The Second Machine Age • Andrew McAfee & Erik Brynjolfsson

Wenn es um die großen Entwicklungsschübe oder Überlebensstrategien der Menschheit geht, spielten Technologien immer eine zentrale Rolle. Sei es bei der Entwicklung eines Impfstoffs gegen eine potentiell tödlich verlaufende Viruserkrankung oder die Umstrukturierung der wirtschaftlichen Produktionsweise durch Maschinen. Wie Sascha Lobo es bereits in Realitätsschock analysierte oder Philipp Blom in Was auf dem Spiel steht schon in weiser Voraussicht andeutete: Die Digitalisierungsprozesse, die nun erst recht durch die Corona-Pandemie angestoßen wurden, sind nur die Spitze des Eisbergs. Die digitale Revolution ist schon längst dabei, die Gegenwart zu überrollen – eine Gewissheit, vor der besonders unsere Gesellschaft und Bildungslandschaft in Deutschland bisher die Augen verschlossen haben.

Bereits 2014 erschien von den beiden Forschern Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson das vom Titel sperrig daherkommende Buch The Second Machine Age. Wie die digitale Revolution unser aller Leben verändern wird, das zwar teilweise bereits technisch überholt ist, aber dennoch interessante Einblicke in die Wirtschaftsgeschichte und Prognosen für eine mögliche digitale Zukunft bietet.

Die zweite Revolution ist eine der Geisteskraft

McAfee & Brynjolfsson machen von vornherein klar, dass nach der physischen, ersten Revolution, der Industrialisierung, die folgende digitale Revolution nun eine der Geisteskraft sei. Das überrascht natürlich nicht, weil es der sperrige Titel in Kombination mit dem Cover des Verlags schon verdeutlicht. Überraschend ist jedoch die Motivation der beiden Autoren, aus der sie heraus dieses Buch geschrieben haben: nicht Begeisterung, sondern Verwirrung sei der ausschlaggebende Grund für dieses Buch gewesen. »Doch in den letzten Jahren sind wir immer wieder überrascht worden. Die ersten Computer stellten Diagnosen für Krankheiten, hörten und sprachen und verfassten lesbare Prosa, während Roboter durch Lagerhäuser schwirrten (…)« (S. 17). Der Technikwandel durch Computer verschaffe der Kurve der Menschheitsgeschichte einen derartig beeindruckenden Knick, das wir nun in ein ›Maschinenzeitalter‹ einträten, das die beiden Autoren, mal glaubhafter, mal weniger glaubhaft anhand verschiedener Entwicklungen beschreiben. Besonders die erste Schilderung über selbstfahrende Autos wirkte derart abgeklärt und unterkühlt, das ich das zunächst verheißungsvolle Buch wieder weglegen wollte. Doch eiserne Geduld und (Lese-) Zähigkeit zahlen sich manchmal aus.

Von Asimov und Betriebswirtschaft

McAfee & Brynjolfsson schlagen inhaltlich viele Volten, indem sie durch viele Aspekte der Technologiegeschichte wie etwa den von Isaac Asimov formulierten drei Gesetzen der Robotik kursorisch springen. Viele Gedanken sind so charmant und anregend formuliert, dass ich den beiden Autoren gerne weiter folge. Einige klingen aber auch eher nach Leadership-Workshop und tragen den ›Glanz‹ von Drei-Tage-Bart-Managern mit hochgekrempelten Hemdsärmeln.

Fehlende Trennschärfe zum Untersuchungsgegenstand

Beide Autoren sind renommierte Professoren in ihren Fachgebieten und verlieren dennoch  irgendwann inmitten der vor (angestauter) Begeisterung und Zuversicht strotzenden Zukunftsprognosen zum Maschinenzeitalter die Trennschärfe zu ihrem Untersuchungsgegenstand. Zwar ist der Duktus stets ein entdeckender, wissenschaftlicher Zugang mit Anmerkungen, Graphiken und dem ganzen Tamtam, den man so als Leser von Wissenschaftlern erwartet, aber Betriebswissenschaftler sind nunmal etwas elitäre Systemlinge, sodass eine multiperspektivische – damit meine ich nicht eine technikfeindliche Betrachtung mit dystopischen Schreckgeschichten – Auseinandersetzung mit dem steten Technologiewandel und der damit zum Ausdruck kommenden Selbsterhaltungs- und Selbstermächtigungstendenzen des Kapitalismus ausbleibt. Schließlich sind Tech-Unternehmen aus dem Silicon Valley, die uns die prophetische Technik der Zukunft in weißen Designer-Schachteln zum Kaufpreis von mehreren Tausend Euro liefern, auch nur Geschäftsleute, die ihren Kram unter die Bevölkerung bringen wollen, um das Rad des Kapitalismus am Laufen zu halten. Das von McAfee & Brynjolfsson vorgestellte Modell des alternativen BIP und der Konsumentenrente habe ich deshalb dann auch nur noch mit stiefmütterlichem Interesse gelesen. Außerdem habe ich es auch einfach wirklich nicht verstanden.

Die Mär von der ›Schwarmintelligenz‹

Trotz der geschilderten Mängel wissen die beiden Autoren durch kluge Beobachtungen und Prognosen zu begeistern: Wegen ihres zunächst hohen Preises seien digitale Endgeräte Spielereien der westlichen Elite gewesen. Durch den unaufhaltsamen Technologiewandel sind die Geräte jedoch für breite Bevölkerungsschichten und auch für Menschen aus Entwicklungsländern finanzierbar geworden, sodass eine Demokratisierung und Egalisierung der Technik stattgefunden hätte. Etwas naiv schlussfolgern sie: »Das zweite Maschinenzeitalter wird sich durch unzählige Beispiele für maschinelle Intelligenz und Milliarden vernetzter Gehirn auszeichnen, die zusammenarbeiten, um unsere Welt besser zu verstehen und zu optimieren« (S. 120). Ich teile den Enthusiasmus der beiden, möchte aber gleichzeitig zynisch auf die Erfolge der ›Schwarmintelligenz‹ beispielsweise innerhalb der Piratenpartei verweisen: Diese hat im Endeffekt nur den misogynen Begriff »Tittenbonus« und ein politisches Vakuum hinterlassen.
Hoffnung macht immerhin die Tendenz zum selbstregulierten Lernen, wie dies in MOOCs (multiple open online courses) auch an den Volkshochschulen Deutschlands als netter Versuch einer technik-affinen Splittergruppe der Gesamtbevölkerung erprobt wird.

Naivität und Realitätsferne

Maschinen nähmen uns zukünftig derartig viel Arbeit ab, dass das zweite Maschinenzeitalter »im Grunde zur Entfaltung der Macht der menschlichen Genialität« (S. 308) beitrüge. Als große, entscheidende Erkenntnis eines über 300 Seiten starken Buches ist das recht dünn. Die Autoren vergessen dabei (ganz unbewusst), dass der Selbsterhaltungstrieb des Kapitalismus auch aus der mittlerweile 80 Jahre alten Vorstellung von John Maynard Keynes, das wir alle nur noch 15 Stunden pro Woche zu arbeiten hätten, schließlich Staub machte. 
Trotz der beeindruckenden, interessanten und überraschenden Schilderungen von McAfee & Brynjolfsson über das zweite Maschinenzeitalter bleibt am Ende also nur die dröge Erkenntnis hängen, dass die beiden Autoren ein wenig zu euphorisch und zu unkritisch dem System begegnen, in dem sich die verheißungsvollen, großartigen Technologien vermarkten.

Andrew Paul McAfee, Jahrgang 1967, ist ein US-amerikanischer Professor, Blogger und Autor. Er ist stellvertretender Direktor des Center for Digital Business an der MIT Sloan School of Management. Außerdem ist McAfee Betreiber eines erfolgreichen Blogs. Erik Brynjolfsson, Jahrgang 1962, ist ein dänischer Professor und Autor. Er ist Direktor des Digital Economy Lab an der Stanford University.
The Second Machine Age. Wie die digitale Revolution unser aller Leben verändern wird erschien erstmals 2014 unter dem Originaltitel The Second Machine Age. Work, Progress and Prosperity in a Time of brilliant Technologies bei W. W. Norton & Company. Die hier rezensierte zweite Auflage erschien 2019 im Börsenmedien Verlag, wurde von Petra Pyka übersetzt und umfasst 368 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei den Autoren/der Übersetzerin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Rechtsextremismus • Matthias Quent

Habt ihr auch schon lange nichts mehr explizit zum Rechtsextremismus gelesen oder gehört? Vor Beginn der Corona-Pandemie war die Öffentlichkeit geradezu übersensibilisiert für das Thema ›Rechtsextremismus‹. Mit Beginn der Pandemie haben sich Nazis, Faschist:innen, Rechtsextreme und Rechtsradikale unter das heterogene Klientel der ›Coronakritiker:innen‹ gemischt. So sind sie als präsente, uniforme Masse aus der Wahrnehmung fast verschwunden, aber ein Chamäleon bleibt auch in einer Gruppe von knalligen Esoteriker:innen oder Verschwörungstheoretiker:innen als Chamäleon erkennbar. Mit Rechtsextremismus. 33 Fragen – 33 Antworten hat Matthias Quent ein aktuelles, kondensiertes Sachbuch vorgelegt, das als Wissens-Snack mit inhaltlichem Tiefgang erfrischende, wenn auch gleichzeitig betrübliche Einblicke in den rechten Rand des politischen Spektrums liefert, der auch weiterhin eine Bedrohung für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung darstellt.

Tortendiagramme, die nach Staub riechen

Der Aufbau ist – so, wie der Titel es schon nahelegt – überraschend simpel: Jede Frage und die dazugehörige Antwort bilden ein Kapitel. Die Fragen folgen Quents übergeordneten Leitfragen: »Doch wofür steht der Rechtsextremismus, wo beginnt er, und was macht ihn aus? Welche Strömungen gibt es, und wie gehen Rechtsextreme vor?« (S. 7). So konfrontiert mich Quent direkt im ersten Kapitel mit einem Fragebogen, der Auskunft darüber geben soll, wie anfällig ich für rechtsextremes Gedankengut bin. Direkt im Anschluss weist Quent passend darauf hin, dass viele, die rechtsextrem denken, sich für links oder ›die Mitte‹ halten. 

Die auf den folgenden Seiten abgebildeten Tortendiagramme kenne ich bereits aus dem Thüringen-Monitor; sie riechen ordentlich nach einem verstaubten Seminarraum an der Uni. Etwas anderes hatte ich aber von einem Wissenschaftler ehrlich gesagt auch nicht erwartet: Ein Soziologe ohne Diagramme ist wie ein Bäcker ohne Mehl. 

Die begriffliche Trennschärfe fehlt

Sowohl Rechtsextremismus als auch -radikalismus lassen sich laut Quent durch ihre antisemitischen, fremdenfeindlichen und sozialdarwinistischen ›Codes‹ identifizieren, aber beim genauere Hinsehen unterscheiden sie sich durch ihre Härte: Der Rechtsradikalismus gehe über die Extremität hinaus und wende sich offen gegen die Demokratie. Außerdem verharmlost bzw. begrüßt er die Gewaltanwendung. Quent legt dennoch die Verwendung des Oberbegriffs ›Rechtsextremismus‹ für beide Formen rechter ›Codes‹ und Gewalt nahe.

Es fiel mir sehr positiv auf, dass Quent mit dem Buch vor allem darauf abzielte, unbequeme Wahrheiten auf Papier zu bringen: So ist die Distanzierung der AfD von Rechtsextremen und Nazis wie Andreas Kalbitz, um ein ›gemäßigtes‹ Profil zu gewinnen, Spiegel dessen, was die deutsche Zivilgesellschaft bereits einmal getan hat: radikale Negativbeispiele als Symptom einer politischen Bedrohung zu stilisieren. Indem sich die selbsternannte ›Mitte‹ von Neonazis mit Glatzen und Springerstiefeln abgrenzt (»die gehören nicht zu uns«), wiederholt sich das Muster der NS-Diktatur. »Der Soziologe Seymour Lipset untersuchte Ende der 1950er-Jahre den Aufstieg des Nationalsozialismus und bezeichnete das Emporkommen der NSDAP als ›Extremismus der Mitte‹. Der wurde, seiner Analyse folgend, maßgeblich von den mittleren sozio-ökonomischen Schichten getragen, da diese um ihren Status fürchteten« (S. 24). Das Dilemma wiederhole sich laut Quent auch in der Gegenwart: Mit dem Aufstieg der AfD wurde klar, dass das rassistische und rechtsextreme Potenzial der Gesellschaft zu lange ignoriert wurde. 

Uninteressante Fragen mit überraschenden Antworten

Die Fragen, die Quent als Kapitelüberschriften wählt, sind klassische Einsteigerfragen. Die Antworten darauf sind jedoch hochinteressant. So analysiert und zerlegt Quent im achten Kapitel Was steckt hinter der Strategie der Selbstverharmlosung? zum Beispiel die rhetorischen Volten des AfD-Chefberaters und ›Aktionskunst‹-Ingenieurs der neuen Rechten, Götz Kubitschek, sehr gelungen.
Vieles in dem Buch war mir schon bekannt und mutet etwas gefällig an. Es ist eher ein Buch für diejenigen, die mit dem Thema noch nicht viel zu tun hatten. Nachträglich beeindruckt und berührt hat mich aber das 25. Kapitel. Hier fasst Quent zusammen: »Die Amadeu Antonio Stiftung, die sich seit 1998 für demokratische Kultur und gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus einsetzt, zählt (…) über 200 Todesopfer« (S. 92). Auf den folgenden acht Seiten listet Quent die Namen, das Alter, den Ort und das Todesdatum aller Opfer der rechten Gewalt seit 1990 auf. 

Rechtsextremismus. 33 Fragen – 33 Antworten ist ein gutes Buch für Einsteiger:innen in die Materie des Rechtsextremismus. Selbst für Kenner:innen der Materie bereitet Quent Informationen zu interessanten, schwer verdaulichen Häppchen auf. Rechtsextremismus ist ein Thema, das uns als Zivilgesellschaft interessieren muss und in Zukunft weiterhin wird. Matthias Quent trägt durch seine Forschung und Publikationen in großem Maße dazu bei.

