Dickinson • Emily Dickinson

So einige der schmalen, wunderschönen Gedichtsbände der Everyman’s Library Reihe haben in den letzten Wochen ihren Weg in unser Bücherregal gefunden; die großartige Anthologie Poems of the Sea aus dieser Reihe haben wir sogar schon rezensiert. Zwar stehen auch die Bände einzelner Autor:innen aus dieser Reihe in unserem Regal, aber bisher konnten mich weder die gottesfürchtigen, nationalkonservativen Imperialismus-Ergüsse von Rudyard Kipling noch die eher prosaische Ermüdungs-Lyrik von Walt Whitman überzeugen. Dickinson ändert das jedoch. Bisher habe ich nur hin und wieder einige Fetzen der Gedichte von Dickinson aufgeschnappt. Dass die Lyrik Dickinsons so beeindruckend sein würde, hatte ich mir nicht ausmalen können.
Die Zeit ihres Lebens völlig unbekannte, menschenscheue und gesundheitlich – sowohl physisch als auch psychisch – angeschlagene US-amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson bediente sich eines Stils, der haarscharf auf der Grenze zwischen Humor, Zynismus und Melancholie wandelt.

Strukturelle Probleme des Bands

Unterteilt sind die gesammelten Gedichte Dickinsons in die eher groben, teilweise nichtssagenden Kategorien bzw. Kapitel The Poet’s Art, The Works of Love und Death and Resurrection. Hier hat der Herausgeber, Peter Washington, sich nicht allzu viel Mühe gegeben. Die Lektüre der Gedichte wird leider zusätzlich zur thematisch weit gegriffenen Ordnung dadurch erschwert, dass Dickinson ihren Gedichten keine Titel gab und die Gedichte daher wie die Pralinenschachtel Forrest Gumps sind: Man weiß nie, was man kriegt. Dennoch sind die Gedichte durchweg hervorragend. Besonders das Gedicht Surgeons must be very careful, das meiner Meinung nach stellvertretend für den Stil Dickinsons steht, hat mir sehr gefallen: »Surgeons musst be very careful / When they take the knife! / Underneath their fine incisions / Stirs the Culprit – Life!« (S. 37). Kurz, knackig, witzig, melancholisch, treffsicher – so würde ich Dickinsons Lyrik bezeichnen. Zwar enthält der Band auch etwas längere Gedichte, aber der Löwenanteil besticht durch seine Kürze, was ich sehr schätze.

Dickinsons Kernthema ist der Tod

Störend war an der Anthologie der hohe Anteil der etwas drögen Tier-Gedichte, die zwar irgendwie süß und sprachlich gelungen sind, aber nicht fünfzig gefühlt unendliche Seiten einnehmen müssten. Viel anregender und interessanter sind die 47 Seiten zum übergeordneten Thema Death and Resurrection. Vermutlich war Dickinson durch ihre Einsamkeit und Depression – ohne das zynisch zu meinen – hier thematisch parkettsicherer. Die erfrischende Kürze lässt Dickinson mit diesem Thema hinter sich und verfasste nun mehrheitlich längere Gedichte, die berührend sind und einen deutlich ernsteren, aber umso poetisch tiefsinnigeren Ton anschlagen. Hier treffen Endlosigkeits-Vorstellungen auf die Sehnsucht nach dem Wasser, um genauer zu sein, auf das Meer: »»Bred as we, among the mountains, / Can the sailor understand / The divine intoxication / Of the first league out from land?« (S. 245).

Für graue Wintertage, an denen die Gedanken im Wohnzimmer länger kreisen als in den von mir sehnsüchtig erwarteten Sommertagen, an denen die Schwalben halsbrecherische Stunts in der Luft vollführen, ist Dickinson trotz seiner strukturellen, kleineren Mängel ein netter Begleiter. Ich bin mir nicht sicher, ob sich der Verlag viel dabei gedacht hat, aber die Umschlags- und Buchgestaltung steht meiner Meinung nach sinnbildlich für die Lyrik Dickinsons: Unter dem leuchtend gelben, fröhlichen Umschlag verbirgt sich ein komplett schwarzes Buch. Die Parallele ist bezeichnend: Dickinsons Humor und Intellekt ereignet(e) sich auf dem Teppich ihrer bodenlosen Einsam- und Traurigkeit. Ein spannender Gegensatz, der Dickinsons Prosa sicherlich stark beeinflusst haben wird. 

Emily Dickinson, Jahrgang 1830, verstorben 1886, war eine US-amerikanische Dichterin. Zeit ihres Lebens menschenscheu und depressiv, verbrachte Dickinson die meiste Zeit in ihrem Zimmer. Zu ihren Lebzeiten wurden lediglich sieben ihrer 1775 Gedichte veröffentlicht. Dickinsons lyrischer Stil griff den Umbrüchen der amerikanischen Lyrik des 20. Jahrhunderts weit voraus. Sie gilt als eine der bedeutendsten US-amerikanischen Dichterinnen.
Dickinson: Poems erschien 1993 in der Everyman’s Library Reihe im Penguin Random House Verlag, wurde von Peter Washington herausgegeben und umfasst 256 Seiten. Außerdem haben wir von Joseph Donald McClatchy in der Reihe bereits Poems of the Sea rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Herausgeber. 


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Die paar leuchtenden Jahre • Mascha Kaléko

Als ich im Oktober meine erste Lyriksammlung von Mascha Kaléko las – In meinen Träumen läutet es Sturm –, wusste ich bereits, dass es definitiv nicht die letzte Lyriksammlung wäre, die ich von ihr lesen würde. Dementsprechend durfte jetzt voller Erwartungen Die paar leuchtenden Jahre bei mir einziehen und wurde nur kurz darauf von mir verschlungen.

Enttäuschende Struktur

Die paar leuchtenden Jahre wurde, ebenso wie In meinen Träumen läutet es Sturm, von Gisela Zoch-Westphal herausgegeben, eingeleitet und mit einer Biographie über Kaléko beendet. Was ich vor dem Kauf nicht wusste: Die paar leuchtenden Jahre wird als ›das große Mascha-Kaléko-Lesebuch‹ gehandelt und besteht zu einem Drittel aus der ausführlichen Biographie der beeindruckenden Lyrikerin. Das sind leider direkt zwei Punkte, die mich an der Anthologie gestört haben.

Die Anthologie beinhaltet neben klassischer Lyrik auch Chansons bzw. Lieder sowie einige mehr oder weniger kurze Prosatexte. Wie schon bei In meinen Träumen läutet es Sturm fällt mir früh aus, dass auch hier meiner Meinung nach der Aufbau der Anthologie ein vollkommener Fehlschlag ist. Auf den ersten Abschnitt, Das himmelgraue Poesie-Album, folgen Sinn- und Unsinngedichte, später werden plötzlich Prosatexte über New York eingestreut. Es folgen erneut Gedichte, dann ein weiterer Prosatext und plötzlich – Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere – Tiergedichte für Kinder. Puh. Unter dem Titel hatte ich mir ähnlich anspruchsvolle, herausragende Lyrik wie in In meinen Träumen läutet es Sturm erhofft, stattdessen erwarten mich kurze Tierreime und zugegebenermaßen etwas langweilige Texte über die Lower Eastside und Greenwich Village. So einiges habe ich in dieser Anthologie überflogen – und erst recht die über 100 Seiten lange Biographie am Ende, die nicht nur ausführlichst über ihr Leben berichtet, sondern in der auch etliche Seiten Brief-Korrespondenzen abgedruckt sind. Kaum etwas daran hat mich angesprochen. Das sah bei der kurzen und knackigen Biographie in In meinen Träumen läutet es Sturm ganz anders aus; selten hat mich ein Text über eine Frau, von der ich bis dahin noch nie etwas gelesen hatte, so bewegt.

Kein gutes ›großes Lesebuch‹

Auch wenn ich sonst keine Freundin von kapitalausschöpfenden, dünnen Veröffentlichungen bin (wieso nochmal ist die Kopenhagen-Trilogie als dreiteilige Originalausgabe erschienen?), so hätte ich mir hier eine thematische Trennung gewünscht und kein großes Lesebuch, das dann trotzdem bei weitem nicht alle Gedichte enthält. Warum nicht ein hübsches Bändchen mit den Kindergedichten oder ein illustriertes Buch mit ihren Texten über New York – und die Texte dafür hier außen vor lassen? Das hier ist leider – rein strukturell betrachtet – nichts Halbes und nichts Ganzes.

Lebhafte Selbstironie und so viel Sehnsucht

Trotz aller Kritik an den Formalitäten haben mich natürlich einige der Gedichte wieder zutiefst begeistert. Ich liebe ihre lebhafte Selbstironie, die in so vielen Versen mitschwingt und doch gleichzeitig immer einen kleinen Funken Ernsthaftigkeit zu verstecken weiß: »Weiß Gott, ich bin ganz unmodern. / Ich schäme mich zuschanden: / Zwar liest man meine Verse gern, / Doch werden sie – verstanden!« (Kein Neutöner). Noch deutlicher tritt in den ausgewählten Gedichten eigentlich nur ihre Sehnsucht zum Vorschein: ihre Sehnsucht nach der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und dem Exil, ihre Sehnsucht nach einem ›heilen‹ Deutschland. Oft schwingt da viel Biedermeier mit, wenn sie sich in kleine Stadt wünscht, »Wo alte Höfe unentdeckt noch träumen, / Als wären sie von einer andern Welt, / Nur ab und zu ein Dackel leise bellt, / Und blonde Kinder spielen unter Bäumen« (Sehnsucht nach einer kleinen Stadt).

Zwischen Unterhaltungslyrik und Rachegelüsten

Besonders gern mag ich in Die paar leuchtenden Jahre die Gedichte, in denen sie ironisch gesellschaftskritische Töne verpackt: »Wie gesagt, ich hasse alle Ketten! / Auch die Eti-Kette, die befiehlt, / Daß man bessere Gesellschaft spielt / Und sich gegenseitig in honetten / Pflichtbesuchen seinen Abend stiehlt« (Zu Gast bei feinen Leuten). Noch interessanter finde ich da nur die Gedichte, in denen sie ›Praxistipps‹ schildert – zum Beispiel ein Borschtsch-Rezept oder Texte für Postkarten an traurige oder kranke Freund:innen und Verwandte.
Alles in allem bleibt die Anthologie weitestgehend auffallend unpolitisch, gespickt mit zahlreicher Unterhaltungslyrik oder Gedichten über die Jahreszeiten. Umso mehr stechen so zwei Gedichte heraus, die zuvor in Deutschland von ihr nicht erschienen sind: Hoere, Teutschland (Hear Germany) (In memoriam Maidanek und Buchenwald – on reading the progrom documents) sowie Bittgesuch an eine Bombe. Beide Gedichte triefen vor Bitterkeit, Rachegelüsten und, ja, Hass, dass es mich umwarf beim Lesen. Folgende Zeilen möchte ich als einzigartige, ganz große Lyrik, in der ihre Mic-Drop-Verse (die ich in In meinen Träumen läutet es Sturm so liebte und hier doch kaum fand) endlich wieder zum Vorschein kommen, einfach so stehen lassen: »Sie werden kommen aus dem Land im Osten, / Wo eure Panzertanks im Blute rosten. / Im Schlaf umzingeln werden euch die Scharen, / Die eurer Mordlust stumme Opfer waren. // […] Grell schreit von eurer Stirn das rote Zeichen. / Verflucht auf ewig sei Germaniens Schwert! / Verhaßt ward mir der Anblick eurer Eichen, / Die sich von meiner Brüder Blut genährt, / Verhaßt die Äcker, die da blühn auf Leichen. // Wie haß ich euch, die mich den Haß gelehrt …« (Hoere, Teutschland (Hear Germany)).

Außen pfui, innen hui

Ihre sehnsuchtsvolle Lyrik bekommt durch diese beiden Gedichte noch einen ganz anderen Klang und ich ärgere mich zutiefst, dass nicht nur aus diesen Gegensätzen bei der Zusammenstellung der Anthologie nicht mehr herausgeholt worden ist, sondern der ganze Aufbau an sich so ein enttäuschendes Desaster ist. Ich bin froh, Die paar leuchtenden Jahre nicht zuerst von ihr gelesen zu haben – wahrscheinlich hätte es mich nie in dem Maße, wie es In meinen Träumen läutet es Sturm tat, dazu motiviert, zu einer weiteren Lyriksammlung von ihr zu greifen. Ich liebe ihre Lyrik weiterhin und bin zutiefst beeindruckt von ihrem immensen, einzigartigen Talent, das mir immer wieder den Atem raubt. Und wie auch Gisela Zoch-Westphal ganz am Ende der Anthologie schrieb: Der wohl schönste Vers Mascha Kalékos ist und bleibt »Zur Heimat erkor ich mir die Liebe«.

Mascha Kaléko, Jahrgang 1907, gestorben 1975, zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Im Alter von 22 Jahren veröffentlichte sie in Berlin ihre ersten Gedichte. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg floh sie 1938 in die USA, 1959 emigrierte sie nach Israel. Die paar leuchtenden Jahre wurde erstmals 2003 von Gisela Zoch-Westphal herausgegeben. Die rezensierte Auflage erschien im August 2007 bei dtv und umfasst 366 Seiten. Außerdem haben wir von Mascha Kaléko In meinen Träumen läutet es Sturm rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / der Herausgeberin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Billions and Billions • Carl Sagan

Heute vor 25 Jahren, am 20.12.1996, starb der große Astronom Carl Sagan. Das letzte seiner Bücher – Billions and Billions. Thoughts on Life and Death at the Brink of the Millenium – ist eine Anthologie, deren Essays verschiedene Themen wie Astronomie, Astrophysik, Biologie, Mathematik, Umweltforschung und Philosophie umfassen. Zwischen den Zeilen ist trotz des kritischen Gesundheitszustandes, in dem sich der Autor während des Schreibens befand, eine große Freude, Neugierde und Lust am Leben sowie an der Wissenschaft ablesbar, die Carl Sagan während seines ganzen Lebens auszeichnete. Selbst auf dem Papier ist sein großes Sendungsbewusstsein erkennbar – eine Eigenschaft, die mir beim Lesen jedesmal erneut ein Lächeln ins Gesicht zaubert – und ich habe das Buch bereits viermal gelesen.

