrbombenleger gesucht wird. Als dieser von dem Tod eines Taxifahrers durch eines seiner Rohrbombenattentate erfährt, begibt er sich inkognito zur Trauerfeier dessen und: »Es gab Butterkuchen« (S. 14). Neben Hannes Sohr schwimmt mitten im Pazifik Marina Palm, der durch den Absturz ein Schneidezahn fehlt und später die Geduld, Hannes Existenz lange zu ertragen. Erwähnte ich bereits, dass es in der Auftaktgeschichte eigentlich um einen Flugzeugabsturz geht? Diskontinuitäten durchziehen jede dieser wirren, unterhaltsamen Teilgeschichten dieses kleinen, selten langweiligen Romans, die aber nie dazu führen, dass die Handlung unverständlich wird. Die Handlung ist durchaus verständlich, wirkt an manchen Stellen aber auch absichtlich überzeichnet.

Neben Hannes Sohr lernen wir noch die Eltern der im Ozean mit entzündlichen Augen schwimmenden Marina kennen: den CDU-Abgeordneten und späteren Parkhausmogul Ferdinand und die linke Splatterfilm-Freundin Victoria. Letztere hasst ›polierte Lebensentwürfe‹ – das wird vor allem an der Szene deutlich, in der Kommissarin Blume in Victorias stinkender Wohnung hunderte Liter Schweineblut in Kanistern entdeckt –, und ganz besonders München: »Alles war so hell, gepflegt, künstlich. München sah aus wie das Leben, daß ihr Vater gerne gelebt hätte. Marina wollte nicht in der Wunschvorstellung von Ferdinand studieren« (S. 42).
Als ob das alles nicht schon abstrus genug wäre, dreht eben jene Victoria Palm schließlich auf dem Höhepunkt ihrer Trauerarbeit die splatterfilmgewordene Alliteration Güffingen Gore Girl Gulag. In dem Film geht es um einen Nazikeim, der an Bord eines Flugzeugs ausbricht. Alles klar. 

Der böse, schwarze Humor Lennardt Loß’ äußert sich in kurzen, geradezu beiläufigen Sätzen wie »Die letzte Möglichkeit, die Nadine blieb, war »kontinuierliche häusliche Gewalt«. Dafür fehlte ihr allerdings die Zeit. Und die Disziplin« (S. 57). Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt. Nicht nur, dass mir diese Art des Humors gefällt, sondern auch, dass dessen schicke, rasante Sprache sehr prägnant ist: Loß kommt auf 160 Seiten nahezu völlig ohne seltene, bildungssprachliche, eingestaubte Verben oder Adjektive aus, die andere Zeitgeistautor:innen aus der Dudenkiste herauskramen, um das Feuilleton zu beeindrucken. Ab der zweiten Hälfte wurde die Handlung zwar etwas lahm, das verdirbt das Lesevergnügen aber keinesfalls. 

Mit Und andere Formen menschlichen Versagens hat der mir bis zu der Lektüre unbekannte Lennardt Loß einen kurzweiligen, ungewöhnlichen Roman vorgelegt. So wie Daniel Kehlmann mit seinem irrwitzigem Roman Ruhm, der mir noch sehr lebhaft in Erinnerung ist, verbindet Loß multiperspektivisch und in verschiedenen Zeitebenen das Verschwinden der Marina Palm und den Absturz der Maschine LH 510 hervorragend miteinander. Ich kann weitere Veröffentlichungen kaum erwarten. 

Lennardt Loß, Jahrgang 1992, ist ein deutscher Schriftsteller. Als freier Journalist ist er für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung tätig und Literatur-Spidendiat der Roger-Willemsen-Stiftung. Und andere Formen menschlichen Versagens erschien 2020 im Unionsverlag und umfasst 160 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Die Wunderfrauen • Stephanie Schuster

Mit dem Narrativ der ›starken Frau‹ bewirbt der Fischerverlag auf seiner Website die Buchreihe von Stephanie Schuster. Im Eiltempo stampft der Verlag mit seiner Autorin innerhalb eines Jahres eine Roman-Trilogie aus dem Boden, die von einer cleveren Marketingstrategie umspielt wird. Die Lektüre des ersten Bands von Die Wunderfrauen. Alles, was das Herz begehrt ist eine überraschende Lektüre für mich gewesen, die deutlich kritischer als in vielen bisherigen Rezensionen und Leserunden betrachtet werden muss.