Matthias Quent, Jahrgang 1986, ist ein deutscher Soziologe, Rechtsextremismusforscher und Hochschullehrer. Seit 2016 ist er Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) mit Sitz in Jena. Als Experte für Rechtsextremismus, politische Gewalt und Terrorismus ist sein Gesicht national sowie international durch seine verschiedenen Wortbeiträge in Film und Funk bekannt. Rechtsextremismus. 33 Fragen – 33 Antworten erschien 2020 im Piper Verlag und umfasst 128 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


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Gestatten: Elite  • Julia Friedrichs

Schon seit der Antike gibt es Ungleichverhältnisse der sozialen bzw. gesellschaftlichen Schichtung, die als unüberbrückbare Spaltungen stilisiert werden, die aber durch konkrete wirtschaftspolitische Entscheidungen abgemildert werden könnten, wie die Hans-Böckler-Stiftung bereits 2017 hervorhob. Einige derjenigen, die der oberen Einkommensschicht angehören, besitzen jedoch einen faszinierenden Überlegenheits-Habitus, der Sozialdarwinisten erbleichen lässt: Wer arm sei, sei einfach nur faul. Die Journalistin Julia Friedrichs hat sich an diese Subgruppe der Besserverdienenden in Deutschland herangewagt und in einer Investigativ-Recherche aus nächster Hand erfahren, wie diejenigen, die sich als ›Elite‹ bezeichnen, denken. Ihr Buch Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen ist eine erschreckende Lektüre gewesen, bei der es mich nicht gerade selten vor Ekel schüttelte. 

Fremdscham garantiert

Für ihre Recherche bewarb sich Friedrichs bei McKinsey, der weltweit größten Unternehmensberatung, und kam in die Top-Auswahl der etlichen Bewerber:innen. Anschließend wurde ihr eine Stelle mit einem Einstiegsgehalt von 60.000€ sowie ein Dienstwagen angeboten. Das Auswahlverfahren fand seinen Abschluss in einem Fünf-Sterne-Hotel, in dem ein McKinsey-Berater der Autorin folgenden Satz entgegen schleuderte: »›Es gibt Menschen‹, sagte er, ›die sind oben – das sind Gewinner. Und Menschen, die sind unten – die Verlierer. Pass auf‹, riet er mir, ›dass du im Leben zu den Gewinnern gehörst.‹« (S. 11). Dieser Unternehmensberater hat noch weitere locker-flockige Sprüche drauf, die mein Brechzentrum beim Lesen mehr als ausreichend stimuliert haben: »Zum Wohle der Allgemeinheit sei es die Aufgabe der Gewinner, die Verlierer anzutreiben, zur Not auch auszusortieren« (S. 14). Warum nur denke ich dabei an meine ehemaligen Mitschüler:innen auf dem Wirtschaftsgymnasium? Bereits nach wenigen Seiten drängt sich mir der Eindruck auf, dass die Lektüre nicht nur interessant und humorvoll werden könnte, sondern vor allem auch unangenehm. 

Deutschlandreise zu den Hotspots der ›Elite‹

Nach der Ablehnung der 60.000€-Stelle begibt sich Friedrichs an die Hotspots der ›Elite‹: Universitäten, Internate, Kindergärten, Akademien. Dort trifft sie – mit wenigen Ausnahmen – größtenteils sehr unsympathische Akteur:innen, die sich und ihresgleichen gegenüber anderen als überlegen begreifen, weil sie ihrer Wahrnehmung nach viel mehr leisten. Da ist zum Beispiel Bernd, der an der EBS-Universität für Wirtschaft und Recht in Oestrich-Winkel studiert und damit prahlt, dass er in seinem Nebenjob länger als bis acht Uhr abends in der Bank ›arbeitet‹, auch wenn es nur darum geht, zu den Letzten zu gehören, die noch in der Filiale sind. Mitleid mit Armen hat Bernd nicht, da diese nicht blöd, sondern einfach nur faul seien.

Es wird schnell deutlich, dass dieses Ressentiment genau dort entsteht, wo Anschauung und Erfahrung fehlen. Viele der Protagonist:innen, denen Friedrichs begegnet, stammen aus wohlhabenden Schichten und haben mit Armen in ihrem Alltag vermutlich nur dergestalt zu tun, dass sie zwei davon besitzen, die an ihrem Körper festgewachsen sind. Bereits ab Seite 28 muss ich vor der Autorin, ihrer Courage und ihrer durch die Zeilen stark hervorquellenden zynischen Konträrfaszination den Hut ziehen, auch wenn ich spätestens ab dieser Stelle aus Ekel die Lektüre abbrechen wollte: »Wir ziehen Minderleister immer mit, halten ihnen die Karotte vor bis zur Frühpension. Das ist deutsche Gleichmacherei. Damit muss jetzt Schluss sein« (S. 28), zitiert Friedrichs einen hochrangigen Siemens-Manager, der einen Impulsvortrag zum Thema Leadership Culture hält. Wenn die Abwertung von Geringverdienern als ›Minderleister‹ kein Sozialdarwinismus ist, dann weiß ich auch nicht mehr weiter. Dass die Verachtung Friedrichs angesichts solcher Aussagen in Sätzen wie »Am liebsten möchte ich gleich wieder aufs Klo« (S. 31) hervortritt, ist Balsam für meine geschundene Leser-Seele. 

Der Vater trägt Bart und fährt Saab

Hilfreich für die Recherche ist sicherlich die Sozialisation von Friedrichs: Beide Eltern sind Lehrer:innen. Ihr Vater trägt Bart und fährt einen Saab. In der SPD sind sie auch. Zur ›Elite‹ gehört und gehörte Friedrichs nicht. 

Wohltuend ist dann auch das nachträglich eingeschobene Kapitel zur Begriffsgeschichte des Wortes ›Elite‹. Ursprünglich war das Wort ein französischer Premiumstempel, mit dem auserlesene Produkte und ihre Qualität im 18. Jahrhundert beschrieben werden sollte. Zur Erklärung der Unterschiede zwischen den ›edlen‹ oberen Klassen und den ›elenden‹ unteren Klassen herangezogen, avancierte der Begriff Anfang des 20. Jahrhunderts zum Ideologie-Kanonenfutter der Faschisten. In den Nationalpolitischen Bildungsanstalten, den sogenannten Napolas, sollte eine ›Elite für den Führer‹ herangezogen werden. Die Wirtschaft entdeckte den Begriff einige Jahrzehnte trotz seiner negativen Geschichte wieder, um den Mythos zu pflegen, dass in der Wirtschaft im Gegensatz zur Politik nicht Klüngelei, sondern Leistung zähle. Was die Elite-Gläubigen sonst noch so absondern, ist spätestens ab Seite 71 auserzählt – träfe die Autorin nicht noch den Elitesoziologen Michael Hartmann.

»Mit dem würde ich ein Bier trinken«

Hartmann hat sich mit seinem Forschungsteam tausende Lebensläufe von Hochqualifizierten angesehen und kommt zum Ergebnis, dass nicht die Qualifikationen (und die Leistung), »sondern die soziale Herkunft (…) über die Aufstiegschancen« (S. 73) entscheidet. Er geht sogar soweit, dass der Aufstieg in die Elite nicht nach rationalen Kriterien der Topmanager oder ähnlichem geschehe, sondern nach Vertrauen, Persönlichkeit und der Überzeugung ›Mit dem würde ich ein Bier trinken‹. Herzlich lachen musste ich auch, als Friedrichs an der Bayerischen Elite-Akademie die Professorin Christine Hagen trifft, die mit Blick auf Privatschulen und teure Universitäten den Eindruck gewinne, es gehe nicht um Potenzialförderung, sondern um »eine Art neuen Adel zu begründen« (S. 87). Irgendwie fühlte ich mich da an meinen letzten Job als Lehrer an einer Privatschule erinnert. 

Was genau ist denn nun die Elite?

Diejenigen, die Friedrichs interviewt hat, sind allesamt Stereotype: weiß, männlich, Anzugträger und immer mit einem zynischen, sehr viel Wut in mir entflammenden, ›lustigen‹ Spruch über Massenentlassungen auf den Lippen. Trotz der entstehenden Monotonie weiß Friedrichs mich durch ihre guten Fragen und die demaskierenden Antworten ihrer Interviewpartner:innen bei der Stange zu halten.

Ihr Fazit am Ende des unscheinbar daherkommenden Buches ist dementsprechend auch hervorragend gelungen: Personen, die sich der Elite selbst zuordnen, sind unkritische Zeitgenoss:innen, die nicht nachfragen, »keine Pausen, kein Recht auf Fehler, auf Umwege, kein Recht auch mal zu scheitern« (S. 239) einforderten. Charakteristisch sei für sie darüberhinaus die Überzeugung, der Wert eines Menschen hänge von seiner ›Leistung‹ ab. Mir hat eine solche Reduktion des Menschen auf seine Leistung bzw. den kapitalistischen Mehrwert seit jeher Angst eingejagt – und dieselbe Meinung lese ich zwischen den Zeilen auch von Friedrichs heraus. Mit ihrem Buch Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen hat sie einen soliden, wenn auch streckenweise monotonen Bericht zu ihrer Reise zu den Hotspots der ›Elite‹ und den Begegnungen vorgelegt. Zwar ist mir nach der Lektüre immer noch nicht klar, was mit dem Wort ›Elite‹ nun gemeint sein soll, aber aufgrund der schlaglichtartigen – nicht repräsentativen – Einblicke weiß ich, dass ich mehr als froh bin, dieser Gruppe keinesfalls anzugehören. 

Julia Friedrichs, Jahrgang 1979, ist eine deutsche Journalistin, Autorin und Filmemacherin. Für ihre zahlreichen Beiträge in Schrift und Bild wurde sie unter anderem 2014 mit dem Medienpreis Bildungsjournalismus der Deutschen Telekom Stiftung und 2019 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Gestatten: Elite. Auf den Spuren der Mächtigen von morgen erschien erstmals 2008 im Hoffmann und Campe Verlag. Die hier rezensierte Version erschien 2009 im Wilhelm Heyne Verlag und umfasst 256 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


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Der kommende Aufstand • Unsichtbares Komitee

Junge Liberale und RCDS-Mitglieder dürften nun Schaum vor den Mund bekommen: In Der kommende Aufstand schildern mehrere (mehr oder weniger) anonyme, französische Autor:innen, wie sie den Kapitalismus und die um ihn herum existierenden (Teil-) Systeme überwinden wollen. Dabei liefern sie eine profunde Analyse und Kritik des Kapitalismus, die ich unterstütze und bereits bei Pier Paolo Pasolini in seinen Freibeuterschriften sehr mochte. Gleichzeitig zeichnen sie aber einen fragwürdigen Gegenentwurf, der auf befremdlichen Mitteln zur Überwindung des Kapitalismus beruht.

Zukunft? Welche Zukunft?

Am Anfang jeder Abschieds-Arie auf den Kapitalismus steht die kulturkritische und traditionsreiche, aber dennoch zulässige Analyse, dass die Gegenwart ausweglos sei und das ›Künftige‹ keine Zukunft mehr habe. Das haben Sascha Lobo, Bettina Fellmann, Roger Willemsen, Sibylle Berg und viele weitere Autor:innen, die wir bereits auf diesem Blog rezensiert haben, schon getan – nur haben diese fast schon zarte Töne im Vergleich zum Unsichtbaren Komitee angestimmt.
Politiker:innen, die quasi die Büttenredner:innen des Kapitalismus seien, werden vom Unsichtbaren Komitee als »Gondelköpfe, die ihre Reden gemäß den neuesten Funden der Werbeabteilung austauschen« (S. 5) bezeichnet. Die darüberhinaus nahe am Rand der fake news wandelnde Behauptung, dass ›die Medien‹ revolutionäre Bewegungen in Frankreich kleinschreiben würden, wird durch den Begriff der »Medien-Omerta« (S. 6) auf den Punkt gebracht. Omertà bezeichnet die Schweigepflicht der sizilianischen Mafia gegenüber Außenstehenden.
Die zitierten Sätze stehen auf den ersten zwei Seiten – und auch die folgenden knapp 120 Seiten verschonen mich nicht. Dennoch liest sich die Holzhammer-Rhetorik ganz gut. Sie hat ihren eigenen flow und ist irgendwie sogar chic, wenn auch etwas unangenehm. 

Zuspitzung des linken Kulturkritik-Potpourri 

Ähnlich wie Bettina Fellmann es in Zur Verteidigung der Traurigkeit formulierte, brandmarken die Autor:innen des Unsichtbaren Komitees psychiatrische Kliniken als Platzhalter oder Türsteher des ›Systems‹, weil die Individuen, die formal betrachtet ›am System scheitern‹ eigentlich diejenigen sind, die verstanden haben, dass das System krank macht und psychische Erkrankungen daher mehr über das System aussagen als die Individuen. Jedes geistlose »Wie geht’s?«, das wir nicht als Austritt, sondern als Eintritt in einen Kommunikationsakt betrachten, ist Ausdruck der tiefgreifenden Pathologisierung des Ichs der (Post-)Moderne: Ich bin angepasst, funktioniere, arbeite. Ich bin. Egal, wie es mir geht.

Das Individuum, das psychisch erkrankt, ist in den Augen der Autor:innen aber nicht primär krank, sondern vielmehr streikend: »Wir sind nicht deprimiert, wir streiken. Für den, der verweigert, sich selbst zu verwalten, ist die ›Depression‹ nicht ein Zustand, sondern ein Übergang, ein Auf Wiedersehen, ein Schritt zur Seite in Richtung eines politischen Austritts« (S. 15). Die Unruhen in den Vorstädten (Banlieue) Frankreichs im Jahre 2005 begrüßen sie darüberhinaus wenig geschmackvoll, aber pointiert mit »Es wurde Zeit, dass das Fick die Polizei! das Ja, Herr Wachtmeister! ablöst« (S. 21). Wie zurückhaltend. So klingt also französische Kapitalismuskritik. 

Sehr viel Schwarz-Weiß, sehr wenige Grautöne

Linke Systemkritik muss quietschen, peppig, anstoßend und wenig anbiedernd sein. Über weite Strecken des Manifests changiert der Der kommende Aufstand aber zwischen schwerfälliger, profunder Kapitalismuskritik und flapsigen Bemerkungen. Ein Beispiel: Die Autor:innen erkennen an, dass es im bestehenden System zwar die Notwendigkeit gibt, Geld zu finden, aber nicht unbedingt zu arbeiten, denn Arbeit sei nichts anderes als Selbstkasteiung, -entfremdung und -ausbeutung. Sie ›bitten‹ daher um folgendes: »Man erlaube uns, einen Scheißdreck darauf zu geben« (S. 27).