Ein prominenter Satz, der so nie gesagt wurde

Im ersten Essay kommt Sagan nicht darum herum, die titelgebende Floskel aufzugreifen, die er so nie gesagt haben möchte: »I said ›billion‹ many times on the Cosmos television series, which was seen by a great many people. But I never said ›billions and billions‹« (S. 3). Sagan bezieht sich dabei auf seine Schätzung, dass es Abermilliarden von Sternen im Kosmos gäbe. Ohne, dass er es gesagt hat, blieb die Formulierung billions and billions in den Köpfen der Leute irgendwie hängen, weil es sich sicherlich popkulturell nett anhört und diese Zahlen schlicht unsere Vorstellungskraft sprengen.

Eine wilde Mischung

Die Essays sind ein thematisch wirklich wilder Mix. Zwar sind sie in sich kohärent und konzentrieren sich auf ein Thema, aber in der Kombination erwecken sie schon den Eindruck, dass es thematisch hin- und hergeht. Stören tut es mich aber nicht, da jeder Essay durch seine autonome Exzellenz beeindruckt. So weist Sagan im Essay Monday-Night Hunters trocken daraufhin, dass Team-Sportarten wie Fußball letztendlich dadurch eine so große Faszination auslösten, weil sie »an almost-forgotten craving for the hunt« (S. 28) befriedigen würden: Das Bedürfnis zu jagen oder etwas im übertragenen Sinne ›zu erlegen‹, sei derart tief in unseren Genen veranlagt, dass selbst 10.000 Generationen nach den Urzeitmenschen sich dieser Instinkt weiter Bahn breche. Eine höchst eigentümliche, aber interessante Beobachtung.

Spezifischer Wissenschafts-Humor trifft auf eindringliche Warnungen

Trotz manchmal etwas belehrend wirkender Abschnitte behält sich Sagan auch einen etwas eigenwilligen Wissenschaftler-Humor bei: Im Essay The Gaze of God and the Dripping Faucet bezeichnet Sagan die Unterscheidung in die Hautfarbenkategorien ›weiß‹ und ›schwarz‹ in den Vereinigten Staaten als sinnlos, da in den Vereinigten Staaten alle Menschen grundsätzlich mehr Sonnenlicht ausgesetzt sind als Europäer:innen und daher eher braun als weiß seien. »It makes no more sense to describe individuals with high melanin content as ›colored‹ than it does to describe individuals with low melanin content as ›bleached‹« (S. 45). Das ist fast wissenschaftlicher MicDrop-Antirassismus. 
Gleichzeitig schlägt Sagan deutlich ernstere Töne an, indem er sehr eindringlich, pointiert und metaphorisch-emotional aufgeladen auf die ›kommende‹ Bedrohung des Klimawandels für das Überleben des Lebens auf dem Planeten hinweist und sich dabei Figuren der antiken Mythologie bedient: Wissenschaftler:innen seien letztlich ein wenig wie Kassandra, deren Rufe trotz valider Beweise überhört würden. 

Sagans literarischer Abschied vom Leben

Der beeindruckendste Essay ist für mich persönlich der letzte in dieser Anthologie: In the Valley of the Shadow. Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei um die wahrhaftigste, traurigste und gleichzeitig hoffnungserweckendste Prosa, die je zu Papier gebracht wurde. Es sind vermutlich die letzten Zeilen, die Carl Sagan, einer der für mich bedeutendsten Menschen in der Geschichte dieses ›kleinen, blauen Staubkorns am Rande der Milchstraße‹, geschrieben hat. Gezeichnet durch seine Myelodysplasie war Sagan mit seiner erlöschenden Existenz konfrontiert. Am liebsten würde ich den gesamten Essay zitieren, doch ich begnüge mich mit dem beeindruckendsten Ausschnitt, den ich jederzeit wortgetreu wiedergeben könnte: »The world is so exquisite, with so much love and moral depth, that there is no reason to deceive ourselves with pretty stories for which there’s little good evidence. Far better, it seems to me, in our vulnerability, is to look Death in the eye and to be grateful every day for the brief but magnificent opportunity that life provides« (S. 220). 

Bücher sind Magie

Meine Ausgabe von Billions and Billions. Thoughts on Life and Death at the Brink of the Millenium entstammt der ersten Auflage und riecht daher auch so, wie ein 24 Jahre altes Buch eben riecht: etwas angestaubt und modrig. Der Inhalt ist es jedoch keineswegs. Die staunende Begeisterung für diese Welt, die Carl Sagan mit seinen Büchern und seiner Serie Kosmos in mich pflanzte, sind auf jeden Fall eine große Motivation, um weiter zu staunen, zu forschen, nachzudenken und für jeden Tag, den ich mit Elisa verbringen darf, dankbar zu sein. 

Leider habe ich erst viel zu spät von Sagans Existenz Notiz genommen. Ich werde ihn immer vermissen, auch wenn ich ihn nicht kannte und wahrscheinlich nie kennengelernt hätte.

Carl Edward Sagan, Jahrgang 1934, verstorben 1996, war ein US-amerikanischer Astronom, Astrophysiker, Exobiologe, Fernsehmoderator, Sachbuchautor und Schriftsteller. Durch seine 13-teilige Doku-Serie Unser Kosmos wurde er in den 80er-Jahren einem Millionenpublikum bekannt: Etwa 500 Millionen Zuschauer aus 60 Ländern sahen die Serie. Neben zahlreichen bedeutenden Auszeichnungen der wissenschaftlichen Welt ist er Träger des Pulitzer-Preis für Sachbücher mit seinem populärwissenschaftlichen Werk The Dragons of Eden. The Demon-Haunted World. Billions and Billions. Thoughts on Life and Death at the Brink of the Millenium erschien 1997 post mortem bei HEADLINE BOOK PUBLISHING und umfasst 246 Seiten. Außerdem haben wir von Carl Sagan bereits The Demon-Haunted World. Science as a Candle in the Dark rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Gehen • Torbjørn Lysebo Ekelund

Derzeit ist das Wetter sehr schlecht. Ich verbringe viel Zeit im warmen, trockenen Haus. Die letzte größere Entfernung, die ich zurücklegte, war am Wochenende, als ich gemeinsam mit Elisas Vater einem jungen Seeadler am Rande von einem Kiefernwald in Brandenburg hinterherlief, um dessen Horst aufzuspüren. Wir Menschen sind sesshaft und damit auch gemütlich geworden. Sitzen ist das neue Rauchen ist eine Formulierung, die in den letzten Jahren im öffentlichen Gedächtnis hängen geblieben ist.
Auch mir fiel bei der Lektüre von Torbjørn Lysebo Ekelunds Buch Gehen. Eine Wiederentdeckung auf, wie viel ich eigentlich sitze und dass mir die großen Wandertouren mit einem guten Freund sehr fehlen. Diese Erinnerungen an die langen Strecken über den Hermannsweg in Nordrhein-Westfalen oder den Rennsteig in Thüringen sind nach dem Lesen von Gehen. Eine Wiederentdeckung in meinen Erinnerungen wieder sehr lebhaft.

Karten-App statt Orientierungssinn

Eingangs beschreibt Ekelund, was sich an unserer Beziehung zur Bewegung verändert hat: »Unterwegs zu sein hat seinen ursprünglichen Zweck verloren. Es ist für die Lebenserhaltung nicht länger erforderlich, sondern zu einem Mittel der Unterhaltung und Entspannung geworden« (S. 9). Ich verbringe mein Leben größtenteils im Sitzen und fahre mit dem Auto zur Arbeit. Ich überwinde große Strecken und husche an der Landschaft vorbei, ohne sie ›sinnlich‹ zu erfassen. Ein Ortsgedächtnis benötige ich nicht mehr: Für viele Wege nutze ich anstatt einer Karte oder gar eines Kompasses die GPS-Funktion bzw. Karten-App meines Handys, um mein Ziel zu finden. Es ist einfach und schnell – und in Anbetracht unseres Ursprungs eigentlich völlig unnatürlich. Oder, wie Ekelund es sehr passend und zugespitzt formuliert: »Wir haben den Raum als eine der wichtigsten Prämissen für das Reisen eliminiert. Zeit hingegen bedeutet uns alles« (S. 11).

Ekelunds persönlicher Wandel

Ekelund schreibt in Gehen. Eine Wiederentdeckung über den krassen Bruch zwischen seiner Kindheit und seinem Dasein als Erwachsener: Als Kind war das Gehen ein natürlicher Bestandteil seines Lebens und Bewegung der Normalzustand. Als Erwachsener bestand sein Lebens aus Sitzen, Fahren, Stillstand. Der Wandel quasi back to the roots trat auf dramatische Weise in das Leben von Ekelund: Nach einem epileptischen Anfall war er fortan gezwungen, auf das Auto zu verzichten und zu Fuß zu gehen. Von der Unvorstellbarkeit und Endgültigkeit dieser Wahrheit schockiert, breitete Ekelund Wanderkarten vor sich aus und dachte an die immensen Distanzen, die »für robustere Menschen« (S. 17) als ihn geschaffen seien. Letztlich ist die Geschichte, die er in seinem Buch erzählt, nicht nur seine persönliche Geschichte, sondern auch die der Menschheit, denn letztlich sind Wege auch Erzählungen über Menschen, die zu Fuß gegangen sind – und davon gibt es jede Menge.

Schaut man genauer hin, sind Migration und Bewegungen in der Evolutionsgeschichte des Menschen eigentlich die Normalität und nicht die Ausnahme. Dass heute in Medien und rechten Kreisen die Bewegung größerer Menschengruppen als ›gefährlich‹ stigmatisiert wird, mag darin wurzeln, dass wir eine Welt im Stillstand sind: Kinder, die ›brav‹ stundenlang stillsitzen, gelten als erstrebenswerte Norm, während Kinder, die dies nicht können, schnell als Unruhestifter:innen gelten oder gar die Diagnose ADS oder ADHS bekommen. »Und niemand kommt auf den Gedanken, dass es vielleicht umgekehrt sein müsste« (S. 29).

Das Leben auf dem Weg

Im Laufe von Gehen. Eine Wiederentdeckung entwickelt Ekelund eine eigene Philosophie der Wege. Er mutet ihnen einen eigenen Charakter, eine Seele sowie eine gewisse Art der Verletzlichkeit zu: Werden Waldwege über längere Zeit nicht mehr genutzt, verschwinden sie, weil sie zuwuchern.
Viele der Beobachtungen Ekelunds, die er an sich selbst während des Wanderns feststellt, kenne ich nur zu gut. So habe ich zwei dicke Ausrufezeichen neben den Abschnitt geschrieben, in dem er schildert, dass man als Gehende:r irgendwann eine so emotionale – mal verliebte, mal hasserfüllte – Beziehung zum Weg entwickelt, dass man sich ein Leben anderswo als auf dem Weg gehend nicht mehr vorstellen kann. Die Last des nach der Wanderung abgelegten Rucksacks hinterlasse ein Gefühl von Leere oder gar eine Art Phantomschmerz, als ob ein wichtiges Körperteil fehlen würde.

Erst beim Wandern fällt mir häufig auf, wie elementar das Wandern für mein Sein eigentlich ist. Besonders folgende Ausführung von Ekelund fand ich sehr passend: »Wir Menschen sind mit einem Drang zum Wandern ausgerüstet, an den wir nur selten denken, der uns jedoch immer dann in Erinnerung gerufen wird, wenn wir einen Weg entlanggehen« (S. 49). Ekelund entwickelt sich quasi vom modernen zum vor-modernen Menschen zurück und gleichzeitig weiter, weil er deutlich gesünder als seine Zeitgenossen lebt. Dass Ekelund dann aber direkt barfuß die Welt erkundet und 6 Kilometer zum Einkaufen hin und zurück geht, mit einem schweren Rucksack auf dem Rücken, ist mir doch zu viel, auch wenn ich seine neu entdeckte Begeisterung für das Wandern ansteckend finde. Seit der Lektüre will ich auf jeden Fall wieder größere Strecken zurücklegen und ärgere mich, dass ich kaum jemanden für solche Trips begeistern kann.

Wandern und Bewegung finden sich auch in unserer Sprache wieder

Wie elementar Bewegung, Wege und Wandern sind, lässt sich auch an unserer Sprache erkennen: Menschen, die gestorben sind, haben entweder ›ihre letzte Reise‹ angetreten oder sind ›von uns gegangen‹. Sowohl im Leben als auch in der Philosophie und der spirituell-religiösen Welt geht es darum, auf ›dem‹ Weg zu bleiben, einen ›Pfad‹ zu bestreiten und »sich selbst treu zu bleiben und seinen eigenen Weg zu gehen« (S. 86).
Dass das Gehen eine Person verändert, habe ich selbst auch häufig gemerkt. Beim Gehen kommen mir ziemlich gute Gedanken. Ich fühle mich erleichtert, frei, geduldiger, ausgeglichener. Viel Sitzen und verharren macht mich nervös und grantig. Gehen ist immer eine Transformation. So fasst es Ekelund auch relativ spät in seinem Buch zusammen: »Man kann nicht zweimal denselben Weg gehen« (S. 188) und wandelt damit die berühmte Lebensweisheit des vorsokratischen Philosophen Heraklit ab, dem die Aussage »Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen« zugewiesen wird. Würde ich heute mit Tim nochmal den Hermannsweg gehen, wäre der Weg ein anderer, weil sowohl Tim als auch ich mich verändert haben und wir die Umgebung nach all den Jahren vollkommen anders wahrnehmen würden. 

Gehen. Eine Wiederentdeckung war eine großartige Entdeckung. Zwar waren einige Erzählungen manchmal etwas ermüdend und Ekelunds Über-Begeisterung für das Gehen bzw. Wandern auch mal etwas erdrückend, aber der philosophische Überbau sowie die interessanten Beobachtungen, die er angestellt hat, haben mich mehr als überzeugt und mich immens motiviert, mal wieder längere Strecken zu gehen.

