Wer wir waren • Roger Willemsen

Geschichte, Roman

Der Bundestagswahlkampf ist überstanden. Trotzdem hält dessen Ende Politiker:innen nicht davon ab, mit Kitschwörtern um sich zu werfen. Der Wahlverlierer der konservativen Bremser-Partei, Armin Laschet, redet nun von einer »Zukunfts-Koalition«; der schlumpfig grinsende Wahlsieger der weniger konservativeren Bremser-Partei, Olaf Scholz, spricht von einer »Fortschritts-Koalition«. Als halbwegs in der Semantik beheimatete Person frage ich mich da schon: Von welcher Zukunft, von welchem Fortschritt sprechen diese beiden alten Herren, die die letzten 16 Jahre lang mehr oder minder die Geschicke dieses Landes in verschiedenen Funktionen beeinflusst haben? In Philipp Bloms Was auf dem Spiel steht klang es schon in ausführlicher Form an: Die Zukunft, über die gerade jetzt so viel und gern gesprochen wird, ist in erster Linie eine Erzählung über Katastrophen und Niedergänge, weil es wohl keiner kommenden Generation besser gehen wird als uns.

Aus Roger Willemsens Nachlass ist Wer wir waren. Zukunftsrede als Fragment im Jahr 2016 nach dessem Tod erschienen. Als umfangreicheres Buch geplant, brach Willemsen die Arbeit an seiner Zukunftsrede, nachdem er 2015 seine Krebsdiagnose erhielt, ab. Die Rede veröffentlichte seine Nachlassverwalterin, die wunderbare Insa Wilke, zum Glück dennoch, denn trotz ihrer fragmentarischen Gestalt ist und bleibt die Zukunftsrede brandaktuell; nicht zuletzt durch den Umstand, dass, basierend auf der Rede, kürzlich die gleichnamige Dokumentation ihre Premiere feierte.

Über Fantasy, Cyber-Glanzbildchen und Future-Kitsch

Wir kriseln, also sind wir. Seitdem wir uns unserer Selbst bewusst seien, begleiten uns die Krisen. »Vom Anfang aller Tage an« (S. 8) sei alles immer schlecht(er) geworden. »Luft und Wasser sowieso, dann die Manieren, die politischen Persönlichkeiten, der Zusammenhalt unter den Menschen, das Herrentennis und das Aroma der Tomaten« (ebd.). Angesichts aller Krisen, die Namen wie Klimaerwärmung, Dürre, Migration, Ressourcenknappheit und multiresistente Keime tragen, wird eine Zukunft herbeizitiert, die ausgehöhlt, entkernt, wie »Science-Fiction ohne Science« (S. 9) wirke.

Ein wenig nimmt mir die Satzdichte und die damit bei Roger Willemsen immer einhergehende, kluge und unangenehme Wahrheitsdichte die Luft. In der Rede steckt so vieles, das angestrichen und drei oder auch vier Mal gelesen werde möchte – nicht nur, weil es so komplex, sondern auch von so unbegreiflicher Aktualität ist. Besonders der Satz »Was nicht neu ist, das ist die Zukunft« (S. 11) ist direkt zu Beginn der Lektüre bereits ein elementarer Teil der intellektuellen Weitsicht dieses schmalen Buches. Wir machen uns in die alte Zukunft auf; Stagnation ist die neue Zukunft. Als Alternative dazu scheint nur ein rechtskonservativer, misogyner, alles (im wahrsten Sinne de Wortes) »Andere« hassender Backlash übrig zu bleiben.

Wer wir gewesen sein werden

Konfus, kongenial und Foucaultschen Sätzen ähnlich nimmt Willemsen in Wer wir waren. Zukunftsrede eine ungewöhnliche Perspektive ein: Er blickt aus der Perspektive der – wie auch immer aussehenden – Zukunft auf unsere Gegenwart. Wir reflektieren uns häufig in den Augen jener Menschen, die waren und dann gingen. »Vergleichsweise selten aber versuchen wir, uns im Blick jener zu identifizieren, die kommen und an uns verzweifeln werden« (S. 25). 

Woher nehmen wir unsere Arroganz in Anbetracht aller Probleme, die uns umgeben? Die Zeiten und wissenschaftlichen Prognosen laden nicht nur zum Nonkonformismus gegenüber der politischen Mitte ein. Vielmehr sind sie eine moralische Pflicht für jede:n Humanist:in. Eines Tages wird sich die Fuck Greta-Sticker-SUV-Generation gegenüber der folgenden Generation rechtfertigen müssen, warum sie sich für den Liegestuhl und nicht für Protestplakate und sich empörende Demonstrationen entschieden haben.

Kulturpessimismus mit Hoffnungsschimmer

»Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, die begriffen, aber sich nicht vergegenwärtigen konnten, voller Information, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, nicht aufgehalten von uns« (S. 43). Nie klang Weltuntergangsprosa hoffnungsvoller! Gedanklich hat sich Willemsen schon in eine Situation unseres Niedergangs, unseres Verschwindens gedacht, um uns jetzt zu warnen. Der letzte Zyklus der Utopie hat begonnen, das macht Wer wir waren. Zukunftsrede deutlich. Die Dystopie nimmt nun die Rolle der Utopie ein. Es gibt keine Zukunft mehr zu erträumen.

Die Zukunftsrede ist Willemsens Vermächtnis. Sie ist ein flammendes Plädoyer für die Überwindung des eigenen Bestrebens, sich in der Gegenwart einzuigeln, da es uns im Westen noch zu gut geht, um die Zeichen der Bedrohungen ernst- statt nur wahrzunehmen. Doch die Zeit läuft.