Historische Unschärfe prägt das Buch

Die Idee für den Roman stammt von der Verlegerin Carla Grosch vom Fischerverlag, deren Großeltern in Münster Anfang der 1950er Jahre einen Tante-Emma-Laden gründeten. Anekdoten und Fotos aus der Familiengeschichte lieferten den Stoff für die Handlung, die dann von Stephanie Schuster dekontextualisiert und nach Bayern verlegt wurde, da Stephanie Schuster dort aufgewachsen ist und bis heute in der Starnberger Gegend lebt. Ihre historische  und regionale Sachkenntnis zu dem Gebiet ist dementsprechend hoch.

Der Prolog des Romans spielt im Herbst 1953 und stellt ein foreshadowing der Handlung dar. Das ist schlau gemacht, immerhin weckt er das Interesse an der Geschichte dazu, wie die im Prolog tanzenden Frauen zueinander gefunden haben.
Nach dem Prolog beginnt die eigentliche Handlung, die einige Monate zuvor im Jahr 1953 ansetzt und beim Spiel von Deutschland gegen Ungarn im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft am 4. Juli 1954 endet.
Im Fokus der Point-of-View-Kapitel stehen die vier Frauen Luise Dahlmann, Anna von Thaler, Marie Wagner und Helga Knaup, die alle »endlich wieder glücklich sein« wollen. Luise Dahlmann kann sich nach dem Tod ihrer Mutter endlich aus deren Haus lösen und einen Tante-Emma-Laden aufbauen. Annabel von Thaler ist die Gattin des Chefarzts der Starnberger Seeklinik und glücklich in ihrer Rolle als Mutter des kleinen Friedrich gefangen. Marie Wagner ist eine ›Flüchtlingsdeutsche‹, die nach ihrer anstrengenden Flucht nach Ruhe und einer Anstellung auf einem Gestüt strebt. Helga Knaup ist die Tochter eines Fabrikanten, bricht mit ihren Eltern und wird Ausbildungsschwester an der Starnberger Seeklinik. Im Verlauf der Handlung begegnen sich die Frauen auf dem ein oder anderen Weg.

Luise Dahlmann arbeitet bis zum März 1953 im DP-Lager-Feldafing, einem Unterbringungslager für displaced persons, also Personen, »die nicht an diesem Ort beheimatet« sind. Der Begriff bezeichnete Zivilpersonen, die sich kriegsbedingt außerhalb ihres Heimatstaates aufhielten und ohne Hilfe nicht zurückkehren oder sich in einem anderen Land neu ansiedeln konnten. Der innere Monolog Luises über die Bewohner:innen des Lagers und ihre Arbeit mit diesen ist mir als einzige gute, berührende und eindrucksvoll geschriebene Stelle in Erinnerung geblieben: »Es dauerte eine Weile bis Luise begriff, dass Elina als Kind nach Ausschwitz gekommen und die Tätowierung mit ihr gewachsen war. Bei ihrer Aufnahme im Camp hatte die junge Frau nur noch achtundzwanzig Kilo gewogen« (S. 89). Doch die Exzellenz und der emotionale Tiefgang Schusters sind nur eine bedauernswert kurze Episode und selbst im Rahmen dieser Szene begeht sie einen peinlichen, wenn nicht sogar unverzeihlichen Fehler: Auschwitz darf einfach nicht falsch geschrieben werden.