Torbjørn Lysebo Ekelund, Jahrgang 1971, ist ein norwegischer Journalist und Autor. Ekelund schreibt unter anderem für die Tageszeitung Dagbladet. Er ist Mitbegründer des Onlinemagazin harvestmagazine.no, in dem er über Abenteuer in der Wildnis und die Beziehung des Menschen zur Natur erzählt. Gehen. Eine Wiederentdeckung erschien 2018 unter dem Originaltitel Stiens historie. En reise til fots. Die hier rezensierte Version erschien 2021 im Piper Verlag, wurde von Andreas Brunstermann übersetzt und umfasst 205 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor/Übersetzer.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Elsterjahre  • Charlie Gilmour

Bei einem Besuch in Rendsburg entdeckte ich in der Auslage einer kleinen Buchhandlung ein Buch, von dessen Cover ich mir ein Foto machte, um mich später genauer über das Buch zu informieren. Mehrere Monate später fand ich beim digitalen Ausmisten meines Handys das Buch wieder – und kaufte es direkt. Nachträglich bereue ich, das Buch erst so spät (wieder-) gefunden zu haben: Charlie Gilmours Elsterjahre ist ein beeindruckendes Stück Nature Writing, das – ebenfalls wie Kerri ní Dochartaighs Thin Places – für den Wainwright Prize nominiert war.

Eine Schwäche für Kaputtes

In seinem Debüt findet Charlie Gilmour einen versöhnlichen Zugang zu seinem Vater, indem er Verantwortung für ein zerbrechliches Lebewesen übernimmt – eine »flugunfähige, junge Elster« (S. 11) voller Parasiten. Diese fand Yana, die damalige Verlobte und jetzige Ehefrau Gilmours, in der lebensfeindlichen Welt einer Müllkippe.
Gilmour räumt eingangs direkt ein, dass es nicht ungewöhnlich sei, dass Elsternjungen alleine durch die Gegend stolzieren: In der Regel verlassen sie ihr Heim viel zu früh, noch bevor sie sich selbst versorgen oder fliegen können. Bei dieser um von Öl durchzogenen Wasserpfützen herumtorkelnden Elster waren keine Eltern in der Nähe zu sehen. Da Yana, gelernte Bühnenbildnerin, eine Schwäche für Beschädigtes und Kaputtes habe, hätte sie die Elster mitgenommen. Gilmour vergleicht Yann daher mit einer Elster: »Ich vermute, dass sie selbst so eine Art Elster ist; nicht direkt eine Diebin, aber mit Sicherheit eine Sammlerin gefundener Schätze. Sie hat immer einen Schraubenzieher dabei und überlegt selten zweimal, ob sie weggeworfene Leuchtkörper, Marmorplatten oder gewaltige Säcke voller Krempel, den sie am Themseufer gefunden hat, zu uns nach Hause schleppen soll« (S. 19).

Urban legends und Metaphern

Die Pflege der jungen Elster ist vielschichtig metaphorisch aufgeladen: Diese schlägt nicht nur eine Brücke zur Versöhnung mit dem Vater, sondern auch mit den eigenen Familienplänen: »Gelegentlich fühle ich mich ein bisschen wie eines ihrer [Yanas] aufgelesenen Objekte. Jedenfalls habe ich mir nie vorgestellt, dass ich mich in meinen Zwanzigern schon fest niederlassen würde. Ich hatte doch eben noch einen rasierten Schädel und zerschrammte Knöchel und steuerte geradewegs auf einen Absturz zu. Und jetzt scheine ich mich kurz vor der Heirat und mitten im Nestbau zu befinden« (S. 20). Die Elster ängstigt Gilmour zunächst, weil er sich die Verantwortungsübernahme für ein so zerbrechliches Lebewesen aufgrund seiner Selbstzweifel nicht zutraut. Die Elster sei wie »Knochenporzellan mit Federboa« (S. 21). 

Um seine Vorurteile gegenüber der Elster abzubauen, streut Gilmour kulturgeschichtliches Sachwissen in seine Prosa ein. Zum Beispiel spiegelt der englische Begriff magpie die Verachtung wider, die der Elster seit jeher entgegengebracht wird. Mag ist Altenglisch für ›Klatschweib‹ und soll auf das Geschnatter der Elster verweisen. Allgemein wird dem eigentlich empathischen Vogel die Funktion als Schicksalsvogel, als Verkünder von Tod und Geburt nachgesagt. Sicherlich sind sie auch deshalb seit jeher Opfer von Verfolgung, willkürlicher Tötung und Hass. Auch dies ist ein Anliegen Gilmours: Seine Leser:innen für die Anmut der Elster zu begeistern.

Eine Liebeserklärung an einen heimischen Vogel

Streckenweise wirkt Elsterjahre ein wenig wie erbauende Unterhaltungsliteratur: »Die Art, wie sie in ihrem Cape aus schwarzer Seide und Hermelinpelz auf dem Bett umherstolziert, wobei ihre sich bildenden Flugfedern wie Edelsteine funkeln, hat durchaus etwas Prinzenartiges. Yana und ich halten die Elster inzwischen für ein männliches Tier« (S. 52).

Nachdem er die tief in diesem Vogel schlummernde Intelligenz entdeckt hat (Elstern sind der Hirnmasse-Körper-Relation nach etwa so klug wie siebenjährige Kinder), ergeben sich auch ganz andere Perspektiven auf das ihn umgebende Leben und gleichen damit der veränderten Umweltwahrnehmung von Jenny Odell in ihrem Buch Nichts tun. Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen. Anstatt Elstern nur als umherzischende schwarz-weiße Blitze der Lüfte zu betrachten, sind sie für Gilmour seit der Pflege ›seiner‹ Elster geradezu magische Wesen, die er fast verliebt folgendermaßen beschreibt: »Die Farbe dieser Federn, der Flügelfedern, ist, ebenso wie die seiner Augen, vollkommen unerwartet. In der Sonne leuchten sie neonblau, wie das Aufblitzen der Flosse eines exotischen Zierfischs« (S. 56). Gilmours Elster erhält aufgrund dieses Schimmers der Federn, die den Öl-getränkten Pfützen auf dem Schrottplatz gleichen, den magischen Namen ›Benzene‹.

Schicksal oder Zufall?

Besonders beeindruckend in dem Buch sind die wiederkehrenden Momente, in denen sich Parallelitäten zwischen Gilmour und seinem anarchistischen, verwirrten Vater Heathcote ergeben. Beispielsweise fand Heathcote dreißig Jahre vorher eine Dohle den Weg an seine Seite – ebenfalls ein Aasfresser und Rabenvogel.

Diese seltenen Begegnungen mit Heathcote waren schmerzhaft: »Du warst halt ein Unfall« (S. 131). So erklärte Heathcote seinem damals 12-jährigen Sohn seine Existenz. Vieles davon erinnert mich an die Beziehung zu meinem Vater.
Ähnlich wie die Elster, so stellt es Gilmour bei den gescheiterten Auswilderungsversuchen von Benzene fest, könne er auch seinen Vater, William Heathcote, nicht loslassen. Dieses Nicht-Loslassen-Können der unbeantworteten Liebe des leiblichen Vaters sowie die daraus resultierenden Enttäuschungen und Abstoßbewegungen führten Gilmour schließlich in die Drogensucht, in den Absturz und geradezu hilflos naiv in das offene, fluffige Federkleid Benzenes. Sie dient als Trägermedium des Vater-Sohn-Traumas dient und liefert eine Bühne für die Trauma-Bewältigung. Mit ihrem Tod endet schließlich auch Gilmours Trauma.
Durch die Lyrik Heathcotes über seine Dohle nähert sich Gilmour seinem Vater jedoch an und versöhnt sich schließlich mit diesem, obwohl sein Vater ihn nie wirklich lieben konnte. Letztlich verfolgt Heathcote ihn aber selbst mit seinem Tod: Heathcote stirbt genau an dem Tag, an dem Yana und Charlie Gilmour das erste Mal versuchen möchten, ein gemeinsames Kind zu bekommen. All diese Zufälle haben schon fast etwas Spirituelles.

Mein Lieblingsbuch des Jahres

Bis ich diese Rezension schrieb, war ich noch hin- und hergerissen, ob Mercè Rodoredas Der Garten über dem Meer oder Charlie Gilmours Elsterjahre mein Lieblingsbuch des Jahres ist. Doch schon nachdem die ersten Zeilen in den Laptop gehämmert waren, war mir klar: Durchzogen von einer zärtlichen, einfühlsamen, verliebten, aber auch am Rande der Depressivität wandelnden Melancholie und einer erfrischenden Prise Humor liegt mit Elsterjahre mein liebstes Buch dieses Lektürejahres in meinen Händen. Gilmours NatureWriting-Prosa hat mich mitgerissen. Die Aneinanderreihung von Metaphern und Fakten, die die Vorurteile gegenüber Rabenvögeln abbauen sollen, windet sich grazil um die biografische Aufarbeitung der Vater-Sohn-Beziehung und den Reifeprozess des Autors. Selten ist mir ein so sympathisches, reizendes, anspruchsvolles Buch begegnet, dessen Kernaussage sich mit folgendem Zitat kondensieren lässt: »Vögel sind Medizin« (S. 246).

Erst kürzlich entdeckten wir vor unserem Wohnzimmerfenster einen Fischadler im Wipfel eines Baumes am See. So viel Oxytocin fließt nicht jeden Tag durch meinen Körper. Die heilende Wirkung der Vögelbeobachtung kann ich also durchaus bestätigen.

Charlie Gilmour, Jahrgang 1989, ist ein englischer Autor. Sein Adoptivvater ist der Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour. Nach zahlreichen Abwegen mit Drogen- und Alkoholproblemen fand eine junge Elster den Weg in Gilmours Arme. Sein Debüt Elsterjahre stand auf der Longlist für den Wainwright Prize und erschien erstmals 2020 unter dem Originaltitel Featherhood bei Weidenfeld & Nicolson. Die hier rezensierte Version erschien 2021 im Rowohlt Verlag, wurde von Christel Dormagen übersetzt und umfasst 320 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. beim Autor und der Übersetzerin. 


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Frag Iwata • Satoru Iwata

Satoru Iwata, der leider 2015 an einer aggressiven Krebserkrankung verstorbene Nintendo-Präsident, entschuldigte sich mit »Please understand« bei den Core-Gamern immer wieder in den zahlreichen Nintendo-Direct-Streams, in denen das Videospiel-Unternehmen seine neuesten Spiele ankündigte, wenn es wie so oft erneut zu Verzögerungen in der Produktion von Spielen kam. »Please understand« ist so zum geflügelten Wort geworden.

Neben Christopher Hitchens, Carl Sagan, Mercè Rodoreda und Pier Paolo Pasolini ist das Ableben von Satoru Iwata für mich persönlich einer der herbsten Verluste in der Menschheitsgeschichte. Sicherlich werden sich jetzt einige fragen: »Satoru… wer?«. Satoru Iwata war gemeinsam mit Shigeru Miyamoto (Erfinder der Videospielfigur Mario; er wurde auch Mr. Nintendo genannt) und Eiji Aonuma (Koordination des The Legend of Zelda-Franchise) an der Produktion zahlreicher Videospiele beteiligt, die meine Kindheit prägten, mit denen ich aufwuchs, das Lesen lernte und die ich als Trägermedium mit meinem ebenfalls zu früh verstorbenen Bruder verbinde. Nun sind Weisheiten und Hintergrundinformationen zum Leben und der Person Satoru Iwata in dem niedlichen Büchlein Frag Iwata. Weise Worte von Nintendos legendärem CEO Satoru Iwata erschienen. Die gesammelten Zitate, Schnipsel, Aussagen und Interviews unter anderem mit Shigeru Miyamoto zeichnen das Bild eines aufrichtigen Workaholics und wertschätzenden Mannes, der das ›Glücklichsein‹ zum Unternehmensziel erklärte.

Berührender Anlass für die Herausgabe des Buches

Die japanische Originalausgabe wurde von Hobo Nikkan Itoi Shinbun herausgegeben, dem Unternehmen des MOTHER-Produzenten Shigesato Itoi, einem Weggefährten Iwatas. Angesichts des großen Lochs, dass der Tod Iwatas in die Herzen der Spielefans in aller Welt riss, entstand laut ihm das starke »Gefühl, dass jetzt und in Zukunft eine Nachfrage nach einem Buch bestehen könnte, das die Worte von Iwata-san zusammenfasst« (S. 11). Itoi schließt das Vorwort hoffnungsvoll ab: »Wir hoffen, die Worte von Iwata-san mögen noch lange Zeit viele Menschen erreichen« (S. 12).
Die sieben Kapitel berichten von Iwata als Privatperson, Unternehmer und Spieleentwickler und werden durch Gespräche mit Weggefährten wie Miyamoto und Itoi abgeschlossen. Sie sind dabei so strukturiert, dass zunächst gebündelte und anschließend fragmentarische Aussagen von Iwata zum jeweiligen Schwerpunkt angeführt werden. So erfahre ich zum Beispiel, dass Iwata sich selbst durch das Programmieren von Schultaschenrechnern an das Spielen heranführte.

Ein japanischer Wolfgang Grupp

Ähnlich wie der deutsche Textilunternehmer Wolfgang Grupp (Trigema) propagierte Iwata die Überzeugung, als Unternehmer für das eigene Handeln persönlich zu haften. So beschnitt Iwata 2013/2014 in krisengeschüttelten Zeiten die Gehälter der Unternehmensführung Nintendos – inklusive seines eigenen Gehalts – um 20 bis 50% für einige Monate, damit niemand aus der Belegschaft entlassen werden musste. Schon damals fand ich das beachtlich, weil ein solches Verhalten von moralischer und unternehmerischer Verantwortung sowie Solidarität mit der Belegschaft zeugt. Während der Lektüre des Buches nahm diese Beachtung zu: Um die eigenen Entscheidungen abzuwägen, führte Iwata bereits während seiner Zeit als Direktor von HAL Laboratory Einzelinterviews mit allen Mitarbeitenden durch, um herauszufinden, wo die Stärken und Schwächen des Unternehmens lagen. Bei diesem bottomup-Ansatz ging es jedoch nicht primär um die unternehmerische Ausrichtung in nächster Zeit, sondern vor allem um das Glücksempfinden der Mitarbeiter:innen. »Bei den Gesprächen gab es mit allen Angestellten andere Themen zu besprechen. Einzig und allein die erste Frage war von vornherein festgelegt: »Sind Sie jetzt glücklich?« (S. 26). Oberste Maxime allen Handelns, ob als Unternehmer oder als Personalchef war es für Iwata, das Eigeninteresse zu eliminieren und dieses dem Glück aller unterzuordnen – seien sie Kund:innen (Spieler:innen) oder Mitarbeitende. 