Roger Willemsen, Jahrgang 1955, verstorben 2016, war ein deutscher Publizist, Fernsehmoderator und Filmproduzent. Er galt als beliebtester Intellektueller Deutschlands. Wer wir waren. Zukunftsrede erschien 2016 im S. Fischer Verlag und umfasst 60 Seiten. Außerdem haben wir von Roger Willemsen bereits Der Knacks, Willemsens Jahreszeiten und Afghanische Reise rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Herausgeber.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Unterrichtet an einer kreativen Grundschule und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Was auf dem Spiel steht • Philipp Blom

Geschichte, Roman

Ähnlich wie Roger Willemsen in seiner fragmentarischen Zukunftsrede Wer wir waren zeichnet der Historiker Phillipp Blom in Was auf dem Spiel steht das Bild einer Gesellschaft, die den Mut verloren hat, visionäre Ideen für die Zukunft zu entwickeln bzw. wie Digitalisierung und Klimawandel die westlichen Gesellschaften transformieren könnten. Die Analyse ist gnadenlos in ihrer Schonungslosigkeit: Anstatt mutig einzugestehen, dass Reformen der »Sozialen« Marktwirtschaft dringend notwendig sind, um die Ressourcen des Planeten zu schonen und unser Weiterbestehen als Spezies auf diesem blauen Staubkorn am Rande dieser Galaxis zu gewährleisten, rennen wir mit verbundenen Augen wie im Film Bird Box mit Sandra Bullock in rasendem Tempo auf den Abgrund zu. Wir haben das Interesse an der Zukunft verloren, weil der Liberalismus die Werte der Aufklärung pervertiert hat.

Willkommen im Status-Quo-Wohlgefühl der Gegenwart

Wie reagiert ein moralisch integrer Markt auf das Schmelzen der Gletscher? So: Findige Kapitalisten füllen Gletscherwasser in eine mundgeblasene und mit 24-karätigem Gold besetzte Flasche ab und verkaufen 750 ml davon für 99.000 US-Dollar.

Statt auf die enormen Transformationsprozesse, die die beginnende Erderwärmung und die Digitalisierung aller Lebensbereiche mit sich bringen, zu reagieren, drehe sich laut Blom »alles um die Verwaltung von Erwartungshaltungen und um die Verteidigung von Privilegien« (S. 15). Die Zukunft haben alle großen Wirtschaftsmächte des reichen, demokratischen Westens an den Rand gedrängt. Das schönste Gefühl, das sie vermitteln, sei die Nostalgie, das Heilsversprechen, dass die Gegenwart nie endet. Nichts wirkt so auserzählt und ausgenutzt wie das popkulturelle Narrativ der Utopie, die das Genre der Science-Fiction bis in die frühen 2000er Jahre vermittelte.

Nach der Finanz-, Griechenland-, Fukushima-, Flüchtlingskrise und zahlreichen Naturkatastrophen berieseln uns Dystopien und Untergangserzählungen in Literatur, Kultur, Politik und Rundfunk. Ganz vorne dabei sind die AfD sowie alte weiße Männer wie Houellebecq und Lars von Trier. Blom hält daher auch etwas zynisch fest: »Die Ratten packen schon ihre Sachen, die Superreichen kaufen sich boltholes in Neuseeland, Refugien mit Nahrungsreserven, Bunkern und Generatoren, um sich vor der nahenden Apokalypse zu retten« (S. 17).

»Zeit ist ein flacher Kreis«

Wie bedrohlich massive Klimaveränderungen für den gesellschaftlichen Frieden sein können, zeichnet Blom anhand der Kleinen Eiszeit des 17. Jahrhunderts nach. Durch die Abkühlung der mittleren Temperatur um zwei Grad blieben Ernten aus und verursachten einen Dominoeffekt: Auf Bittprozessionen folgten Hexenverfolgungen, Hungersnöte, Seuchen, Aufstände und Migrationsströme in die Städte, die die Lebensmittelknappheit noch verstärkten. Zeit ist ein flacher Kreis. Geschichte wiederholt sich.

Obwohl die historische Rückschau auf die Kleine Eiszeit keinen Rückschluss auf die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte liefern kann, hebt sie hervor, dass keine noch so reiche Gesellschaft, die ihren Reichtum durch die Ausbeutung von natürlichen und humanitären Ressourcen erwarb, vor den Konsequenzen des eigenen Handelns gefeilt ist: »Ihre heute sichtbaren Folgen, besonders die Erderwärmung und der dadurch bedingte Klimawandel, bedeuten, dass dieses Modell an seine Grenzen gestoßen ist. Die Ausbeutbarkeit des Planeten ist ausgereizt, wenn auch weiterhin Menschen auf ihm leben sollen« (S. 38). Dieser Prozess wird durch einen weiteren Transformationsprozess katalysiert – die Digitalisierung, die den Niedergang der menschlichen Arbeit markiert – und erhöht den Druck auf das auf Wirtschaftswachstum angewiesene Gesellschaftsmodell des Westens.

Ich konsumiere, also bin ich

Der Konsum und der damit verbundene Wohlstand der Länder hätten die beste aller Welten geschaffen. Im Kopf höre ich dabei das höhnische Lachen Pier Paolo Pasolinis. Dass dieses Modell des Konsums und Reichtums weiterhin eine Zukunft hat, ist ungewiss, da die Risiken, die dadurch entstanden sind, besonders für die unteren sozialen Gruppen erdrückend werden und dem Solidaritäts- und Gerechtigskeitsversprechen der westlichen demokratischen Gesellschaften diametral gegenüberstehen. Die Friss-oder-stirb-Mentalität sowie das Der-Markt-regelt-das-Mantra des Neoliberalismus beängstigen jedoch nicht nur jene, die im unteren Lohnsektor arbeiten und von ihrer Austauschbarkeit im kapitalistischen System wissen, sondern auch den wohlstandsverwahrlosten Mittelstand. Allen sitzt die Angst vor Verlust im Nacken: »Nicht nur all die schönen Spielzeuge, auch das eigene Haus und die Ausbildung der Kinder können morgen weg sein. Die wenigsten Menschen heuten sehen ihre Zukunft als gesichert an oder glauben auch nur, dass sie ihnen Gutes bringen wird. Deswegen verweigern sich diese Gesellschaften dem Gedanken an die Zukunft: weil er Verschlechterung bedeutet« (S. 98f.).