Historisch reflexive Momente gibt es wenige oder gar keine. An den Stellen, an denen sie nötig wären, bleiben sie aus, wenn beispielsweise rassistische Sprache verwendet wird (und die Figuren des Umfelds dem nichts entgegnen). Da hilft auch der brotlose Verweis auf die Traumata der zurückgekehrten Männer (S. 178f.) zur ›Erklärung‹ der Rassismen nicht. Reflexive Momente sind jedoch auch nicht Schusters Ziel, schließlich wollte sie einen dahinplätschernden historischen Roman schreiben. Das zumindest ist ihr gelungen. Interessant sind in dem Zusammenhang zum Beispiel die Schilderungen Schusters über nahezu unbekannt gewordene Berufe, wie beispielsweise den der Posamentiererin. Luises Mutter war »gelernte Posamentiererin gewesen, darum lagen auf jedem Regalbrett und in jedem Schrank Spitzen und Litzen, die sie noch gewebt hatte« (S. 33). Meine Freude über diesen Wissenszuwachs zerbröselt jedoch schnell zu Staub, wenn Schuster eine Seite weiter astreines mansplaining reproduziert.

Rassistische und stereotype Sprachmuster als programmierter Stilbruch

Die von Schuster verwendete Sprache ist ebenfalls in keinem einzigen Moment eine Überraschung. »Puh, war das anstrengend!« (S. 12). Das liest sich wie nette Schullektüre. Auf über 400 Seiten findet sich kein einziges herausstechendes, unerwartetes Adjektiv oder Verb. Plattitüden wie »Inhaliere halt einstweilen deine deutsche Louise« (S. 41) oder »Damals, als die Zukunft noch Wunder versprach, die nur darauf warteten, entdeckt zu werden. Nichts davon war mehr übrig, alles wie Seifenblasen zerplatzt und einzig der Schmerz geblieben« (S. 13) machen schnell klar: Die Lektüre des Buches ist wie das Ziehen eines Wundschlauchs. Es soll bitte einfach schnell vorbei sein.
Der running gag des Buches ist die mangelhafte englische Sprachkenntnis der deutschen Nachkriegsfrauen. Der saure Drops der Sprachbarriere ist jedoch irgendwann ausgelutscht: »I can English very well«, mischte sich Gretel ein« (S. 30), »»No, äh, yes, please.« Am Ende ihrer Englischkenntnisse angelangt, redete sie auf Deutsch weiter« (S. 43). Deutsche Frauen, die kein Englisch in der Nachkriegszeiten beherrschen – ein richtiger Schenkelklopfer! Ich erwarte ein bisschen mehr als das Wiederkäuen von running gags, wenn ein Buch schon nicht mit anderen unterhaltenden Elementen aufwarten kann.
Auf die Spitze getrieben wird diese Qual nur noch durch die Reproduktion rassistischer Sprache und durch ableistische Stereotypen. Sätze wie »So nennst du das Poussieren mit den N* also?« (S. 26, von mir unkenntlich gemacht), »N*gedudel« (S. 138, von mir unkenntlich gemacht) oder »Unwertes Leben wurde beseitigt, wussten Sie das nicht? Man nannte es Gnadentod« (S. 44) mögen zwar den damaligen Zeitgeist wiedergeben, sind aber letztendlich literarisch betrachtet nur ein Beweis für Schusters Unsensibilität und Naivität oder ein Beweis dafür, sich als Schreibmarionette des Fischerverlags so etwas herausnehmen zu können. Ein ähnliches Beispiel für die literarische Reproduktion solcher Stereotype ist in diesem Zusammenhang übrigens auch Johann Scheerers Unheimlich nah (2021). Vielleicht ist es ja nur eine gezielte Provokation, aber den Zeitgeist der 50er Jahre kann man definitiv auch anders widerspiegeln – zum Beispiel, indem man das WM-Spiel der deutschen Fußballmanschaft gegen Ungarn mit dem geschichtsvergessenen Kommentar »ein ganzes Volk aufzurichten« (S. 448) versieht.

