Der kommende Aufstand • Unsichtbares Komitee

Junge Liberale und RCDS-Mitglieder dürften nun Schaum vor den Mund bekommen: In Der kommende Aufstand schildern mehrere (mehr oder weniger) anonyme, französische Autor:innen, wie sie den Kapitalismus und die um ihn herum existierenden (Teil-) Systeme überwinden wollen. Dabei liefern sie eine profunde Analyse und Kritik des Kapitalismus, die ich unterstütze und bereits bei Pier Paolo Pasolini in seinen Freibeuterschriften sehr mochte. Gleichzeitig zeichnen sie aber einen fragwürdigen Gegenentwurf, der auf befremdlichen Mitteln zur Überwindung des Kapitalismus beruht.

Zukunft? Welche Zukunft?

Am Anfang jeder Abschieds-Arie auf den Kapitalismus steht die kulturkritische und traditionsreiche, aber dennoch zulässige Analyse, dass die Gegenwart ausweglos sei und das ›Künftige‹ keine Zukunft mehr habe. Das haben Sascha Lobo, Bettina Fellmann, Roger Willemsen, Sibylle Berg und viele weitere Autor:innen, die wir bereits auf diesem Blog rezensiert haben, schon getan – nur haben diese fast schon zarte Töne im Vergleich zum Unsichtbaren Komitee angestimmt.
Politiker:innen, die quasi die Büttenredner:innen des Kapitalismus seien, werden vom Unsichtbaren Komitee als »Gondelköpfe, die ihre Reden gemäß den neuesten Funden der Werbeabteilung austauschen« (S. 5) bezeichnet. Die darüberhinaus nahe am Rand der fake news wandelnde Behauptung, dass ›die Medien‹ revolutionäre Bewegungen in Frankreich kleinschreiben würden, wird durch den Begriff der »Medien-Omerta« (S. 6) auf den Punkt gebracht. Omertà bezeichnet die Schweigepflicht der sizilianischen Mafia gegenüber Außenstehenden.
Die zitierten Sätze stehen auf den ersten zwei Seiten – und auch die folgenden knapp 120 Seiten verschonen mich nicht. Dennoch liest sich die Holzhammer-Rhetorik ganz gut. Sie hat ihren eigenen flow und ist irgendwie sogar chic, wenn auch etwas unangenehm. 

Zuspitzung des linken Kulturkritik-Potpourri 

Ähnlich wie Bettina Fellmann es in Zur Verteidigung der Traurigkeit formulierte, brandmarken die Autor:innen des Unsichtbaren Komitees psychiatrische Kliniken als Platzhalter oder Türsteher des ›Systems‹, weil die Individuen, die formal betrachtet ›am System scheitern‹ eigentlich diejenigen sind, die verstanden haben, dass das System krank macht und psychische Erkrankungen daher mehr über das System aussagen als die Individuen. Jedes geistlose »Wie geht’s?«, das wir nicht als Austritt, sondern als Eintritt in einen Kommunikationsakt betrachten, ist Ausdruck der tiefgreifenden Pathologisierung des Ichs der (Post-)Moderne: Ich bin angepasst, funktioniere, arbeite. Ich bin. Egal, wie es mir geht.

Das Individuum, das psychisch erkrankt, ist in den Augen der Autor:innen aber nicht primär krank, sondern vielmehr streikend: »Wir sind nicht deprimiert, wir streiken. Für den, der verweigert, sich selbst zu verwalten, ist die ›Depression‹ nicht ein Zustand, sondern ein Übergang, ein Auf Wiedersehen, ein Schritt zur Seite in Richtung eines politischen Austritts« (S. 15). Die Unruhen in den Vorstädten (Banlieue) Frankreichs im Jahre 2005 begrüßen sie darüberhinaus wenig geschmackvoll, aber pointiert mit »Es wurde Zeit, dass das Fick die Polizei! das Ja, Herr Wachtmeister! ablöst« (S. 21). Wie zurückhaltend. So klingt also französische Kapitalismuskritik. 

Sehr viel Schwarz-Weiß, sehr wenige Grautöne

Linke Systemkritik muss quietschen, peppig, anstoßend und wenig anbiedernd sein. Über weite Strecken des Manifests changiert der Der kommende Aufstand aber zwischen schwerfälliger, profunder Kapitalismuskritik und flapsigen Bemerkungen. Ein Beispiel: Die Autor:innen erkennen an, dass es im bestehenden System zwar die Notwendigkeit gibt, Geld zu finden, aber nicht unbedingt zu arbeiten, denn Arbeit sei nichts anderes als Selbstkasteiung, -entfremdung und -ausbeutung. Sie ›bitten‹ daher um folgendes: »Man erlaube uns, einen Scheißdreck darauf zu geben« (S. 27).

Wichtig ist den Autor:innen ein weiterer Punkt, den ich als wichtigsten Bestandteil ihrer System- und Kapitalismuskritik betrachte: Nicht die Ökonomie sei in der Krise, sondern die Krise sei die Ökonomie. Nicht die Arbeit, die fehlt, ist die Krise, sondern die Arbeit, die überflüssig sei. Letzterer Punkt ist nah an der Fundamentalkritik des letztes Jahr verstorbenen Anthropologie-Professors David Graeber, der den Begriff der Bullshit-Jobs prägte. Letztlich ist der Kapitalismus eine intrigante, sich selbst erhaltende Hydra, die – egal, wie viele Köpfe man ihr abschlägt – das Individuum immer dort zum Schuldigen oder Haftenden macht, wo es selber versagt. So folgte auf die wachstumshuldigende Vernichtung der Umwelt zugunsten der ›blühenden‹ Wirtschaft nicht die Erkenntnis, dass der Kapitalismus ganz irre böse ist, sondern »das stählerne Lächeln des neuen grünen Kapitalismus« (S. 55). Natürlich ist der Schutz der Umwelt richtig und wichtig, jedoch ist die Erwartung des Systems nun, dass jede:r Einzelne:r die Aufgabe hätte, einen eigenen Beitrag zur Rettung des ›zivilisatorischen Modells‹ zu leisten, ziemlich schizophren. Erst vernichtet das System die Umwelt und gerät an die Grenzen des Wachstums, weil eine intakte Umwelt als Motor des Wachstums schwer beschädigt wurde – und nun haftet nicht das zerstörende System, sondern das Individuum. 

Der Pestgestank der Zivilisation

Zum Ende des Analyse-Teils des Buches kommt die große, hämmernde Erkenntnis des Unsichtbaren Komitees: Nüchtern betrachtet sind wir als Zivilisation eigentlich ziemlich am Arsch. »Es gibt keinen ›Kampf der Kulturen‹. Was es gibt, ist eine Zivilisation im Zustand des klinischen Todes, über die man eine ganze Apparatur der lebenserhaltenden Maßnahmen ausbreitet und die in der planetarischen Atmosphäre einen charakteristischen Pestgestank verströmt« (S. 69). Die Strategie der Zivilisationskritik laufe ins Leere, weil eine Leiche sich nicht wiedererwachen lasse. Folglich müsse man sich diese Leiche vom Hals schaffen und dies gehe nur durch Widerstand.

Nach über 70 Seiten prangt dort endlich das kämpferische Auf geht’s! und ich war gespannt, was der geniale Gegenentwurf zum Kapitalismus nun sei. Die Ernüchterung erfolgt sofort: Dem unsichtbaren Komitee schwebt als ›revolutionärem‹ Gegenentwurf zum Kapitalismus die Kommune als Mikrosystem eines neu gedachten Kommunismus vor. Dabei handele es sich um kleine Einheiten ›im Geiste vereinter‹ Personen, die sich selbst versorgen und aufeinander achten. Und wie überwindet man den Kapitalismus? Natürlich mit Gewalt, ist ja klar! Die Autor:innen schwadronieren zunächst von der Empfindlichkeit der Elektro- und Computernetze und kondensieren ihre Pläne zu dem rhetorisch gelungenen, aber intellektuell sowie allen humanistischen Werten fernen Aufruf, das Prometheische wiederzuentdecken. Dieses lasse sich »zurückführen und zusammenfassen zu einer gewissen Aneignung des Feuers – fern von jedem blinden Voluntarismus« (S. 90). Um »alles zu ficken« (S. 91) legt man also Feuer? Spätestens an dieser Stelle war ich raus. 

Keine Antwort ist auch eine Antwort

Die Analysen der Autor:innen zum Kapitalismus und seiner krankmachenden sowie schizophrenen Selbsterhaltungsmechanismen mögen zutreffen, aber die Härte, Totalität und propagandistische Verharmlosung von Gewalt finde ich mehr als bedenklich. Das Unsichtbare Komitee überschreitet nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks, sondern auch rote Linien der Gesetzgebung. Die Lektüre war zum Schluss hin nur noch entrüstend. Für einen funktionierenden Gegenentwurf hoffe ich nun auf das nächste Buch von Sibylle Berg.

Das unsichtbare Komitee ist der Zusammenschluss mehrerer französischer Autor:innen, die der französischen autonomen Szene zugeordnet werden. 2015 bekannte sich der libertäre Autor Serge Quadruppani in einem Blogpost mit anderen Autor:innen als Teil des Komitees bzw. als Verfasser von Der kommende Aufstand. Der kommende Aufstand erschien erstmals 2007 unter dem Titel L’Insurrection qui vient. Die hier rezensierte Version erschien 2010 im EDITION NAUTILUS Verlag, wurde von Elmar Schmeda übersetzt und umfasst 124 Seiten. Das Buch sorgte national und international für Furore und führte zur vorläufigen Untersuchungshaft von neun Einwohnern des französischen 341-Seelen-Dorfes Tarnac. Die Verhafteten sind seitdem als Tarnac Nine bekannt, streiten aber ab, Der kommende Aufstand verfasst zu haben.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag, den Autor:innen und dem Übersetzer.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Zur Verteidigung der Traurigkeit • Bettina Fellmann

Jede:r kennt das: Manchmal sind wir traurig, ohne genau erklären zu können, warum das so ist. In den letzten Jahren häufen sich die Schreckensmeldungen der Krankenkassen und Behörden, dass soundsoviel Prozent der Gesellschaft mittlerweile in psychotherapeutischer Behandlung seien oder an ›modernen‹ Erkrankungen – Erschöpfung, Burnout, Depressionen  – leiden würden.
Jetzt ist im MaroVerlag aus der Feder der Krankenschwester Bettina Fellmann Ein erschöpftes Heft mit dem schönen Titel Zur Verteidigung der Traurigkeit erschienen. In ihrem Essay plädiert sie für eine andere Wahrnehmung von Erschöpfungssymptomen: Diese seien letztlich (nicht in allen Fällen) die Folge äußerer, systemischer Umstände – und keine inneren Zustände des Individuums. Das leide vielmehr unter der Realität, die wir verharmlosend als ›Normalität‹ bezeichnen.