Episodenhafte Analysen

Bloms Sachbuch lässt sich als episodenhaft, manchmal sogar etwas rhapsodisch charakterisieren. Jedoch stört mich das nicht, denn das Buch transportiert eine in sich konsistente moralische Botschaft, die sich jetzt im Bundestagswahlkampf 2021 genauso abbildete: Keine der zur Wahl stehenden etablierten Parteien, nicht einmal Bündnis90/Die Grünen, hatte einen Zukunftsentwurf parat, der viele der drängenden, explosiven Probleme des Westens lösen könne. Ein Volk feilt sich sein politisches Personal so lange zurecht, bis es sich an den Zeitgeist anpasst. Ein bisschen Veränderung ist okay, sie darf nur nicht weh tun oder den Status Quo bedrohen. Dass der liberal-bürgerliche Traum nicht nur ausgeträumt, sondern auch kompromittiert ist, hält Blom an der stärksten Stelle seines Buches fest: »Ein bisschen wie Oscar Wildes Antiheld Dorian Gray konnte er [der liberale Traum] nur deshalb so lange schön bleiben, weil er die Hässlichkeit seines Lebens verstecken konnte« (S. 114). Auch die Zukunftsangst sei, so Bloms These, eine Konsequenz des Liberalismus und seines Fortschrittsgedankens. Die andauernde Veränderung oder Transformation impliziere das Hinwegfegen des Alten und produziere damit ein Gefühl der Heimatlosigkeit und des Sich-nicht-in-der-Welt-zurechtfinden. Dieses Gefühl treibe einige in die Arme der Propagandist:innenen der »autoritären Festungsmentalität« (S. 144), deren Protagonist:innen Putin, Erdogan, Bolsonaro oder Le Pen sind.

Statuserhalt versus Informiertheit

Die Fixierung der westlichen Gesellschaften auf ihren Statuserhalt im Auge des Sturms der massiven Transformationsprozesse münden bei Blom in Sätzen wie »Stell dir vor, es ist Geschichte, und keiner hat Bock drauf« (S. 180) oder »Diese Gegenwart ist bereits zu Ende – nur die Kulissen stehen noch« (S. 211). Viel Hoffnung macht Blom mit seinen Beobachtungen nicht. Vielleicht ist das aber auch gar nicht das Ziel. Vielmehr ist Was auf dem Spiel steht eine ernüchternde Rekapitulation der Veränderungsmüdigkeit des Westens und der Chancen, die er damit verspielt. Das ideale Geschenk für Familienmitglieder, die Energiewende für nicht finanzierbar oder auch unnötig halten.

Was bei all dem, was ›unseren‹ Wohlstand und unsere Art der Lebensführung bedroht, auf dem Spiel steht? Alles.

Philipp Blom, Jahrgang 1950, ist ein deutscher Schriftsteller, Historiker, Journalist und Übersetzer. Er publiziert im britisch-englischen Sprachraum in den großen Zeitungen und Zeitschriften (Guardian, Independet usw.) sowie im deutschsprachigen Raum (ZEIT, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung usw). Blom ist seit 2017 Mitglied des Stiftungsrats des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Was auf dem Spiel steht erschien erstmals 2017 im Hanser Verlag. Die hier rezensierte und abgebildete Ausgabe erschien 2018 in der Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft und umfasst 224 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


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Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933–1945 • Manfred Gailus (Hrsg.)

Geschichte, Wissenschaft

Durch die Erinnerungsarbeit einer Nachbarin etwas geblendet, nahm ich an, dass die evangelische Kirche in harter Opposition zur Diktatur unter den Nationalsozialisten ab 1933 stand. Selten lag ich so falsch. Zwar war die Bekennende Kirche eine oppositionelle Gegenbewegung innerhalb der evangelischen Kirche gegen die Deutschen Christen (DC), eine um 1933-1934 mächtige nationalistisch-rassistische Strömung von vorwiegend jungen Pfarrern, aber die Opposition richtete sich gegen die DC und ihr Bestreben, die Autonomie der Kirche der Rassenlehre der Nationalsozialisten unterzuordnen. Mit der grundsätzlichen Ideologie der Nationalsozialisten ging man jedoch d’accord. Manfred Gailus und seine Kolleg:innen eröffnen mit dem Sammelband Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933-1945 einen multiperspektivischen Blick auf die Beziehung zwischen Kirchen und Nationalsozialisten.

Der Sammelband füllt einen blinden Fleck in der Erinnerungskultur

Der Band, so lässt es sich dem Geleitwort des Bischofs der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Markus Dröge, entnehmen, ist eine Sammlung von Vorträgen, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen der Stiftung Topographie des Terrors in Kooperation mit der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische-Oberlausitz gehalten wurden. 
Grundtenor dieser mal mehr und mal weniger lesbaren, interessanten und gelungenen wissenschaftlichen Beiträge ist, dass die Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Umbruchjahr 1933 rundherum als »wundergleiche Zeitenwende« (S. 15) sowohl von Protestant:innen als auch Katholik:innen empfunden wurde. Die Weimarer Republik, die den beiden deutschen Großkirchen wie eine ›Gottlosenrepublik‹ vorkam, da sie durch die Preußen aus den öffentlichen Diskursräumen verdrängt wurden, war überwunden. Anstatt auf entschiedenen Widerstand zu treffen, »öffnete der Protestantismus dem anschwellenden Nationalsozialismus bereitwillig, vielfach fasziniert seine Türen« (S. 15). Besonders in der Reichshauptstadt Berlin zeigte sich eine enge Zusammenarbeit zwischen den Protestant:innen und Nationalsozialisten (das Gendern lasse ich bei diesem Begriff in der Rezension bewusst weg): Otto Dibelius, der damalige Generalsuperintendent der Landeskirche Berlin-Brandenburg, zeigte viel Verständnis für die Gewaltakte gegen Jüd:innen nach dem Erlass zum ›Judenboykott‹ nach dem 1. April 1933. Wer Täter und Komplizen sucht, so wird schnell klar, fand sie besonders bei den Protestant:innen, die das Märchen der ›Kirche im Widerstand‹ so gerne pflegen. Dass dies nur ein Teil der historischen Wahrheit ist, wird bereits im Einführungstext von Gailus deutlich. 