Wichtig ist den Autor:innen ein weiterer Punkt, den ich als wichtigsten Bestandteil ihrer System- und Kapitalismuskritik betrachte: Nicht die Ökonomie sei in der Krise, sondern die Krise sei die Ökonomie. Nicht die Arbeit, die fehlt, ist die Krise, sondern die Arbeit, die überflüssig sei. Letzterer Punkt ist nah an der Fundamentalkritik des letztes Jahr verstorbenen Anthropologie-Professors David Graeber, der den Begriff der Bullshit-Jobs prägte. Letztlich ist der Kapitalismus eine intrigante, sich selbst erhaltende Hydra, die – egal, wie viele Köpfe man ihr abschlägt – das Individuum immer dort zum Schuldigen oder Haftenden macht, wo es selber versagt. So folgte auf die wachstumshuldigende Vernichtung der Umwelt zugunsten der ›blühenden‹ Wirtschaft nicht die Erkenntnis, dass der Kapitalismus ganz irre böse ist, sondern »das stählerne Lächeln des neuen grünen Kapitalismus« (S. 55). Natürlich ist der Schutz der Umwelt richtig und wichtig, jedoch ist die Erwartung des Systems nun, dass jede:r Einzelne:r die Aufgabe hätte, einen eigenen Beitrag zur Rettung des ›zivilisatorischen Modells‹ zu leisten, ziemlich schizophren. Erst vernichtet das System die Umwelt und gerät an die Grenzen des Wachstums, weil eine intakte Umwelt als Motor des Wachstums schwer beschädigt wurde – und nun haftet nicht das zerstörende System, sondern das Individuum. 

Der Pestgestank der Zivilisation

Zum Ende des Analyse-Teils des Buches kommt die große, hämmernde Erkenntnis des Unsichtbaren Komitees: Nüchtern betrachtet sind wir als Zivilisation eigentlich ziemlich am Arsch. »Es gibt keinen ›Kampf der Kulturen‹. Was es gibt, ist eine Zivilisation im Zustand des klinischen Todes, über die man eine ganze Apparatur der lebenserhaltenden Maßnahmen ausbreitet und die in der planetarischen Atmosphäre einen charakteristischen Pestgestank verströmt« (S. 69). Die Strategie der Zivilisationskritik laufe ins Leere, weil eine Leiche sich nicht wiedererwachen lasse. Folglich müsse man sich diese Leiche vom Hals schaffen und dies gehe nur durch Widerstand.

Nach über 70 Seiten prangt dort endlich das kämpferische Auf geht’s! und ich war gespannt, was der geniale Gegenentwurf zum Kapitalismus nun sei. Die Ernüchterung erfolgt sofort: Dem unsichtbaren Komitee schwebt als ›revolutionärem‹ Gegenentwurf zum Kapitalismus die Kommune als Mikrosystem eines neu gedachten Kommunismus vor. Dabei handele es sich um kleine Einheiten ›im Geiste vereinter‹ Personen, die sich selbst versorgen und aufeinander achten. Und wie überwindet man den Kapitalismus? Natürlich mit Gewalt, ist ja klar! Die Autor:innen schwadronieren zunächst von der Empfindlichkeit der Elektro- und Computernetze und kondensieren ihre Pläne zu dem rhetorisch gelungenen, aber intellektuell sowie allen humanistischen Werten fernen Aufruf, das Prometheische wiederzuentdecken. Dieses lasse sich »zurückführen und zusammenfassen zu einer gewissen Aneignung des Feuers – fern von jedem blinden Voluntarismus« (S. 90). Um »alles zu ficken« (S. 91) legt man also Feuer? Spätestens an dieser Stelle war ich raus. 

Keine Antwort ist auch eine Antwort

Die Analysen der Autor:innen zum Kapitalismus und seiner krankmachenden sowie schizophrenen Selbsterhaltungsmechanismen mögen zutreffen, aber die Härte, Totalität und propagandistische Verharmlosung von Gewalt finde ich mehr als bedenklich. Das Unsichtbare Komitee überschreitet nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks, sondern auch rote Linien der Gesetzgebung. Die Lektüre war zum Schluss hin nur noch entrüstend. Für einen funktionierenden Gegenentwurf hoffe ich nun auf das nächste Buch von Sibylle Berg.

Das unsichtbare Komitee ist der Zusammenschluss mehrerer französischer Autor:innen, die der französischen autonomen Szene zugeordnet werden. 2015 bekannte sich der libertäre Autor Serge Quadruppani in einem Blogpost mit anderen Autor:innen als Teil des Komitees bzw. als Verfasser von Der kommende Aufstand. Der kommende Aufstand erschien erstmals 2007 unter dem Titel L’Insurrection qui vient. Die hier rezensierte Version erschien 2010 im EDITION NAUTILUS Verlag, wurde von Elmar Schmeda übersetzt und umfasst 124 Seiten. Das Buch sorgte national und international für Furore und führte zur vorläufigen Untersuchungshaft von neun Einwohnern des französischen 341-Seelen-Dorfes Tarnac. Die Verhafteten sind seitdem als Tarnac Nine bekannt, streiten aber ab, Der kommende Aufstand verfasst zu haben.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag, den Autor:innen und dem Übersetzer.


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Zur Verteidigung der Traurigkeit • Bettina Fellmann

Jede:r kennt das: Manchmal sind wir traurig, ohne genau erklären zu können, warum das so ist. In den letzten Jahren häufen sich die Schreckensmeldungen der Krankenkassen und Behörden, dass soundsoviel Prozent der Gesellschaft mittlerweile in psychotherapeutischer Behandlung seien oder an ›modernen‹ Erkrankungen – Erschöpfung, Burnout, Depressionen  – leiden würden.
Jetzt ist im MaroVerlag aus der Feder der Krankenschwester Bettina Fellmann Ein erschöpftes Heft mit dem schönen Titel Zur Verteidigung der Traurigkeit erschienen. In ihrem Essay plädiert sie für eine andere Wahrnehmung von Erschöpfungssymptomen: Diese seien letztlich (nicht in allen Fällen) die Folge äußerer, systemischer Umstände – und keine inneren Zustände des Individuums. Das leide vielmehr unter der Realität, die wir verharmlosend als ›Normalität‹ bezeichnen.

»You take the red pill … you stay in Wonderland, and I show you how deep the rabbit hole goes«

Dass der Essay keine leichte Kost werden und potentielle Leser:innen nicht wie ein rohes Ei behandeln würde, machen bereits die ersten Sätzen Fellmanns deutlich: »Die von Menschen gemachte, gesetzmäßige Ordnung ist eine traurige Ordnung und sie erscheint ausweglos. Wer darin lebt, wird unwiderruflich beschädigt oder zerstört« (S. 3). Hiermit fängt der eigentliche (systemkritische) Spaß erst an.
Fellmann hebt hervor, dass vor allem individuelle Abweichungen von der Norm, gerade in politisch widerständiger Hinsicht, gezielt vom System zermürbt und kleingemacht werden. So stoßen Verbesserungsvorschläge in den verschiedenen Teilsystemen der Gesellschaft zwar nicht auf Abwehr, fundamentale Veränderungen lassen sich aber dennoch nicht durchsetzen. Dafür sollen uns Meditationen, Mindfulness-Gelaber und Glückssprüche auf Teebeuteln trösten: Selbst Yogi-Tee betreibt konservative Systempropaganda.

Zwar zielt Fellmanns Kritik auf die Beständigkeit des Pflegesystems als Teilsystem des Kapitalismus ab, jedoch lässt sich dieses hervorragend dekontextualisieren und auf jedes beliebige Teilsystem übertragen. Fellmann schießt auf jeder Seite rhetorische Enttäuschungs-Salven ab, die ihr Ziel treffen: »Wie sich die Menschen im Alltag fühlen, wie es ihnen wirklich geht, rückt in den Hintergrund« (S. 5). Als Leser werde ich gar nicht erst wie Neo in der Matrix-Trilogie von Morpheus vor die Wahl gestellt, ob ich die rote oder blaue Pille möchte. Fellmann verordnet mir relativ drakonisch die rote Pille und lässt mich in das unschöne Antlitz der Realität blicken.

Vorhersehbare, linke Technikskepsis und konservative Psychotherapie

Etwas sprunghaft folgert Fellmann aus ihrer grob umrissenen Systemkritik mit Bezug auf das bereits 1965 von Theodor W. Adorno geschilderte Überforderungsgefühl, dass die ›digitale Kultur‹, wie sie es nennt, zu einer Verarmung der tatsächlichen erlebten Lebenswahrnehmung führe. Damit wärmt sie allerdings nur das gerne in linksintellektuellen Kreisen beliebte Narrativ der ›menschenfeindlichen‹ Technik auf und macht es sich angesichts der anfänglich hervorragenden Interpretationsansätze lächerlich einfach. Nach den Erfahrungen der verbindenden Kraft technologischer Möglichkeiten durch das pandemiebedingte social distancing schmeckt diese unreflektierte Technikskepsis nach bitterem, kalten Kaffee. Da reicht es auch nicht, protektionistisch zu behaupten, dass jeder Person, die »bei der digitalen Entwicklung nicht mitziehen will« (S. 6), ›Technikfeindschaft‹ vorgeworfen werde.
Philipp Blom hatte es bereits in Was auf dem Spiel steht angedeutet: Die transformativen Kräfte der Technologie dringen in die Mitte der Gesellschaft, weil diese bereits die transformativen Kräfte der Gesellschaft als solche längst überholt haben.

Pathologisierung der Systemmüdigkeitssymptome

Stark ist Fellmann dann wieder dort, wo sie den Zusammenhang von Systemüberdrüssigkeit und Traurigkeit herstellt. So hält sie fest, dass nur diejenigen reicher werden könnten, die »auf der Ablehnung der verkehrten Welteinrichtung« (S. 8) beharren. Folgt man der Argumentation und den Gedanken Fellmanns, so ist letztlich die Psychotherapie Verteidigerin des Systems. Die »Pathologisierung« (S. 12) des traurigen Menschen folge systemerhaltenden Logiken, weil die Gesellschaft und das System vermittelt bekommen, das diese bleiben könnten, wie sie sind und das eigentliche Problem das (traurige) Individuum ist. Früher las man Marx und schrie sich mit roten Flaggen bestückt die Seele aus dem Hals, heute bucht man sich ein Yoga-Retreat, weil nicht die Welt, sondern man selbst ›aus den Fugen‹ geraten sei.

Mit vielen Zwischenhalten und zu lang geratenen Horkheimer- und Adorno-Zitaten kommt Fellmann letztendlich zur sprachlich hervorragenden Schlussfolgerung, dass nur das sich mit dem System abfindende Individuum dieses System erhält. »Das System, das von uns zehrt, verdient nicht, erhalten zu werden« (S. 31). Punkt.

Sensibilisierung für eine andere Wahrnehmung der Traurigkeit

Bettina Fellmann hätte ihre Gedanken in dem Essay Zur Verteidigung der Traurigkeit ruhig und gern ausführlicher fassen können, weil die Ansätze der Systemkritik hervorragend, wenn auch nicht immer durchweg folgerichtig oder zielsicher sind. Für mich kommt dieser Essay zur rechten Zeit. Meine Erschöpfung oder Traurigkeit sind demnach die Folge äußerer Einflüsse, auf die ich herzlich wenig Einfluss habe. Die Konsequenz daraus wäre, sie einfach zu verlassen. Vielleicht eröffnet das neue Jahr ja solche Handlungsspielräume.

Bettina Fellmann, Jahrgang 1978, ist seit 1998 eine deutsche Krankenschwester und wundert sich sehr häufig über das System, in dem sie arbeitet. Aus Ermangelung fundierter  Widerstandsbewegungen beschäftigt sie sich in ihrer Freizeit mit kritischer Theorie und schrieb bereits mehrere Beiträge für die Wochenzeitung Jungle World. Rebekka Weihofen, Jahrgang 1991, ist eine deutsche Illustratorin und Graphikerin. Zur Verteidigung der Traurigkeit erschien 2021 im MaroVerlag, wurde von Rebekka Weihofen illustriert und umfasst 32 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Autor, dem Verlag bzw. bei der Illustratorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Realitätsschock • Sascha Lobo

Die PISA-Krise aus dem Jahr 2000 ist einer der mir am lebhaftesten in Erinnerung gebliebene Einbruch der Realität in die Zuckerwattewelt vieler liberaler, konservativer und allgemein bürgerlicher Kreise – also jener Teile der gesellschaftlichen Diskurse, die sich ohne Reue als Realitätsurlauber:innen bezeichnen lassen können. ›Plötzlich‹ wurde das, was bereits seit den 1970er Jahren der Bildungsforschung bekannt war, breiten Schichten der deutschen Bevölkerung bewusst: Der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schul(miss)erfolg ist in keinem Land Europas so signifikant wie in Deutschland und führt zu dem schlechtem Abschneiden bei internationalen Vergleich-Tests. Die Schlagzahl dieser ›Realitätsschocks‹ hat in den letzten Jahren an Dichte zugenommen: »Plötzlich müssen wir erkennen, dass die Welt anders ist als gedacht oder erhofft« (S. 9).
In seinem zunächst plakativ wirkenden, essayistisch geprägten Sachbuch Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart + neu: Der Corona-Schock lokalisiert und analysiert der Blogger Sascha Lobo zehn dieser Realitätsschocks und stellt dabei ähnliche Beobachtungen wie Roger Willemsen in Wer wir waren und Philipp Blom in Was auf dem Spiel steht an.

Globalisierungs- und Digitalisierungsprozesse als Fixpunkte

Katalysatoren der verschiedenen Realitätsschocks und Transformationsprozesse sind laut Lobo wie im Essay von Blom die zunehmenden Globalisierungs- und Digitalisierungsprozesse. Hier ist Lobo zunächst (ebenso wie bereits Willemsen und Blom) einer begrifflichen Unschärfe unterlegen, denn wie der hervorragende Globalhistoriker Jürgen Osterhammel in Die Flughöhe der Adler. Historische Essays zur globalen Gegenwart festhielt: Die Digitalisierung und die Globalisierung gibt es nicht, sondern verschiedene Globalisierungsprozesse, die parallel zueinander verlaufen.

Als Realitätsschock definiert Lobo »eine schlagartige Erkenntnis oder eine Enttäuschung im Wortsinn (…), also das Ende einer Täuschung« (S. 9). Die Digitalisierungs- und Globalisierungsprozesse hätten Unverbundenes vernetzt und der Zivilbevölkerung die Hoffnung genommen, die wirtschaftlichen Eliten und Amtsträger:innen der Politik hätten so etwas wie ›Kontrolle‹ oder ›Übersicht‹ über den Lauf der Welt. Die Corona-Pandemie war letztlich das Pulverfass, das die nationalistischen, protektionistischen Tendenzen besonders der osteuropäischen Mitgliedsländer innerhalb der Europäischen Union (Stichwort Festung Europa) als das enthüllte und explodieren ließ, was sie sind: lachhafte Versuche, das Aufwärmen der Vergangenheit als wohlgefühligen, funktionierenden Politikentwurf zu verkaufen.
Nonchalant schlussfolgert Lobo: »Kein Land kann sich heute noch leisten, nicht global zu planen und zu handeln« (S. 11). Allein die Einleitung dieses von mir zunächst unterschätzten Buchs gibt einen Vorgeschmack auf die folgenden 400 Seiten, die von Lobos ironischen, manchmal zynischen, aber stets scharfsinnigen Beobachtungen geprägt sind.