»You take the red pill … you stay in Wonderland, and I show you how deep the rabbit hole goes«

Dass der Essay keine leichte Kost werden und potentielle Leser:innen nicht wie ein rohes Ei behandeln würde, machen bereits die ersten Sätzen Fellmanns deutlich: »Die von Menschen gemachte, gesetzmäßige Ordnung ist eine traurige Ordnung und sie erscheint ausweglos. Wer darin lebt, wird unwiderruflich beschädigt oder zerstört« (S. 3). Hiermit fängt der eigentliche (systemkritische) Spaß erst an.
Fellmann hebt hervor, dass vor allem individuelle Abweichungen von der Norm, gerade in politisch widerständiger Hinsicht, gezielt vom System zermürbt und kleingemacht werden. So stoßen Verbesserungsvorschläge in den verschiedenen Teilsystemen der Gesellschaft zwar nicht auf Abwehr, fundamentale Veränderungen lassen sich aber dennoch nicht durchsetzen. Dafür sollen uns Meditationen, Mindfulness-Gelaber und Glückssprüche auf Teebeuteln trösten: Selbst Yogi-Tee betreibt konservative Systempropaganda.

Zwar zielt Fellmanns Kritik auf die Beständigkeit des Pflegesystems als Teilsystem des Kapitalismus ab, jedoch lässt sich dieses hervorragend dekontextualisieren und auf jedes beliebige Teilsystem übertragen. Fellmann schießt auf jeder Seite rhetorische Enttäuschungs-Salven ab, die ihr Ziel treffen: »Wie sich die Menschen im Alltag fühlen, wie es ihnen wirklich geht, rückt in den Hintergrund« (S. 5). Als Leser werde ich gar nicht erst wie Neo in der Matrix-Trilogie von Morpheus vor die Wahl gestellt, ob ich die rote oder blaue Pille möchte. Fellmann verordnet mir relativ drakonisch die rote Pille und lässt mich in das unschöne Antlitz der Realität blicken.

Vorhersehbare, linke Technikskepsis und konservative Psychotherapie

Etwas sprunghaft folgert Fellmann aus ihrer grob umrissenen Systemkritik mit Bezug auf das bereits 1965 von Theodor W. Adorno geschilderte Überforderungsgefühl, dass die ›digitale Kultur‹, wie sie es nennt, zu einer Verarmung der tatsächlichen erlebten Lebenswahrnehmung führe. Damit wärmt sie allerdings nur das gerne in linksintellektuellen Kreisen beliebte Narrativ der ›menschenfeindlichen‹ Technik auf und macht es sich angesichts der anfänglich hervorragenden Interpretationsansätze lächerlich einfach. Nach den Erfahrungen der verbindenden Kraft technologischer Möglichkeiten durch das pandemiebedingte social distancing schmeckt diese unreflektierte Technikskepsis nach bitterem, kalten Kaffee. Da reicht es auch nicht, protektionistisch zu behaupten, dass jeder Person, die »bei der digitalen Entwicklung nicht mitziehen will« (S. 6), ›Technikfeindschaft‹ vorgeworfen werde.
Philipp Blom hatte es bereits in Was auf dem Spiel steht angedeutet: Die transformativen Kräfte der Technologie dringen in die Mitte der Gesellschaft, weil diese bereits die transformativen Kräfte der Gesellschaft als solche längst überholt haben.

Pathologisierung der Systemmüdigkeitssymptome

Stark ist Fellmann dann wieder dort, wo sie den Zusammenhang von Systemüberdrüssigkeit und Traurigkeit herstellt. So hält sie fest, dass nur diejenigen reicher werden könnten, die »auf der Ablehnung der verkehrten Welteinrichtung« (S. 8) beharren. Folgt man der Argumentation und den Gedanken Fellmanns, so ist letztlich die Psychotherapie Verteidigerin des Systems. Die »Pathologisierung« (S. 12) des traurigen Menschen folge systemerhaltenden Logiken, weil die Gesellschaft und das System vermittelt bekommen, das diese bleiben könnten, wie sie sind und das eigentliche Problem das (traurige) Individuum ist. Früher las man Marx und schrie sich mit roten Flaggen bestückt die Seele aus dem Hals, heute bucht man sich ein Yoga-Retreat, weil nicht die Welt, sondern man selbst ›aus den Fugen‹ geraten sei.

Mit vielen Zwischenhalten und zu lang geratenen Horkheimer- und Adorno-Zitaten kommt Fellmann letztendlich zur sprachlich hervorragenden Schlussfolgerung, dass nur das sich mit dem System abfindende Individuum dieses System erhält. »Das System, das von uns zehrt, verdient nicht, erhalten zu werden« (S. 31). Punkt.

Sensibilisierung für eine andere Wahrnehmung der Traurigkeit

Bettina Fellmann hätte ihre Gedanken in dem Essay Zur Verteidigung der Traurigkeit ruhig und gern ausführlicher fassen können, weil die Ansätze der Systemkritik hervorragend, wenn auch nicht immer durchweg folgerichtig oder zielsicher sind. Für mich kommt dieser Essay zur rechten Zeit. Meine Erschöpfung oder Traurigkeit sind demnach die Folge äußerer Einflüsse, auf die ich herzlich wenig Einfluss habe. Die Konsequenz daraus wäre, sie einfach zu verlassen. Vielleicht eröffnet das neue Jahr ja solche Handlungsspielräume.

Bettina Fellmann, Jahrgang 1978, ist seit 1998 eine deutsche Krankenschwester und wundert sich sehr häufig über das System, in dem sie arbeitet. Aus Ermangelung fundierter  Widerstandsbewegungen beschäftigt sie sich in ihrer Freizeit mit kritischer Theorie und schrieb bereits mehrere Beiträge für die Wochenzeitung Jungle World. Rebekka Weihofen, Jahrgang 1991, ist eine deutsche Illustratorin und Graphikerin. Zur Verteidigung der Traurigkeit erschien 2021 im MaroVerlag, wurde von Rebekka Weihofen illustriert und umfasst 32 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Autor, dem Verlag bzw. bei der Illustratorin.


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Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat • Henry David Thoreau

Henry David Thoreau ist dem breiteren Publikum eher durch sein Buch Walden oder Leben in den Wäldern bekannt, in dem er als einer der geradlinigsten Essayisten Amerikas sein geradezu asketisches Leben im Einklang mit der Natur schildert: Thoreau zog sich zwei Jahre in eine Blockhütte seines Arbeitgebers und späteren Freundes Ralph Waldo Emerson zurück und brachte diese Erfahrungen zu Papier.
Unbekannter hingegen ist Thoreaus kurzer Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, den derzeit sicherlich viele Kritiker:innen der Corona-Schutzmaßnahmen allein vom Titel her positiv rezipieren, Thoreau damit jedoch Unrecht tun würden. Dieser Essay ist Ausdruck eines rationalen, keineswegs moralin sauren Weltbilds und bedient ein klassisches Narrativ: hier der integre, arme (wahrscheinlich linke) Kritiker und dort der übermächtige (mehrheitlich konservative) Staat.

Von der moralischen Lethargie der Regierung

Regierungen sind anfällig für Korruption und Missbrauch. »Wenn die Regierung am notwendigsten wäre, sind die Regierten am meisten allein gelassen« (S. 4). Besonders dieser Satz hat mich an die Misere erinnert, in der wir Bürger:innen dieses Landes momentan stecken. Trotz all der vollmundigen Versprechen, dass dieser Winter anders als der Winter 2020 würde, stecken wir wieder im selben Dilemma. Alle Expert:innen schlagen ›Alarmstufe Rot‹ und die Regierung schaut zu. Es ist wie ein Flugzeugabsturz, den man in Standbildern verfolgen kann. Die Standbilder sind dabei die Meldungen in den allgegenwärtigen Live-Blogs und Newstickern zur Corona-Pandemie. Ich bin kein Anarchist, der die Regierung ablehnt – ich wünsche mir eine moralischere, tatenreichere Regierung. Auch Thoreau plädiert dafür, dass jede:r bekannt geben solle, »welche Art von Regierung seinen Respekt gewinnen würde« (ebd.). Anders könne es zu keiner Besserung der Regierung kommen. 

Widerstand als Recht

Den Widerstand gegen die Regierung stilisiert Thoreau nicht kategorisch zum Prinzip, weil er die Demokratie ablehnt. Vielmehr plädiert er an die Verantwortung aller Bürger:innen, wenn die Regierung das eigene moralische Wertesystem durch ihr Handeln verletzt oder durch ihre Unfähigkeit besteche. Thoreau begründete seinen damaligen Widerstand damit, dass er den Krieg der Vereinigten Staaten Krieg gegen Mexiko ablehnte und daraus folgend die Zahlung seiner Steuern verweigerte, um den Krieg nicht mitzufinanzieren.

Die eigentlichen Bewahrer der Regierung sind in Thoreaus Augen jene, die der Regierung durch ihre Gleichgültigkeit die Treue halten. Er schreibt: »Menschen, die den Charakter und die Maßnahmen einer Regierung missbilligen, ihr aber dennoch Gefolgschaft leisten, sind unzweifelhaft ihre gewissenhaftesten Unterstützer und somit oft die größten Hindernisse einer Reform« (S. 13). Thoreau ruft daher dazu auf, das eigene Handeln und Tun stets im Lichte der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit zu betrachten. Stelle man jedoch fest, dass man sich zum »Arm der Ungerechtigkeit« (S. 15) mache, so solle das eigene Leben zum Gegengewicht werden. Nur so könne die Ungerechtigkeit aufgehalten werden.
Diese Betrachtung ist übrigens einer der Gründe, warum ich seit Jahren mit meinem Beruf als Lehrer hadere. Schließlich mache ich mich durch meine Tätigkeit zum Agenten der sozialen (Aus-)Sortiermaschinerie. 

Frühindustrielle Kapitalismuskritik

Im Folgenden entwickelt Thoreau eine Morallehre, die nicht durch ihre Ausdifferenziertheit besticht: Klar, natürlich ist der reiche Schmock ein moralisch verarmtes Individuum, das qua Besitzverhältnisse gar nicht moralisch integer sein kann. Dass es jedoch Unternehmer:innen wie den deutschen Trigema-Chef Wolfgang Grupp oder den früheren Nintendo-Präsidenten Satoru Iwata gibt und gab, die in Krisenzeiten eher an den Vorstandsgehältern sparten, statt den Rotstift am Personal anzusetzen, beweist, wie falsch dieses plakative, in linken Kreisen gerne erzählte Narrativ vom ›bösen Leistungsträger‹ ist. Interessant ist jedoch die konsumkritische Dimension von Thoreaus Reichen-Schelte: »Geld beschwichtigt viele Fragen, die andernfalls Antworten verlangten, während die einzige neue Frage, die es aufwirft, die so schwere wie überflüssige Frage ist, wie es ausgegeben werden soll« (S. 15). Das Zitat sollte in jedem Wartebereich einer Bank prangen.