Der Ton macht die Musik

Selbst nach der Übernahme der Unternehmensgeschäfte von Hiroshi Yamauchi, dem milliardenschweren dritten Präsidenten von Nintendo, schlug Iwata stets milde, vorsichtige Töne an: »Derzeit bin ich also dabei, vieles zu ändern. Doch ich verändere es nicht, weil ich es ablehne« (S. 45). Behutsam mit der Arbeit und Leistung von anderen Personen umzugehen, war Iwata wichtig. Davon können sich viele Vorgesetzte eine dicke Scheibe abschneiden. So besonnen und rücksichtsvoll zu kommunizieren, zeugt von einem großen Respekt gegenüber der Leistung eines jeden Menschen. Unter dem selbstgewählten Schlagwort der ›Visualisierung‹ verschickte Iwata an alle Mitarbeiter:innen Sitzungsprotokolle, lud interessierte Mitarbeiter:innen zu Podien mit Redner:innen ein oder spielte mit den Werksleitern und dem versammelten Vorstand Wii Sports, bis alle Beteiligten »nassgeschwitzt« (S. 150) waren.
Das Bild eines weitsichtigen, offenen, transparenten und sympathischen Unternehmers verfestigte sich bei mir durch die Lektüre. Auch von Rückschlägen ließ sich Iwata nicht beeindrucken. Ähnlich wie beim Programmieren des Schultaschenrechners betrachtete er sein Handeln als Unternehmer unter dem Aspekt des Prinzips des trial and error. Auf diesem Gebiet sei er mit den Jahren geübt gewesen und betrieb diesbezüglich täglich gewissermaßen »Krafttraining« (S. 71).

Sympathische, aber selektive Darstellung

Durch die Schilderungen von Satoru Iwata als arbeitenden, nachfragenden, interessierten und bücherverschlingenden Menschen, der selbst auf Flügen arbeitete, während der Mario-Erfinder Shigeru Miyamoto schlief, ergibt sich das mosaikartige Bild eines Menschen, der in seiner Arbeit aufging und sich selbst sowie seine Gesundheit vergaß. Iwata stand sowohl bei HAL als auch bei Nintendo mehrere Unternehmenskrisen durch, ohne Mitarbeiter:innen feuern zu müssen, weil er stets bei sich oder dem Vorstand sparte. In der Post-Finanzkrisen-Welt ist das eher eine Seltenheit. Immer wieder hört man im Bekannten- oder Freundeskreis von Mitarbeiter:innen, die nach 20 Jahren in einem Unternehmen vor die Tür gesetzt werden. Die Schilderungen in Frag Iwata. Weise Worte von Nintendos legendärem CEO Satoru Iwata machen Hoffnung, dass Vorgesetzte auch anders sein können. Iwata erinnert mich vielfach an meinen alten Chef, weil dieser genauso respektvoll mit allen Kolleg:innen umgeht und umging. Zwar wirkt die Übersetzung stellenweise etwas gestelzt, jedoch ist das Buch eine absolute Empfehlung für alle ›Nintendo-Kinder‹ und Personen, die sich mit einem Unternehmer auseinandersetzen möchten, der wie aus dem Bilderbuch zu entspringen schien. Ich vermisse Iwata-san sehr und verneige mich vor seiner Lebensleistung für das Glück so vieler Menschen rund um den Globus.

Satoru Iwata, Jahrgang 1959, verstorben 2015, war ein japanischer Programmierer und Manager. Er war Präsident von HAL Laboratory, der vierte Präsident des Videospiel-Giganten Nintendo und CEO von Nintendo of America. Er spielte besonders bei der Entwicklung der Nintendo Wii und der Wii U eine zentrale Rolle. Letztere ist gemeinsam mit der Nintendo Switch sein Vermächtnis an die Spiele-Welt. Er entwickelte zahlreiche beliebte Nintendo-Videospiele mit. Frag Iwata. Weise Worte von Nintendos legendärem CEO Satoru Iwata erschien erstmals 2019 im Verlag 100%Orange. Die hier rezensierte Version erschien 2021 mit freundlicher Genehmigung von Hobonichi Co. Ltd. im Verlag FinanzBuch Verlag, wurde von Dr. Monika Lubitz übersetzt und umfasst 185 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Autor, dem Verlag bzw. beim Herausgeber und der Übersetzerin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

In meinen Träumen läutet es Sturm • Mascha Kaléko

Obwohl ich mich seit einigen Jahren mit dem Thema Feminismus beschäftige, bin ich immer wieder überrascht, wenn ich auf Autorinnen stoße, die im Lauf der Geschichte etwas ›untergegangen‹ sein mögen in unserer von Männern erzählten Welt. Ein seit Beginn dieses Jahres in literarischen Kreisen prominentes Beispiel ist Tove Ditlevsen, deren Kopenhagen-Trilogie erst jetzt ›entdeckt‹ und ins Deutsche übersetzt wurde. Ich möchte behaupten, dass auch Mascha Kaléko zu diesen ›untergegangenen‹ Autorinnen gehört. Obwohl sie einen ähnlichen Lebenslauf wie Thomas Mann und Bertolt Brecht vorzuweisen hat und alle drei mehr oder weniger in der gleichen Zeit gelebt haben und in ihren Kreisen ähnlich bekannt gewesen sein dürften, habe ich bis vor wenigen Monaten noch nie etwas von Mascha Kaléko gehört, aber die Lebensläufe der beiden Herren für Deutsch-Klausuren auswendig gelernt oder sogar im Studium Hausarbeiten über ihre Werke geschrieben. Es wird Zeit, dass die beiden Männer Platz in ihrer Mitte machen.

Aus Berlin in die Heimatlosigkeit

Meine erste und definitiv nicht letzte Lyriksammlung von Mascha Kaléko – In meinen Träumen läutet es Sturm – beinhaltet neben Gedichten aus ihrem Nachlass auch Epigramme. Herausgegeben und eingeleitet wurde das Bändchen im Jahr 1977 von Gisela Zoch-Westphal. Sie verwaltet das Werk Kalékos, schrieb später auch eine Biographie über sie und bekam im Jahr 2008 das Bundesverdienstkreuz am Bande für ihre Verdienste in Bezug auf Kaléko verliehen.

In der Einleitung zeichnet sie ein äußerst detailliertes Bild von Mascha Kaléko für mich, die wie gesagt bis vor Kurzem noch nie etwas von ihr gehört hatte. Neben den Parallelen zu Brecht und Mann – in Deutschland aufgewachsen, später Exil in den USA – erfahre ich viel über ihr ›Schicksal‹ als Deutsch-Jüdin im Deutschland vor Hitlers Machtergreifung. Besonders betont Zoch-Westphal immer wieder ihre Heimatlosigkeit, ihre Entwurzelung, die eng mit dem Verlust ihres literarischen Ruhms durch die Emigration verbunden waren. Ihr »Sturm ins Vergessenwerden, das Verdammtsein ins Echolose« (S. 10) wurde nach ihrem Exil in den USA noch stärker, als sie nach dem Zweiten Weltkrieg nach Israel ging. Dort war sie nun »Jerusalems unbekannteste Dichterin« (S. 12) und noch stärker isoliert als je zuvor. So zieht sich seit dem Augenblick des Exils ihre »hoffnungslose Heimatlosigkeit wie ein Wasserzeichen« (S. 16) durch die Verse.

Abgesehen von ihrer Entwurzelung schreibt Zoch-Westphal auch über ihre familiären Verhältnisse – zwei Ex-Männer, sowohl ihr Sohn als auch ihr dritter Mann sterben vor ihr – und ihr tragisches Ende: Nach ihrem ersten Besuch in Berlin – Jahrzehnte, nachdem sie fliehen musste – und Plänen, aus Jerusalem nach Deutschland zurückzugehen, stirbt sie an Magenkrebs während eines langen Aufenthalts in der Schweiz: Sie musste warten, bis der Lift zu ihrer Wohnung in Israel repariert wird, um in ihre Wohnung zurückzukehren und packen zu können.

Furchtbare Zusammenstellung

Bei Romanen mag es verlockend sein, nach Parallelen zwischen Inhalt und Autor:in-Biografie zu suchen – doch oftmals ist das ein trügerisches Unterfangen. Nicht grundlos ist der Roman eine fiktionale Gattung. Bei Lyrik verhält sich das anders. Ohne den biografischen Kontext liest sich ein Gedicht vielleicht nett, doch der Sinn erschließt sich einem dann doch eher selten. Das ist auch der Grund für meine ausschweifenden biografischen Ausführungen zum Vorwort, bevor ich zum eigentlichen Inhalt von In meinen Träumen läutet es Sturm komme.

In meinen Träumen läutet es Sturm ist in fünf Abschnitte gegliedert: Lieder für Liebende, Im Exil, Zeit- und Unzeitgedichte, Das letzte Jahr, Epigramme. Ich frage mich, wer die Entscheidung getroffen hat, die Lyriksammlung so zu strukturieren. Während zwei Abschnitte – Im Exil und Das letzte Jahr – bereits Gedichte nach dem Datum ihres Verfassens gliedern, umfassen die drei anderen Abschnitte die Gedichte thematisch, was in meinen Augen eine furchtbare Idee war. Im Vorwort wird gefühlt auf jeder Seite drei Mal hervorgehoben, welch Einschnitt das Exil in Kalékos Leben dargestellt hat. Ich hätte es überaus interessant und gelungen gefunden, die Gedichte deshalb nach dem Datum geordnet lesen zu können. So stoße ich zuerst auf ein paar Liebesgedichte, die für meinen Geschmack zu kitschig sind und mich nicht wirklich begeistern können – und zwischendrin schillern erste Verse ihrer Exil-Lyrik. Auch leichte, oft vierzeilige Epigramme auf Gedichte, die sie kurz vor ihrem Tod schrieb, folgen zu lassen, passt nun so gar nicht zusammen und stört. Immerhin wurde die Lyriksammlung nicht mit einem kitschigen Cover versehen (wie es bei neueren Ausgaben der Fall ist), der an wohlige Nachmittage auf dem Sofa beim Tee erinnert.

Klares Wasser, versetzt mit Nüchternheit

Kalékos Lyrik (zumindest die nach 1938) ist ein Musterbeispiel für die neue Sachlichkeit, die mit der Weimarer Republik aufkam. Sie ist illusionslos, sie ist nüchtern, sie ist klar – und damit ganz genau so, wie ich Lyrik liebe. Ich brauche keine zehntausend Metaphern, über die ganze Master-Arbeiten geschrieben werden können. Ich brauche keine komplizierten Metren, Hebungen oder Codas. Gönnt ihr euch den Blue Pea Flower Coffee, ich nehme das Wasser mit einem Spritzer Zitrone: »Die Nacht, / In der / Das Fürchten / Wohnt, / Hat auch / Die Sterne / Und den / Mond« (Nachts).

In einigen Gedichten in diesem Band schreibt sie über Alltägliches, in einigen über die Liebe, in einigen über Krieg und Vertreibung. Zugegeben, nicht jedes Gedicht ist ganz nüchtern und klar, aber mit dem biografischen Hintergrundwissen aus dem Vorwort versteht man spätestens beim zweiten Lesen wirklich jedes Gedicht – was sie perfekt macht für alle, die bisher nicht viel mit Lyrik am Hut haben und es mal probieren wollen, aber sich auch nicht vor schwerer Kost scheuen. Um es wieder mit den stets so treffenden Worten von Zoch-Westphal zu schreiben: »Mascha Kalékos Gedichte sind unlösbar Ausdruck ihres persönlichen Lebens und Schicksals. Sie stehen für eine ganze Existenz und wollen so genommen werden, wie sie sind« (S. 9).

Mic-Drop-Verse und Spannungsgedichte

In meinen Träumen läutet es Sturm kam mit der Post ins Haus geflattert. Beim Auspacken wollte ich nur einen kurzen Blick ins Büchlein werfen – und konnte mich kaum wieder losreißen. Mascha Kaléko versteht sich überragend gut darin, in Gedichte einzelne Verse einzustreuen, die man an Wände schreiben oder sich auf Schlüsselbeine tätowieren lassen möchte; »Wir haben keine andre Zeit als diese« (In dieser Zeit), »Gespenster sind nur, / Wo wir sie glauben« (Sei still …), »Wir bleiben zu zweien einsam« (Auf Reisen) und »Links braust der Sturm, rechts heult der Wind: / Du findest heim ins Labyrinth« (Wegweiser) sind nur einige Beispiel dafür. Dennoch dominieren diese Mic-Drop-Verse nicht die Gedichte an sich; die anderen Verse sind kein bloßes Beiwerk, wie es doch bei anderen Dichter:innen ab und zu der Fall ist. Sie sind wie ein kleiner roter Punkt in einem grandiosen Gemälde: hervorstechend und gleichzeitig eingebettet.

Es gibt aber neben diesen Mic-Drop-Gedichten auch zahlreiche, die ich mir komplett angestrichen habe. Vom ersten bis zum letzten Vers erzeugen diese Gedichte eine solche Spannung, wie sie mir bei Lyrik bisher fremd war. Dabei sind sie nicht nur voller Verlust und düster (Zeit für Krähen, Ich träume nicht mehr), sondern auch durchzogen von feinem, ironischen Humor (Zeitgemäße Morgenandacht), liebevoller Nostalgie (Ein Post Scriptum) oder feministischer Kritik (Die Leistung der Frau in der Kultur).

Männer, macht Platz!

In meinen Träumen läutet es Sturm lässt mich zurück mit einem dünnen Buch voller Eselsecken, wilder und vor allem zahlreicher Unterstreichungen, unterschiedlichsten Emotionen, einer neuen Lieblingslyrikerin und dem Wunsch, noch mehr von Frauen zu lesen, die fast vergessen worden wären. Ich hoffe sehr, dass in Zukunft noch mehr ›untergegangene‹ Autorinnen wieder an die Wasseroberfläche geholt, gelesen und mindestens so bekannt gemacht werden, wie es die Männer sind und wie sie es stets verdient hätten, denn: »Wenn diese Verse jetzt aus den Exilen heimkehren in das Land, in dem ihre Sprache gesprochen wird, so machen sie über das Einzelschicksal ihrer Autorin hinaus noch einmal deutlich, worum wir uns gebracht haben, als wir das Jahrhunderte währende Gespräch mit den jüdischen Mitbürgern in Auschwitz zum Schweigen gebracht haben« (S. 16). Auch Gisela Zoch-Westphal beherrscht das mit den Mic Drops hervorragend.