Persönliches Erleben ist die Voraussetzung des Realitätsschocks

Lobos Kapitel folgen einem ähnlichen, verlässlichen Muster: Er schildert einen Realitätsschock anhand eines konkreten Beispiels, um mich als Leser behutsam, fast liebevoll auf das nun folgende Thema einzustimmen und spannt dann den Bogen zum großen Ganzen. Hier erfolgt die große Kaskade an Beobachtungen und ausführlichen Analysen, ohne den Bezug zur persönlichen Realität des Individuums zu verlieren. Alle zehn Kapitel sind so aufgebaut. Das funktioniert ganz ausgezeichnet, wirkt aber auch etwas angestaubt, quasi wie aus dem Werkzeugkasten der literarischen Blaupausen gegriffen.

Ausgangspunkt für die Einkehr der Realität in die Wahrnehmung jedes Einzelnen sind laut Lobo sogenannte »persönlich nachvollziehbare Rückkopplungen« (S. 24). So sei den meisten Menschen der Klimawandel besonders durch den trockenen Sommer 2018 und die vage normative Beobachtung, dass es heute weniger Schmetterlinge als früher gäbe, bewusst geworden. Spätestens die Flutkatastrophen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz im Bundestagswahljahr 2021 sowie die Allgegenwärtigkeit der Fridays-for-Future-Bewegung haben zumindest in Teilen der Bevölkerung zur Einsicht geführt, dass sich etwas in der Politik, wenn nicht gar an unserem persönliches Verhalten ändern müsste. Dass Schellnhuber und seine Kolleg:innen bereits seit den 80er Jahren vor allem durch die Weiterentwicklung von Daten-Software konkrete Warnungen vor einer ›Klimakatastrophe‹ aussprachen, ist dabei laut Lobo nur der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Entscheidend für einen Realitätsschock sei das Erleben.
Zwischendurch schimmert während eines jeden Kapitels bereits die jeweilige Schlussfolgerung Lobos aus dem Realitätsschock durch, aber deutlich formuliert er diese am jeweiligen Kapitelende auf wenigen (maximal vier) Seiten, die quasi die Kirsche auf der Sahnetorte seiner interessanten Beobachtungen ist. Zum Beispiel: »Der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts wird ein ökologischer und bedingungslos nachhaltiger sein oder er wird nicht sein. Jedenfalls nicht mehr lange« (S. 58).

Politisch gefärbte Mic-Drops

Wer Lobos Redebeiträge kennt, der weiß: Ein Jan Fleischhauer mit Irokesenschnitt ist er nicht. Daher sind seine Beobachtungen stets ungeschont und politisch eingefärbt, gerade beim Thema Migration. Der Grund für die Migrationsbewegungen nach Europa sei letztlich Europa. Die politischen Kräfte jeder Couleur seien dabei einer Märchenerzählung erlegen: der Mär von der ›Bekämpfung der Fluchtursachen‹. Lobo dreht und wendet dieses politische Narrativ und entlarvt dieses als naiv. »Migration ist unaufhaltsam, auch deshalb, weil sie heute mit der Kraft der Vernetzung geschieht. Migration ist heute ein sehr digitales Phänomen« (S. 66). Die heutigen Wanderungsbewegungen seien eine direkte Folge des rassistischen Weltbeherrungstraums Europas, der in der grausamen Kolonialismusgeschichte seinen Ausdruck fand. Viele dieser Beobachtungen sind zwar für mich nicht neu, aber sie sind definitiv einer Erwähnung und näheren Analyse wert.

Besonders erwähnenswert sind hinsichtlich ihrer politisch (für mich) gefälligen Färbung die Kapitel Rechtsruck. Der kurze Weg nach Rechts, Künstliche Intelligenz. Wir nannten es Arbeit und Corona. Die digitale Revolution. So führt Lobo beispielsweise aus, dass der Wendepunkt des Rechtsrucks in Deutschland die Veröffentlichung von Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab gewesen sei. Das rassistische Machwerk des ehemaligen Sozialdemokraten wäre das Fanal gewesen, um den in rechtsextremen, französischen Kreisen bedienten Narrativ einer ›homogenen Gesellschaft‹ Zunder zu liefern und somit in Deutschland ideologisch den Weg frei zu machen für die Nebenwirkung einer von Neurechten erträumten ›Konservativen Revolution‹: Rassismus, Antisemitismus, Misogynie und Homophobie sind wieder en vogue und sickern unter begrifflich falscher Flagge häufiger in die Diskurse ein.
Ausgangspunkt des Rechtsrucks in Deutschland und weiteren Ländern des Westens sei dabei das Gefühl einer Entfremdung von Politik und Geschehen. Lobo findet hierfür den hervorragenden Begriff »Gegenwartshadern« (S. 146), das er als Hauptgrund für die Verschiebung des politischen Spektrums und des Meinungskorridors ausmacht. Auslöser dieses Unsicherheitsgefühls sind wiederum die zwei Fixpunkte, die sich durch alle Kapitel ziehen: Digitalisierung und Globalisierung.

Ein gutes Sachbuch

Ich habe ganz bewusst bei der Lektüre die Kapitel zu China, Gesundheit und Wirtschaft überflogen, weil sie mich ehrlich gesagt weniger interessieren. Vielmehr hätte ich mir ein Kapitel zur Bildung der Zukunft gewünscht. Das Kapitel zur digitalen Revolution durch Corona hätte darüberhinaus auch etwas umfangreicher sein können, statt als Zusatz dieser Version des Buches dahingeschmissen zu werden, da ich gerade von einem ›Digitalexperten‹ wie Lobo diesbezüglich etwas mehr analytischen Tiefgang erwartet hätte.
Aber trotz meiner kleinen Kritikpunkte ist Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart + neu: Der Corona-Schock ein hervorragendes, überraschendes Sachbuch. Nicht nur die Vielfalt der Themen ist beeindruckend und qualitativ hochwertig recherchiert, sondern durch ihre analytische Schärfe und Weitsicht des Autors für mich persönlich bereichernd. Leitmotivisch für alle Kapitel ist die Beobachtung, dass die Globalisierungs- und Digitalisierungsprozesse all diese Themen berühren und bisher nahezu dilettantisch durch die nationalen Regierungen organisiert und gelenkt wurden. Trotz der fehlenden Gegenerzählung von Lobo, wie diese Prozesse moderiert werden könnten, mag ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.

Sascha Lobo, Jahrgang 1975, ist ein deutscher Blogger, Autor und Journalist. Lobo gehört zu den Initiatoren der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union. Seit 2011 schreibt er für Spiegel Online die bekannte Kolumne S.P.O.N. Die Mensch-Maschine. Er spricht regelmäßig auf der re:publica, gilt als »Klassensprecher des Web 2.0« und ist ein gern gesehener Gast in zahlreichen politischen Talkshow-Formaten. Realitätsschock. Zehn Lehren aus der Gegenwart + neu: Der Corona-Schock erschien erstmals 2019. Die hier rezensierte Version wurde durch das Kapitel Corona. Die digitale Revolution erweitert, erschien bei Kiepenheuer & Witsch und umfasst 421 Seiten. 
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat • Henry David Thoreau

Henry David Thoreau ist dem breiteren Publikum eher durch sein Buch Walden oder Leben in den Wäldern bekannt, in dem er als einer der geradlinigsten Essayisten Amerikas sein geradezu asketisches Leben im Einklang mit der Natur schildert: Thoreau zog sich zwei Jahre in eine Blockhütte seines Arbeitgebers und späteren Freundes Ralph Waldo Emerson zurück und brachte diese Erfahrungen zu Papier.
Unbekannter hingegen ist Thoreaus kurzer Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, den derzeit sicherlich viele Kritiker:innen der Corona-Schutzmaßnahmen allein vom Titel her positiv rezipieren, Thoreau damit jedoch Unrecht tun würden. Dieser Essay ist Ausdruck eines rationalen, keineswegs moralin sauren Weltbilds und bedient ein klassisches Narrativ: hier der integre, arme (wahrscheinlich linke) Kritiker und dort der übermächtige (mehrheitlich konservative) Staat.

Von der moralischen Lethargie der Regierung

Regierungen sind anfällig für Korruption und Missbrauch. »Wenn die Regierung am notwendigsten wäre, sind die Regierten am meisten allein gelassen« (S. 4). Besonders dieser Satz hat mich an die Misere erinnert, in der wir Bürger:innen dieses Landes momentan stecken. Trotz all der vollmundigen Versprechen, dass dieser Winter anders als der Winter 2020 würde, stecken wir wieder im selben Dilemma. Alle Expert:innen schlagen ›Alarmstufe Rot‹ und die Regierung schaut zu. Es ist wie ein Flugzeugabsturz, den man in Standbildern verfolgen kann. Die Standbilder sind dabei die Meldungen in den allgegenwärtigen Live-Blogs und Newstickern zur Corona-Pandemie. Ich bin kein Anarchist, der die Regierung ablehnt – ich wünsche mir eine moralischere, tatenreichere Regierung. Auch Thoreau plädiert dafür, dass jede:r bekannt geben solle, »welche Art von Regierung seinen Respekt gewinnen würde« (ebd.). Anders könne es zu keiner Besserung der Regierung kommen. 

Widerstand als Recht

Den Widerstand gegen die Regierung stilisiert Thoreau nicht kategorisch zum Prinzip, weil er die Demokratie ablehnt. Vielmehr plädiert er an die Verantwortung aller Bürger:innen, wenn die Regierung das eigene moralische Wertesystem durch ihr Handeln verletzt oder durch ihre Unfähigkeit besteche. Thoreau begründete seinen damaligen Widerstand damit, dass er den Krieg der Vereinigten Staaten Krieg gegen Mexiko ablehnte und daraus folgend die Zahlung seiner Steuern verweigerte, um den Krieg nicht mitzufinanzieren.

Die eigentlichen Bewahrer der Regierung sind in Thoreaus Augen jene, die der Regierung durch ihre Gleichgültigkeit die Treue halten. Er schreibt: »Menschen, die den Charakter und die Maßnahmen einer Regierung missbilligen, ihr aber dennoch Gefolgschaft leisten, sind unzweifelhaft ihre gewissenhaftesten Unterstützer und somit oft die größten Hindernisse einer Reform« (S. 13). Thoreau ruft daher dazu auf, das eigene Handeln und Tun stets im Lichte der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit zu betrachten. Stelle man jedoch fest, dass man sich zum »Arm der Ungerechtigkeit« (S. 15) mache, so solle das eigene Leben zum Gegengewicht werden. Nur so könne die Ungerechtigkeit aufgehalten werden.
Diese Betrachtung ist übrigens einer der Gründe, warum ich seit Jahren mit meinem Beruf als Lehrer hadere. Schließlich mache ich mich durch meine Tätigkeit zum Agenten der sozialen (Aus-)Sortiermaschinerie. 

Frühindustrielle Kapitalismuskritik

Im Folgenden entwickelt Thoreau eine Morallehre, die nicht durch ihre Ausdifferenziertheit besticht: Klar, natürlich ist der reiche Schmock ein moralisch verarmtes Individuum, das qua Besitzverhältnisse gar nicht moralisch integer sein kann. Dass es jedoch Unternehmer:innen wie den deutschen Trigema-Chef Wolfgang Grupp oder den früheren Nintendo-Präsidenten Satoru Iwata gibt und gab, die in Krisenzeiten eher an den Vorstandsgehältern sparten, statt den Rotstift am Personal anzusetzen, beweist, wie falsch dieses plakative, in linken Kreisen gerne erzählte Narrativ vom ›bösen Leistungsträger‹ ist. Interessant ist jedoch die konsumkritische Dimension von Thoreaus Reichen-Schelte: »Geld beschwichtigt viele Fragen, die andernfalls Antworten verlangten, während die einzige neue Frage, die es aufwirft, die so schwere wie überflüssige Frage ist, wie es ausgegeben werden soll« (S. 15). Das Zitat sollte in jedem Wartebereich einer Bank prangen.

Und nun?

Zwar regt Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat mich an, meine Privilegien als homo oeconomicus zu hinterfragen, aber mitreißen vermag mich die etwas farblose Prosa von Thoreau nicht. Ob es am Originaltext oder an der Übersetzung liegt, wage ich nicht zu bewerten. Thoreau gelingen zwar einige Einsichten und erwähnenswerte Begriffe wie »Untertanentreue« (S. 27), die verfliegen aber schnell wieder. Für eine tiefergehende Analyse, warum dem Staat mit Widerstand begegnet werden sollte, ist der schnell konsumierte Essay vielleicht nicht das geeignete Genre. Bei der Auswahl des Genres für seine Fundamentalkritik hätte Thoreau ein präziseres Klassenbewusstsein beweisen können.

Henry David Thoreau, Jahrgang 1817, verstorben 1962, war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph. Von seinen Zeitgenossen eher verlacht und ignoriert, avancierte Thoreau besonders durch die Rezeption durch Mahatma Gandhi zum Vorbild gegen materialistisches Denken. Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat erschien erstmals 1849 unter dem Titel Resistance to Civil Government. Die hier rezensierte Version erschien 2016 im Verlag Michael Holzinger, wurde von David Adner übersetzt und umfasst 34 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. beim Herausgeber und dem Übersetzer.


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Salonfähig • Elias Hirschl

Sebastian Kurz hat als Stereotyp des Law-and-Order-Schwiegersohns im Slim-Fit-Anzug in Österreich eine Generation schmieriger, aalglatter Politiker:innen etabliert, die sich eines Personenkults bedient, die sozialistische oder kommunistische Systeme wie Anachronismen wirken lassen. Die dabei verwendete Rhetorik ist nicht nur teilnahmslos, sondern vor allem auch gefährlich.

Elias Hirschl liefert mit Salonfähig einen brandaktuellen Roman, der das Psychogramm eines Jungpolitikers und seiner Clique in der unmittelbaren Nähe einer Galionsfigur der österreichischen neokonservativen Partei zeichnet. Trotz seiner allgegenwärtigen Überzeichnungen wurde der Roman nach seiner Veröffentlichung von der Realität eingeholt: Die Enthüllungen um die Textnachrichten der türkisen Familie werfen ein Licht auf den österreichischen, türkisen Filz der ÖVP, der diesem Buch in seiner Drastik in nichts nachsteht. Bret Easton Ellis könnte durchaus neidisch auf dieses fulminante, wahnwitzige, schwarze Buch sein.

Aalglatte Unsympathen

»Ich habe geträumt, dass mich Ärzte aufschneiden, und sie finden Milz, Leber, Nieren, Herz, Lunge und legen alles auf einen Tisch in silberne Metallschalen« (S. 7). Etwas enttäuscht war ich von dem ersten, einleitenden Satz schon. Vielmehr erwartete ich, dass der namenlose Protagonist schildert, die Ärzt:innen hätten nichts als Leere entdeckt.