Und nun?

Zwar regt Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat mich an, meine Privilegien als homo oeconomicus zu hinterfragen, aber mitreißen vermag mich die etwas farblose Prosa von Thoreau nicht. Ob es am Originaltext oder an der Übersetzung liegt, wage ich nicht zu bewerten. Thoreau gelingen zwar einige Einsichten und erwähnenswerte Begriffe wie »Untertanentreue« (S. 27), die verfliegen aber schnell wieder. Für eine tiefergehende Analyse, warum dem Staat mit Widerstand begegnet werden sollte, ist der schnell konsumierte Essay vielleicht nicht das geeignete Genre. Bei der Auswahl des Genres für seine Fundamentalkritik hätte Thoreau ein präziseres Klassenbewusstsein beweisen können.

Henry David Thoreau, Jahrgang 1817, verstorben 1962, war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph. Von seinen Zeitgenossen eher verlacht und ignoriert, avancierte Thoreau besonders durch die Rezeption durch Mahatma Gandhi zum Vorbild gegen materialistisches Denken. Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat erschien erstmals 1849 unter dem Titel Resistance to Civil Government. Die hier rezensierte Version erschien 2016 im Verlag Michael Holzinger, wurde von David Adner übersetzt und umfasst 34 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. beim Herausgeber und dem Übersetzer.


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Utopien für Realisten • Rutger Bregman

Die Utopie hätte ich vor der Lektüre eher in Reden von Janine Wissler oder schlecht besuchten Germanistik-Seminaren zur Ästhetik der Utopien der Frühen Neuzeit gesucht, aber nicht im Buch eines niederländischen, zumal sehr jungen Historikers. Sowohl Roger Willemsen in Wer wir waren als auch Philipp Blom in Was auf dem Spiel steht würden die Relevanz der Utopie jedoch mit kulturpessimistischem Duktus verneinen – schließlich sind beide der Überzeugung, dass der Kapitalismus an seine Grenzen geraten sei und die Menschen aus Ermangelung an konsistenten, alternativen Gesellschaftsentwürfen aufgehört hätten, von einer besseren Zukunft zu träumen.

Wir haben die Utopie beerdigt

Hier setzt Bregman in Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen einleitend an. Er überschüttet mich mit Zahlen, Grafiken und Gleichnisse etwa zur Entwicklung des durchschnittlichen BIP oder der Gesundheitsversorgung. Dabei vergleicht er verschiedene Jahrhunderte mit unserer jetzigen Zeit und kommt zum Schluss, dass wir das ›Schlaraffenland‹, von dem vorige Generationen träumten, schon erreicht hätten. Genau darin läge aber auch das Problem unseres Gesellschaftsmodells: »Der alte Traum vom Land des Überflüsses hat seinen Reiz verloren« (S. 13). Statt den Wohlstand zu nutzen, in dem wir leben, und ihn mit Sinn zu füllen, hätten wir die Utopie begraben und uns für mehr Konsum und/oder mehr Arbeit entschieden. Bregman verfolgt mit dem vorliegenden Buch deshalb auch nicht den Anspruch, Vorhersagen für die Zukunft zu liefern, sondern die Tür zu dieser Zukunft – wie auch immer sie aussehen mag –, (wieder) aufzustoßen. 

Reflektierte Begriffsgeschichte

Bregman ist jedoch bewusst, welchen Drahtseilakt er mit seinem Plädoyer hinlegt, schließlich können Utopien, die als gute Idee anfingen, in einer Dystopie enden – wie beispielsweise die verschiedenen Versuche des letzten Jahrhunderts, dem Raubtierkapitalismus sozialistische bzw. kommunistische Gesellschaftsentwürfe entgegenzusetzen. Bregman hält daher fest: »Utopien liefern keine fertigen Antworten, geschweige denn endgültige Lösungen. Aber sie werfen die richtigen Fragen auf« (S. 21). Auch ist Bregmans Analyse korrekt, dass der Liberalismus dem Individuum mehr Freiheiten einräumte, es aber gleichzeitig wieder in Geiselhaft nahm, weil der Fortschrittsgedanke des Liberalismus sich in eine minder besagt totalitäre Ausbeutungsideologie entwickelt hätte, die nur die Besserung der wirtschaftlichen Kennzahlen, nicht aber das Individuum im humanistischen Geiste wertschätzt.

Bregman stilisiert unsere Zeit zur kalten ›Technokratie‹ und stellt ihr die Utopie entgegen. Die Zeit bräuchte daher, wollten wir unseren Wohlstand tatsächlich sinnvoll nutzen, »alternative Horizonte, die unsere Phantasie anregen« (S. 28). Ab da begann Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen,noch interessanter zu werden.

Ein Ritt auf der linken Klinge

Bregman begibt sich daraufhin auf eine gedankliche Reise zum bedingungslosen Grundeinkommen, dem Ende der Armut, einer Alternative zum BIP sowie alternativen Arbeitsweltentwürfen. Bei letzteren nimmt er Bezug auf die These des im letzten Jahr verstorbenen Kulturanthropologen David Graeber: dass viele Menschen derzeit in sogenannten Bullshit-Jobs arbeiten würden, die sie unglücklich machen.

Leider bedient sich Bregman dabei durchweg einer plakativen Rhetorik, die in Analysen wie »Seit mehr als dreißig Jahren erhöht das Wirtschaftswachstum kaum noch unseren Wohlstand und in einigen Fällen sinkt er sogar« (S. 110) gipfeln. Diese Analysen sind leicht verdaulich, weil sie zunächst schwarze Tinte auf Papier sind und noch nicht zu aktivem Handeln aufrufen. Den Versuch, den Autopionier und Großkapitalisten Henry Ford aber als linken Utopisten darzustellen, weil er als erster Unternehmer die Fünf-Tage-Woche einführte, finde ich dann doch etwas lächerlich. Die ideologische Färbung steht Bregmans Buch dennoch gut.

Rhetorische Schwäche des linken Spektrums

Die guten Ansätze, die Bregman schildert – wie beispielsweise das bedingungslose Grundeinkommen – könnten jederzeit eingeführt werden, sind sie doch sowohl qualitativ als auch quantitativ durch soziologische Experimente und Studien verifiziert. Das Problem sei vielmehr, so analysiert er hervorragend, dass Rechte und neoliberale Ökonom:innen den Diskurs bestimmen und durch ihre mediale Omnipräsenz das Meinungsfenster zu ihren Gunsten weiten. Linke Stimmen fehlen dort, obwohl die Zeit nach linken Gegenentwürfen geradezu schreit. Das Phänomen gießt Bregman direkt in einen schönen Begriff: Er spricht von Underdog-Sozialist:innen. Diese »sehen ihre einzige Mission darin, die Gegenseite zu kontrollieren und zu bremsen. Sie kämpfen gegen Privatisierungen, gegen das Establishment, gegen die Sparpolitik. Sie sind gegen so vieles, dass man sich fragt, ob es irgendetwas gibt, das die Underdog-Sozialisten befürworten« (S. 253). Nicht, dass sie falsch lägen, sei das Problem, sondern dass sie »langweilig wie eine Türklinke« (ebd.) seien. Die politische Linke hätte keine Geschichte, mit der sie ihre Ideen vermitteln kann und bediene sich einer Sprache mit Begriffen wie Postkapitalismus und Intersektionalität, die nach Bücherstaub und akademischem Elfenbeinturm klingt.
Die Analyse ist zwar flach, aber treffend. Wer Millionen Menschen eine gute Zukunft sichern möchte, muss dafür auch die dementsprechende, verständliche Sprache finden. Daran könnten sich hierzulande SPD, Grüne und Linke gerne orientieren. 

Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen las sich zunächst so wie eines jener Sachbücher, die regelmäßig auf den Bestsellerlisten landen und das ein komplexes oder aktuelles Thema durch einfach Analysen zu simplifizieren versucht. Tendenziell war dies hier auch der Fall, jedoch kehrte Bregman meiner Wahrnehmung nach immer dann wieder auf den Pfad der Sachlichkeit ab, wenn er kurz zuvor noch in den Abgrund der Plakativität geblickt hatte. Eine gelungene, profunde Diskussion verschiedener Gesellschaftsentwürfe, die gerne präsenter in den Diskurs rutschen können. Hoffentlich werden diese eines Tages Realität – gerade das bedingungslose Grundeinkommen kann gerne kommen. 

Rutger Bregman, Jahrgang 1988, ist ein niederländischer Autor, Aktivist und Historiker. Er war bereits zwei Mal für den European Press Prize nominiert und nahm am Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums 2019 in Davos teil. Utopien für Realisten. Die Zeit ist reif für die 15-Stunden-Woche, offene Grenzen und das bedingungslose Grundeinkommen erschien erstmals 2014 auf Niederländisch. Die hier rezensierte Version erschien 2017 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, wurde von Stephan Gebauer übersetzt und umfasst 302 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Übersetzer.


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Ewiger Krieg für ewigen Frieden • Gore Vidal

Weniges in der Welt empört mich bis zum heutigen Tage so sehr wie die Arroganz der internationalen militärischen Großmacht der USA gegenüber anderen Nationen.

Durch die Lektüre zahlreicher Bücher von Christopher Hitchens stolperte ich über den Namen Gore Vidal. Vidal galt als einer der scharfzüngigsten politischen Autor:innen der USA. Der Essay Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat erschien aufgrund seines explosiven Inhalts nur über einen Umweg über Italien und Brasilien in den USA.

Vidal entwickelt in diesem Essay einen bis an die Grenzen des Sagbaren, spöttischen Blick auf die Bush-Administration im Rahmen der Anschläge vom 11. September 2001 und wie diese im Kontext des US-amerikanischen Weltimperialismus einzuordnen sind.

Von Junta-Vergleichen und Wahnsinnigen

Bereits im Vorwort zieht Vidal direkt auf der zweiten Seite vom Leder und vergleicht die Bush-Administration mit der spanischen oder portugiesischen Junta und stilisiert die Darstellung von Terroristen wie bin Laden und McVeigh durch die US-amerikanischen Medien als Propaganda, indem er Folgendes schreibt: »Während sich die New York Times und der Chor ihrer Epigonen komplizierte Geschichten über den wahnsinnigen bin Laden und den feigen McVeigh aus den Fingern saugen und damit den meisten US-Amerikanern einreden, dass nur ein paar Verrückte es wagen können, eine Nation anzugreifen, die ihrer eigenen Ansicht nach der Vollkommenheit so nahe ist, wie ihr eine menschliche Gesellschaft nur kommen kann« (S. 8).