Mascha Kaléko, Jahrgang 1907, gestorben 1975, zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Im Alter von 22 Jahren veröffentlichte sie in Berlin ihre ersten Gedichte. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg floh sie 1938 in die USA, 1959 emigrierte sie nach Israel. In meinen Träumen läutet es Sturm wurde erstmals im Jahr 1977 von Gisela Zoch-Westphal, ihrer Nachlass-Verwalterin, herausgegeben. Die Lyriksammlung erschien bei dtv und umfasst 192 Seiten. Außerdem haben wir von Mascha Kaléko Die paar leuchtenden Jahre rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / der Herausgeberin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Dancing with Bees • Brigit Strawbridge Howard

Die letzten sechs Jahre habe ich in der Stadt gelebt und mich dabei meilenweit von der Natur entfernt, die einen großen Teil meiner Kindheit ausgemacht hat. Vor zwei Monaten sind wir »raus aufs Land« gezogen. Seitdem gewöhnen wir uns langsam wieder aneinander, die Natur und ich. Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur erschien mir als perfektes Buch zur Begleitung unserer vorsichtigen Annäherung. Der Autorin Brigit Strawbridge Howard ging es nämlich ganz ähnlich wie mir.

In Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur beschreibt Brigit Strawbridge Howard, wie sie eines Tages feststellt, dass sie über die Französische Revolution mehr weiß als über heimische Insekten, Vögel und Wildblumen. Also begibt sie sich voller Neugier auf ihre ›Reise zurück zur Natur‹. Andere Leser:innen halten ihre Eindrücke dazu in Schlagworten wie »Naturbegeisterung, die ansteckt« oder »Natur hautnah« fest – und ich frage mich, ob sie die 368 Seiten wirklich gelesen haben.

Emotionalität versus Rationalität

Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und betrachte alles aus dem Herzen heraus, bevor ich den Kopf mitreden lasse. Dementsprechend ist auch ›die Natur‹ etwas sehr Emotionales für mich. Möchte ich ›die Natur‹ in all ihrer Vielfalt wahrnehmen und erleben, verlasse ich mich auf meine Sinne und schalte den Kopf ganz aus. Das ist nicht leicht, aber nur so finden wir zueinander – über die emotionale Ebene.

Bei Brigit Strawbridge Howard ist das vollkommen anders. Sie betrachtet die Natur mit einem ziemlich rationalen, beinahe wissenschaftlichem Interesse. Von jeder unbekannten Biene, die sie entdeckt, möchte sie den Namen erfahren; die meisten Bienen kennt sie jedoch schon – zumindest vermittelt sie mir dieses Gefühl. Schnell bekomme ich den Verdacht, dass ihre Reise zurück zur Natur definitiv nicht meine ist. Etliche Male geht sie in dem Buch auf irgendwelche Untergattungen von Feldbienen oder Buschhummeln ein und erklärt seitenlang, wie diese Waben bauen, sich fortpflanzen oder überwintern. Anfangs mag das noch sehr interessant sein, mit der Zeit ermüdet es mich aber so sehr, dass ich wortwörtlich Monate gebraucht habe, um das Buch fertig zu lesen. Es war ein kleiner Kampf und nicht selten habe ich Passagen oder sogar einige Seiten übersprungen, um irgendwie voranzukommen. Das außergewöhnliche Design der Auflage hilft mir dabei leider auch nicht weiter, sondern demotiviert mich durch die großen Seiten und die kleine Schriftart nur noch mehr.

Ein rationales, autobiographisches nature writing-Nachschlagewerk

Dennoch habe ich auch einige Passagen sehr genossen, vor allem solche, in denen sie ihre emotionale Verbundenheit zur Natur schildert: »Wenn ich die Elemente erlebe, fühle ich mich vollständig. Das geschieht auch, wenn ich im hohen Gras einer Wiese auf dem Rücken liege, durch den Wald gehe und innehalte, um die Rinde eines alten Baums zu berühren oder meine Schuhe ausziehe, meine Zehen in den Sand grabe und hinaus ins Meer wate. Sonne, Regen, Wind und Erde machen, dass ich mich lebendig fühle« (S. 139). An diesen Stellen entdecke ich Schnittpunkte zwischen ihrer und meiner Reise zurück zur Natur, an diesen Stellen erfüllen sich meine Erwartungen, an diesen Stellen schätze ich das Buch. Doch schnell verwandelt es sich wieder in das rationale, autobiographische nature writing-Nachschlagewerk zurück, mit dem ich nicht viel anfangen kann. Wahrscheinlich ist das Buch für Menschen, die so tief »in der Natur drin stecken«, dass sie ebenfalls dutzende Hummelsorten auf Anhieb voneinander unterscheiden können, eine wahre Offenbarung. Für mich ist es das leider bei weitem nicht.

Schon wieder unpassender Aktivismus

Am anstrengendsten finde ich jedoch nicht die ausführlichen Beschreibungen der einzelnen Insekten. Da wäre einerseits die Art von Brigit Strawbridge Howard, mir immer wieder weismachen zu wollen, dass sie etwas Einzigartiges entdeckt hätte, noch dazu als erste. Die erste Biene der Gattung XYZ in Großbritannien in diesem Jahr! Die seit Jahren nicht mehr gesehene Hummel ABC, direkt in meinem Garten! Ist klar. Andererseits stört mich auch ihre aktivistische Note, die zwischen den vielen Gattungsbestimmungen immer wieder plötzlich auftaucht und auch schnell wieder verschwindet. In ihren unpassenden Einschüben erinnern mich diese Passagen auch stark an Der perfekte Kreis. Aktivismus, sehr gern, gerade bei dem Thema Natur und Insekten, aber wenn, dann nicht auf einer manchmal fast esoterischen Ebene, die im kompletten Gegensatz zum sonst so rationalen Blick vom Brigit Strawbridge Howard steht.

Falsche Zielgruppe

Trotz der Vielzahl an Kritikpunkten ist das Buch nicht schlecht. Ich bin nur definitiv nicht die richtige Leserin dafür. Das, was ich aus den vielen, vielen Informationen als sehr interessant herausgefiltert hatte, habe ich schon wieder vergessen. Aber, ganz ehrlich, zum Nachschlagen werde ich wohl ebenfalls kaum zu Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur greifen. Was also bleibt, was nehme ich  aus diesem anstrengenden, sich immens ziehenden Buch mit? Das Gefühl der Wildheit, das mich schon seit Monaten begleitet und bis zu einem gewissen Maße ausfüllt. »Denn irgendwo tief in unserem Inneren brennt noch ein kleiner Funke »Wildheit«, der nur darauf wartet, entfacht oder von Neuem entflammt zu werden. Wir müssen ihm nur den Raum geben, sich zu entfalten« (S. 344).

Brigit Strawbridge Howard ist eine britische Naturforscherin, Wildlife-Gärtnerin und als Texte schreibende sowie Reden und Vorträge haltende »Anwältin der Bienen« in ganz Großbritannien unterwegs. Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur erschien 2021 im Löwenzahn-Verlag, wurde von Dirk Höfer aus dem Englischen übersetzt und umfasst 368 Seiten.
Ich danke dem Löwenzahn-Verlag für das Rezensionsexemplar! Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / dem Übersetzer.


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Wer wir waren • Roger Willemsen

Der Bundestagswahlkampf ist überstanden. Trotzdem hält dessen Ende Politiker:innen nicht davon ab, mit Kitschwörtern um sich zu werfen. Der Wahlverlierer der konservativen Bremser-Partei, Armin Laschet, redet nun von einer »Zukunfts-Koalition«; der schlumpfig grinsende Wahlsieger der weniger konservativeren Bremser-Partei, Olaf Scholz, spricht von einer »Fortschritts-Koalition«. Als halbwegs in der Semantik beheimatete Person frage ich mich da schon: Von welcher Zukunft, von welchem Fortschritt sprechen diese beiden alten Herren, die die letzten 16 Jahre lang mehr oder minder die Geschicke dieses Landes in verschiedenen Funktionen beeinflusst haben? In Philipp Bloms Was auf dem Spiel steht klang es schon in ausführlicher Form an: Die Zukunft, über die gerade jetzt so viel und gern gesprochen wird, ist in erster Linie eine Erzählung über Katastrophen und Niedergänge, weil es wohl keiner kommenden Generation besser gehen wird als uns.

Aus Roger Willemsens Nachlass ist Wer wir waren. Zukunftsrede als Fragment im Jahr 2016 nach dessem Tod erschienen. Als umfangreicheres Buch geplant, brach Willemsen die Arbeit an seiner Zukunftsrede, nachdem er 2015 seine Krebsdiagnose erhielt, ab. Die Rede veröffentlichte seine Nachlassverwalterin, die wunderbare Insa Wilke, zum Glück dennoch, denn trotz ihrer fragmentarischen Gestalt ist und bleibt die Zukunftsrede brandaktuell; nicht zuletzt durch den Umstand, dass, basierend auf der Rede, kürzlich die gleichnamige Dokumentation ihre Premiere feierte.

Über Fantasy, Cyber-Glanzbildchen und Future-Kitsch

Wir kriseln, also sind wir. Seitdem wir uns unserer Selbst bewusst seien, begleiten uns die Krisen. »Vom Anfang aller Tage an« (S. 8) sei alles immer schlecht(er) geworden. »Luft und Wasser sowieso, dann die Manieren, die politischen Persönlichkeiten, der Zusammenhalt unter den Menschen, das Herrentennis und das Aroma der Tomaten« (ebd.). Angesichts aller Krisen, die Namen wie Klimaerwärmung, Dürre, Migration, Ressourcenknappheit und multiresistente Keime tragen, wird eine Zukunft herbeizitiert, die ausgehöhlt, entkernt, wie »Science-Fiction ohne Science« (S. 9) wirke.

Ein wenig nimmt mir die Satzdichte und die damit bei Roger Willemsen immer einhergehende, kluge und unangenehme Wahrheitsdichte die Luft. In der Rede steckt so vieles, das angestrichen und drei oder auch vier Mal gelesen werde möchte – nicht nur, weil es so komplex, sondern auch von so unbegreiflicher Aktualität ist. Besonders der Satz »Was nicht neu ist, das ist die Zukunft« (S. 11) ist direkt zu Beginn der Lektüre bereits ein elementarer Teil der intellektuellen Weitsicht dieses schmalen Buches. Wir machen uns in die alte Zukunft auf; Stagnation ist die neue Zukunft. Als Alternative dazu scheint nur ein rechtskonservativer, misogyner, alles (im wahrsten Sinne de Wortes) »Andere« hassender Backlash übrig zu bleiben.

Wer wir gewesen sein werden

Konfus, kongenial und Foucaultschen Sätzen ähnlich nimmt Willemsen in Wer wir waren. Zukunftsrede eine ungewöhnliche Perspektive ein: Er blickt aus der Perspektive der – wie auch immer aussehenden – Zukunft auf unsere Gegenwart. Wir reflektieren uns häufig in den Augen jener Menschen, die waren und dann gingen. »Vergleichsweise selten aber versuchen wir, uns im Blick jener zu identifizieren, die kommen und an uns verzweifeln werden« (S. 25). 

Woher nehmen wir unsere Arroganz in Anbetracht aller Probleme, die uns umgeben? Die Zeiten und wissenschaftlichen Prognosen laden nicht nur zum Nonkonformismus gegenüber der politischen Mitte ein. Vielmehr sind sie eine moralische Pflicht für jede:n Humanist:in. Eines Tages wird sich die Fuck Greta-Sticker-SUV-Generation gegenüber der folgenden Generation rechtfertigen müssen, warum sie sich für den Liegestuhl und nicht für Protestplakate und sich empörende Demonstrationen entschieden haben.

Kulturpessimismus mit Hoffnungsschimmer

»Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, die begriffen, aber sich nicht vergegenwärtigen konnten, voller Information, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, nicht aufgehalten von uns« (S. 43). Nie klang Weltuntergangsprosa hoffnungsvoller! Gedanklich hat sich Willemsen schon in eine Situation unseres Niedergangs, unseres Verschwindens gedacht, um uns jetzt zu warnen. Der letzte Zyklus der Utopie hat begonnen, das macht Wer wir waren. Zukunftsrede deutlich. Die Dystopie nimmt nun die Rolle der Utopie ein. Es gibt keine Zukunft mehr zu erträumen.

Die Zukunftsrede ist Willemsens Vermächtnis. Sie ist ein flammendes Plädoyer für die Überwindung des eigenen Bestrebens, sich in der Gegenwart einzuigeln, da es uns im Westen noch zu gut geht, um die Zeichen der Bedrohungen ernst- statt nur wahrzunehmen. Doch die Zeit läuft.

Roger Willemsen, Jahrgang 1955, verstorben 2016, war ein deutscher Publizist, Fernsehmoderator und Filmproduzent. Er galt als beliebtester Intellektueller Deutschlands. Wer wir waren. Zukunftsrede erschien 2016 im S. Fischer Verlag und umfasst 60 Seiten. Außerdem haben wir von Roger Willemsen bereits Der Knacks, Willemsens Jahreszeiten und Afghanische Reise rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Herausgeber.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Weiße Rentierflechte • Anna Nerkagi

Ich entdecke gerne fremde, wenn nicht sogar fast völlig unbekannte Formen von Traditionen und Kulturen. Einen neuen soft spot stellen dabei kleine, von der Moderne fast unberührte Völker dar. Damit meine ich aber keinen New-Age-Synkretismus, sondern ein ernsthaftes, nicht fetischisierendes Interesse und das damit verbundene Staunen.
So stieß ich unlängst auf den ›Roman‹ Weiße Rentierflechte der nenzischen Autorin Anna Nerkagi, der bei näherer Betrachtung eher als eine Mischung aus Roman, Sachbuch, Tragödie und eigentlich viel mehr wie eine Novelle daherkommt. Die Lektüre gestaltete sich ambivalent: Das Staunen über die russische Minderheit und über den teilweise gelungenen metaphorischen Stil wurde durch Sätze abgemildert, die mich stark an Redensarten aus meiner Heimat erinnern und eher mit unguten Gefühlen besetzt sind. Das Buch gleicht stilistisch und inhaltlich so einem bitteren schwarzen Tee, der nur durch die Zugabe von Informationen (des metaphorischen Zuckers) trinkbar wird.