Das Narrativ der Kirche im Widerstand wird von braunen Wendehälsen überschattet

Gailus und seine Kolleg:innen zeichnen das historische Bild einer protestantischen Großkirche, die von einer jungen Generation völkischer Pfarrer, den Deutschen Christen (DC) bei den Kirchenwahlen 1933 gespalten wurde. Nachdem Otto Dibelius 1934 aus dem Exil zurückkehrte, engagierte sich dieser nunmehr bei der oppositionellen Bekennenden Kirche (BK) innerhalb der protestantischen Großkirche. Grundsätzlicher Konflikt war – und an dieser Stelle sind mir beim Lesen fast die Augen aus dem Kopf gefallen – nicht die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten und ihre Vernichtungsphantasien, sondern das Bestreben der DC und der regierenden Nationalsozialisten, die vielen Landeskirchen zu einer großen ›Reichskirche‹ zu vereinen und die Autonomie der Kirche zu beschneiden. Mit dem braunen Zeitgeist ging die BK d’accord und kommunizierte dies auch nach außen.

Ich hatte gehofft, von einer Kirche im Widerstand zu lesen und musste stattdessen ernüchtert feststellen, dass auch dieses Narrativ ähnlich wie das der barmherzigen Mutter Teresa im heutigen Sprachkontext als ›fake news‹ durchgehen würde.
Obwohl es sich bei diesem Sammelband vermutlich um eine Auftragsarbeit handelt, ist diese erfrischend gnadenlos und hält der Kirche den Spiegel vor. Störend finde ich jedoch wie so häufig an historischen Analysen einen besonderen Aspekt:

Geschichte als Geschichte der ›großen‹ Männer

Auch wenn es sich stets anbietet, akteursbezogene historische Analysen anzustellen und dabei auf große Namen zu achten, verführt das meist dazu, die Multiperspektivität aus dem Auge zu verlieren. Gailus hat zwar recht, wenn er festhält, dass zu den bereitwilligen Protestant:innen besonders »Theologieprofessoren, Bischöfe, Konsistorialräte, Superintendenten, Pfarrer« (S. 62) zählten, er und seine Kolleg:innen vergessen bei dem Fokus auf die ›großen‹ Männer aber, dass die protestantische Kirche auch aus Frauen bestand und besteht. Zwar arbeitet Gailus heraus, dass die DC eine völkisch-religiöse Männerbewegung und die BK »eine von Männern (Theologen, Pfarrern) geführten, strikt biblizistischen und leicht frömmelnden Frauenbewegung« (S. 77) gewesen ist, aber eine tiefergehende, geschlechtsbezogene Sozialgeschichte der verfeindeten Bewegungen folgt nicht. Auch eine Schilderung des Engagements von (besonders weiblichen) Mitgliedern des Kirchenvolks, das sicherlich mit dementsprechenden Quellen herausgearbeitet hätte werden können, erfolgt nicht.

Dass Männer Geschichte über Männer schreiben, hat Anfang 2016 das US-amerikanische Digitalmagazin Slate unter dem Titel Is History Written About Men, by Men? zu einer Analyse historischer Schriften veranlasst und eine große Häufung erfolgreicher historischer Werke von Männern festgestellt. Gailus und seine Kolleg:innen bilden hier keine Ausnahme: Von den acht Autor:innen des Buchs ist genau eine weiblich. 

Erstaunliche regionalgeschichtliche Erkenntnisse

Neben den vier eher allgemeinen, den großen Kontext fokussierenden Beiträgen von Manfred Gailus finden sich auch teilweise sehr interessante, regionalgeschichtliche Beiträge wie Thomas Forstners Beitrag Braune Priester. Katholische Geistliche im Spannungsfeld von Katholizismus und Nationalsozialismus. In diesem untersucht er einen großen Gegensatz: Nur 0,12 % der Priester Bayerns waren Mitglied der NSDAP, während mindestens 10 % der Pfarrer NSDAP-Mitglied waren. Gründe für die geringe Zahl der braunen Priester sieht Forstner darin, dass der katholische Klerus auf absoluten Gehorsam gegenüber »der rechtmäßigen kirchlichen Obrigkeit eingeschworen« (S. 117) wird – und zwar bereits in den Knaben- und Klerikalseminaren.

Im Großen und Ganzen ist der Sammelband erstaunlich gnadenlos in der Analyse, aber gleichzeitig auch teilweise recht blind: Geschichte wird wieder einmal als Geschichte der ›großen‹ und wichtigen Männer dargestellt, obwohl sie viel mehr als das sein könnte (und sollte). Besonders eine Quellenanalyse, wie das weibliche und männliche Kirchenvolk beider Großkirchen der braunen Ideologie gegenüberstand, wäre interessant gewesen. Die Grundstimmung der Kirchen lediglich mit Wahlergebnissen bei Kirchenwahlen und dem Dualismus DC vs. BK abzubilden, ist historiographisch etwas dürftig; das bekam ich bereits im ersten Tutorium im Geschichtsstudium eingetrichtert.

Trotz der offensichtlichen Schwächen – die ein allumfassendes Problem der modernen Geschichtswissenschaft darstellen – bringt der Sammelband viel Licht ins Dunkel der protestantischen Märchenerzählung von der Kirche im Widerstand, die sich abhängig vom politischen System Deutschlands stets wie ein Chamäleon anpasste und sich dem staatlichen Einfluss wie ein Fisch immer wieder dem energischen Griff entzog. Quad erat demonstrandum.