Halbwarme Empörungsliteratur

Dass den Anschlägen des 11. September 2001 mehrere Konflikte vorausgingen, die durch beiderseitige Aggressionen sowohl von den USA als auch von den verschiedenen arabischen Konfliktparteien ausgelöst wurden, würde gern im öffentlichen Diskurs verdrängt oder unter den Teppich gekehrt, so Vidal. Die Kritik an den Reaktionen der Bush-Administration auf die Anschläge wird dabei in eine allgemeine, mal mehr, mal weniger nachvollziehbare sowie wütende Rhetorik verpackt. Vidal spannt dabei einen etwas fadenscheinigen Zusammenhang vom Oklahoma-City-Attentat von Timothy McVeigh zum Waco-Zwischenfall 1993 und den Anschlägen des 11. September, denn der rhetorische Gestus Clintons, dass all jene, die seine drakonischen Gesetze nicht unterstützen, würden »Amerika ›in einen Hort für Terroristen‹ verwandeln (…). Wenn schon der coole Clinton so schäumte, was können wir da erst von einem überhitzten, dienstagsgeschädigten Bush erwarten?« (S. 19). Die Formulierung ›dienstagsgeschädigter‹ Bush brachte mich dabei sehr zum Schmunzeln.

Allgemein führt Vidals Scharfzüngigkeit zu einem hohen Unterhaltungswert. Abseits dessen vermisse ich in Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat jedoch eine tiefgreifende Sachanalyse des US-amerikanischen Imperialismus und seiner politischen sowie wirtschaftlichen Verflechtungen in die verschiedenen Globalisierungsprozesse, was den Informationsgehalt des Essays deutlich mindert.

Verachtung der weniger Begünstigten

Am beeindruckendsten am Essay ist die Auflistung Vidals der US-amerikanischen Kriegseinsätze seit dem Zweiten Weltkrieg: Sie umfasst 14 eng beschriebene Seiten und sind Zeugnis dessen, was der Historiker Charles A. Beard als titelgebenden ›ewigen Krieg für ewigen Frieden‹ bezeichnet. Nie war Quantität auf gedruckten Seiten beeindruckender und das dafür gewählte Zitat passender. Die Auflistung ist ein profunder Ausdruck der Tatsache, dass »die Vereinigten Staaten die übrige Welt unablässig mit Gewalt überziehen und hierzu Vorwände benutzen, die so durch und durch fadenscheinig sind, dass wohl selbst Hitler gezögert hätte, sie zur Rechtfertigung seiner dreistesten Lügen zu verwenden« (S. 40). Mic drop.

Der zweite Teil überzeugt noch weniger

War der erste Teil des Buches schon sachlich wenig überzeugend, so weiß der zweite (längere) Teil mich zu langweilen. Dieser Teil gilt allein Timothy McVeigh, dem Attentäter von Oklahoma City, der bei einem Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building 168 Menschen tötete. Angestachelt durch das Einsatzversagen des Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives (ATF) und des FBI und den daraus resultierenden 76 Toten der Branch Davidians in Waco, einer kleinen christlichen Sekte, verlor McVeigh sein Vertrauen in den Staat und schwor diesem Rache für seine Rücksichtslosigkeit und Selbstherrlichkeit – das selbe Motiv treibe bin Laden und seine Schergen an, wodurch Vidal wieder einen Bogen zum ersten Teil ziehen kann. Eine ziemlich dünne Suppe ohne Pepp, die Vidal mir dort präsentiert.

Alles in allem mag Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat eine nette Polemik sein, die stellenweise durch ihre harschen Urteile überzeugt, sich aber schnell ermüdet, weil sie nur an der Oberfläche bleibt, statt ein vollständiges Bild des ›Weltpolizisten‹ USA zu entwickeln.
Diese Rolle hat sich sowieso seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan endgültig erledigt. China und Russland sitzen bei der nächsten Pokerrunde wieder mit am Tisch. Die Verhältnisse werden neu geordnet. Vielleicht stellten Beiträge wie dieser von Vidal einen verfrühten Abgesang auf die USA dar.

Gore Vidal, Jahrgang 1925, verstorben 2012, war ein US-amerikanischer Journalist, Schriftsteller, Drehbuchautor, Schriftsteller und Politiker. Er galt als »schlechtes Gewissen« der USA und prägender politischer Mahner der Nation. Selbst aus dem Ausland (er lebte in Italien) ersparte er seinem Heimatland keine Kritik. Ewiger Krieg für ewigen Frieden. Wie Amerika den Hass erntet, den es gesät hat erschien erstmals 2002 unter dem Originaltitel Perpetual War for perpetual Peace. How we got to be so hated bei Thunder’s Mouth Press. Die hier rezensierte Edition erschien 2003 bei der Europäischen Verlagsanstalt, umfasst 135 Seiten und wurde von Bernhard Jendricke und Barbara Steckhan übersetzt.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / den Übersetzer:innen.


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Der tanzende Direktor • Verena F. Hasel

Gestern war mein letzter Arbeitstag an einer Grundschule in Weimar. Drei Jahre war ich nun in unterschiedlichen Funktionen im staatlichen Schulsystem dienstlich verpflichtet. Was bleibt? Ernüchterung. Nicht nur Ernüchterung über die eigenen (offensichtlichen) Unzulänglichkeiten, die verpassten Chancen zur Verbesserung individueller Schüler:innen-Biografien, sondern vor allem Ernüchterung und Wut über die Trägheit des Schulsystems und die ostentative Weigerung zur Integration der (wissenschaftsbasierten) Realität.
Zum Abschied aus dem Schulsystem wollte ich jedoch nicht wieder ein x-beliebiges Plädoyer für ein deutsches, demokratisches, reformpädagogisches Schulystem, in dem Lehrer:innen wahlweise als ›Coach‹ oder ›Lernbegleiter:in‹ bezeichnet werden, lesen. Meine Wahl fiel daher auf Verena Friederike Hasels Sachbuch Der tanzende Direktor. Lernen in der besten Schule der Welt. In diesem Buch schildert die Journalistin und Autorin ihre Erfahrungen und Begegnungen mit dem neuseeländischen Schulsystem.

›Besondere‹ Schulen sind kein singuläres Ereignis

Hört oder liest man von ›besonderen‹ Schulen, die sich auf den Weg machen, Lernen und Schule neu zu denken, handelt es sich häufig um finanziell und personell üppig ausgestattete, private Schulen in Deutschland, die über eine dementsprechende Klientel verfügen. Diese Schulen brillieren oftmals durch ihre alternativen Lernformen, aber die soziale Durchmischung fehlt. In Neuseeland ist das anders. Hasel besuchte Schulen in armen und wohlhabenden Gegenden Neuseelands und stellte repetitive Muster fest: Wertschätzung und Empathie als Leitprinzip treffen auf einen hohen und dennoch fairen Leistungsanspruch. Die Autorin mutmaßt sogar, dass sich durch die Isolation Neuseelands vom Rest der Welt nicht nur eine einzigartige Flora und Fauna entwickeln konnte, »sondern auch ein einzigartiges Bildungssystem« (S. 13).

Whanaungatanga sind Eltern, die Lehrer:innen im Unterricht helfen

Das Herzstück des neuseeländischen Schulsystems sind Grundannahmen, deren sich die Gesellschaft als Ganzes verpflichtet fühlt. Der zentrale Begriff dabei ist Whanaungatanga. Der Begriff stammt aus der Sprache der Ureinwohner:innen Neuseelands, der Maori. »Whanau heißt Familie, -nga bezeichnet die Erweiterung einer Familie und -tanga alles, was mit Beziehungen zu tun hat« (S. 15). Die neuseeländische Gesellschaft teilt die Überzeugung, dass das Leben eines Individuums nur dann sinnstiftend ist, wenn es in einem größeren Ganzen aufgeht. Das Glück der Einzelnen ist mit dem Glück aller anderen unmittelbar verbunden; individuelles Glück bedingt das Glück anderer. Diese Perspektive wirkt selbstverständlich auch auf das Bildungssystem ein.

In diesem Punkt halte ich Hasels Begeisterung für wahnsinnig naiv: Sie stellt das neuseeländische System als nacheifernswert und auf die deutsche Gesellschaft übertragbar dar. Das ist meiner Meinung nach grober Unfug. Die Herzlichkeit und Geduld, mit der die neuseeländischen Pädagog:innen auf die Kinder zugehen, die dezentralisierte Organisation des Schulsystems sowie die Einbindung der Eltern in den Unterricht sind lediglich neuseeländische Spezifika. Zu einem egozentrischen, von einem völlig veralteten Leistungskonzept ausgehenden und an der eigenen Selbstzufriedenheit förmlich erstickenden Schul- und Gesellschaftssystem, wie es das deutsche ist, passt das so gar nicht. 

Mein Pädagogenherz hüpft vor Freude

Hasels Sachbuch wirkt streckenweise wie ein Tagebuch voller Schul-Anekdoten, die sie entweder beobachtet oder erzählt bekommen hat. Das schadet dem Lesegenuss aber keineswegs, weil diese Anekdoten für mich persönlich Glück stiften. Ihre Schilderungen verbreiten die Hoffnung, dass es doch irgendwie besser oder zumindest anders geht. Oftmals habe ich während der Lektüre geseufzt und schiefe Blicke von Elisa geerntet: ›So schlimm?‹ – ›Ja, so schlimm.‹

Da ist beispielsweise die Lehrerin, die ihre Schüler:innen bittet, in ihre Brotdosen aus Plastik zu blicken. Sie sollen kritisch hinterfragen, ob der in Plastik verpackte Müsliriegel oder das in Frischhaltefolie gewickelte Gurkenstück wirklich nötig sind. Doch anstatt die Kinder dafür zu verurteilen, hebt die Lehrerin hervor, dass es nicht um den Fehler geht, sondern darum, es demnächst besser zu machen. Im Anschluss an diesen Impuls schickt die Lehrerin die Kinder in den Raum gegenüber, in dem eine Schülermutter (!) auf die Kinder wartet, um gemeinsam mit ihnen Bienenwachstücher herzustellen. So nehmen die Kinder neben dem chemischen Fachwissen, das sie durch ihre neugierigen Fragen erwerben, darüberhinaus selbsthergestellte Bienenwachstücher mit nach Hause. Das ist Bildung und nicht der geschliffen geschriebene, kompetenzorientierte Rahmenlehrplan. 

Im Schlaraffenland der Bildungsreformen

Nicht nur die Anekdoten Hasels stiften bei mir Verzückung, sondern auch ihr lakonischer Ton, der das Buch charakterisiert. Sätze wie »Hier misst man Literatur eine solche Bedeutung bei, dass das neuseeländische Bildungsministerium vor mehr als fünfzig Jahren sogar einen eigenen Verlag gegründet hat« (S. 44) würde ich als Autor wahrscheinlich mit Capslock in die Tastatur knüppeln, weil es so sonderbar und revolutionär klingt. Das Ministerium hat einen eigenen Verlag und veröffentlicht Bücher.