Alle Figuren, und damit meine ich wirklich alle Figuren, sind stereotyp gezeichnet. Ihre Handlungen sind vorhersehbar und zeugen von keiner besonders hohen intellektuellen Fallhöhe. Das beste Beispiel ist eine der Szenen mit Marie: Marie ist das verwöhnte Kind eines konservativen Elternpaares, das verheiratet werden soll, sich damit aber nicht abfinden möchte und dann rebellisch ausbricht. Und nachdem sie erfolglos ihre Eignung gegenüber dem Verwalter  eines Gestüts als Bereiterin (Frau Schuster wählt immer die maskuline Form der Substantive, also »Bereiter« (S. 45) statt Bereiterin oder »Autor« (S. 67) statt Autorin, obwohl beim letzteren Beispiel Vom Winde Verweht gemeint ist und dieser Roman von Margaret Mitchell geschrieben wurde) nahegelegt hat, bricht natürlich ein Pferd aus und wird natürlich von Marie auf magische Weise besänftigt. Szenen und Schilderungen, die der sonst recht drögen Handlung gut tun, gibt es nur wenige.

Das – neben dem Sprachgebrauch – Problematischste am Roman ist jedoch das dem Buch zugrunde liegende Thema an sich, das bereits im Titel Die Wunderfrauen offenliegt: Geschlechterrollen und Familienbilder.
Schon vor dem Zweiten Weltkrieg sollte in den ›Kernfamilien‹ die Frau an den Herd, während der Mann arbeiten ging. Obwohl Frauen in Deutschland während und nach dem Krieg ohne ihren Mann das Alltagsleben gemeistert hatten, wurden sie in den 50er Jahren (in der BRD) mit der Rückkehr der durch den Krieg traumatisierten Männer wieder zurück an den Herd geschickt. Die Rollenfestlegung war tief in der (westdeutschen) Gesellschaft verwurzelt. Frauen hatten neben Heirat und Kinderkriegen nicht viele Möglichkeiten. Erst ab dem Jahr 1958 durften sie in der BRD mit dem Inkrafttreten des Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts ohne die Erlaubnis ihres Mannes Arbeit aufnehmen. Dieses Rollenverständnis wird bis heute vor allem durch konservative Politiker:innen forciert und wirkt beispielsweise durch den gender pay gap bis in die Gegenwart nach. 
Problematisch finde ich darüberhinaus die Erzählung von der ›starken‹ Frau, da diese suggeriert, dass Frauen sich nur in zwei Gruppen teilen ließen: in die starken und die schwachen. Mit ›stark‹ werden in diesem Zusammenhang vor allem (männliche) Eigenschaften wie Unabhängigkeit, Selbstbewusstsein und sexuelle Unabhängigkeit verbunden. Doch was ist mit zurückhaltenden Frauen, die nicht so gerne im Mittelpunkt stehen, mit Frauen, die in der Rolle als Hausfrau und Mutter aufgehen oder mit Frauen, die eine psychische Erkrankung haben? Das Attribut ›stark‹ erzeugt lediglich oberflächliche Attributionen, wertet andere ab und wird in Die Wunderfrauen instrumentalisiert, um dem Roman eine allgemeingültige emanzipatorische Note zu verleihen, die er qua seines historischen Kontextes nicht besitzt.
Schuster hat letztes Jahr gegenüber dem Münchner Merkur in einem Telefoninterview zur Veröffentlichung von Die Wunderfrauen. Alles, was das Herz begehrt ausgeführt, wer die eigentlichen Wunderfrauen wären: »Frauen, damals wie heute, die in der Krise zurück an den Herd geschickt wurden. Sie meistern ihren Alltag, setzen sich für andere ein und müssen oft erst lernen, sich selbst dabei nicht zu vergessen und auch mal um Hilfe zu bitten.« Bei einem solch anachronistischen Frauenbild erbleichen selbst CSU-Landesminister vor Neid. Do legst de nieda! Solche Bücher und Vorstellungen gehören in die Bücherwühlkiste des nächstgelegenen Baumarktes.

Stephanie Schuster, Jahrgang 1967, ist eine deutsche Illustratorin und Schriftstellerin. Unter verschiedenen Pseudonymen hat sie zunächst Krimis, historische Romane und Thriller veröffentlicht. Die Wunderfrauen. Alles, was das Herz begehrt erschien 2020 im Fischerverlag und umfasst 472 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.