Der namenlose Protagonist hält sich für einen guten Menschen, der selbstverliebt zum Friseur, zur Maniküre, ins Büro, Fitnessstudio, zur Psychotherapie und zur Rhetoriktrainerin geht und seinen Aufzug mit Slim-Fit-Anzug, Oxfords und Gehstock inklusive Pferdekopf-Knauf zum Urteil »Ich würde mich als vielschichtigen jungen Mann bezeichnen« (S. 11) destilliert. Seine Morgen-Routine gleicht der des American Psycho-Antihelden Patrick Bateman, während der er sich in seiner 120-Quadratmeter-Wiener-Altbauwohnung sechs verschiedene Haarprodukte ins Haar schmiert, um später Wachs aufzutragen. Unsympathisch. Dieser Ersteindruck des Antihelden von Salonfähig bessert sich auch nicht im Laufe der Lektüre.

ÖVP-Kopien und Anstandsverwahrlosungsrhetorik

Der namenlose Protagonist und seine – intellektuell betrachtet – Energiesparlampen-Freunde folgen willenlos dem Parteichef der Neuen Mitte Österreichs, der fiktionalen neokonservativen Partei in Salonfähig, die eine so große Ähnlichkeit mit der ÖVP aufweist, dass es einen gruselt, bis ich merke: Moment mal, in der Realität Österreichs ist das ja genauso! Der Parteichef Julius Varga aus der Mitte der Anhängerschaft der Jungen Mitte (die Jugendorganisation der ÖVP-Kopie) ist das absolute Idol, fast schon der gottgewordene Mensch für den namenlosen Antihelden, den ich irgendwann während der Lektüre im Kopf nur noch Julius II nannte. Varga wird während des Verlaufs der Handlung mit seiner Partei bei der Wahl mit gerade einmal 29 Jahren zum Bundeskanzler Österreichs gewählt.

Innerhalb der Jugendorganisation kommt es zu wahrhaften Exzessen des ›Leersprechs‹ des Kapitalismus. So veranstaltet die Junge Mitte mit der ihr nahestehenden Schülervertretung eine schwarz-weiß-Mottoparty, die sie auf Instagram mit folgenden Worten bewirbt: »Schwarz/weiß steht in diesem Sinne selbstverständlich sowohl für Inklusion, gelungene Integration, für differenziertes Denken und eine schicke Casual/Bowtie-Kombination in ebenjenen Farben, die niemals aus der Mode kommen« (S. 26). Würg! Immer, wenn ich während der Lektüre dachte, dass Hirschl mir endlich mal eine Pause gönnen könnte, prügelte er mit seiner Wohlstands- und Anstandsverwahrlosungsrhetorik weiter auf mich ein.

Porträt eines Psychopathen

Julius II schreibt jeden Morgen nach dem Aufwachen in ein in Leder gebundenes Notizbuch, was er geträumt hat, um auf diese Weise seine Träume »kreieren, formen, steuern« (S. 30) zu können und selbst zu bestimmen, was er träumen möchte. Die Empfehlung hat er von seiner Rhetoriktrainerin. Begleitet von Fitness- und Schönheitswahn ergibt sich so nach und nach das Bild einer Person, die sinnbildlich zwischen Ego und Eso nicht mehr zu unterscheiden vermag. So verbindet Julius II seine Gutmütigkeit gegenüber einem Bettler, dem er regelmäßig zwanzig Cent zusteckt, mit Sachertorte: Er belohnt sich als ›Verstärker‹ nach seiner guten Tat mit Sachertorte, sodass der Anblick des Bettlers »bereits ein Lächeln der Vorfreude« (S. 35) in sein Gesicht zaubert. Das ist derart zynisch, dass es schon fast unterhaltend ist.

Julius II macht nichts, dass ihm das Prädikat ›unauffällig‹ verleihen könnte. Stets verunsichert übt er im Auto sein roboterhaftes Lächeln, reflektiert jede mimische Äußerung und kasteit sich in inneren Monologen selbst, wenn eine Blüte der Pflanzen in Julius Vargas Wohnung abgestorben ist, die er für diesen pflegt. Die Therapeutenbesuche, die Hirschl schildert, ergeben das Bild eines in der Kindheit schwer verunsicherten Einzelgängers, der – keiner eigenen Meinung oder Eigenschaften fähig – seine Persönlichkeit ausgelöscht hat, eine leere Folie geworden ist und die Rhetorik, den Kleidungsstil, das gesamte Auftreten seines persönlichen Sonnengottes, Julius Varga, chamäleonhaft kopiert hat: »Kurz erschrecke ich, als ich auf dem Weg nach unten glaube, Julius zu sehen, dann jedoch feststelle, dass es nur ein mannshoher Wandspiegel zu meiner Linken ist. Ich lächle mir zufrieden zu und betrete das eigentliche Lokal« (S. 110). Die unter der Oberfläche brodelnde konservative Radikalität mündet am Ende in einer Zuspitzung, die Patrick Bateman daneben wie einen Milchbubi wirken lässt.

Dauersalven aus der literarischen Überspitzungspatronentrommel

Die Einzeiler sind definitiv Hirschls Stärke. Dort, wo er sich knapp hält, ist er grandios. Sätze wie »Ich lache wie gut verheiltes Narbengewebe« (S. 14) oder »Das Set endete schließlich mit einem durchaus befriedigen Fuckclose in meinem Bett« (S. 66) sind wahnwitzig, pointiert und treffen sehr wohl einen ironischen Nerv bei mir, während die ausschweifenden Schilderungen häufig derart überzeichnet sind und ab der zweiten Hälfte des Buches mich eher mürbe machen. Die definitiv absurdeste Szene ist jene, als Julius II und sein Parteikollege Karl Voigt auf einem Konzert, das sie ›ironisch‹ besuchen, Linksradikale mit Dom-Pérignon-Flaschen verprügeln und nebenbei in Gesprächsfetzen eine popkulturelle Analyse der dort gespielten Musik betreiben. Abschließend kleben sie den blaugeprügelten Irokesen Wahlspruchsticker der Jungen Mitte auf die Augen.

Der Witz und die Komik in den Szenen kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Hirschl ironisch zum Nicolas Cage der österreichischen Literatur überhöht: Beide beherrschen die Kunst des overacting meisterhaft. Hirschl bedient sich einer Prosa, die sich in der zynischen Zuspitzung immer weiter, höher zu schaukeln versucht und damit dem leeren Heilsversprechen des Höher-Weiter-Mantras des Kapitalismus in die Falle geht, das Hirschl eigentlich zu persiflieren versucht. Zwar gibt es immer wieder Momente, die das kippende Boot des Leseeindrucks zu retten vermögen, aber insgesamt schimmert das ›Zuviel‹ von Hirschls Prosa durch.

Mehr Schein als Sein

»Meine Frisur sitzt, und ich habe ein reales Innenleben. Ich bin salonfähig. Mein Hugo-Boss-Anzug, slim fit, betont beiderseits meine schlanke Figur und den Ansatz an wohltrainierter Muskelmasse. Ich bin auf dem Höhepunkt meiner körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit« (S. 245). Fast auf jeder Seite musste ich mich angesichts dieser autoerotischen Schilderungen schütteln. Salonfähig ist ein zugespitztes, wahnwitziges, zynisches Buch fast ohne sonderliche intellektuelle Fallhöhe, weil es den Gestus und die Leere seiner Akteur:innen hervorragend und damit eigentlich gar nicht zugespitzt transportiert, weil diese Kaste der alt- und neureichen Konservativen exakt so wie geschildert existiert, sie um den Ex-Kanzler Sebastian Kurz genau diesen Führerkult etabliert haben und vermutlich in Ansätzen auch so denken und sprechen wie die Figuren Hirschls.

In Salonfähig hat Hirschl das Bild einer brandgefährlichen Radikalisierung der Neokonservativen gezeichnet, das Magenschmerzen bereitet, weil nunmehr die Agitation gegen Minderheiten auch aus der (angeblichen) ›Mitte der Gesellschaft‹ ausgeht. Menschenhass und der leere Erfolgssprech des Kapitalismus sind salonfähiger geworden, besonders in den abgeschlossenen Gruppen unserer Wohlstandsgesellschaften.

Elias Hirschl, Jahrgang 1994, ist ein österreichischer Autor, Poetry-Slammer und Musiker. Er gewann 2014 die österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften und ist neben Lisa Eckhart einer der bekanntesten österreichischen Poetry Slammer. Salonfähig erschien 2021 im Paul Zsolnay Verlag und umfasst 254 Seiten. 
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Utopien für Realisten • Rutger Bregman

Die Utopie hätte ich vor der Lektüre eher in Reden von Janine Wissler oder schlecht besuchten Germanistik-Seminaren zur Ästhetik der Utopien der Frühen Neuzeit gesucht, aber nicht im Buch eines niederländischen, zumal sehr jungen Historikers. Sowohl Roger Willemsen in Wer wir waren als auch Philipp Blom in Was auf dem Spiel steht würden die Relevanz der Utopie jedoch mit kulturpessimistischem Duktus verneinen – schließlich sind beide der Überzeugung, dass der Kapitalismus an seine Grenzen geraten sei und die Menschen aus Ermangelung an konsistenten, alternativen Gesellschaftsentwürfen aufgehört hätten, von einer besseren Zukunft zu träumen.

Wir haben die Utopie beerdigt

Hier setzt Bregman in Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen einleitend an. Er überschüttet mich mit Zahlen, Grafiken und Gleichnisse etwa zur Entwicklung des durchschnittlichen BIP oder der Gesundheitsversorgung. Dabei vergleicht er verschiedene Jahrhunderte mit unserer jetzigen Zeit und kommt zum Schluss, dass wir das ›Schlaraffenland‹, von dem vorige Generationen träumten, schon erreicht hätten. Genau darin läge aber auch das Problem unseres Gesellschaftsmodells: »Der alte Traum vom Land des Überflüsses hat seinen Reiz verloren« (S. 13). Statt den Wohlstand zu nutzen, in dem wir leben, und ihn mit Sinn zu füllen, hätten wir die Utopie begraben und uns für mehr Konsum und/oder mehr Arbeit entschieden. Bregman verfolgt mit dem vorliegenden Buch deshalb auch nicht den Anspruch, Vorhersagen für die Zukunft zu liefern, sondern die Tür zu dieser Zukunft – wie auch immer sie aussehen mag –, (wieder) aufzustoßen. 

Reflektierte Begriffsgeschichte

Bregman ist jedoch bewusst, welchen Drahtseilakt er mit seinem Plädoyer hinlegt, schließlich können Utopien, die als gute Idee anfingen, in einer Dystopie enden – wie beispielsweise die verschiedenen Versuche des letzten Jahrhunderts, dem Raubtierkapitalismus sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaftsentwürfe entgegenzusetzen. Bregman hält daher fest: »Utopien liefern keine fertigen Antworten, geschweige denn endgültige Lösungen. Aber sie werfen die richtigen Fragen auf« (S. 21). Auch ist Bregmans Analyse korrekt, dass der Liberalismus dem Individuum mehr Freiheiten einräumte, es aber gleichzeitig wieder in Geiselhaft nahm, weil der Fortschrittsgedanke des Liberalismus sich in eine minder besagt totalitäre Ausbeutungsideologie entwickelt hätte, die nur die Besserung der wirtschaftlichen Kennzahlen, nicht aber das Individuum im humanistischen Geiste wertschätzt.

Bregman stilisiert unsere Zeit zur kalten ›Technokratie‹ und stellt ihr die Utopie entgegen. Die Zeit bräuchte daher, wollten wir unseren Wohlstand tatsächlich sinnvoll nutzen, »alternative Horizonte, die unsere Phantasie anregen« (S. 28). Ab da begann Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen,noch interessanter zu werden.

Ein Ritt auf der linken Klinge

Bregman begibt sich daraufhin auf eine gedankliche Reise zum bedingungslosen Grundeinkommen, dem Ende der Armut, einer Alternative zum BIP sowie alternativen Arbeitsweltentwürfen. Bei letzteren nimmt er Bezug auf die These des im letzten Jahr verstorbenen Kulturanthropologen David Graeber: dass viele Menschen derzeit in sogenannten Bullshit-Jobs arbeiten würden, die sie unglücklich machen.

Leider bedient sich Bregman dabei durchweg einer plakativen Rhetorik, die in Analysen wie »Seit mehr als dreißig Jahren erhöht das Wirtschaftswachstum kaum noch unseren Wohlstand und in einigen Fällen sinkt er sogar« (S. 110) gipfeln. Diese Analysen sind leicht verdaulich, weil sie zunächst schwarze Tinte auf Papier sind und noch nicht zu aktivem Handeln aufrufen. Den Versuch, den Autopionier und Großkapitalisten Henry Ford aber als linken Utopisten darzustellen, weil er als erster Unternehmer die Fünf-Tage-Woche einführte, finde ich dann doch etwas lächerlich. Die ideologische Färbung steht Bregmans Buch dennoch gut.

Rhetorische Schwäche des linken Spektrums

Die guten Ansätze, die Bregman schildert – wie beispielsweise das bedingungslose Grundeinkommen – könnten jederzeit eingeführt werden, sind sie doch sowohl qualitativ als auch quantitativ durch soziologische Experimente und Studien verifiziert. Das Problem sei vielmehr, so analysiert er hervorragend, dass Rechte und neoliberale Ökonom:innen den Diskurs bestimmen und durch ihre mediale Omnipräsenz das Meinungsfenster zu ihren Gunsten weiten. Linke Stimmen fehlen dort, obwohl die Zeit nach linken Gegenentwürfen geradezu schreit. Das Phänomen gießt Bregman direkt in einen schönen Begriff: Er spricht von Underdog-Sozialist:innen. Diese »sehen ihre einzige Mission darin, die Gegenseite zu kontrollieren und zu bremsen. Sie kämpfen gegen Privatisierungen, gegen das Establishment, gegen die Sparpolitik. Sie sind gegen so vieles, dass man sich fragt, ob es irgendetwas gibt, das die Underdog-Sozialisten befürworten« (S. 253). Nicht, dass sie falsch lägen, sei das Problem, sondern dass sie »langweilig wie eine Türklinke« (ebd.) seien. Die politische Linke hätte keine Geschichte, mit der sie ihre Ideen vermitteln kann und bediene sich einer Sprache mit Begriffen wie Postkapitalismus und Intersektionalität, die nach Bücherstaub und akademischem Elfenbeinturm klingt.
Die Analyse ist zwar flach, aber treffend. Wer Millionen Menschen eine gute Zukunft sichern möchte, muss dafür auch die dementsprechende, verständliche Sprache finden. Daran könnten sich hierzulande SPD, Grüne und Linke gerne orientieren. 

Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen las sich zunächst so wie eines jener Sachbücher, die regelmäßig auf den Bestsellerlisten landen und das ein komplexes oder aktuelles Thema durch einfach Analysen zu simplifizieren versucht. Tendenziell war dies hier auch der Fall, jedoch kehrte Bregman meiner Wahrnehmung nach immer dann wieder auf den Pfad der Sachlichkeit ab, wenn er kurz zuvor noch in den Abgrund der Plakativität geblickt hatte. Eine gelungene, profunde Diskussion verschiedener Gesellschaftsentwürfe, die gerne präsenter in den Diskurs rutschen können. Hoffentlich werden diese eines Tages Realität – gerade das bedingungslose Grundeinkommen kann gerne kommen. 

Rutger Bregman, Jahrgang 1988, ist ein niederländischer Autor, Aktivist und Historiker. Er war bereits zwei Mal für den European Press Prize nominiert und nahm am Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums 2019 in Davos teil. Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen erschien erstmals 2014 auf Niederländisch. Die hier rezensierte Version erschien 2017 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, wurde von Stephan Gebauer übersetzt und umfasst 302 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Übersetzer.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Soll & Habitus • Daniela Dröscher & Paula Fürstenberg

Ich glaube, man ist ein anderer Mensch, man hat einen vollkommen anderen Blick auf das Leben, wenn man mit wenig Geld aufwächst bzw. akuten Geldmangel erlebt hat. Wenn das Leben aus dem Kalkulieren von Essen, Miete, Versicherung, Kleidung besteht – Monat für Monat, immer wieder. Ich glaube, das prägt Menschen ihr Leben lang. In Soll & Habitus scheinen mir 15 Autor:innen zuzustimmen.

Zwischen Scham und Klasse

Soll & Habitus ist ein schmales Heftchen, es umfasst lediglich 21 Seiten und macht von außen nicht wirklich viel her. Umso mehr hat mich das Innere überwältigt. Autor:innen wie Shida Bazyar, Christian Dittloff, Mareice Kasier, Şeyda Kurt und Deniz Utlu schreiben darüber, wie es ist, ohne Geld aufzuwachsen oder als Erwachsene ohne Geld klarkommen zu müssen – aber auch darüber, wie es ist, ›es zu schaffen‹ oder sich etwas zu leisten. Viele schauen aus ihrer heutigen Perspektive zurück und schämen sich: Scham spielt in Soll & Habitus eine riesige Rolle. »Erst die Scham darüber, arm zu sein, dann die Scham darüber, nicht mehr arm zu sein, schließlich die Scham darüber, sich nicht mehr zu schämen« (S. 4, Sahar Rahimi). Dazu passend begegnet mir bereits in der Einleitung der Begriff Klassenübergänger:in, der sich ebenfalls wie ein roter Faden durch die Ausgabe zieht.

Tiefsitzende Traumata

Es gibt kaum eine Seite in Soll & Habitus, auf der ich keinen Absatz unterstrichen habe. So oft finde ich mich wieder, so oft werden ungute Erinnerungen geweckt: an Monate, in denen wir nicht wussten, wie wir die Miete bezahlen können. An Einkäufe, bei denen man sich die Tränen herunterschlucken muss, weil es wieder nur Milchreis geben kann. Noch heute verfalle ich in eine kleine Krise, wenn am Monatsende kaum noch Geld da ist – so tief sitzt dieses Trauma, kein Geld zu haben, obwohl wir mittlerweile zwei Einkommen (unter dem Bundesdurchschnitt) haben. »wie entspannt die welt ist, wenn man geld in der tasche hat, wie frei die gedanken sind, wenn man geld in der tasche hat« (S. 4, Özlem Özgül Dündar).

Brechen wir die Tabus!

Seit kurzem bin ich Kleinunternehmerin – ein Wort, das in meinen Ohren immer noch äußerst absurd klingt. Seit Jahren erledige ich für Bekannte kleine Gefälligkeiten im Grafik- oder Webdesign-Bereich – und es hat ebenfalls Jahre gedauert, bis ich lernte, meine ›Arbeitskraft‹ angemessen in Geld umzurechnen. Auch das gießen die Autor:innen in Soll & Habitus in Worte, wie so vieles, von dem ich nicht wusste, dass auch andere so empfinden. Geld ist so oft der sprichwörtliche Elefant im Raum und es tut gut, dass all diese Probleme rund um das Geld endlich festgehalten und in die Öffentlichkeit gelassen werden.

Mit dem Aufwachsen mit Geld gehen auch gewisse Codes einher. Ein Beitrag in Soll & Habitus, der mich diesbezüglich ganz besonders angesprochen hat, stammt von Mareice Kaiser und ist in einem Restaurant verortet: »Wohin lege ich die Karte, wie viel Trinkgeld gebe ich, wie geht das?, denke ich. Ich kenne den Code, aber ich kenne nicht die Codes« (S. 8). Bis heute machen wir keinen Urlaub in Hotels und betreten keine noblen Restaurants, bis heute fühle ich mich in Städten mit relativ reichen Menschen unglaublich unwohl. Ich kenne nicht die Codes.

Perspektivwechsel und Optionen

Apropos Urlaub: »Ich kann schlecht in den Urlaub fahren. Irgendetwas ist da bei mir blockiert« (S. 12, Verena Brakonier). Erwähnte ich, wie viel ich mir in dem kleinen Heft angestrichen habe? So oft hatte ich das Gefühl, meine Gefühle gedruckt zu sehen. Und fragte mich gleichzeitig, wie wohl Menschen Soll & Habitus lesen würden, für die Geld eine Selbstverständlichkeit ist. Die nie Mangel erlebt haben und ihn nun als Titelthema in der ZEIT erklärt bekommen müssen. Was wäre man dann für ein Mensch? Wäre man grundsätzlich glücklicher? Oder ist das zu plakativ gedacht und man hätte dann ganz andere Probleme? Aber könnten die jemals auch nur so elementar sein wie Geldmangel in einem gesellschaftlichen System, das auf Geld beruht, in dem ohne Geld nichts funktioniert? Es ist ja nicht so, als ob man eine Option hätte; dass man sagen könnte, mir ist das Geld egal, ich brauche kein Geld. Nein, wir alle brauchen immer stets und ständig Geld, denn Arbeits- oder Obdachlosigkeit sind keine würdevolle Alternative. Aber das bedingungslose Grundeinkommen, das wäre eine. Wie sich Soll & Habitus wohl lesen würde, wenn diese Utopie Realität wäre?

Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987, studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und wurde unter anderem mit dem Hattinger Förderpreis für Junge Literatur und dem Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg ausgezeichnet. Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in Trier und London. Sie wurde mit verschiedenen Förderpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Soll & Habitus ist 2021 bei SUKULTUR erschienen, umfasst 21 Seiten und beinhaltet Beiträge von Shida Bazyar, Ewe Benbenek, Verena Brakonier, Christian Dittloff, Özlem Özgül Dündar, Verena Güntner, Mareice Kaiser, Şeyda Kurt, Aurélie Maurin, Maria Milisavljević, Jacinta Nandi, Hendrik Quast, Sahar Rahimi, Lynn Takeo Musiol und Deniz Utlu. Auf der dazugehörigen Website stehen alle Beiträge auf mehreren Sprachen kostenlos zur Verfügung.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei den Herausgeberinnen / Autor:innen.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Autumn • Ali Smith

Ich mag englische Buchausgaben sehr. Zuerst sehen sie wunderschön neu aus, dann trägt man sie einige Wochen lang zwischen Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer hin und her, transportiert sie vielleicht sogar noch im Rucksack und am Ende sehen sie aus, als hätten sie bereits ein ganzes Leben hinter sich gebracht. In etwa dieselbe Zeit habe ich gebraucht, um Ali Smiths Autumn zu lesen.

Der Auftakt eines Quartetts

Autumn ist der erste Teil des sogenannten Jahreszeitenquartetts von Ali Smith – alle vier Teile sind nach den jeweiligen Jahreszeiten benannt und ich freue mich schon jetzt darauf, die restlichen Teile passend zu den Jahreszeiten innerhalb der nächsten Monate zu lesen, auch wenn zumindest im Auftakt nicht allzu viele NatureWriting-Passagen auftauchen, die mich quasi dazu ›zwingen‹ würden, es ausgerechnet im Herbst lesen zu müssen. Long story short: Man kann das Quartett sicherlich auch unabhängig von den Jahreszeiten lesen.

Im Mittelpunkt des Romans stehen Elisabeth und Daniel. Elisabeth ist Mitte 30 und die Protagonistin von Autumn. Daniel ist 101 Jahre alt und im Altenheim. Als Elisabeth noch ein Kind war, war er ihr Nachbar – ein besonderer Nachbar. So ganz finde ich während des Lesens nicht heraus, was er beruflich gemacht hat, aber er hat Songs geschrieben und viel mit Künstler:innen zu tun gehabt.

Viele Sprünge, viele Ebenen, viele lose Enden

In Autumn springe ich immer wieder zwischen den Zeitebenen hin und her – manchmal angekündigt, oft nicht. Mal reise ich zurück in Kindheitserinnerungen von Elisabeth, die oft ihre Mutter oder Daniel betreffen, mal begleite ich die Gegenwarts-Elisabeth bei ihrem Besuch im Bürgeramt bei dem Versuch, einen neuen Reisepass zu beantragen. Ebenfalls spielt die Zeitebene ihrer Dissertation eine wichtige Rolle – und der Brexit.

Vieles kommt in dem Roman zusammen, vieles verstehe ich nicht so richtig, allen voran die Handlung rundum Elisabeths Dissertation. Sie hat Kunstgeschichte studiert und entdeckt kurz vor ihrer Dissertation einen Bildband über Englands einzige Pop-Art-Künstlerin der 1960er Jahre. Sie wirft ihr eigentliches Dissertationsthema über Bord, um über sie schreiben zu können. Unterbrochen durch viele Erinnerungen kommt ein wilder Mix aus Erinnerungen ihrer Mutter, der vergangenen Liebesgeschichten von Daniel und Parallelen zu Marilyn Monroe dazu – und ich komme nicht mehr hinterher. Die Zeitsprünge machen das Buch sehr schwer verständlich, noch dazu erschwert es mir Ali Smiths gekonnter, aber auch schwieriger Stil, Kohärenz aufbauen zu können – gerade bei dem Thema rund um die Künstlerin, wo der Mix aus historischen Erzählungen, künstlerischen Vergleichen, Geschichten um Schauspielerinnen und persönlichen Erfahrungen einfach zu kompliziert und wirr wird.

Wenn der Nachbar zum Opa wird

Wesentlich verständlicher ist die Handlung auf der gegenwärtigen Zeitebene: Elisabeth liest dem schlafenden Daniel im Altersheim regelmäßig etwas vor und führt so ihre tiefe Beziehung fort, die schließlich so intensiv wird, dass sie in einem Großvater-Enkelin-Verhältnis mündet. Ausgehend von dieser gegenwärtigen Ebene tauche ich immer wieder in Daniels unverständliche Träume ein, aber auch in die Anfänge ihrer Beziehung. Ich bekomme einen Schulaufsatz zu lesen, den Elisabeth über ihren neuen Nachbarn schreiben soll und bin dabei, wie sich beide kennenlernen. Vor allem habe ich genossen, davon zu lesen, wie Daniel schnell eine Mentorenrolle gegenüber Elisabeth einnimmt: Bei Besuchen fragt er sie stets als erstes, was sie gerade liest. »Does it look like I’m reading anything? she said. Always be reading something, he said. Even when we’re not physically reading. How else will we read the world? Think of it as a constant. A constant what? Elisabeth said. A constant constancy, Daniel said« (S. 68). Mindestens genauso wortgewandt lehrt er sie, dass Sprache wie Mohn ist: »It just takes something to churn the earth round them up, and when it does up come the sleeping words, bright red, fresh, blowing about. Then the seedheads rattle, the seeds fall out« (S. 69).

Perfekte Fleabag’sche Dialoge 

Gerade in Bezug auf Dialoge wird die besondere literarische Stärke von Ali Smith deutlich: Sie lässt Figuren fasst slapstick-artig miteinander agieren und denkt kommunikative Missverständnisse humorvoll mit. Dieser Stil erinnert mich extrem an die Serie Fleabag – und ist auch der Grund dafür, warum ich mir Autumn überhaupt gekauft habe. Auf der Rückseite von The Bass Rock steht nämlich folgende Pressestimme: »Like Ali Smith’s novels crossed with the TV series Fleabag«. Ich bin ein großer Fan der Serie von Phoebe Waller-Bridge, also ist es kaum verwunderlich, warum eine einzelne Pressestimme mich dazu bringen konnte, eine neue Buchreihe anzufangen.

Ein Musterbeispiel für Smiths gekonnte Dialoge ist das Gespräch zu Beginn des Romans im Bürgeramt, als sie versucht, einen neuen Reisepass zu beantragen: »He shakes his head. What? Elisabeth says. No, I think it’s all right, he says. The hair. It has to be completely clear of your eyes. It is completely clear of my eyes, Elisabeth says. It’s nowhere near my eyes. It also can’t be anywhere near your face, the man says. It’s on my head, Elisabeth says. That’s where it grows. And my face is also attached to my head« (S. 23). Schön ist auch die Stelle, als Elisabeth im Altersheim bei einem Besuch von Daniel einschläft und eine Pflegerin den Raum betritt: »Having a bit of time out? the care assistant says. All right for some, huh? Some of us have to work for a living, she says. She winks in the general direction of Elisabeth« (S. 41). Oder die Stelle, als auf ein GO HOME-Graffiti WE ARE ALREADY HOME THANK YOU geantwortet wird. Es sind immer wieder kleine sassy Passagen, die Autumn auflockern und zu einem grandiosen Lesevergnügen machen.

Der Brexit liegt in der Luft

Weitaus ernsthafter sind die Kapitel, in denen Smith den im Sommer und Herbst 2016 überall in der Luft schwebenden Brexit thematisiert. Da wird Smith fast poetisch: »All across the country, people felt it was the wrong thing. All across the country, people felt it was the right thing. All across the country, people felt hey’d really lost. All across the country, people felt they’d really won. All across the country, people felt they’d done the right thing and other people had done the wrong thing« (S. 59). Aber besonders stark fand ich den Ausbruch von Elisabeths Mutter auf einem Spaziergang. Was mit einem Schlagabtausch in gewohnten Fleabag-Stil beginnt (»I’m tired, she says. It’s only two miles, Elisabeth says« (S. 56)), endet mit einem zweiseitigen Monolog ihrer Mutter über all das, worüber sie tired ist: die Nachrichten, Wut, Egoismus, Gewalt, Lügen, die Regierung, Angst, fehlende Worte – um nur eine Auswahl zu nennen. Es sind diese politischen Passagen, an denen Autumn für mich ganz besonders glänzt und von denen ich mir mehr gewünscht hätte, schließlich wird auch im Klappentext geschrieben: »The United Kingdom is in pieces, divided by a historic once-in-a-generation summer.« Dafür waren es dann doch zu viel Erinnerungen an jugendliche Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter, Kunstlektionen von Daniel und Erkundungen bezüglich der Pop-Art-Künstlerin.