Das, was Hasel schildert, klingt zwar häufig ganz stark nach Waldorf-Salat, könnte sich aber nicht deutlicher von den dabei im Kopf entstehenden Assoziationen abheben. Die Schüler:innen in Neuseeland lernen höchst individualisiert, die Lehrer:innen halten jedoch stets die Fäden in der Hand. »Er [der Lehrer] ist der Regisseur des Unterrichtsgeschehens, lässt sich die Kontrolle keinesfalls nehmen und formuliert klare Erwartungen an die Schüler« (S. 58). Herzliche Strenge, klare Führung und Lehrer:innen, die das Unterrichtsgeschehen lenken – all das klingt in der Zusammenfassung wie die in die Praxis umgesetzten Erkenntnisse des neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie, der mit Visible Learning (2009) vor einem Jahrzehnt die sogenannte ›Lehrerbibel‹ vorlegte.

Die Signale sind klar

Ideologisch unterscheiden sich Deutschland und Neuseeland wie Tag und Nacht. Würde eine umfassende Bildungsreform in Deutschland Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte in Anspruch nehmen, dauerte sie in Neuseeland gerade einmal 14 Monate vom Vorhaben bis zur Umsetzung. Danach wurde das neuseeländische Bildungsministerium massiv verkleinert und die Schulen wählten fortan alle drei Jahre ihre Schulkuratorien, die das Finanz- und Kontrollelement jeder Schule darstellen.

Nahezu nirgends werden die deutsche Trägheit und der verbohrte Dogmatismus so deutlich wie in Bildungsdebatten. Der tanzende Direktor. Lernen in der besten Schule der Welt sollte deshalb allen Bildungsminister:innen, Ministeriumsmitarbeitenden und Schulleiter:innen in die Hände gereicht werden. Noch dazu ist das Buch ein herausragender Impulsgeber für den wertschätzenden Umgang mit Schüler:innen. Diese könnten dann nämlich endlich als das betrachtet werden, was sie sind: Unterschiedliche Subjekte mit unterschiedlichen Startbedingungen und keine leeren Gefäße, in die man den verkopften Schund der Rahmenlehrpläne stopft.

Ein anderes Schulsystem war, ist und wird immer möglich sein. Der größte Reformschritt beginnt aber im Kopf derjenigen, die Bildung täglich gestalten oder den übergeordneten Rahmen dafür schaffen. In diesem Sinne: Sayonara, staatliches Schulsystem, Konnichiwa, Privatschule! 

Verena Friederike Hasel, Jahrgang 1978, ist eine Journalistin, Psychologin und Autorin. Sie studierte Psychologie mit Schwerpunkt Forensische Psychologie an der FU Berlin und Drehbuch an der dffb, der Berliner Filmhochschule. 2018 gewann sie den deutschen Reporterpreis. Der tanzende Direktor. Lernen in der besten Schule der Welt erschien 2019 bei Kein & Aber und umfasst 190 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und den Zitaten liegen beim Verlag bzw. der Autorin.


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Über die Dummheit • Robert Musil

»Wie kann man nur so dumm sein?«

»Bist du dumm, oder was?«

»Das ist das Dümmste, was ich je gehört habe.«

Jeder von uns kennt diese Sätze; entweder weil man sie bereits mehrere Male gehört oder selbst verwendet hat. Doch was genau sich hinter dem Begriff der Dummheit verbirgt, ist unklar. Die Begriffsbedeutung changiert zwischen einer geringen kognitiven Intelligenz oder einem mangelhaften ästhetischen Rezeptionsfeingefühl.

Robert Musil, das Gebirgsmassiv der österreichischen Literaturgeschichte, widmete sich am 11. und 17. März 1937 in einem Vortrag auf Einladung des österreichischen Werkbunds dieser Frage, woraus später dieser kurze Essay entstand. Über die Dummheit ist ein zunächst sperrig wirkender gedanklicher Erguss, der sich jedoch als kurzer, erfrischender Exkurs entpuppt – denn neben den manchmal etwas unnötigen Annotationen des Reclamverlags brilliert Musils verkopfte, schwerfällige und gerade dadurch erfrischende Prosa und eröffnet einen neuen Blick auf einen allgegenwärtigen und alltäglichen Begriff.

Dummheit als Ausdruck des Zeitgeistes

Zuschreibungen von einer immer verrückter werdenden Welt sowie von der verdorbenen und ›dummen‹ Jugend gibt es bereits seit dem Beginn der menschlichen Zivilisation. In kulturpessimistischen Lamenti, wie sie Roger Willemsen mit Wer wir waren oder Pier Paolo Pasolini mit Die lange Straße aus Sand vorgelegt haben, kommt dies mustergültig zum Ausdruck. Musil schlägt in dieselbe Kerbe, wenn er der ›Gegenwarts‹-Zivilisation der 1930er Jahre eine »Gefühlsdummheit« (S. 11) attestiert, die »zugleich auch eine Schöndummheit« (ebd.) sei, also eine gewisse Kunstfeindlichkeit; das Ressentiment gegen das Schöne und das Gute. Die Gefahr, die ich jedoch stets bei der Verwendung des Begriffs dumm sehe, ist die darin zum Ausdruck kommende Arroganz einer Person oder eines Aspekts gegenüber. Auch ich spreche mich davon nicht frei.

Bauernschläue versus Ich-Fixierung

Musil charakterisiert Dummheit sowohl als Urteil als auch als Gefühlsausbruch. Dummheit gehe aber auch darüber hinaus und bilde Abhängigkeitsverhältnisse ab. Für seine zunächst undurchsichtige Behauptung führt Musil die Bauernschlauheit sowie das Verhältnis zwischen Schüler:innen und Lehrer:innen an. Dieser listigen Bescheidenheit steht der Eigendünkel, das »Überhebungsbedürfnis« (S. 21) gegenüber, dass sich in der Verwendung des ›Wir‹ im Namen einer Partei, Sekte oder Nation äußere, statt ›Ich‹ zu sagen. Überhaupt und im Besonderen sei es laut Musil Ausdruck von Egoismus, Unruhe und Schwermütigkeit, viel von sich selbst zu sprechen. Wie Musil heute wohl die Hände über den Kopf zusammenschlagen würde in Anbetracht der Ich-Fixierung und Autoerotik der spirituellen New-Age-Bewegungen!

Das wird mir langsam zu dumm

Schimpfen oder das Urteil, dass einem etwas zu dumm geworden sei, ist nicht nur ein Urteil, sondern in Musils Perspektive ein selbstbezogener Gefühlsausbruch: Das ›Etwas‹, das einem zu dumm geworden sei, »ist man aber selbst« (S. 39). Über die Dummheit zu sprechen, ist demnach ein Urteil und eine Gefühlsäußerung, die sich immer an inneren Normen und Vorstellungen misst. Sie ist jedoch auch eine große Chance – und das ist die frohe Botschaft dieses kleinen, manchmal im Ton pöbelnden und zu stark intellektualisierenden Büchleins: Jede Arroganz, jeder Fehler, den wir machen, ist die Chance, später etwas richtig zu machen und den eigenen Fehler oder die eigene Beschränktheit einzusehen. Vielleicht sollten wir das Urteil der Dummheit vorsichtiger fällen, weil es häufig mehr über uns als über das Verurteilte aussagt.

Robert Musil, Jahrgang 1880, gestorben 1942, war ein österreichischer Schriftsteller und gilt neben Hugo von Hofmannsthal als einer der wichtigsten Vertreter des Fin de Siècle bzw. der Décadence. Sein Roman Der Mann ohne Eigenschaften befindet bis heute in verschiedensten Literaturkanons. Über die Dummheit erschien 2014 im Reclamverlag und umfasst 63 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover liegen beim Verlag bzw. dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Notes to Self • Emilie Pine

Jede:r von uns sucht in Büchern etwas anderes. Jede:r von uns bringt in jedes Buch, das wir lesen, einen eigenen Erfahrungshintergrund ein. Manchmal vergesse ich das beim Lesen. Bei Notes to Self wiederum war das exakte Gegenteil der Fall.

Trost und Zuflucht für alle

In Notes to Self schreibt die Professorin Emilie Pine in sechs Essays über ihr Leben. Es geht um ihren alkoholkranken Vater, die Scheidung ihrer Eltern, ihre Periode und Körperbehaarung, ihren Job und den damit verbundenen Burn-Out. Und es geht um ihre Fehlgeburt, um die Totgeburt ihrer Schwester, die Menopause und um Emilies Jugend voller Unsicherheit, Nächten auf der Straße, Drogen, Essstörungen, mehr oder weniger gewolltem Sex mit alten DJs und Vergewaltigungen. Über all das schreibt sie ungeschönt, ehrlich und überaus persönlich. Manche Essays gehen mir extrem nahe, andere eher weniger. Doch bei jedem einzelnen Essay und Thema denke ich mir: Irgendjemandem, der oder die das gerade liest, hilft das sicherlich, was Pine sich hier von der Seele schreibt. Irgendjemanden tröstet es, irgendjemanden bringt es zum Weinen.

Die Antwort liegt im Titel

Bei vielen Suchvorschlägen wird Notes to Self in einer Reihe mit Lebensratgebern genannt. Und auch, wenn mir das Buch in vielerlei Hinsicht geholfen hat, mich getröstet hat, mich versöhnt hat, ist es in meinen Augen dennoch kein Ratgeber. Oft habe ich mich beim Lesen gefragt: Warum schreibt Emilie Pine dieses Buch? Wer ist die Zielgruppe von Notes to Self? Die Antwort liegt bereits im Titel: Pine hat es schlichtweg für sich selbst geschrieben: »I write it so that I can, at last, feel present in my own life. I write it because it is the most powerful thing I can think of to do« (S. 175). Das mag nicht nur die schönste Antwort auf diese Frage sein, sondern auch erklären, warum es so überaus persönlich ist.

Erkenntnisgewinn durch große Themen im Kleinen

Auch, wenn Pine über viele ›große‹ Themen schreibt, wird sie doch nie unkonkret. Sie geht nie auf die Meta-Ebene und bleibt immer am konkreten Beispiel: ihrem Leben. Sie rechnet mit dem Gesundheitswesen ab, indem sie die Zustände im griechischen Krankenhaus schildert, in dem ihr Vater lag (es gab dort so gut wie keine Pfleger:innen, erst recht keine Hygieneprodukte wie Handschuhe). Sie schreibt extrem empowernd (Reich-Ranicki würde das wohl als ›Sound einer neuen feministischen Generation‹ bezeichnen) über die Periode und lässt mich dadurch meine eigene (feministische) Haltung reflektieren. Ich nehme so viele generelle Weisheiten aus dem Buch für mich mit und denke, dass Notes to Self wirklich für jede:n irgendeine Wahrheit, irgendeine (schmerzhafte) Erkenntnis bereit hält.