Und täglich grüßt das Murmeltier

Die Nenzen sind ein nomadisch lebendes Volk Russlands. Sie bewohnen die sibirische Tundra und umfassen etwa 44.640 Menschen (Volkszählung 2010), wie ich dem Glossar des Buches entnehmen kann. Letzteres ist eine Besonderheit des Buches, und ungewöhnlich für einen Roman. Trotz der übersichtlichen Länge (192 Seiten) war ich absolut auf das hervorragende, präzise und streckenweise ausufernde Glossar der Autorin angewiesen.
Nerkagi selbst ist Nenzin und schafft es durch die fiktionale Verarbeitung ihrer Herkunft, die Nenzen einem größeren Publikum bekannt zu machen. Viel will ich gar nicht an dieser Stelle spoilern, weil der Roman die Entdeckung wert ist.

Bereits der dritte und vierte Satz der ersten Seite geben einen Vorgeschmack auf den Ton des Buches: »Auch der allerschlimmste Kummer darf den Lauf des Lebens nicht aufhalten, genauso wie ein großer Stein, der in einen Fluss geworfen wird, den Flusslauf nicht umkehrt. Das Wasser umfließt den Stein und nimmt seinen Lauf wieder in die vorbestimmte Richtung« (S. 17). Viel Handlung, so mein erster Gedanke, ist hier nicht zu erwarten. Diese Erwartung wird nicht enttäuscht.

Ich lieb dich, ich lieb dich nicht

Der Protagonist der Erzählung ist Aljoschka, der als 26-jähriger Mann zwangsverheiratet wird, weil es laut nenzischer Lebensart ›an der Zeit‹ sei, eine Familie zu gründen. Der Haken an der Sache: Aljoschka liebt seit sieben Jahre eine andere Frau, die eines Tages ihr Zelt (Tschum) verließ und nicht zum Stamm zurückkehrte. Aljoschka sieht sich also mit einer ungewollten Hochzeit konfrontiert, die er voller Verbitterung und Ohnmacht angesichts der Meinungs- und Entscheidungsführerschaft der Stammesältesten als »Beerdigungshochzeit« (S. 23) bezeichnet. Zentral für die Handlung sind bleierne, konfuzianisch anmutende Betrachtungen über das Leben (»Die Leiden sind das Blut der Liebe« (S. 22), »Er hatte eine eigene Weisheit und seinen eigenen Gott – die Liebe« (S. 37), »Ein Wort an das Feuer ist ein Wort aus der Seele« (S. 47) usw.), um den metaphorischen Geschmacksverstärker für Aljoschkas Zerrissenheit zwischen Individualität und Tradition zu liefern. Das ist plakativ, inhaltsbefreit, aber für die Wiedergabe völkischer Traditionen und zur Einstimmung der spezifischen Rhetorik stimmig. Gleichzeitig hinterlässt dies einen faden Geschmack, der durch die Handlungsarmut des Buches ähnlich wie in Samuel Becketts Warten auf Godot verstärkt wird.

Trotz der Kritik muss ich aber festhalten, dass mich die Mythologie der Nenzen bei der Lektüre begeistert hat. Die im Glossar auftauchenden Wörter sind im Erzähltext fett gedruckt, sodass trotz der Kürze der Erzählung ein gewisser (angenehmer) Leseaufwand dadurch entsteht, dass ich die ganzen Begriffe nachschlagen möchte. So erfahre ich beispielsweise, dass Jaminja (oder Ja-Munja) bei den Nenzen die Göttin der Ehe, Schützerin der Nachkommenschaft und Gebieterin über Wolken und Gewitterstürme ist. Als Sachbuch hätte mich Weiße Rentierflechte definitiv mehr überzeugt.

Ein bitterer Tee aus Patriarchat, Naturgleichnissen und Determinismus

Ergänzt werden die Naturgleichnisse und die sich bei Aljoschka durchsetzende Überzeugung von der Unabwendbarkeit der Eheschließung durch das eklige Macho-Gehabe der älteren Stammesangehörigen besonders gegenüber (Ehe-) Frauen. Die Gleichnisse, die Zwangsehe und das patriarchale Gehabe ergeben gemeinsam ein stimmiges, wenn auch klischeehaftes Bild des Nomadenvolkes. Nerkagi evaluiert die eigene Herkunft im Lichte westlicher Normen; das Spannungsverhältnis von Moderne und Tradition wird gut eingefangen.

Positiv in Erinnerung sind mir wenige Stellen geblieben. Hervorragend fand ich lediglich folgende: »Wenn man aufgebrochen ist auf die Fahrt, lässt man auf dem alten Lagerplatz außer allerlei unnützem Kram auch die Kränkungen, Streitigkeiten und Missverständnisse hinter sich, all das, was sich zwischen Menschen, die lange an einem Ort sitzen, mit der Zeit ansammelt« (S. 169).

Weiße Rentierflechte wäre ein gutes Sachbuch gewesen. Die Kälte der Tundra streckt durch die schwarzen Zeilen ihre Hände nach mir aus und lässt mich frösteln. Atmosphärisch und rhetorisch ist das alles mehr als stimmig und spiegelt die ›Seele‹ (wie ich sie mir vorurteilsbehaftet vorstelle) eines nomadischen Volkes wider. Im Verborgenen bleiben für mich jedoch mehrere Aspekte, zum Beispiel wie der Verlag Faber & Faber auf die Idee kommt, das Buch dem Genre ›Roman‹ zuzuordnen, denn Weiße Rentierflechte besitzt ein kleines Personentableau, spielt an einem begrenzten Ort, umfasst eine übersichtliche Dauer und besitzt einen eindeutigen Wendepunkt. All dies sind eindeutige Charakteristika einer Novelle.

Anna Pawlowna Nerkagi ist eine russische Autorin und Ethnopädagogin. Sie gehört zu Minderheit der nomadisch lebenden Nenzen. 1972 studierte sie Erkundungsgeologie und gab bis 1980 das Leben als Nomadin auf. 1990 gründete sie eine Tundra-Schule für Nenzen-Kinder. Weiße Rentierflechte erschien 2021 im Faber & Faber Verlag, wurde von Rolf Junghanns übersetzt und umfasst 192 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / dem Übersetzer sowie dem Fotografen Sebastião Ribeiro Salgado Júnior.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Der tanzende Direktor • Verena F. Hasel

Gestern war mein letzter Arbeitstag an einer Grundschule in Weimar. Drei Jahre war ich nun in unterschiedlichen Funktionen im staatlichen Schulsystem dienstlich verpflichtet. Was bleibt? Ernüchterung. Nicht nur Ernüchterung über die eigenen (offensichtlichen) Unzulänglichkeiten, die verpassten Chancen zur Verbesserung individueller Schüler:innen-Biografien, sondern vor allem Ernüchterung und Wut über die Trägheit des Schulsystems und die ostentative Weigerung zur Integration der (wissenschaftsbasierten) Realität.
Zum Abschied aus dem Schulsystem wollte ich jedoch nicht wieder ein x-beliebiges Plädoyer für ein deutsches, demokratisches, reformpädagogisches Schulystem, in dem Lehrer:innen wahlweise als ›Coach‹ oder ›Lernbegleiter:in‹ bezeichnet werden, lesen. Meine Wahl fiel daher auf Verena Friederike Hasels Sachbuch Der tanzende Direktor. Lernen in der besten Schule der Welt. In diesem Buch schildert die Journalistin und Autorin ihre Erfahrungen und Begegnungen mit dem neuseeländischen Schulsystem.

›Besondere‹ Schulen sind kein singuläres Ereignis

Hört oder liest man von ›besonderen‹ Schulen, die sich auf den Weg machen, Lernen und Schule neu zu denken, handelt es sich häufig um finanziell und personell üppig ausgestattete, private Schulen in Deutschland, die über eine dementsprechende Klientel verfügen. Diese Schulen brillieren oftmals durch ihre alternativen Lernformen, aber die soziale Durchmischung fehlt. In Neuseeland ist das anders. Hasel besuchte Schulen in armen und wohlhabenden Gegenden Neuseelands und stellte repetitive Muster fest: Wertschätzung und Empathie als Leitprinzip treffen auf einen hohen und dennoch fairen Leistungsanspruch. Die Autorin mutmaßt sogar, dass sich durch die Isolation Neuseelands vom Rest der Welt nicht nur eine einzigartige Flora und Fauna entwickeln konnte, »sondern auch ein einzigartiges Bildungssystem« (S. 13).

Whanaungatanga sind Eltern, die Lehrer:innen im Unterricht helfen

Das Herzstück des neuseeländischen Schulsystems sind Grundannahmen, deren sich die Gesellschaft als Ganzes verpflichtet fühlt. Der zentrale Begriff dabei ist Whanaungatanga. Der Begriff stammt aus der Sprache der Ureinwohner:innen Neuseelands, der Maori. »Whanau heißt Familie, -nga bezeichnet die Erweiterung einer Familie und -tanga alles, was mit Beziehungen zu tun hat« (S. 15). Die neuseeländische Gesellschaft teilt die Überzeugung, dass das Leben eines Individuums nur dann sinnstiftend ist, wenn es in einem größeren Ganzen aufgeht. Das Glück der Einzelnen ist mit dem Glück aller anderen unmittelbar verbunden; individuelles Glück bedingt das Glück anderer. Diese Perspektive wirkt selbstverständlich auch auf das Bildungssystem ein.

In diesem Punkt halte ich Hasels Begeisterung für wahnsinnig naiv: Sie stellt das neuseeländische System als nacheifernswert und auf die deutsche Gesellschaft übertragbar dar. Das ist meiner Meinung nach grober Unfug. Die Herzlichkeit und Geduld, mit der die neuseeländischen Pädagog:innen auf die Kinder zugehen, die dezentralisierte Organisation des Schulsystems sowie die Einbindung der Eltern in den Unterricht sind lediglich neuseeländische Spezifika. Zu einem egozentrischen, von einem völlig veralteten Leistungskonzept ausgehenden und an der eigenen Selbstzufriedenheit förmlich erstickenden Schul- und Gesellschaftssystem, wie es das deutsche ist, passt das so gar nicht. 

Mein Pädagogenherz hüpft vor Freude

Hasels Sachbuch wirkt streckenweise wie ein Tagebuch voller Schul-Anekdoten, die sie entweder beobachtet oder erzählt bekommen hat. Das schadet dem Lesegenuss aber keineswegs, weil diese Anekdoten für mich persönlich Glück stiften. Ihre Schilderungen verbreiten die Hoffnung, dass es doch irgendwie besser oder zumindest anders geht. Oftmals habe ich während der Lektüre geseufzt und schiefe Blicke von Elisa geerntet: ›So schlimm?‹ – ›Ja, so schlimm.‹

Da ist beispielsweise die Lehrerin, die ihre Schüler:innen bittet, in ihre Brotdosen aus Plastik zu blicken. Sie sollen kritisch hinterfragen, ob der in Plastik verpackte Müsliriegel oder das in Frischhaltefolie gewickelte Gurkenstück wirklich nötig sind. Doch anstatt die Kinder dafür zu verurteilen, hebt die Lehrerin hervor, dass es nicht um den Fehler geht, sondern darum, es demnächst besser zu machen. Im Anschluss an diesen Impuls schickt die Lehrerin die Kinder in den Raum gegenüber, in dem eine Schülermutter (!) auf die Kinder wartet, um gemeinsam mit ihnen Bienenwachstücher herzustellen. So nehmen die Kinder neben dem chemischen Fachwissen, das sie durch ihre neugierigen Fragen erwerben, darüberhinaus selbsthergestellte Bienenwachstücher mit nach Hause. Das ist Bildung und nicht der geschliffen geschriebene, kompetenzorientierte Rahmenlehrplan. 

Im Schlaraffenland der Bildungsreformen

Nicht nur die Anekdoten Hasels stiften bei mir Verzückung, sondern auch ihr lakonischer Ton, der das Buch charakterisiert. Sätze wie »Hier misst man Literatur eine solche Bedeutung bei, dass das neuseeländische Bildungsministerium vor mehr als fünfzig Jahren sogar einen eigenen Verlag gegründet hat« (S. 44) würde ich als Autor wahrscheinlich mit Capslock in die Tastatur knüppeln, weil es so sonderbar und revolutionär klingt. Das Ministerium hat einen eigenen Verlag und veröffentlicht Bücher.

Das, was Hasel schildert, klingt zwar häufig ganz stark nach Waldorf-Salat, könnte sich aber nicht deutlicher von den dabei im Kopf entstehenden Assoziationen abheben. Die Schüler:innen in Neuseeland lernen höchst individualisiert, die Lehrer:innen halten jedoch stets die Fäden in der Hand. »Er [der Lehrer] ist der Regisseur des Unterrichtsgeschehens, lässt sich die Kontrolle keinesfalls nehmen und formuliert klare Erwartungen an die Schüler« (S. 58). Herzliche Strenge, klare Führung und Lehrer:innen, die das Unterrichtsgeschehen lenken – all das klingt in der Zusammenfassung wie die in die Praxis umgesetzten Erkenntnisse des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie, der mit Visible Learning (2009) vor einem Jahrzehnt die sogenannte ›Lehrerbibel‹ vorlegte.

Die Signale sind klar

Ideologisch unterscheiden sich Deutschland und Neuseeland wie Tag und Nacht. Würde eine umfassende Bildungsreform in Deutschland Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte in Anspruch nehmen, dauerte sie in Neuseeland gerade einmal 14 Monate vom Vorhaben bis zur Umsetzung. Danach wurde das neuseeländische Bildungsministerium massiv verkleinert und die Schulen wählten fortan alle drei Jahre ihre Schulkuratorien, die das Finanz- und Kontrollelement jeder Schule darstellen.