Ich bin zwiegespalten: Einerseits macht Ali Smiths Schreibstil den Roman überaus unterhaltsam, andererseits an anderen Stellen aber auch unverständlich. Einige Passagen sind wundervoll lehrreich, andere lassen jeden roten Faden vermissen. Smith springt nicht nur zwischen Zeit-, sondern auch zwischen Handlungsebenen hin und her, was mich immer wieder verwirrt und dazu geführt hat, dass ich für das gar nicht allzu umfangreiche Buch doch länger gebraucht habe als erwartet. Und dennoch möchte ich auch die folgenden drei Teile lesen – in der geheimen Hoffnung, dass Smith mit jedem Teil ein wenig weiter über sich hinaus wächst. Denn Potenzial, das hat die Idee des Jahreszeitenquartetts definitiv.

Ali Smith, Jahrgang 1962, ist eine britische Schriftstellerin. Nach ihrem Studium arbeitete sie an der Universität Strathclyde als Lecturer. Aufgrund ihrer Erkrankung am Chronischen Erschöpfungssyndrom gab sie ihren Beruf als Literaturdozentin jedoch auf und begann zu schreiben. 2015 wurde sie zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Sie stand bereits drei Mal auf der Shortlist für den Booker Prize, unter anderem für Autumn. Autumn erschien erstmals 2016 bei Hamish Hamilton. Meine Ausgabe wurde 2017 bei Penguin Books veröffentlicht und umfasst 264 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


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Stolz der Toten • Kenzaburō Ōe

Auf meiner Reise durch die Welt der japanischen Literatur stieß ich vor kurzem auf den Namen Ōe. Der Literaturnobelpreisträger war mir ebenso wie Yukio Mishima zunächst unbekannt – und ebenso wie bei Mishima sollte ich in Kenzaburō Ōes Stolz der Toten auf ungewöhnliche Betrachtungen stoßen, die sich auf erschreckend körperliche, geradezu kreatürliche Weise mit der Würde des Menschen beschäftigen.

Nur ein Studentenjob

Ein namenloser Philosophiestudent, eine namenlose Anglistikstudentin und ein namenloser Verwalter der Leichenaufbewahrung treffen sich an einem bewölkten Wintermorgen im Leichenkeller der medizinischen Fakultät. Die Ersteren haben einen Job angenommen, um ihr dünnes Studierendenbudget aufzupeppen: Sie sollen die alten Leichen aus dem Tank mit der abgestandenen Flüssigkeit in einen neuen Tank mit frischer Flüssigkeit umbetten. Für diese (sicherlich) ekelerregende Tätigkeit findet Ōe direkt eine passende Allegorie; über den Nebel eines Wintermorgens heißt es: »Der Nebel dringt in den Mund wie ein Tier, er bläht sich auf und reizt zum Husten oder Lachen« (S. 14).

An les- und spürbarer Morbidität weiß Ōe dies noch zu steigern. So verwickelt der Verwalter den Protagonisten der Erzählung, den Philosophiestudenten, in ein Gespräch, an dessen Ende er dem Studenten verspricht, sollte er auch einmal in einem solchen Tank landen, würde er ihn »auf den Grund zu schieben« (S. 20). Denn die ›alten‹ Leichen am Grund werden seltener für Forschungszwecke verwendet.

Verdinglichung und Kriegsgespräche

Ōe lässt den Philosophiestudenten Dinge denken, die den Umgang mit dem Tod erträglicher machen. So werden die harten und festen Körper in der Wanne vergegenständlicht, um den Tod erträglicher zu machen, den Ekel einzudämmen. Dass dies aber auch einer anderen Zielsetzung folgt, wird erst später klar: Ōe ist seit jeher ein eher linker Schriftsteller, der den Nationalismus der Liberaldemokratischen Partei Japans (LDP) sowie das Tennō-System kritisch sieht. Die Verdinglichung der Toten ist daher als zynische Replik auf die Kriegsrhetorik und das Bestreben der LDP, ein stehendes Heer wiederaufzubauen, zu verstehen. So verwundert es nicht, dass der Philosophiestudent gedanklich ein Zwiegespräch mit einem im Tank konservierten Deserteur der Armee hält, das ein pazifistisches Plädoyer darstellt: »Ihr Jungen müßt euch mehr um die Politik kümmern! Ihr seid es, die den nächsten Krieg beginnen werden! Wir Toten können nur noch zuschauen und kritisieren« (S. 36).

Antinatalismus aus dem Jahr 1958

Glich Stolz der Toten bis zum Zwiegespräch mit den ›stolzen‹ Toten bereits einem angejahrten Rotwein, so entwickelt sich das Werk im Verlauf der Lektüre zu einem Portwein, der schwer im Magen liegt – so niederschmetternd wirkt die Lektüre.

Die Anglistikstudentin, die eher eine Nebenrolle spielt, rückt plötzlich in den Mittelpunkt. Diese hat den unattraktiven Job des Leichenumlagerns deshalb gewählt, weil sie eine operative Abtreibung finanzieren möchte. Der eher emotionslose Protagonist verwehrt sich einer moralischen Wertung, während die Anglistikstudentin sich zu Sätzen wie »Die Verantwortung beim Gebären ist genauso schwer wie die bei einem Mord« (S. 43) hinreißen lässt. Ob sie sich nun für das Leben des Embryos oder für das Abtöten entscheide, ändere nichts am Umstand: »Das gibt eine Wunde, und mir bleibt die Narbe« (S. 44). Das Spiel mit mehrdeutigen Wörtern an dieser Stelle gelingt Ōe ganz ausgezeichnet – stehen die Wörter ›Wunde‹ und ›Narbe‹ doch stellvertretend für die physische, gesellschaftliche und psychische Stigmatisierung, die mit einer Schwangerschaft bzw. dem Abbruch dieser einhergehen. 

Ausgewogen, nahezu gleichberechtigt

Doch nimmt nicht nur die Frau eine antinatalistische Sicht ein, sondern auch der Verwalter. So beweist Ōe für seine Zeit nahezu revolutionär i(n Anbetracht des konservativen Rollenbilds Japans), dass die Entscheidung für Kinder auch schwer auf den Schultern des Mannes lastet. Der Verwalter hält den beiden Studierenden nämlich folgenden Monolog: »Daß jemand mit einem solchen Beruf nun einen neuen Menschen erzeugt haben sollte, war sonderbar. Mir war, als hätte ich etwas Überflüssiges getan. Weil ich ständig die Leichen vor Augen habe, kommt mir so manches sinnlos vor« (S. 58). 

Mit Stolz der Toten bietet Ōe eine kurze, morbide Erzählung, die thematisch breit gefächert ist und mit einer nahezu farblosen Sprache daherkommt, die sowohl den Toten als auch den Lebenden das verleiht, was ihr sowohl knallige Metaphern auf dem Papier als auch populistische Kriegsrhetorik von Politiker:innen nehmen würden: die Würde. 

Kenzaburō Ōe, Jahrgang 1935, ist ein japanischer Schriftsteller. Neben Kawabata Yasunari und Kazuo Ishiguro gilt er als einer der bedeutendsten japanischen Schriftsteller. Er erhielt 1994 für sein Lebenswerk den Literaturnobelpreis. Er ist unter anderem Träger des bedeutendsten japanischen Literaturpreises, des Akutagawa-Preis. Er lehnt den japanischen Nationalismus der LDP ab. Stolz der Toten erschien erstmals 1958 in der Zeitschrift Bungei shunju unter dem Originaltitel Shisha no ogori. Die hier rezensierte Version erschien 1969 im Fischer Taschenbuch Verlag, wurde von Margarete Donath und Itsuko Gelbrich übersetzt und umfasst 78 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / den Übersetzerinnen.


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Thin Places • Kerri ní Dochartaigh

Angesichts des Ergebnis des Brexit-Referendums macht sich im Jahr 2016 Ratlosigkeit in vielen Ir:innen und Nordir:innen breit. Mit dem EU-Austritt steht auch der Frieden im Grenzgebiet auf der Kippe, da alte politische, ökonomische, weltanschauliche und geographische Konflikte so neuen Zunder bekamen. Meiner Wahrnehmung nach wird trotz des Friedensnobelpreises, der im Jahr 2012 warum auch immer an die Europäische Union verliehen wurde, gerne vergessen, dass besonders an den Grenzgebieten Europas, ob im Kosovo oder in Irland, der Frieden ganz besonders dünn und zerbrechlich ist – ähnlich wie die Flügel eines Schmetterlings.

Die Sprengkraft dünner Orte

Kerri ní Dochartaigh, geboren und aufgewachsen in Derry, einer Grenzstadt im Nordwesten Nordirlands, schildert in Thin Places ihre Lebensgeschichte und persönlichen Traumata des Nordirlandkonflikts. Sie ist eine selbstgrausame Schwimmerin: Selbst in der kalten Jahreszeit begibt sie sich ins äußerst kühle Nass. Dabei sinnt sie über die unsichtbare Grenze nach, die sie beim Schwimmen durchbricht. Im Niemandsland des Wassers gleitet Kerri ní Dochartaigh über die historischen Narbe Irlands und Nordirlands.

Das Wasser und die damit verbundene Grenze in Derry bezeichnet Kerri ní Dochartaigh als thin place, also einen Ort, der durch seine Geschichte, seine Natur oder die Bedeutung, die man ihm persönlich beimisst, derart ›ruhig‹ oder ›dünn‹ ist, »that you meet yourself in the still point« (S. XVI). Zunächst bleibt unklar, was Kerri ní Dochartaigh damit konkret meint oder ausdrücken möchte.

Scheinbar unüberwindbare Grenzen

Obwohl die nordirisch-irische Grenze erst ein Jahrhundert existiert, ist sie verantwortlich für unsagbares Leid auf beiden Seiten: »I remember standing on this same beach just after that vote and weeping, memories surging through my insides like hidden tributaries. No more, no more, no more – we have all had enough already, enough for many lifetimes« (S. XIII).
Doch die Grenze ist nicht nur als 310 Meilen umspannender roter Strich im Atlas sichtbar, sondern auch an der Herkunft der Autorin: Die Mutter ist katholisch, der Vater protestantisch. Die Grenze verläuft direkt durch die Blutlinie.

Die azyklischen Erzählungen der Autorin, die aus Berichten über den politischen Kontext des letzten politisch-religiösen Konfliktes auf europäischem Boden, persönlichen Begegnungen und Motten- bzw. Schmetterlings-Allegorien bestehen, tragen trotz ihres düsteren Themas eine durchschimmernde Hoffnung, eine bettelnde Zuversicht, die ich schwer in Worte fassen kann. So schildert Kerri ní Dochartaigh beispielsweise, dass sie sich in ihrer Jugend nach nächtlichen Unruhen und/oder Bombenexplosionen in ihrer Nachbarschaft darauf besann, was sich nicht ändert: die Natur sowie die Flammen brennenden Kaminholzes: »The flames had seemed almost to dance in time with the howling winds that were shoving the tress around outside, and I remember how comforted I felt by it, by the fact that the winds still howl, and that I still love them, despite it all« (S. 16).

Zwischen Persönlichem und Politik

Der Schmetterling ziert nicht nur den graphisch schön gestalteten Umschlag des Buchs, sondern auch leitmotivisch das Schreiben Kerri ní Dochartaighs. So folgt das Erzählen der Autorin einem Dreischritt: So berichtet sie zunächst, welche folkloristische Bedeutung Schmetterlinge in Irland haben (sie sind die Seelen der Toten), was dies für sie persönlich bedeutet (die Naturbeobachtung und Beschäftigung mit ihren Bewohner:innen war ihre Zuflucht vor der traumatischen Realität des Krieges) und an welche Stationen in ihrer Biografie sie das erinnert.

Nach ihrer traumatischen Jugend, die sie – so wie viele ihrer Mitschüler:innen – in die Depression trieb, verließ Kerri ní Dochartaighs so schnell wie möglich Derry, nur um dann festzustellen, dass es keinen Ort, keine Menschen gab, die ihre sichtbaren sowie unsichtbaren Narben heilen konnten. Alles in ihr zog sie mehr als ein Jahrzehnt lang immer wieder an den Ort ihrer Traumata zurück: nach Derry. Grund dafür seien die ›Spuren‹, die ihr Leben in der Natur Derrys hinterlassen hätten. Kerri ní Dochartaigh entwickelt nämlich einen metaphysischen Spiritualismus mit ihrer Annahme der ›dünnen‹ Orte. Sie schreibt: »I want us to hold part of those places within our bodies too – I want to believe that we are in this all together – that we are connected. I need to believe that the sea and the land – the places we have been shaped and held by – will show us how to live again, will remind us how to be« (S. 40). Kerri ní Dochartaigh stellt so die steile These auf, dass all der Hass, der zu Konflikten wie dem zwischen den Katholik:innen und den Protestant:innen führt, in der Entfremdung des Menschen von der Natur wurzele.

Keine Gute-Nacht-Lektüre

Trotz des wunderbaren Schreibstils Kerri ní Dochartaigh ist Thin Places kein Buch zur ungestoppten Lektüre. Überladen mit vielen Facetten, musste ich das Buch häufiger zur Seite legen. Ihr Debütwerk ist vor allem ein Buch über mentale Gesundheit und traumatische Kriegserlebnisse. So berichtet Kerri ní Dochartaigh, dass sich viele ihrer Freund:innen aus der Schulzeit aufgrund des Erlebten zu Tode tranken oder erhängten. Eine Gute-Nacht-Lektüre sieht anders aus.

Kontrastierend zu diesen bestürzenden Berichten wartet die junge Autorin mit wunderschönen Sätzen wie »We are reminded, in the deepest, rawest parts of our being, that we are nature. It is in and of us« (S. 54) auf. Diesen Gegensatz muss ich als Leser erstmal aushalten lernen. 

Thin Places hat mich überrascht und umgehauen. Trotz der Schwere des politischen Themas erzeugt die antagonistische Herangehensweise mithilfe des Nature Writing eine poetische Leichtigkeit, die manchmal eine Spur zu überraschend und zu fröhlich daherkommt.
Bei der Lektüre habe ich mich auch an einige ›dünne‹ Orte erinnern müssen. Orte, an die ich zurückgekehrt bin, um mich mit dem Verlust zu beschäftigen. Vielleicht drückt sich darin auch die Größe des Debüts Kerri ní Dochartaighs aus: Wer den Schmerz der Vergangenheit hinter sich lassen will, muss die Orte besuchen, an denen dieser Wurzeln schlägt. Ich kann das nächste Werk der Autorin kaum erwarten.