Emilie Pine ist Associated Professor für Modernes Drama am University College Dublin. Ihre zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurden vielfach ausgezeichnet. Notes to Self erschien 2019 bei Penguin, umfasst 205 Seiten und wurde unter anderem mit dem Irish Book of the Year-Award ausgezeichnet.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Wir wollen Schule machen • Annemarie von der Groeben

2021 ist für mich ein Jahr der großen Verluste. Zwei Mentor:innen, die mich grundsätzlich geprägt haben, sind von uns gegangen – eine von beiden, meine bildungspolitische und pädagogische Mentorin sowie die größte Schulreformerin und inspirierendste Frau der Bundesrepublik, ist am 1. März 2021 verstorben: Dr. hc. Annemarie von der Groeben. 2014 lernte ich sie im Rahmen des Seminars Professionelles Handeln in der Schule – In der weiterführenden Schule ankommen kennen. Nach dem Seminar engagierte ich mich drei Jahre lang ehrenamtlich in dem von ihr gegründeten Tabula e. V. und habe nicht nur aus dem Seminar und den vielfältigen Erfahrungen während des Ehrenamts, sondern auch durch das Praktikum an der reformpädagogischen Laborschule Bielefeld einen pädagogischen und moralischen Kompass entwickeln können, der mich selbst nach zwei Jahren an einer Regelschule zweifeln lässt, ob mein täglicher Gang in die Schule integer ist. Aktuell verneine ich dies.
Um einen pädagogischen Blick über den Zaun zu werfen und an die große Pädagogin Dr. hc. Annemarie von der Groeben zu erinnern, kaufte ich vor kurzem das Buch Wir wollen Schule machen. Eine Streitschrift des Schulverbunds »Blick über den Zaun« und war wenig überrascht, wie aktuell die darin ausführlich beschriebene Vision einer anders gedachten, kindgerechteren Schule ist.

Bottom up statt top down

Das Buch ist, wie dem Titel bereits zu entnehmen, eine Streitschrift des Schulverbunds Blick über den Zaun, einem Netzwerk von über 130 reformpädagogisch orientierten Schulen, der 1989 gegründet wurde. Die im Verbund vernetzten Schulen besuchen sich regelmäßig gegenseitig, um Synergie-Effekte der Schulen zu nutzen und die verbundeigenen »Standards für eine gute Schule« stets zu aktualisieren. Bereits in der Einleitung hebt v. d. Groeben hervor, dass Veränderungen der Struktur des Bildungssystems überfällig sind. Das Buch stammt aus dem Jahr 2010, viel hat sich an den phlegmatischen Schulen seitdem jedoch nicht verändert. Schulen, so betont es v. d. Groeben deutlich, müssen sich von Grund auf verändern. Damit sind keine pädagogisch gut gemeinten, aber nicht nachhaltigen Schönheitseingriffe wie vermehrte Wochenplanarbeit oder jahrgangsgemischte Lerngruppen gemeint, sondern eine tiefgreifende, allgegenwärtige Veränderung. Schulreformen müssten sich an dem Satz »Es gibt nichts Gutes, außer man tut es« (S, 7) messen lassen. In den folgenden fünf Kapiteln erklärt v. d. Groeben mit einer klaren Sprache, die auch Laien einen Zugang zum sprachlich doch eher häufig anspruchsvollen Feld der Bildungsforschung bietet, was eine »gute Schule« leisten und berücksichtigen muss. Mit ihrer bildhaften Sprache gelingt es v. d. Groeben, auch komplexe Sachverhalte anschaulich zu erklären. So beschreibt sie beispielsweise das Gehirn mit einem fensterreichen Haus. Die Fenster gehen jedoch nicht von selbst auf, sondern bräuchten immer ein Signal von außen. Lernen ist also ein höchst individueller Vorgang, der auf eine anregende, erfahrungsreiche Umwelt angewiesen ist. Ziel der Schulen sollte also die Ermöglichung einer aktiven Aneignung sein, die über das ›trockene‹ Informationswissen hinausgeht.

Bildungsarmut ist Erfahrungsarmut

Vor dem Schuleintritt wird einem Akademikerkind etwa 1700 Stunden lang vorgelesen – einem Kind der unteren Sozialskala nur etwa 30 Stunden lang. Bereits vor dem Eintritt in die Schule sind die Bildungsunterschiede von Kindern riesig. Das Regelschulsystem ebnet diese immer weiter ein, indem das Matthäus-Prinzip im Verlauf der Bildungsbiografie greift: Wer hat, dem wird gegeben. Das Akademikerkind zieht an dem deprivierten Kind vorbei, dass nur sehr selten den vor Schuleintritt entstandenen Erfahrungsabstand verringern kann. Die für Regelschulen sicherlich erschütternde Schlussfolgerung v. d. Groebens ist daher: »Kein Förderunterricht, etwa im Lesen, keine Nachhilfe kann später die Defizite beheben« (S. 10). Die Folge daraus müssen Schulen sein, die die Schul- und Klassenzimmertür mit dem Glockenschlag zur ersten Stunde nicht schließen, sondern auflassen. Besonders deprivierte Kinder brauchen die größtmögliche Fülle verschiedener Lerngelegenheiten und einer individualisierenden Lernumgebung. 
Wie diese Lernumgebung aussehen könnte, schildert v. d. Groeben überzeugend anhand der fiktiven Schüler:innen Selda und Max. Auf rund 20 Seiten entfaltet sie dabei den ›üblichen‹ Schulalltag und Werdegang an einer reformpädagogischen Schule, die Übergänge, Bildungserfahrungen in- und außerhalb der Schule und die verschiedenen Lernziele, wie etwa das Lernziel ›Gemeinschaft‹. Zusammengefasst ist das ›Herz‹ dieser individualisierenden Lernumgebung der Projektunterricht, in dem Kinder sowohl Selbstwirksamkeit als auch die Bereicherung gemeinschaftlicher Leistungen für ihr Selbstbild erfahren. Im Fokus der Schule solle also die Erfahrung und nicht das Lernen im militärischen Gleichschritt stehen.

Der PISA-Schock wurde nicht verstanden

All das, was v. d. Groeben so meisterlich und verständlich ausführt, ist eigentlich schon lange bekannt – schon bereits vor dem PISA-Schock im Jahr 2000. Doch selbst nach dem überdeutlichen Bild, das sich den Kultusminister:innen zeigte, blieb die grundlegende Reform aus. »Sie haben Voraussetzungen dafür geschaffen, dass an eklatanten Schwachstellen gearbeitet werden kann (Frühförderung, Ganztagsschule). Aber die Frage, wie sich das Lernen ändern soll, haben sie ausgeblendet« (S. 60). Letztlich wurden lediglich die Standards (Kompetenzen) und die staatliche Qualitätskontrolle der Schulen (z. B. Vergleichsarbeiten wie die Lernstandserhebungen) angepasst und machten die Schulen seitdem nicht besser, sondern sicherten den Ländern einer oberschulmeisterliche Übersicht über die Schulen. Die Folge dieser ›Reformen‹ sei laut v. d. Groeben eine noch größere »Stopfgans-Mentalität« (S. 63), die ein neues Wettrennen um Punkte und Ergebnisse ausgelöst hätte. Besonders die Entscheidung der KMK, sich nach PISA gegen Mindeststandards und für Regelstandards zu entscheiden, hat sprichwörtlich Öl ins Feuer gekippt. Die KMK hat sich gegen Mindeststandards entschieden, weil dadurch ein einheitliches Schulsystem und damit eine grundsätzliche Reform der Bildungslandschaft durchzuführen gewesen wäre. Regelstandards implizieren eine Gewinner- und Verliererlogik, die den Druck auf die sowieso benachteiligten Schüler:innen erneut erhöht und diese durch ihre ›mangelnde‹ Leistung markiert und systematisch stigmatisiert.

Die von v. d. Groeben skizzierte, übersichtliche und flammende Fürrede für »gute« Schulen gibt spannende Einblicke in Reformschulen, die sich auf den Weg gemacht haben, Schule anders und vor allem kindgerechter zu denken. Zu berücksichtigen ist jedoch, dass die vorgelegte Streitschrift keinen offenen Diskurs sucht, sondern ein bereits im Vorfeld ›festes‹ Bild von Schule und Schulkritik hat. Da ich die zugrundeliegenden Überzeugungen jedoch bereits vor der Lektüre teilte, stört mich das nicht. Vielmehr noch: Das Buch atmet die Überzeugung, die Begeisterung für die ›gute‹ Schule, von der Annemarie von der Groeben ihr ganzes Leben lang so überzeugt war. Nach der Lektüre bin ich von neuem entflammt: Mein ganzes Leben will ich der kindgerechten Bildung geben. Mein Moment ist jedoch noch nicht gekommen. Noch nicht. Doch der reformpädagogische Geist lebt in den Gleichgesinnten von Annemarie weiter – und so auch in mir. Ich werde sie niemals vergessen. Leb wohl, Annemarie!

Annemarie von der Groeben, Jahrgang 1940, verstorben 2021, war eine deutsche Pädagogin, Aktivistin und Schulreformerin. Sie war von 1989 bis 2006 didaktische Leiterin der Bielefelder Laborschule, der bundesweit bekannten Reformschule. 2006 gründete sie gemeinsam mit Gleichgesinnten einen Verein für mehr Bildungsgerechtigkeit – den Tabula e. V. mit Sitz in Bielefeld, der mehrfach ausgezeichnet wurde. Wir wollen Schule machen. Eine Streitschrift des Schulverbunds »Blick über den Zaun« erschien 2010 im Verlag Barbara Budrich und umfasst 185 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Die Macht der Mehrsprachigkeit • Olga Grjasnowa

In der heutigen 224. Sitzung des Deutschen Bundestags findet im 17. Tagesordnungspunkt die Besprechung eines Antrags der AfD-Fraktion zum Thema ›Kulturelle Identität‹ statt, der unter der Drucksache 19/28794 nicht nur »einen kulturellen Nationalen Aktionsplan«, sondern auch die Gründung einer »Deutschen Akademie für Sprache und Kultur« fordert. Dieser Antrag besticht vor allem durch seine Verkürzung von der Identität und Sprache Deutschlands auf die Monolingualität des Deutschen.
Dankenswerter Weise ist kürzlich ein großartiges und mehr als passendes Sachbuch von Olga Grjasnowa mit dem Titel Die Macht der Mehrsprachigkeit. Über Herkunft und Vielfalt im Dudenverlag erschienen, das den imperialistischen Anspruch und die Aggressivität von Sprachen aufzeigt – und gleichzeitig ihre Schönheit sowie ihre Möglichkeit, Welten und Realitäten zu formen. So ist das Buch ebenfalls ein flammendes Plädoyer für die Mehrsprachigkeit, weil in dieser, so ihre These, viel ungenutzte Kraft stecke. 