Nahezu nirgends werden die deutsche Trägheit und der verbohrte Dogmatismus so deutlich wie in Bildungsdebatten. Der tanzende Direktor. Lernen in der besten Schule der Welt sollte deshalb allen Bildungsminister:innen, Ministeriumsmitarbeitenden und Schulleiter:innen in die Hände gereicht werden. Noch dazu ist das Buch ein herausragender Impulsgeber für den wertschätzenden Umgang mit Schüler:innen. Diese könnten dann nämlich endlich als das betrachtet werden, was sie sind: Unterschiedliche Subjekte mit unterschiedlichen Startbedingungen und keine leeren Gefäße, in die man den verkopften Schund der Rahmenlehrpläne stopft.

Ein anderes Schulsystem war, ist und wird immer möglich sein. Der größte Reformschritt beginnt aber im Kopf derjenigen, die Bildung täglich gestalten oder den übergeordneten Rahmen dafür schaffen. In diesem Sinne: Sayonara, staatliches Schulsystem, Konnichiwa, Privatschule! 

Verena Friederike Hasel, Jahrgang 1978, ist eine Journalistin, Psychologin und Autorin. Sie studierte Psychologie mit Schwerpunkt Forensische Psychologie an der FU Berlin und Drehbuch an der dffb, der Berliner Filmhochschule. 2018 gewann sie den deutschen Reporterpreis. Der tanzende Direktor. Lernen in der besten Schule der Welt erschien 2019 bei Kein & Aber und umfasst 190 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und den Zitaten liegen beim Verlag bzw. der Autorin.


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Freibeuterschriften • Pier Paolo Pasolini

Der Begriff der Freibeuterei bezeichnet die staatliche Beauftragung von privaten Seefahrern zur gesetzlich erlaubten Plünderung und Gewaltanwendung auf offener See. Meistens handelte es sich dabei in der Vergangenheit um Handelskriege, die durch sogenannte Kaperbriefe eine juristische Legitimation erfuhren. Pasolini verwendete den Begriff der Freibeuterschriften sicherlich, um auf die Zerstörungswut des Kapitalismus zu verweisen. Dieser schafft natürlich keine Diversität oder Individualität, wie sie illusorisch durch Filterblasen oder Subkulturen nahegelegt werden. Nein, der Kapitalismus schafft in der Vielfalt die Einfalt, weil sich Muster wiederholen. Die marktradikalen Ideen werden nur schick verkauft – etwas, dass Nymoen und Schmitt in ihrem Buch Influencer. Die Ideologie der Werbekörper schon meisterlich schilderten. Pasolini sah dies bereits 1975 und nahm für seine Fundamentalkritik in der Essay- und Textsammlung Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft kein Blatt vor den Mund. Wozu auch? Als Oppositioneller stand er bereits früh am äußersten Rand der gesellschaftlichen Diskurse.

Am Anfang steht der kulturpessimistische Untergang

Jede Erzählung, die sich der Fundamentalkritik bedient, bezieht ihr ›Mana‹ aus dem Abgesang auf etwas, das als verloren erklärt wird. Bei Pasolini ist dies der Humanismus und die Schöngeistigkeit. Konnte der Durchschnittsmensch früher noch Kunst als solche verinnerlichen und rezipieren, so könne er heute (1975) »einen Fiat 600 oder einen Eisschrank oder ein Wochenende in Ostia verinnerlichen« (S. 37). Die gesellschaftliche Vielfalt wurde abgeschafft, weil alle brav durch den Konsum gleichgeschaltet wurden. Konsum dient nun als Ersatz für die verlorenen inneren Werte. Sowohl die religiöse Tradition und der Humanismus als auch der Faschismus würden von diesem schwarzen Loch aufgesaugt. Am Ende steht eine nackte Hülle, ohne Werte, ohne Seele, ohne Geist: das Abbild der modernen, kapitalistischen Konsumgesellschaft, die die Lebensqualität über den gebuchten Wochenendtrip auf einem x-beliebigen Hotelportal oder die hochstilisierten Bilder von der Frühstücksgranola auf Instagram definiert. Werte oder Haltung sind nicht länger nötig. Alles muss sich der Macht der Zahlen unterwerfen. Produkt- und Firmenbewertungen mit bis zu fünf Sternen oder die Bitte des Hotline-Mitarbeiters, das Gespräch mit 8 bis 10 Punkten zu bewerten, sind nur zwei Beispiele für diesen Zahlentotalitarismus.
Die geistigen Brotkrumen der Zeitgeistkritik, die Pasolini streute, fallen heute auf fruchtbaren Boden: Das, was sich damals ankündigte, hat sich heute in seiner Totalität derart verselbständigt, dass es uns fast normal vorkommt. Pasolini regt mich an, die Normalität und die mit ihr verbundene inhumane Totalität zu hinterfragen. 

Der Konsum nimmt den Platz des Faschismus ein

»Kein faschistischer Zentralismus hat das geschafft, was der Zentralismus der Konsumgesellschaft geschafft hat« (S. 40). Word! Die vernichtende Kraft von Kapitalismus und dem damit verbundenen Konsum sind derart nachhaltig, dass sie sich heute absolut Bahn brechen. Nicht der Faschismus oder die Restauration des Religiösen im Rahmen des Faschismus haben die Kultur und die Werte nivelliert, sondern der Konsum. Als Türsteher und Paten dieser Entwicklung betrachtete Pasolini das Fernsehen, das den ›neuen Faschismus‹, den Konsum, bewirbt und damit ein Trägermedium der Herrschaft des Geldes ist.
Eingebunden in diesen Prozess ist nicht nur die politische Rechte, die von der Konsum-Ideologie überrollt wurde, sondern auch die ›Schmiere stehende‹ politische Linke. So hat Pasolini seine eigene Hufeisentheorie durch die assimilierende Kraft des Konsums geschaffen. Ein:e junge:r Faschist:in, angepasst wie ein:e junge:r Linke:r, würde sich weder vom Körper, Verhalten noch von der verinnerlichten Ideologie von anderen Jugendlichen unterscheiden, da alle dem »konsumorientierten Hedonismus« (S. 56) huldigten. Pasolini geht meiner Meinung nach in diesem Punkt aber zu weit, da er Linke und Rechte, also politische völlig unterschiedliche Strömungen, ideengeschichtlich gleichsetzt. Beide teilen sich zwar einen gewissen Totalitätsansatz, der der bürgerlichen Ordnung konträr gegenübersteht, aber unterscheiden sich in ihrem Menschenbild jedoch vollkommen.

Absolute Toleranz ist keine Toleranz

Die Konsumgesellschaft, so Pasolini weiter, schaffe den »entwürdigenden Zwang, so zu sein wie die andern« (S. 60). Dieser Zwang erstrecke sich auf das Intensitätsgefühl des Glücklichseins, der persönlichen Kompetenz in verschiedenen Fertigkeitsbereichen und im Empfinden der Freiheit. Die Gleichheit und allumfassende Toleranz, die besonders heute die politische Linke in Deutschland gerne als non plus ultra propagiert, ist eine falsche, »eine geschenkte Gleichheit« (ebd.), denn sie verkennt die klassenbezogenen Lebensrealitäten. Das Glück sei nicht in der Entwicklung der bestehenden Systeme zu entdecken, sondern in der radikalen Veränderung, in der Revolution.
Pasolini weckt an vielen Stellen seiner Essays in mir das Bedürfnis, die rote Fahne aus der Mottenkiste zu holen und Großstadtlinke, die links als Lifestyle oder Begriff für die Social-Media-Bio betrachten, zu verprügeln. Quo vadis linkes, deutsches Subproletariat?

Holzhammer-Rhetorik vom Großmeister des Skandals

Zwar geht es in den meisten Texten von Pasolini um Kulturpessimismus und Konsumkritik, aber auch die Kirche, die von Pasolini als Stellvertreterin des untergegangenen italienischen »Klerikalfaschismus« (S. 107) betrachtet wird, bekommt ihr sprichwörtliches Fett weg.
Trotz des Eindrucks der Monothematik sind Pasolinis Texte kaleidoskopisch. Sie beobachten und analysieren die Auswirkungen des Konsums auf verschiedenen Ebenen (Umweltprobleme, Werte-, Klassenbewusstseinsverlust, Diskursfeindlichkeit). Alle Probleme führen zur Wurzel: dem Konsum und seiner assimilierenden Kraft. Die heute allgegenwärtigen Erschöpfungssysmptome und Sinnsuchen mit Yoga-Hotels, New-Age-Gelumpe und immer neu entstehenden Splitter-Subkulturen sind vielleicht Ausdruck des tiefer liegenden Problems: der weltumspannenden Wertschöpfungskette, die stets das neue, exklusive, ›revolutionäre‹ Must-have-Produkt aus der Überraschungskiste der Public Relations zaubert und so Zerstörung, Zerstreuung und Ratlosigkeit statt einer gemeinsamen Basis hinterlässt. Statt auf das persönliche Glück durch den ewigen Materialismus zu starren, sollten wir uns als Weltgesellschaft langsam wieder fragen, wie Glück für jedermann hergestellt werden kann.
Wer eine anregende, ungewöhnliche Konsumkritik sucht, wird in Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft also definitiv fündig. 

Pier Paolo Pasolini, Jahrgang 1922, verstorben 1975, war ein italienischer Filmregisseur, Dichter und Publizist. Seinerzeit kritisierte er eine neue Form des post-kriegerischen Faschismus, der die Annihilation der italienischen Kultur zur Folge hätte. Sein (posthum) bekanntester, radikalster und umstrittenster Film ist der bis heute in Deutschland indizierte Film Die 120 Tage von Sodom (Saló o le 120 giornate di Sodoma, 1975). Freibeuterschriften. Die Zerstörung der Kultur des Einzelnen durch die Konsumgesellschaft erschien 2016 im Wagenbach Taschenbuch Verlag, wurde von Thomas Eisenhardt übersetzt, von Peter Kammerer herausgegeben und umfasst 174 Seiten. Außerdem haben wir von Pier Paolo Pasolini bereits Der Zorn und Die lange Straße aus Sand rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover liegen beim Verlag bzw. dem Autor / dem Übersetzer / dem Herausgeber.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Mein Spiekeroog • Katharina Hagena

Ich war noch nie an der Nordsee. Als Frau, die in Brandenburg aufgewachsen ist, sechs Jahre lang in Thüringen lebt(e) und nun nach Mecklenburg zieht, ist mir die Nordsee so fremd wie der Atlantik oder Pafizik. Die Ostsee, das ist mein Zuhause. Die Ostsee ist mein ruhiger Anker, mein Sehnsuchtsort. Kein Gewässer liebe ich mehr – auch wenn das natürlich unfair und voreingenommen ist, da ich (noch) kein einziges größeres Meer kenne. Ich mag es, dass die Wellen in der Ostsee erschwimmbar sind und dass das Meer wirklich immer da ist. Ein Wohlfühlmeer. Aber insgeheim habe ich großen Respekt vor der Nordsee, vor ihrer Rauheit, ihren Gezeiten, selbst vor ihrem Salzgehalt. Die Nordsee, so stelle ich sie mir zumindest nach der Lektüre von Katharina Hagenas Mein Spiekeroog vor, ist die brausende, offene, sich stets wandelnde, gefährliche, unberechenbare See, die man im Sommer so nicht immer wahrnimmt, in den anderen Jahreszeiten dafür aber umso mehr, wenn ihre Brandung noch stärker wird, Sandbanken im Nebel auftauchen, tödliche Priele und Strömungen entstehen.

Ein Mikrokosmos in der Makroaufnahme

Katharina Hagena erinnert sich in Mein Spiekeroog an ihre Zeit auf Spiekeroog. Spiekeroog ist eine Ostfriesische Insel. Sie liegt an der Nordsee und am Wattenmeer. Ecke für Ecke schreitet Hagena die kleine Insel hinab und verknüpft jeden Standort mit historischen Erzählungen und persönlichen Momenten, die sie in all den vielen Jahren, in denen sie ›ihre‹ Insel besucht hat, dort erlebte.
Es ist ganz seltsam, sich nach dem Lesen Fotos von Spiekeroog anzuschauen. Während des Lesens hatte ich kein einziges einheitliches Bild im Kopf, nur die einzelnen, von Hagena beschriebenen Orte und Facetten, ergänzt durch fachgeographische Darstellungen und Dünen- sowie Nordsee-Insel-Bildungsabläufe, die – eingeprägt durch die Examensprüfungen – bis heute in meinem Kopf herumspuken. Erst die Luftaufnahmen der Insel, die Fotos der Häuser und Kneipen lassen Spiekeroog, deren Schilderung manchmal fast wie ausgedacht von Hagena wirkt (so sehr träumt sie ihren Erinnerungen hinterher), tatsächlich existieren. 

Hagenas Spiekeroog ist mein Seeland

Schnell beginne ich beim Lesen, ihre alljährlichen Wochen auf Spiekeroog mit meinen alljährlichen Wochen in Dänemark zu verknüpfen. Das, was Hagena gegenüber Spiekeroog fühlt, empfinde ich für Dänemark (genauer: für Seeland). Nur ist Seeland eine wesentlich größere Insel. Auf einer so kleinen Insel wie Spiekeroog würde ich mich wahrscheinlich ziemlich schnell eingesperrt fühlen; ich kann es mir kaum vorstellen, jeden Sommer meines Lebens in einem 18 km2 großen Mikrokosmos zu verbringen. Aber ansonsten kann ich so zahlreiche Stellen unmittelbar nachempfinden, nur eben mit Seeland-Bezug. Dieses ganze Körperliche – totmüde ins Bett fallen, vom Kaffeegeruch geweckt werden, überall Sand und der Hundsrosenduft –, die Emotionen, die Überfahrt mit der Fähre. Ich liebe es und werde wie Hagenas Mutter während des Lesens von Mein Spiekeroog auf gefühlt jeder zweiten Seite von vollkommener Sehnsucht gepackt.

Größte Liebe Wasser

Mit Hagenas Mutter teile ich nicht nur die tiefe Sehnsucht, sondern auch die unendliche Liebe zum Meer, zum Wasser, zum Schwimmen. Wenn ihre Mutter schwimmen geht und danach wieder aus dem Meer kommt, »klebte ihr nasses Haar dunkel an Stirn und Schläfen, und sie lächelte fröhlich, wenngleich auch etwas verlegen. Die anderen Mütter schwammen meistens zu zweit oder zu dritt parallel zum Ufer […] und wenn sie herauskamen, hatten sie immer trockene Haare« (S. 18).
Früher habe ich an jedem letzten Urlaubstag dem Meer versprochen, wiederzukommen – wie in dem von Hagena zitierten vierten Teil von Ingeborg Bachmanns Lieder von einer Insel.
Bis heute habe ich nach dem Schwimmen so gut wie immer nasse Haare.