Kerri ní Dochartaigh, Jahrgang 1983, ist eine nordirische Schriftstellerin. Kürzere Beiträge veröffentlichte sie in The Guardian sowie The Irish Times. Ihr Debüt Thin Places stand auf der Shortlist für den Wainwright Prize, erschien bei Canongate Books und umfasst 272 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


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Ewiger Krieg für ewigen Frieden • Gore Vidal

Weniges in der Welt empört mich bis zum heutigen Tage so sehr wie die Arroganz der internationalen militärischen Großmacht der USA gegenüber anderen Nationen.

Durch die Lektüre zahlreicher Bücher von Christopher Hitchens stolperte ich über den Namen Gore Vidal. Vidal galt als einer der scharfzüngigsten politischen Autor:innen der USA. Der Essay Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat erschien aufgrund seines explosiven Inhalts nur über einen Umweg über Italien und Brasilien in den USA.

Vidal entwickelt in diesem Essay einen bis an die Grenzen des Sagbaren, spöttischen Blick auf die Bush-Administration im Rahmen der Anschläge vom 11. September 2001 und wie diese im Kontext des US-amerikanischen Weltimperialismus einzuordnen sind.

Von Junta-Vergleichen und Wahnsinnigen

Bereits im Vorwort zieht Vidal direkt auf der zweiten Seite vom Leder und vergleicht die Bush-Administration mit der spanischen oder portugiesischen Junta und stilisiert die Darstellung von Terroristen wie bin Laden und McVeigh durch die US-amerikanischen Medien als Propaganda, indem er Folgendes schreibt: »Während sich die New York Times und der Chor ihrer Epigonen komplizierte Geschichten über den wahnsinnigen bin Laden und den feigen McVeigh aus den Fingern saugen und damit den meisten US-Amerikanern einreden, dass nur ein paar Verrückte es wagen können, eine Nation anzugreifen, die ihrer eigenen Ansicht nach der Vollkommenheit so nahe ist, wie ihr eine menschliche Gesellschaft nur kommen kann« (S. 8).

Halbwarme Empörungsliteratur

Dass den Anschlägen des 11. September 2001 mehrere Konflikte vorausgingen, die durch beiderseitige Aggressionen sowohl von den USA als auch von den verschiedenen arabischen Konfliktparteien ausgelöst wurden, würde gern im öffentlichen Diskurs verdrängt oder unter den Teppich gekehrt, so Vidal. Die Kritik an den Reaktionen der Bush-Administration auf die Anschläge wird dabei in eine allgemeine, mal mehr, mal weniger nachvollziehbare sowie wütende Rhetorik verpackt. Vidal spannt dabei einen etwas fadenscheinigen Zusammenhang vom Oklahoma-City-Attentat von Timothy McVeigh zum Waco-Zwischenfall 1993 und den Anschlägen des 11. September, denn der rhetorische Gestus Clintons, dass all jene, die seine drakonischen Gesetze nicht unterstützen, würden »Amerika ›in einen Hort für Terroristen‹ verwandeln (…). Wenn schon der coole Clinton so schäumte, was können wir da erst von einem überhitzten, dienstagsgeschädigten Bush erwarten?« (S. 19). Die Formulierung ›dienstagsgeschädigter‹ Bush brachte mich dabei sehr zum Schmunzeln.

Allgemein führt Vidals Scharfzüngigkeit zu einem hohen Unterhaltungswert. Abseits dessen vermisse ich in Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat jedoch eine tiefgreifende Sachanalyse des US-amerikanischen Imperialismus und seiner politischen sowie wirtschaftlichen Verflechtungen in die verschiedenen Globalisierungsprozesse, was den Informationsgehalt des Essays deutlich mindert.

Verachtung der weniger Begünstigten

Am beeindruckendsten am Essay ist die Auflistung Vidals der US-amerikanischen Kriegseinsätze seit dem Zweiten Weltkrieg: Sie umfasst 14 eng beschriebene Seiten und sind Zeugnis dessen, was der Historiker Charles A. Beard als titelgebenden ›ewigen Krieg für ewigen Frieden‹ bezeichnet. Nie war Quantität auf gedruckten Seiten beeindruckender und das dafür gewählte Zitat passender. Die Auflistung ist ein profunder Ausdruck der Tatsache, dass »die Vereinigten Staaten die übrige Welt unablässig mit Gewalt überziehen und hierzu Vorwände benutzen, die so durch und durch fadenscheinig sind, dass wohl selbst Hitler gezögert hätte, sie zur Rechtfertigung seiner dreistesten Lügen zu verwenden« (S. 40). Mic drop.

Der zweite Teil überzeugt noch weniger

War der erste Teil des Buches schon sachlich wenig überzeugend, so weiß der zweite (längere) Teil mich zu langweilen. Dieser Teil gilt allein Timothy McVeigh, dem Attentäter von Oklahoma City, der bei einem Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building 168 Menschen tötete. Angestachelt durch das Einsatzversagen des Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives (ATF) und des FBI und den daraus resultierenden 76 Toten der Branch Davidians in Waco, einer kleinen christlichen Sekte, verlor McVeigh sein Vertrauen in den Staat und schwor diesem Rache für seine Rücksichtslosigkeit und Selbstherrlichkeit – das selbe Motiv treibe bin Laden und seine Schergen an, wodurch Vidal wieder einen Bogen zum ersten Teil ziehen kann. Eine ziemlich dünne Suppe ohne Pepp, die Vidal mir dort präsentiert.

Alles in allem mag Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat eine nette Polemik sein, die stellenweise durch ihre harschen Urteile überzeugt, sich aber schnell ermüdet, weil sie nur an der Oberfläche bleibt, statt ein vollständiges Bild des ›Weltpolizisten‹ USA zu entwickeln.
Diese Rolle hat sich sowieso seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan endgültig erledigt. China und Russland sitzen bei der nächsten Pokerrunde wieder mit am Tisch. Die Verhältnisse werden neu geordnet. Vielleicht stellten Beiträge wie dieser von Vidal einen verfrühten Abgesang auf die USA dar.

Gore Vidal, Jahrgang 1925, verstorben 2012, war ein US-amerikanischer Journalist, Schriftsteller, Drehbuchautor, Schriftsteller und Politiker. Er galt als »schlechtes Gewissen« der USA und prägender politischer Mahner der Nation. Selbst aus dem Ausland (er lebte in Italien) ersparte er seinem Heimatland keine Kritik. Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat erschien erstmals 2002 unter dem Originaltitel Perpetual War for perpetual Peace. How we got to be so hated bei Thunder’s Mouth Press. Die hier rezensierte Edition erschien 2003 bei der Europäischen Verlagsanstalt, umfasst 135 Seiten und wurde von Bernhard Jendricke und Barbara Steckhan übersetzt.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / den Übersetzer:innen.


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Hattie für gestresste Lehrer • Klaus Zierer

Die Meta-Meta-Studie Visible Learning (2009) des neuseeländischen Bildungswissenschaftlers John A. C. Hattie hatte damals für viel Wirbel gesorgt, der bis heute anhält: Die eine Seite des Rezeptionsdiskurses feierte die Studie als ›Lehrer-Bibel‹, die andere sah darin einen weiteren Beitrag zur Verkümmerung der Bildungsdebatte durch Kennzahlen.

Ohne Zweifel ist Hatties Studie ein beeindruckender Beitrag zur ›empirischen Wende‹ der Bildungswissenschaft. Hattie hatte mit seinen Kolleg:innen 80.000 Einzelstudien ausgewertet und unter der Frage What works? Faktoren analysiert, die zu erfolgreichem Lernen von Schüler:innen führen. Im Wesentlichen sind die Erkenntnisse Hatties banal, aber durch die Menge an Daten gibt es kaum ein Vorbeikommen an diesen. Da die Studie Hatties im Original 439 Seiten stark ist und gestresste Lehrer:innen mutmaßlich keine Zeit für so lange Lektüren hätten (prove me wrong, ich habe das Original gelesen), entstand auf einer Podiumsdiskussion mit dem Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer und dem ehemaligen Bildungsminister Mecklenburg-Vorpommerns Mathias Brodkorb die Idee, Hattie für gestresste Lehrer. Kernbotschaften und Handlungsempfehlungen aus John Hatties Visible Learning und Visible Learning for Teachers zu schreiben. Die Lektüre dieser gerafften Ausgabe der großen Studie von Hattie überraschte mich dabei jedoch (erneut): Viele Alltagsannahmen in meinem Lehrerkopf scheinen – so legen es die Daten nahe – nicht immer zu stimmen.

Der Posterboy der Erziehungswissenschaft

Nach einem Vorwort von Matthias Brodkorb folgt in dem Buch ein kleines Interview mit dem Posterboy der empirischen Bildungsforschung: John Hattie. (Das dazugehörige Foto ist natürlich im liberalen Schwarz-Weiß gehalten.) Die zentrale Botschaft von Hatties Studie wird durch das Interview schon direkt zu Beginn des Buchs herausgestellt: »Das, worauf es ankommt, spielt sich nämlich im Unterricht ab, im Klassenraum, wo sich Lehrer und Schüler begegnen. Die Rahmenbedingungen von Schule dagegen – die Schulstrukturen oder das investierte Geld – haben nur geringen Einfluss« (S. 11). Ein guter Lehrer, so Hattie, setze hohe Erwartungen, schaffe ein fehlerfreundliches Klima, stelle sein Handeln infrage und evaluiert seinen eigenen Unterricht fortlaufend.

Schmunzeln musste ich in dem Interview vor allem beim Satz: »Guter Unterricht ist so wie Angry Birds spielen« (S. 14). Hattie drückt damit aus, dass das nächste Unterrichtsziel immer etwas schwerer sein muss als das vorige, ohne zu langweilen oder zu überfordern. Genau so muss Wissenschaft eigentlich sein: Klar in den Aussagen, beispielhaft und sprachlich verständlich. Wer schon einmal die leidvolle Aufgabe hatte, bildungswissenschaftliche Fachaufsätze lesen zu müssen, weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Hier gilt nämlich häufig die Devise: Je höher die Schlagzahl der Schachtelsätze mit bildungssprachlicher Besserwisserei, umso besser. Genau das ist einer der Gründe, warum wissenschaftliche Erkenntnisse häufig nicht bei den Zielgruppen ankommen.

Zielgruppengerechte Sprache und Übersichtlichkeit

Zierer fasst in sieben Kapiteln die ›wichtigsten‹ Erkenntnisse Hatties zusammen. Das erste Kapitel beschreibt dabei die Methodik sowie die Vor- und Nachteile einer Meta-Meta-Analyse, wie sie Hattie mit seinem Forscher:innen-Team durchgeführt hat. Dies geschieht mit einer klaren, schnörkellosen Sprache und farblich abgesetzten Zusammenfassungen, Tabellen und verständlichen Grafiken. So versteht das auch jede:r noch so gestresste:r Lehrer:in in der viel zu kurzen Lektürezeit auf dem Sofa. 

Spannend und überraschend war für mich beim (erneuten) Lesen beispielsweise die Erkenntnis, dass die Nicht-Versetzung (das umgangssprachliche ›Sitzenbleiben‹) per se nicht negativ sein muss. Zwar weisen die Daten auf einen großen negativen Einfluss hin, jedoch variiert dieser abhängig vom sozialen Milieu der betreffenden Schüler:innen. Zierer fasst zusammen: »Es handelt sich bei der Nicht-Versetzung um eine komplexe Maßnahme, die vielfältigen Einflüssen ausgesetzt ist und vor allem vom Milieu der Lernenden abhängt« (S. 33).

Außerdem ist die Effektstärke kleinerer Klassen überraschend: Sie ist nämlich sehr gering. Zwar werden in allen Podiumsdiskussionen, Talkshows und Sonntagsreden zur Bildungspolitik kleinere Klassen gefordert, aber die Effektstärke dieser Maßnahme nicht vorher kritisch reflektiert. Viele dieser großen Begriffe wie mehr Geld, kleinere Klassen und mehr Lehrer:innen sind zwar nette Schlagwort-Forderungen oder Überschriften, wirken bei genauerer (empirischer) Betrachtung aber recht fadenscheinig – schließlich verdrängen sie die wissenschaftliche Realität. 

Viel Banales, aber auch ziemlich Interessantes

Viele weitere in dem Buch geschilderte Erkenntnisse sind für mich persönlich jedoch fast banal, für langjährige, von der Wissenschaft durch jahre-, wenn nicht gar jahrzehntelangen Dienst an der Schule entrückte Lehrer:innen jedoch ziemlich interessant. Die von Zierer ausgewählten Faktoren sind alltagsrelevant und anschaulich, zum Beispiel der Wirkungseffekt des sozioökonomischen Status, der einen hohen Einfluss auf die Lernleistung besitzt – positiv wie negativ. Etwas klamaukig wird es jedoch, wenn Zierer Hattie als Reformpädagogen zu stilisieren versucht, weil dieser in seinem Original-Werk resümiert: »Die Lehrperson muss die Fähigkeit haben, aus dem Weg zu gehen, wenn das Lernen sich den Erfolgskriterien nähert« (S. 94). Ein Satz allein macht einen liberalen Empiriker noch lange nicht zum Nachfolger von Maria Montessori.

Hattie für gestresste Lehrer. Kernbotschaften und Handlungsempfehlungen aus John Hatties Visible Learning und Visible Learning for Teachers ist selbst nach mehreren Jahren eine gut gereifte Studie, die jedes Schulkollegium Deutschlands auf einer schulinternen Fortbildung betrachten sollte – trotz der berechtigten Kritik, dass sich das Studien-Design Hatties lediglich auf die Lernleistung als Kennzahl, die der rein quantitativen, aber nicht qualitativen ›Testeritis‹ der internationalen PISA-Studien gleicht, konzentriert und damit zwar verallgemeinerbar, aber wenige konkrete Handlungsempfehlungen liefert. Die Studie ist aber auch deshalb gelungen, weil sie einen kühlen, wenn auch manchmal etwas zu kühlen Blick auf Faktoren erfolgreichen Lernens wirft. Etwas weniger emotionale Subjektivität täte der deutschen Bildungsdebatte schließlich gut.

Klaus Zierer, Jahrgang 1976, ist ein deutscher Erziehungswissenschaftler, Professor und Autor. Er trat 2011 die Nachfolge von Hilbert Meyer auf dem Professorenstuhl der Universität Oldenburg an. Besonders seit der Ersterscheinung von Visible Learning des neuseeländischen Erziehungswissenschaftlers John Hattie widmet er sich pädagogisch-praktischen Handlungsanleitungen. Hattie für gestresste Lehrer. Kernbotschaften und Handlungsempfehlungen aus John Hatties Visible Learning und Visible Learning for Teachers erschien erstmals 2019 im Schneider Verlag Hohengehren und umfasst 133 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Herausgeber.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.