Mehrsprachigkeit ist ein Schatz

Olga Grjasnowa stammt aus Baku (der Hauptstadt Aserbaidschans), sie wurde zur Zeit der Aserbaidschanischen Sozialistischen Sowjetrepublik geboren. Als Kind hat sie nie richtig Aserbaidschanisch gelernt, da das Russische die Sprache des sowjetischen Imperiums war und vor allem von sozial privilegierten Personen gesprochen wurde. Das Russische besaß einen höheren sozialen Wert als das Aserbaidschanische und wurde »mit Kultur gleichgesetzt« (S. 10). Alles Nationale, wie etwa das Aserbaidschanische, galt es zu verdrängen.
Im Alter von 11 Jahren wanderte Grjasnowa mit ihrer Familie nach Deutschland aus. Heute beherrscht sie das Deutsche besser als ihre angenommene Erstsprache Russisch. Ihr Mann ist 2013 aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Mit ihren Kindern sprechen beide Eltern zuhause Deutsch, Russisch und Arabisch. Das Ehepaar unterhält sich auf Englisch. Mehrsprachigkeit spielt im Leben von Grjasnowa also eine erfrischend große Rolle.

Dass Mehrsprachigkeit ein großer Schatz ist, wird in Grjasnowas kleinem, wichtigem Buch schnell deutlich. Mit jeder Sprache, die ein Individuum beherrscht, wird es weltläufiger; es kann sich in anderen Umgebungen und Ländern bewegen und Sprachbarrieren überwinden, die dem Individuum eine andere Welt oder andere Sichten eröffnen. Darüberhinaus hebt Grjasnowa die kognitiven Vorteile des mehrsprachigen Aufwachsens hervor: Studien weisen darauf hin, dass Mehrsprachigkeit vor Alzheimer schützt und mehrsprachiger Kinder ihre Aufmerksamkeit besser kontrollieren können.

Das Leid unter dem Duktus der Einsprachigkeit

Die globalisierte, einem nationalen Flickenteppich gleichende Welt kennt rund 7000 Sprachen in ihren 195 Staaten. »Mehrsprachigkeit ist also der Normalzustand« (S. 17). Dennoch legt eine mächtige Minderheit unserer Weltbevölkerung den Duktus der Einsprachigkeit fest. Das Leid unter dem Druck dieser mächtigen Minderheit schildert Grjasnowa anhand vieler persönlicher Anekdoten, die mir als Lehrer für Deutsch als Zweitsprache einen Stich ins Herz versetzt haben. Ich begegne diesem Leid. Täglich.
So berichtet sie, dass sie im Alter von 11 Jahren wegen ihrer ›mangelnden‹ Deutschkenntnisse in die vierte Klasse einer Grundschule gesteckt wurde, obwohl sie in Baku bereits die sechste Klasse besuchte. Diese Abwertung der eigenen Schulbiografie, die das Schulbeamt:innen-Deutsch in ihrer zersetzenden und sachlich-brutalen Sprache als ›Rückstellung‹ bezeichnet, sollte ihr beim Spracherwerb helfen. Was für ein Unsinn. Dieser Vorgang sorgte lediglich dafür, dass »ich mich jahrelang dafür schämte, älter als die meisten anderen in meiner Klasse zu sein« (S. 20). 
Kinder, die in der dritten Klasse ihre Mitschüler:innen um drei bis vier Köpfe überragen, sehe ich jeden Tag. Mich macht es jedes Mal aufs Neue fassungslos und wütend, weil die unterdrückende Mehrheitsgesellschaft mithilfe der Institution Schule Kindern ununterbrochen klar macht, dass sie diese ›Rückstellung‹ wegen ihrer mangelnden Kenntnis der Sprache der Mehrheitsgesellschaft verdient hätten. Kritiker:innen dieser unwürdigen Praxis werden die ›migrantischen Erfolgsgeschichten‹ als ›leuchtende Beispiele‹ vorgehalten. Die Mehrheitsgesellschaft, so analysiert es Grjasnowa pointiert, entledigt sich damit ihrer Verantwortung und bürdet diese dem Individuum auf. So müsse sich die Mehrheitsgesellschaft nicht mit der strukturellen Benachteiligung befassen, die das eigentliche Problem mangelnder Sprachkenntnis ist. 

What’s classy if you’re rich, but trashy if you’re poor?

Mit dem schulischen Diagnoseurteil NdH (nicht-deutscher Herkunftssprache) wird die Macht der Mehrheitsgesellschaft auf die Spitze getrieben. An folgende Ausführung habe ich mir ein großes Ausrufezeichen im Buch geschrieben: »Bedeutet das nicht im Klartext, dass ein monolinguales deutschprachiges Kind automatisch als das Ideal angesehen wird?« (S. 40). Während bei Kindern aus bildungsnahen, ›deutsch-gelesenen‹ Haushalten das Erlernen weiterer Sprachen neben dem Deutschen als Zugehörigkeitsausdruck einer wie auch immer gearteten Intelligenzija zählt, wird das Sprechen der Erstsprache von Migrant:innen mit Armut, Bildungsferne und mangelndem Integrationswillen assoziiert. Mit der an deutschen Schulen praktizierten ›gezielten Sprachförderung‹ von Kindern, die Deutsch als Zweitsprache lernen, ist demnach nichts anderes gemeint als kulturelle Annihilation und Unterdrückung. Die Unterdrückung einer Sprache bezeichnet Grjasnowa daher auch schmerzhafterweise als »Linguizismus« (S. 70), als spezifische Form des Rassismus. Und ich trage meinen Teil dazu bei.

Ein internationales Puzzle

Neben zahlreichen fassungslos machenden – aber deswegen umso wichtigeren, da nun erneut sichtbaren – Situationsbeschreibungen vom aggressiven Alltagsrassismus monolingualer Ämter bietet Grjasnowa einen positiven Blick auf Mehrsprachigkeit: Die kulturellen Eigenheiten einer Sprache sind teilweise so einzigartig, dass sie sich nicht in eine andere Sprache übertragen lassen. Das Japanische, so Grjasnowa, kenne zum Beispiel das Wort »›kawaakari‹ für das Schimmern des letzten Lichts auf einem Fluss beim Sonnenuntergang« (S. 116). Mir kam dabei auch das Konzept des whanaungatanga der Maori in den Sinn. Die Maori bezeichnen damit ein Gefühl tiefer Verbundenheit, dass durch das Umsorgen anderer Personen sich deren Geschick untrennbar mit dem eigenen verbindet.
Sprachen sind aus dieser Perspektive heraus betrachtet keine Systeme, die parallel nebeneinander existieren. Stattdessen ergänzen sie sich gegenseitig, da die ›Sprachlosigkeit‹ einer Sprache durch eine andere Sprache ergänzt wird.

Grjasnowa hat mit Die Macht der Mehrsprachigkeit. Über Herkunft und Vielfalt ein niemals ausuferndes oder langweiliges Buch vorgelegt, das durch seine sprachliche Klarheit und seine zügellose Schilderung von demagogischen Alltagsrassismen der Mehrheitsgesellschaft – uns – den Spiegel vorhält. Mehrsprachigkeit ist ein Geschenk und keine Gefahr. Vielleicht sollte die AfD das bei ihren heutigen Reden überdenken.

Olga Grjasnowa, Jahrgang 1984, ist eine deutsche Schriftstellerin und Trägerin zahlreicher Literaturpreise, unter anderem des Anna Seghers-Preises und des Klaus-Michael Kühne-Preises. Die Macht der Mehrsprachigkeit. Über Herkunft und Vielfalt erschien 2021 im Dudenverlag und umfasst 128 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Every Cradle Is a Grave • Sarah Perry

Nach der Lektüre von Jim Crawfords Confessions of an Antinatalist und Thomas Ligottis The Conspiracy against the Human Race. A Contrivance of Horror hatte ich ursprünglich vor, kein weiteres Buch mehr über die Philosophie des Antinatalismus in die Hand zu nehmen. Sarah Perrys Buch Every Cradle Is a Grave. Rethinking the Ethics of Birth and Suicide veränderte dieses Vorhaben. In ihrem Buch schreibt sie als schwer erkrankte Person über die Ethik der Reproduktion und des Suizids. Perrys Buch ist keine Gute-Nacht-Geschichte einer frohlockenden Scheherazade, sondern ein beeindruckendes, streckenweise arg detailreiches, düsteres und wissenschaftliches Plädoyer für die Enttabuisierung des Suizids und über die Entscheidung, keine Kinder zu zeugen.

Von der Unfreiheit des Freitods

Der Begriff Antinatalismus leitet sich vom lateinischen Wort natalis, zur Geburt gehörig, ab. In Kombination mit dem Präfix anti plädiert die Philosophie des Antinatalismus aus ethischen, religiösen und / oder ökologischen Gründen für den Verzicht des Kinderzeugens. Die Philosophie des Antinatalismus steht also nicht gerade auf der philosophischen Sonnenseite. Perry räumt daher eingangs ein: Die in ihrem Buch vertretenen Positionen »are counterintuitive, and that some people would describe as evil« (S. VIII). Dem folgt auch Perrys von Beginn an klare, keine Diskussionen zulassende Meinung: Da das Leben schlecht ist, sollte niemand Kinder zeugen.

Perry bemängelt, dass der autonom gewählte Tod, der Freitod oder Suizid, nicht frei sei – besonders in Hinsicht auf Tabus und Vorurteile. Die dabei zum Tragen kommende Unfreiheit finde laut Perry im ›Wegsperren‹ von Personen nach einem gescheiterten Suizidversuch in geschlossene Stationen von Psychiatrien statt. Relativ bissig hält Perry fest: »Freedom is an imprecise term. But when the government authorizes the imprisonment of a person for attempting or even seriously discussing a particular action, it seems natural to conclude that he is not free to do that action« (S. 21).
Vier Milliarden Dollar investieren die Vereinigten Staaten jedes Jahr, um Menschen zu behandeln, die einen Suizidversuch unternahmen oder von der Absicht, sich selbst zu töten, sprechen. Das sei laut Perry die schlimmste Form des Paternalismus, die ein Staat praktizieren könne, denn er laufe ihrer utopischen Vorstellung des Land of Free Disposal entgegen, in der der Staat lebensmüden Personen den Zugang zu tödlichen Medikamenten unter voriger Absprache mit Mediziner:innen ermöglicht. »So everyone who wants to die may die« (S. 28).