Manfred Gailus, Jahrgang 1949, ist ein deutscher Historiker. Er ist außerplanmäßiger Professor für Neuere Geschichte am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts und der Geschichte des Nationalismus sowie auf dem Nationalsozialismus und der Verbindung von sozialen Protesten und sozialen Bewegungen. Täter und Komplizen in Theologie und Kirchen 1933-1945 erschien 2015 im Wallsteinverlag und umfasst 260 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover liegen beim Verlag bzw. dem Herausgeber.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Unterrichtet an einer kreativen Grundschule und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Afrikas Kampf um seine Kunst • Bénédicte Savoy

Geschichte, Wissenschaft

Die Eröffnung des Humboldt-Forums in Berlin reißt neue Wunden auf. Im ZDF Magazin Royale vom 11. Dezember 2020 führte Jan Böhmermann an, dass sich ca. 80 bis 90 % des kulturellen Erbes Afrikas im Zuge der Kolonialisierung auf europäischem Boden befinden. Bis zum Jahr 1920 entwendete Deutschland, die viertgrößte Kolonialmacht der Welt, Deutschland, 200.000 Objekte unter Anwendung grausamster Formen der Gewalt – das erzählte Böhmermanns Interviewpartnerin Bénédicte Savoy.
Mit Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage hat Savoy eine detaillierte, erschreckende Geschichte der ersten Forderungen der Rückführung der Raubkunst an die postkolonialen Staaten der 70er- und 80er-Jahre vorgelegt. Sie offenbart einen Kunstnationalismus, der durchsetzt von Geschichtsklitterung und Rassismus ist.

Eine von europäischer Arroganz geprägte Debatte

Savoys minutiöse Chronik beginnt im Jahr 1956 und zeigt verschiedene Stationen der Restitutionsforderungen der afrikanischen Staaten. Der Spiegel reagierte 1956 auf den Ersten Weltkongress schwarzer Künstler:innen und Schriftsteller:innen mit einer derart unangenehmen Selbstgerechtigkeit und Herablassung, dass es mir den Atem raubt. Dieser Bericht setzte die Idee einer Schwarzen Kultur in Anführungszeichen, gebrauchte mehrfach das N-Wort und machte sich über die Diagnose der beteiligten Künstler:innen und Schriftsteller:innen, dass die Herrschaft der Weißen die Entwicklung der eigenen Kultur verhindert hätte, lustig. Die gesamte Restitutionsdebatte seit den 1960er Jahren, so zeigt es Savoy schnörkellos und anschaulich, ist geprägt von diesem arroganten Habitus der Europäer:innen. Nicht nur Worte sind Macht, sondern auch Kunstbesitz – gerade dann, wenn es sich dabei um Raubobjekte handelt.

Die seit einigen Jahren wiederkehrende Forderung nach der Rückführung der gestohlenen Kunstobjekte ist keine Entwicklung der Emanzipation von People of Colour wie etwa durch Black Lives Matter, sondern hat demnach eine etwa 40 Jahre alte Entwicklungsgeschichte hinter sich, da es in den 70er- und 80er-Jahren bereits intensive diplomatische Auseinandersetzungen der jungen, postkolonialen und autonomen ehemaligen Kolonien und den ehemaligen europäischen Kolonialmächten. gab Mit ihrer im Jahr 1960 neu gewonnen Unabhängigkeit wurden 18 bisherige Kolonien vollwertige Mitglieder der Vereinten Nationen; das Jahr wird seitdem als ›Afrikanisches Jahr‹ bezeichnet. Mit der Anerkennung der kulturellen Selbstbestimmung durch die Verabschiedung der Erklärung über die Gewährung der Unabhängigkeit an koloniale Länder und Völker durch die UN-Vollversammlung begann aus der Sicht der ehemaligen Kolonialmächte eine kulturelle, diplomatische ›Krise‹.

Von Kunstraub wollten die Museumsdirektoren nichts wissen

Als einer der ersten Staaten erhöhte Nigeria 1972 den politischen Druck auf die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und läutete dadurch in Deutschland ein Beamt:innenmikado ein. Die Stiftung versuchte daraufhin, durch halbherzige Dauerleihgaben die Restitutionsforderungen Nigerias im Winde zu zerstreuen. Darüberhinaus sprach der Stiftungsrat geradezu schizophren die ethnologischen Sammlungen Berlins frei von kriegsbedingt erworbenen Objekten. Damit sollte die Fiktion des ›sauberen‹ Museums aufrechterhalten werden. Bis zum Jahr 2025 soll die Stiftung übrigens endlich in vier Institutionen zerschlagen werden.

Die Forderungen der jungen, afrikanischen Staaten wurden in Europa unterschiedlich aufgefasst: Die älteren Generationen, vor allem Männer, gehörten zu denen, die die Rückgaben unbedingt verhindern wollten. Den Forderungen wohlgesonnenen waren häufig Frauen, »die Solidarität mit den fordernden Staaten Afrikas zeigten« (S. 8). Savoy führt diesbezüglich an, dass sich im Archiv der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Tausende von Seiten über Korrespondenzen nicht erfolgter Restitutionen finden. Sie zeigen: Die Forderungen der Staaten Afrikas, die durch die Eröffnung des Humboldt-Forums ausgelöst wurden, sind keine Neuheit oder eitle Radikalität. Sie sind längst überfällig.