Zwischen Hundsrosen, Zimtwaffeln und wilden Johannisbeeren

Direkt vor mir hatte übrigens Dominik Mein Spiekeroog gelesen, weshalb ich mich beim Lesen immer wieder fragte, wie er sich wohl zwischen den Seiten gefühlt hatte – er, der weder klassischen Meerurlaub erlebt hat noch alljährlich gleiche Reiseziele in der Kindheit hatte. Ich möchte beim Lesen immer wieder so gern auf der Stelle mit Dominik nach Dänemark fahren, in die vielen kleinen Städte und an diesen einen leeren Strand mit den Hundsrosen, um ihm das, was für Hagena die wilden Blutjohannisbeeren und Butterzimtwaffeln sind, auf meine Art zu zeigen.
Mein Spiekeroog ist mein perfektes Sommerbuch.

Katharina Hagena, Jahrgang 1967, ist eine deutsche Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin. Sie studierte Anglistik und Germanistik und lehrte an verschiedenen Universitäten. Ihr erster Roman, Der Geschmack von Apfelkernen, wurde in 26 Sprachen übersetzt und für das Kino verfilmt. Mein Spiekeroog erschien 2020 im Mare-Verlag und umfasst 208 Seiten. AUSSERDEM HABEN WIR VON Katharina Hagena BEREITS Vom Schlafen und Verschwinden REZENSIERT.
Sämtliche Rechte am Cover liegen beim Verlag bzw. der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

zwischen himmelrosa und kornblumenblütenblau • Rosemarie Kriewitz

Dies wird vermutlich eine meiner persönlichsten Rezensionen, da die Autorin eine Freundin von Elisa und mir ist. Sie hat von 2014 bis 2020 kleine lyrische Texte und Gedichte geschrieben, gesammelt und nun in Eigenregie veröffentlicht. Im Folgenden werde ich beim Schreiben über die Autorin ihren Spitznamen, Rose, benutzen. Mit zwischen himmelrosa und kornblumenblütenblau hat sie einen Gedichtband vorgelegt, der bei mir nostalgische und etwas schwermütige Gefühle an die Jugendliebe weckt – Erinnerungen an das Gefühl des ersten Verliebtseins, die Schwere des Liebeskummers, die Schönheit der jugendlichen Freundschaften und der damit verbundenen Erlebnisse.

Eine gefühlvolle, bild- und farbenreiche Sprache durchzieht den Band

Der durchgängige Verzicht auf Groß- und Kleinschreibung ist eine nicht neue Erscheinung der Lyrik und Prosa. Ich persönlich finde, dass die konsequente Kleinschreibung die Lektüre ungemein erleichtert.
Der Band gliedert sich in fünf Kapitel bzw. thematische Schwerpunkte, die die gesammelten lyrischen Texte und Gedichte ordnen – so heißt der erste von menschen die musik sind. Freund:innen von eher gefühlskalten Schilderungen sind hier an der falschen Stelle: Rose bedient sich eines sehnsuchtsvollen, emotionalen und poetologischen Sprachstils, der zwischen einer herzerwärmenden, jugendlich-sympathischen Stimmung des Verliebtseins und einem minutiös selbstbetrachtenden, geradezu psycho-analytischen Duktus changiert. Potenziert wird diese Raffinesse durch eine farbenbezogene Sprache, die sich wie ein roter Faden durch die 108 Seiten zieht. Rose verwendet Farbwörter, die auf der Stelle Bilder in meinem Kopf abspielen: »himmelfarbenzuckerrosa« (S. 9),»flamingofederfarben« (S. 16), »neonrosa flimmernde reklamelichtbuchstaben« (S. 19), »wie die rubinsteinroten kirschen im trockenen wiesengelb« (S. 27).

Poesie macht häufig wenig mit mir – dieser Band ändert das

Rose spielt außerdem mit poetologisch aufgeladenen Substantiven oder Adjektiven. Im Gedicht analogie beschreibt sie beispielsweise die sie und das anonyme du umgebende Kälte, die sinnbildlich für das Gefühl des Alleinseins bzw. der Unzugehörigkeit interpretiert werden kann. Die Wärme wiederum, die mit dem »warmen Blick (S. 17) ausgedrückt wird, spiegelt andererseits das Gefühl der Zugehörigkeit, des Gebrauchtwerdens. Hierin kommt speziell ein weiteres Motiv der Gedichte zum Tragen: die Angst, nicht genug zu sein. Ein Gefühl, das mich von meiner Jugend bis ins junge Erwachsensein verfolgte und nicht losließ. Besonders anschaulich kommt dies in meinem Lieblingsgedicht des Bands stau zum Ausdruck: »die lebenslaufbahn ist / dreispurig aber leider / bin ich ab und an / und viel zu oft ganz / unbewusst der / geisterfahrer der sich / wundert dass ihm der / der gegenverkehr das / fortkommen erschwert« (S. 25)

Poesie ist nicht nur ein Spiegel der Gegenwart, sondern auch häufig eines der Nostalgie. Poesie kann allgegenwärtig sein. Sie zeigt uns die schmerzhaften und/oder schönen Momente der Vergangenheit, der Gegenwart oder gewährt Prognosen für die Zukunft. Rosemaries Poesie weist diese Allgegenwärtigkeit auf: Sie zeigt ›Spotlights‹ der Natur, des Menschseins und des Alltags. Vor allem erzählen ihre Gedichte von der vergangenen oder gegenwärtigen Macht der Gedanken, die sich besonders auf zwischenmenschliche Beziehungen beziehen. Einprägsam war für mich in dieser Hinsicht besonders das Gedicht kaktus-dasein, das der 1851 von Arthur Schopenhauer veröffentlichten Parabel von den Stachelschweinen (Stachelschwein-Dilemma) ähnelt: »weil ein stachelnder / schmerz bei jeder / berührung daran erinnert / dass man aufpassen / muss mit der nähe / zwischen menschen« (S. 62)

Ein wacher, poetischer Blick auf die Welt

Mit fast allem, was das poetische Ich wahrnimmt, wird ein anonymes du assoziiert. Rose verbindet in ihren Gedichten den Regen, die Stille der Nacht, den Geruch alten Tees oder liegengebliebene Servietten mit verschiedenen Personen. Die Naturgleichnisse und verschiedenen Erinnerungspunkte bilden einen poetischen Blick auf die Welt und eine hingebungsvolle Zärtlichkeit und Wertschätzung für zwischenmenschliche Momente ab. Die Undurchsichtigkeit, wer mit dem du adressiert werden soll, verschafft den Gedichten einen eigenen Mythos, sodass einige Botschaften und Vergleiche undekodierbar bleiben. Vielleicht habe ich diesbezüglich aber auch eine (noch) zu analytische Sicht auf Poesie. Vielleicht will Poesie teilweise einfach mit seinen Wörtern wirken, ohne direkt verstanden werden zu wollen. So oder so ist zwischen himmelrosa und kornblumenblütenblau eine beeindruckende, farbenreich schillernde, literarisch mächtige Lektüre gewesen.

Rosemarie Kriewitz, Jahrgang 1999, ist eine deutsche Künstlerin und studiert Visuelle Kommunikation in Weimar. Neben dem Schreiben kleiner Texte bastelt, fotografiert, illustriert, schnipselt und fotografiert Kriewitz und stellt die Ergebnisse auf ihrem Blog artceae ein. zwischen himmelrosa und kornblumenblütenblau erschien 2021 bei epubli und umfasst 108 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover liegen bei der Autorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Ein Stück Land • John Lewis-Stempel

Als ich 14 Jahre alt war, konnte ich es kaum erwarten, in der Stadt zu wohnen. Jetzt, zehn Jahre später, kann ich es kaum erwarten, wieder auf dem Land zu leben. John Lewis-Stempel gibt diesem Wunsch großzügigen Nährboden.

Zeitloses Nature Writing

In Ein Stück Land begleite ich John Lewis-Stempel und ›sein Stück Land‹ durch die 365 Tage des Jahres. Sein nonfiktionales Buch, das am ehesten dem Genre Nature Writing zugeordnet werden kann, beginnt am 1. Januar und endet am 31. Dezember. Eine Jahreszahl nennt Lewis-Stempel nicht und zu Beginn fällt es mir sehr schwer, mich zeitlich zu verorten. Ein Stück Land wirkt sehr aus der Zeit gefallen. Die Schilderungen uralter Bauernrituale sowie eingestreute historische Quellen (die ich nicht sonderlich interessant finde) lassen mich trotz seltener Erwähnungen von Traktoren, Autos und Strom das 21. Jahrhundert vergessen und versetzen mich in ein England vor einhundert Jahren zurück.

Lewis-Stempels Stück Land besteht aus zwei Weiden und einer Wiese, die an den Fluss Escley grenzt. Vor allem diese Wiese, Untere Wiese genannt, liegt im Fokus des Buchs. Lange Zeit hatte Lewis-Stempel jeden Sommer Vieh auf der Wiese stehen, bis er sie einen Sommer in Ruhe ließ und erkannte, dass das Stück Land vor langer Zeit einmal eine Heuwiese gewesen ist. Seitdem bemüht er sich, sie weitestgehend in Ruhe zu lassen, vom einmaligen Mähen im Sommer abgesehen.

Ein atmosphärisches Meisterstück

Gefühlt verbringt Lewis-Stempel jede Minute des Tages draußen auf seinen Weiden und Wiesen. Er kümmert sich um seine Tiere, aber vor allem beobachtet er die Wildtiere, die auf der Unteren Wiese hausen, mit denen er sich den Lebensraum teilt. Er kennt die Dachse und Füchse quasi persönlich, sorgt sich, wenn die Brachvögel sich verspäten, trauert um Ochsenaugen-Schmetterlinge, die er im Sommer nur ein Mal gesehen hat und kennt jedes einzelne Gras der Wiese mit seinem lateinischen Namen. Ich bin beeindruckt von Lewis-Stempels umfassenden botanischen Wiesen, das er stets elegant mit seinen Beobachtungen verbindet. Besonders hervorheben möchte ich in dem Zusammenhang die Übersetzungsleistung von Sofia Blind. Es tauchen so viele Bezüge auf altenglische Namen, bäurische Scherze, lautmalerische Vogelrufe und lateinische Begriffe auf, dass die deutsche Übersetzung in ihrem überaus flüssigen, atmosphärischen, malerischen Stil wie ein mittelgroßes Wunderwerk wirkt. Es vergeht keine Seite, auf der ich mich gedanklich nicht auf der Unteren Wiese wiederfinde und das Wetter sowie die Jahreszeiten genieße. Das ist wahrlich Nature Writing at its best: »Hochsommer, und man kann das Universum hören. Die akkumulierten Klänge von wachsenden Wiesen und Hecken, von aufsteigendem Blütenstaub, von hitzeflimmernden Partikeln ist so überwältigend, dass all diese winzigen Regungen zusammen einen kontinuierlichen Klang erzeugen: das Summen des Sommers« (S. 163).

Im Laufe des Jahres legen sich Erinnerungen Schicht für Schicht über die Untere Wiese, die auch noch anhalten, als die Wiese längst wieder scheinbar tot am 31. Dezember daliegt. Ich lese, wie die ersten Knospen erscheinen, die Wiese nach und nach ein Blumenparadies wird – und wie Lewis Stempel sie im Hochsommer von Hand mit der Sense mäht. Am liebsten war mir die Erzählung über die ›uralte Zwölfte Nacht‹, in der Lewis-Stempel dem Wassailing nachgeht: »Ich taste mich durch die Schwärze und stoße mit Toast und Cider auf die beiden alten Apfelbäume unten an der Flussseite der Uferweide an. Dann feuere ich wie ein Vandale die Flinte in die schemenhaften Baumwipfel ab, um die Geister zu verscheuchen« (S. 28). Gerade die Schilderungen der Nächte mit dem unermesslichen Himmel voller Sterne und ohne jedes Anzeichen von Strom oder Elektrosmog erfüllen mich sehr.

Auge um Auge, Tod um Tod

Aber natürlich gibt es nicht nur die schönen, atmosphärischen Seiten des von vielen, ein wenig auch von mir romantisierten Landlebens. Auch Lewis-Stempel flucht zum Beispiel über Bewohner:innen mit spießigen Vorgärten, in denen nichts Lebendiges zu finden ist. Besonders schwierig fand ich aber die Passagen, in denen er über den (natürlichen) Tod schreibt. Das Wort Nahrungskette klingt so harmlos, so abstrakt. Etwas anderes ist es, wenn Lewis-Stempel immer wieder genauestens beschreibt, wie ein Tier ein anderes tötet – oder wie er ein Tier tötet. In solchen Momenten erwacht in mir wieder die kleine Elisa, die die Mäuse vor dem Kater rettet, selbst wenn die Mäuse ihr in die Hand beißen. Es ist der Lauf der Dinge und doch verspüre ich in jeder solcher Szenen den Reflex, in den Lauf der Dinge einzugreifen. Jedes Mal ist es mir aufs Neue unverständlich und gleichzeitig verständlich, wie Lewis-Stempel die Rolle des untätigen Beobachters ergreifen kann. Mein Verständnis endet nur an der Stelle, als er einen Fuchs erschießt, quasi als Rache, Auge um Auge, für den Tod an einem seiner Tiere.
Nichtsdestotrotz ist Ein Stück Land ein wundervolles Buch voller Leben und Natur. Wie gern würde ich täglich lesen, was in diesem oder jenem Moment auf Lewis-Stempels Stück Land geschieht. Noch lieber wäre mir nur ein eigenes Stück Land.

John Lewis-Stempel, Jahrgang 1961, ist ein englischer Autor und Farmer. Er ist zweifacher Preisträger des Wainwright Prize for Nature Writing. Seine Familie lebt seit 700 Jahren in Herefordshire. Ein Stück Land erschien 2017 bei DuMont, wurde aus dem Englischen von Sofia Blind übersetzt und umfasst 288 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / der Übersetzerin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.