Enttäuschte Forderungen

Die schnörkellosen Schilderungen Savoys sind zunächst etwas dröge. Häufig gibt sie Verhandlungskorrespondenzen zwischen Staaten und Kulturbeamten indirekt oder direkt wieder und ergänzt diese durch einordnende Stellungnahmen. Der Aufwand ihrer Recherchen muss immens gewesen sein. Savoy zeichnet komplette Korrespondenzen auch innerhalb der verschiedenen deutschen Ministerien oder Institutionen nach und ordnet diese kunsthistorisch sowie moralisch – aber niemals unsachlich, wenn auch nicht wertungsfrei – ein. Die große Stärke dieser Vorgehensweise ist, dass dabei auch die Schwarzen Stimmen Gehör bekommen und dadurch die Forderungen sowie die kulturhistorische Bedeutung der verschiedenen gestohlenen Kunstobjekte im Spiegel des kulturellen Gedächtnisses der afrikanischen Völker noch deutlicher wird.
Beeindruckend sind nicht nur der in den Forderungen les- und spürbare Furor der afrikanischen Verhandlungsführer:innen, sondern auch die in der Chronik sich aufbauende Enttäuschung über den zögernden, herablassenden Habitus der Europäer:innen. In diesem Zusammenhang ließen mich die Einlassungen des schwäbischen Direktor des Linden-Museums, Friedrich Kußmaul, geradezu fassungslos zurück: Als Reaktion auf die Rückgaberesolution der UN von 1973 verfasste dieser ein neunseitiges Papier, indem er beispielsweise den Raub der Kunstobjekte als »Rettung vergänglicher Materialien als große Leistung ethnologischer Museen« (S. 56) bezeichnete, den afrikanischen Staaten jede Fähigkeit zur Unterhaltung moderner Museen absprach und keinerlei moralische Verpflichtung zur Rückgabe der Kunstobjekte sah. Die sozial-liberale Bundesregierung Helmut Schmidts bekräftigte diese Stimmen der Museumsmänner am 12. Januar 1976 in ihrer Stellungnahme und warnte vor der Gefährdung der Bestände durch Austauschverfahren mit afrikanischen Staaten.

Europa bekleckert sich bis heute nicht mit Ruhm

Abwarten, herum lavieren, Geschichtsklitterung betreiben, aussitzen. Anstatt emotionalisierend über die mitunter amoralischen Äußerungen und Taktiken der deutschen Museumsdirektoren oder der Bundesregierung sowie ihres Umfelds zu schreiben, schildert Savoy die Vorgänge nahezu kühl, einer Stenografin bei Plenardebatten gleich. Dass Historiker:innen eher zum kühlen Understatement neigen, ist mir aber durch das Geschichtsstudium schmerzlich bekannt, sodass ich die fehlende emotionale Beteiligung durchaus verstehe. Aber mir persönlich fehlt etwas Pepp, etwas Konfrontation. Lediglich im Epilog wird Savoys Ton kämpferisch: »Die Herren, die die Museen in den 70er und 80er Jahren erfolgreich verteidigten, taten dies vielfach aufgrund eines offen vorgetragenen, mit rassistischen Vorurteilen gepaarten Kultur- und Wissenschaftsnationalismus« (S. 197). Den vorgetragenen ›Fake News‹ zur Sauberkeit der Kunstobjekte in deutschen Sammlungen und der Weigerung der Museumsdirektoren des letzten Jahrhunderts müsse, so Savoys Forderung, unsere Generation eine zügige Restitution gewährleisten. Dies wäre unsere Verantwortung – und nicht die Verantwortung unserer nachfolgenden Generationen.

Mit ihrem Sachbuch Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage hat Savoy trotz ihres manchmal raren Furors gezeigt, wie beschämend die Kulturpolitik Deutschlands auf die Restitutionsforderungen der afrikanischen Staaten reagierte. An diesem Ausschnitt der Kolonialismusgeschichte wird deutlich, dass Deutschland zwar eine aktive, lebhafte Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus betreibt, aber eine ehrliche, schonungslose Aufarbeitung der Gräueltaten von Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem afrikanischen Kontinent weiterhin aussteht.
Savoys Buch war eine manchmal zu detailreiche, berichtsähnliche Chronik der Restitutionsdebatte der 70er und 80er Jahre, aber insgesamt ein großes Lehrstück Kulturgeschichte, das eine hohe Aktualität besitzt. Danke an Jan Böhmermann für den indirekten Buchtipp.

Bénédicte Savoy, Jahrgang 1972, ist eine französische Kunsthistorikerin. Sie ist Professorin für Kunstgeschichte der Moderne an der TU Berlin und Professorin für die Kulturgeschichte des europäischen Kunsterbes am Collège de France. In diesem Jahr erhält sie die Carl-Friedrich-Gauß-Medaille der Braunschweigischen Wissenschaftlichen Gesellschaft. Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolonialen Niederlage erschien 2021 bei C. H. Beck und umfasst 256 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Unterrichtet an einer kreativen Grundschule und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

The Darkening Age • Catherine Nixey

Geschichte, Religionskritik, Wissenschaft

Die Römer:innen hätten ihren polytheistischen Glauben wegen der politischen Instabilität des Römischen Reiches in der Zeit des vierten bis fünften Jahrhunderts freiwillig abgelegt. Dieser Überzeugung war ich zwar nie, aber Teile dieser Überzeugung der konservativen Geschichtsschreibung habe ich – bisher – geglaubt. Dass das jedoch eine bewusste Falschinformation ist, breitet Catherine Nixey mit einer ausführlichen Quellensichtung in ihrem kritischen Sachbuch The Darkening Age. The Christian Destruction of the Classical World aus. Diese Reise trägt mich nach Palmyra, Rom und Athen, vom zweiten bis ins fünfte Jahrhundert. Die Lektüre machte mich in Anbetracht des tyrannischen und amoralischen Handelns der frühen Menschen christlichen Glaubens teilweise wirklich wütend und ratlos. Wo wären wir heute, wenn die Christ:innen die klassische Welt und ihre Erkenntnisse nicht ausradiert hätten?

Christliche Denk- und Sprachverbote

Eine Gute-Nacht-Lektüre ist Nixeys Buch nicht, das muss ich bereits eingangs festhalten. Wer den verklärenden, netten Ton von einer Ausstellung über die ›harmlose‹ Christianisierung der Welt im katholischen Paderborn erwartet, ist hier an der falschen Stelle – das macht bereits der Titel klar.
Eingangs entführt Nixey mich in das Athen des Jahres 532. Häuser werden nach ›blasphemischen‹ Büchern und Gegenständen der alten Gottheiten durchsucht. Das Sprechen über Religion in der Öffentlichkeit ist verboten. Wer den alten Gottheiten Opfer darbietet, wird exekutiert. Die Tempel und Statuen der alten Gottheiten werden geschändet, verbrannt, zerstört. Staatlich eingesetzte Spionierende berichten den offiziellen Stellen als ›Ohren des Staates‹, was auf den Straßen und in Privaträumen getan oder worüber geredet wird. Wer noch nicht getauft wurde, muss sich taufen lassen oder sich ins Exil begeben. Wer nach der Taufe dem Weg der alten Gottheiten folgt, wird exekutiert. Das klingt zunächst nach einem faschistischen BigBrother-Staat nach dem literarischen Vorbild von Orwells 1984, war letztlich aber religiöser Fanatismus unter staatlicher Flagge: Die Annihilation, die vollständige Vernichtung der klassischen Welt (ich benutze wie Nixey lieber diesen Begriff als den der vagen ›Antike‹) durch das ›friedliche‹ Christentum, hatte begonnen. 

Bereits die Einleitung Nixeys ist ein Wurf ins kalte Wasser. Obwohl ich Geschichte studiert habe, ist die kulturelle Vernichtung der klassischen Welt nie ein Thema im Studium gewesen. Umso erschreckender ist bereits in der Einleitung die Konfrontation mit der nächsten ›charmanten‹ Lüge: »St Martin, still one of the most popular French saints, rampaged across the Gaulish countryside levelling temples and dismaying locals as he went« (S. XXXIII). Sankt Martin als Fanatiker? Im harmlosen Ethik-Unterricht meiner Grundschule wird Sankt Martin als der nette Mann dargestellt, der in bitterer Kälte seinen Mantel mit einem Obdachlosen teilt und als Symbolbild für ›christliche Nächstenliebe‹ steht. Diese Nächstenliebe galt jedoch nur für ideologisch Gleichgesinnte. Allen anderen drohten Feuer und Blut. Die bisherige Geschichtsschreibung konzentrierte sich auf die guten Taten der Menschen christlichen Glaubens in den letzten Atemzügen des Weströmischen Reiches unter Romulus Augustus, aber nicht auf die Geschichte der Opfer. Nixeys Buch holt dies nach. Es ist ein schonungsloser Blick auf den Vernichtungskrieg der Christ:innen gegen die klassische Welt. 

Jedes Kapitel beginnt mit dem Tagesablauf, der Weltsicht römischer Personen unterschiedlicher sozialer Herkunft. Bevor Nixey zu den hard facts kommt, bettet sie das Geschehen bzw. wichtige Ereignisse in ihren lokalen historischen Kontext ein. Sie stellt dabei in ihrem polemischen, sehr subtilen Ton bereits früh klar, dass es eine freiwillige Konvertierung der Mehrheitsbevölkerung des Imperiums nie gab. Zu Zeiten Kaiser Konstantins (vermutlich 270-288 bis 337 n. Chr.) gehörten etwa vier bis sechs Millionen Römer:innen dem Christentum an. Dass die restlichen fünfzig Millionen mit polytheistischem Mehrheitsglauben freiwillig konvertierten, »is a nonsense« (S. 99), so Nixey. Der Gegensatz zwischen Polytheist:innen (Römer:innen) und den Menschen christlichen Glaubens war ein Kulturkrieg. Die Christ:innen stilisierten diesen als »battle between God and Satan himself« (S. 9).

Römer:innen integrierten christliche Glaubensvorstellungen

Eine friedliche Koexistenz war für die Römer:innen zunächst noch denkbar. Bereitwillig integrierten sie den Glauben an den christlichen Gott in ihre große religiöse Welt, in der stets Platz für eine weitere Gottheit war; so sprachen sie beispielsweise ein Gebet auf einer Messe, um danach zum nächsten promiskuitiven, polytheistischen Gelage zu stolzieren. Das römische Pantheon nahm willigend weitere Gottheiten auf. Für die christlichen Eifernden, die es natürlich auch damals schon gab, war das Verhalten ihrer ›Mit-Christ:innen‹ undenkbar.
Die Tempel der alten Gottheiten waren spirituelle Zentren für ›dämonische Aktivitäten‹ und mussten daher durch ihre Zerstörung gereinigt werden. Die christliche Rhetorik des Ekels gegenüber allem, das mit dem ›alten‹ römischen Leben irgendwie in Verbindung gebracht werden konnte, nahm mit der Zeit schließlich Oberhand. Mit dem ›alten römischen Leben‹ waren jedoch nicht nur die Gottheiten des römischen Polytheismus gemeint, sondern alle Formen, in denen die römische Moral und Weltanschauung Ausdruck fand. Diesem Kreuzzug fielen unter anderem zum Opfer: Galens Körperstudien, Celsus’ Religionskritik, Epikurs Erkenntnis des Atomismus der sichtbaren (und unsichtbaren) Welt und deren Fortführung durch Aristoteles’ Kommentatoren wie bspw. Alexander von Aphrosidias, die Zerstörung des Serapeum Alexandria, die Stigmatisierung der klassischen Statuen als ›Refugium‹ von Dämonen und der damit verbundene Aufruf zu deren Zerstörung und Schändung sowie die Amputation männlicher Genitalien beim Verdacht auf Homosexualität. Die Beispiele sind endlos und werden durch farbige Bilder in Nixeys Buch ergänzt: Eine der Aufnahmen zeigt beispielsweise die Statuen der Hestia, Dione und Aphrodite. Lediglich deren Rumpf wurde nicht beschädigt, die Arme und Köpfe der Statuen wurden durch Axthiebe abgetrennt. Von den Köpfen zahlreicher Statuen fehlt bis heute jede Spur. Das Abtrennen der Nasen, Arme, Beine und Genitalien sowie das ergänzende Einritzen von Kreuzen sollte die in den Statuen lebenden Dämonen befreien oder vertreiben.

Besonders die christliche Verdrängung des Atomismus hat mich fasziniert und gleichermaßen schockiert. Ich wusste von der klassischen Theorie der Atome, konnte aber bisher noch nicht die Tragweite dieser Erkenntnis einordnen. Wären die Ideen von Aristoteles (384 v. Chr. bis 322 v. Chr.), Titus Lucretius Carus (99 v. Chr. bis 53 v. Chr.), Alexander von Aphrosidias (200 n. Chr.), Themistios (317 bis 388 n. Chr.), Johannes Philoponos (490 bis 575 n. Chr.) weiter verfolgt worden, wären wir heute als (Wissenschafts-) Gesellschaft sicherlich schon einen Schritt weiter. Für die christlichen Eifernden stellten die Ansichten klassischer Philosoph:innen jedoch eine Gefährdung ihrer Agenda dar: Der Atomismus schwächte die Wirkkraft der Angst vor der Hölle und der ewigen Verdammnis ab. Nixey übertreibt sicherlich kaum, wenn sie auf den Polemiker Celsus Bezug nimmt: »Celsus verges on hyperbole, but it is true that in this period Christians gained a reputation for being uneducated to the point of idiotic; even Origen, Celsus’s  great adversary, admitted that ›the stupidity of some Christians is heavier than the sand of the sea‹« (S. 38).

Systematische Christenverfolgung ist ‚faked history‘

Dass eine Verfolgung der Christ:innen in Teilen der Geschichte des römischen Reiches stattgefunden hat, verschweigt Nixey dennoch nicht. Nach dem großen Brand Roms (vom 19. bis 26. Juli 64 n. Chr.), dem größten Brand der klassischen Welt, beschuldigte Kaiser Nero die Menschen christlichen Glaubens als Schuldige. Die Folge waren die Neronischen Christ:innenverfolgungen, in deren Folge etwa 200 in Rom lebende Christ:innen hingerichtet wurden. Die Exekutionen folgten Neros »lunatic creativity« (S. 55): Ein Teil der Christ:innen wurde, gekleidet in Tierhäute, von Hunden zerrissen; andere brannten am Kreuz und dienten als Nachtbeleuchtung für das Gelage, das Nero im Rahmen dieser Hinrichtungen in seiner morbiden Attitüde abhielt. Die hingerichteten Menschen dienten nun als PR-Mittel der christlichen Minderheit – als Märtyrer:innen, um eine gezielte Christ:innenverfolgung herbeizureden. Diese ›gezielte‹ Christ:innenverfolgung ist bis heute jedoch eine beliebte Fehlinterpretation der historischen Fakten: »But we know of no government-led persecution for the first 250 years of Christianity with the exception  of Nero’s – and Nero, with even-handed lunacy, persecuted everyone. For two and a half centuries the Roman imperial government left Christianity alone« (S. 58). Die Lüge war jedoch in der Welt. Fortan konstruierten die Menschen christlichen Glaubens ihre Opferrolle als Verfolgte und konnten so ihrem eigenen religiösem Extremismus ein dementsprechendes Narrativ verleihen, das durch die freiwilligen Selbstmorde der religiösen Terroristen, der Circumcellionen, ab etwa 340 n. Chr., Rückenwind erhielt.

Wer in die Bibliographie des Buches schaut, wird feststellen, dass Nixey sich zahlreicher Quellen bedient hat, die auf eine ausführliche Quellensicht hinweisen. Dass die Quellen eine deutliche Handschrift tragen und relativ eindimensional gewählt sind, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Polemik wirkt manchmal etwas unwissenschaftlich oder ahistorisch. Sie schadet dem Grundtenor, der ein ausgewogeneres Bild als die konservative Geschichtsschreibung liefert, aber nicht. Bedauerlich ist jedoch die monokausale Erklärung der religiösen Konflikte zwischen Polytheist:innen und Christ:innen, da sie zwar vordergründig religiös begründet waren, aber auch soziale, politische, lokale und ökonomische Gründe hatten. Beispielhaft ragt hier die Ermordung der Hypatia von Alexandria, einer griechischen Philosophin und Mathematikerin, hervor. Die grausame Ermordung der Hypatia im März 415/416, in deren Folge sie mit Tonkrug-Scherben zerteilt und ihre Reste verbrannt wurden, war ein Akt religiöser Fanatiker:innen. Das ist richtig. Was Nixey aber auslässt: dass Hypatia als persona non grata die Gefolgschaft um den Stadtpatriarchen Kyrill von Alexandrien durch ihre polytheistischen Überzeugungen gegen sich aufbrachte. Hypatia war das heidnische Bauernopfer in einem Machtkampf, der die politische Ausrichtung der Stadt beeinflussen sollte. Context matters.

Trotz der angesprochenen Schwächen und des polemischen Tenors ist The Darkening Age. The Christian Destruction of the Classical World eine erfrischende Lektüre und Mahnung zugleich. Nixeys Buch erinnert daran, wozu das Christentum in der Lage war, als es am sprichwörtlich ›längeren Hebel‹ saß. Christopher Hitchens hat in diesem Zusammenhang einmal sehr passend in seinem opus magnum God Is Not Great. How Religion Poisons Everything geschrieben: »Many religions now come before us with ingratiating smirks and outspread hands, like an unctuous merchant in a bazaar. They offer consolation and solidarity and uplift, competing as they do in a marketplace. But we have a right to remember how barbarically they behaved when they were strong and were making an offer that people could not refuse« (S. 67).

Catherine Nixey, Jahrgang 1980, ist eine britische Altphilologin, Historikerin, Lehrerin und Journalistin. Als freie Journalistin ist sie unter anderem für den Economist, die New York Times sowie die Times tätig. The Darkening Age. The Christian Destruction of the Classical World erschien 2017 bei Pan Macmillan und umfasst 305 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Unterrichtet an einer kreativen Grundschule und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.