Perry macht im zweiten Teil des Buches deutlich, dass die größten Suizid-Risikofaktoren in den USA nicht Depressionen seien, sondern der ›soziale Tod‹: »The single largest factor in predicting suicide, both at the individual and the national level, is the failure to belong in relationships with the opposite sex, family members, and society« (S. 108). Einen Zusammenhang zwischen einer hohen Anzahl unbehandelter Depressionen und einer hohen Suizidrate zu ziehen, sei laut Perry blanker statistischer Unsinn. Dieser Fakt erstaunte mich sehr, denn auch wenn das Plädoyer Perrys recht düster wirkt und ich einen Moment brauche, um mich gedanklich zu orientieren, kann ich ihre Argumentation doch gut nachvollziehen: Trotz der Folgen, die der Suizid einer (nahestehenden, geliebten und / oder bekannten) Person mit sich bringt, muss man als Individuum seine eigenen Bedürfnisse hinten anstellen und stattdessen die Bedürfnisse der leidenden Person akzeptieren.

Zweifel am Kinderkriegen

Dieselben moralischen Aspekte, unter denen Perry den Suizid analysiert – »harm / care, fairness, and loyalty foundations« (S. 95) – gelten ebenso für das zweite, große Thema des Buches: das Kinderkriegen. Perry warnt in dieser Hinsicht zur Vorsicht: »I believe that we should be very cautious about creating conscious beings, and I believe that the ideal number of conscious beings (and perhaps even living beings) in the universe is probably zero, for the good of those beings themselves« (S. 61). Gegner:innen dieser umstrittenen Position entgegnen an dieser Stelle sicherlich gern, dass die positiven Aspekte des Lebens die negativen bei weitem überwiegen und das Leben an sich sinnvoll sei. Diese Sinnhaftigkeit des Lebens bezweifelt Perry jedoch vehement: Im Leben einen Sinn zu sehen, sei eine Illusion, »a cognitive phenomenon that is very adaptive for individuals and groups« (S. 62). Religionen, Ideologien und soziale Normen seien letztlich nur dazu da, um das eigentliche Leiden des Individuums zu überdecken und Sinn dort zu stiften, wo es eigentlich keinen gibt. Außerdem sei es grausam, neues Leben zu erschaffen, da alle Menschen altern und sterben »and to make matters worse, they become aware early on that they will inevitably die« (S. 96).
Auch wenn das Leben viele Freiheiten böte, sei das Leben weiterhin eine Bürde, die jedes Individuum zu tragen habe. Einige dieser zukünftigen Individuen könnten dieser Last nicht gewachsen sein und sich daher entscheiden, den selbstbestimmten Tod zu wählen und dadurch weiteres Leid verursachen. Darüberhinaus könnte dieses Individuum durch eine möglicherweise kriminelle Existenz oder noch nicht vorhersehbare Umstände – ich denke da vor allem an die massiven ökologischen, ökonomischen und sozialen Verwerfungen, die uns bereits begleiten oder in Zukunft begleiten werden – in ärgste Not geraten und dadurch in bisher unbekanntem Ausmaß leiden. Das Leben kann also nicht unter allen Umständen gut sein.

Trotz der fehlenden ökologischen Perspektive wie beispielsweise der globalen Bevölkerungsentwicklung unter dem Gesichtspunkt des Klimawandels legt Sarah Perry ein überzeugendes, wenn auch düsteres Plädoyer zum Überdenken der bisher geltenden moralischen Ansprüche in Hinsicht auf den Suizid und das Gebären von Kindern vor. Schlechte Laune ist hier vorprogrammiert. Dennoch ist Every Cradle Is a Grave. Rethinking the Ethics of Birth and Suicide ein Buch, über das ich noch längere Zeit nachdenken werde, besonders wenn Perry abschließend festhält: »We are all terminally ill. Not one of us is going to survive« (S. 212).

Sarah Perry war oder ist eine US-amerikanische Autorin und Bloggerin. Als Reaktion auf eine schwere Erkrankung beschäftigte sie sich mit der Philosophie des Antinatalismus. Every Cradle Is a Grave. Rethinking the Ethics of Birth and Suicide erschien 2014 bei Nine-Bandes Books und umfasst 220 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Letter to a Christian Nation • Sam Harris

Nach der Veröffentlichung seines Buches The End of Faith (2004) sah sich der US-amerikanische Philosoph Sam Harris dazu gezwungen, eine Verteidigung seines Bestsellers zu schreiben, um adäquat auf die Kritik an The End of Faith antworten zu können. Die Antwort ist das vorliegende Buch: Letter to a Christian Nation.
Unter den vier Horsemen of the Non-Apocalypse ist Sam Harris der eifrigste Kritiker des Christentums der Vereinigten Staaten. Das merkt man dem Buch auch recht häufig an. Ziel dieses Essays ist es, die intellektuellen und moralischen Geltungsansprüche des Christentums für die moderne Gesellschaft zu untersuchen und zu zerstören – Rhetorik mit dem Vorschlaghammer. Ihm geht es nicht um eine offene Herangehensweise an das Thema oder um ein sachliches Plädoyer für einen säkularen Staat bzw. eine säkulare Gesellschaft: »Anyone who cares about the fate of civilization would do well to recognize that the combination of great power and great stupidity is simply terrifying, even to one’s friends« (S. XI).

Harris wandelt am Rande des guten Geschmacks

Das Buch ist als offener Brief an in den USA lebende Menschen christlichen Glaubens verfasst. Mit dem Wort Christian adressiert Harris US-Bürger:innen, deren religiöser Glaube denen der politisch-christlich Rechten entspricht: »Such a person believes, at a minimum, that the Bible is the inspired word of God and that only those who accept the divinity of Jesus Christ will experience salvation after death« (S. VIII). Mit seinem offenen Brief hofft Harris, die liberalen und moderaten Christ:innen ebenfalls zum Reflektieren ihres Glaubens anzuregen, da dieser extremistischen Positionen aller Art Obdach böte.

Schnell stilisiert Harris religiöse Gegensätze sowie den Austausch der großen transzendentalen Fragen des Lebens jedoch zu einem Kampf: »in the fullness of time, one side is really going to win this argument, and the other side is really going to lose« (S. 5). Der Ton, den Harris streckenweise an den Tag legt, gefällt mir nicht. Er ist zu martialisch und zu unsachlich. Positiv hervorzuheben ist jedoch Harris’ halbwegs gelungene Analyse der moralischen Implikationen, die sich Christ:innen von der Bibelexegese versprechen, obwohl die Bibel in Anbetracht ihrer Inhalte, insbesondere hinsichtlich des Alten »Blut-und-Feuer«-Testaments, kein geeigneter moralischer Kompass sein kann. Die wenigen moralischen Regeln wiederum, bspw. die goldene Regel (»Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen«, Lukas 6:31), wurden bereits Jahrhunderte vor dem Entstehen des Christentums von verschiedenen religiösen Strömungen oder Philosoph:innen vermittelt. Die Auswüchse des moralischen Überanspruchs der Bibel sind also unbegründet.

Sachlich-richtige Beobachtungen und rassistische Zwischentöne


Die darauf aufbauende, etwas zu kurz geratene Zitation verschiedener Bibelausschnitte, die zur Steinigung von Frauen oder dem Verbrennen von ›Ketzer:innen‹ aufrufen, überzeugt mich dabei nicht; Harris’ daraus ziehende Schlüsse sind mir oft zu oberflächlich. Richard Dawkins ist die Argumentation sowohl in The God Delusion als auch in Outgrowing God. A Beginner’s Guide deutlich besser gelungen – er nahm sich Zeit und Platz für eine genauere Betrachtung. Dies fehlt bei Harris jedoch auch bei den folgenden Themen: Er schreibt über die Auswirkungen der in den USA staatlichen finanzierten christlich-konnotierten Aufklärungsprogramme, zerstreut die Mär der guten Samariter:innen anhand des Beispiels von Mutter Teresa und nimmt Bezug auf das strikte Abtreibungsverbot in El Salvador. All dies sind interessante Punkte. Sie werden von ihm zwar nur oberflächlich behandelt, sind soweit aber stimmig. Welcher Schlussfolgerung von Harris ich dagegen nicht zustimmen kann, ist die des Zusammenhangs zwischen dem mittelalterlichen Christentum und der NS-Konzentrationslager. Harris schreibt dazu unter anderem: »While the hatred of Jews in Germany expressed itself in a predominately secular way, its roots were religious, and the explicitly religious demonization of the Jews of Europe continued throughout the period« (S. 42). Diese Aussage wird sogar noch übertroffen, wenn Harris den mit 70% immens hohen Anteil der in Frankreich inhaftierten (größtenteils gläubigen) Migrant:innen zum Anlass nimmt, gläubigen Menschen jedweder Konfession ein Kriminalitätsproblem zu unterstellen. 

Nach diesen mehr als nur bedenklichen Passagen arbeitet sich Harris an der These des Intelligent Design ab, geht auf den nicht-intervierenden Gott ein, indem er Gott eine Mitschuld am Holocaust vorwirft, und zählt verschiedene bewaffnete Konflikte auf, die in der Vergangenheit nicht nur eine territoriale Konnotation, sondern »often deeply rooted in religion« (S. 81) wären. Die Aufzählung überzeugt nur durch ihre Quantität, nicht durch ihre Qualität. Harris betreibt hier nämlich gefährliches Rosinenpicken, da die von ihm genannten Konflikte immer mehrere Ursachen hatten. Sie auf die religiösen Gegensätze zu reduzieren dient zwar seiner Argumentation, ist historisch aber dekontextualisiert und schlichtweg falsch. 

Zusammengefasst ist Harris’ Essay Letter to a Christian Nation ein ärgerliches Schriftstück. Es ist zwar voller netter Ansätze, die von ihm jedoch stümperhaft und intellektuell geradezu beleidigend schlecht umgesetzt wurden. Harris hätte seine Gedanken in einer wesentlich weniger polemischen Weise umsetzen müssen, denn Argumentationen und Auseinandersetzungen ›gewinnt‹ man nicht, indem man die anderen, die man zum Feindbild stilisiert, am laufenden Band beleidigt. Letter to a Christian Nation ist ein wirklich enttäuschendes Buch.

Sam Harris, Jahrgang 1967, ist ein US-amerikanischer Philosoph, Neurowissenschaftler und Schriftsteller. Er ist neben Richard Dawkins, Daniel C. Dennett und dem verstorbenen Christopher Hitchens einer der ›Four Horsemen of the Non-Apocalypse‹ des Neuen Atheismus. Letter to a Christian Nation erschien 2008 bei Vintage Books und umfasst 120 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Ich war auf der Fusion, und alles, was ich bekam, war ein blutiges Herz • Hengameh Yaghoobifarah

Erst vor kurzem sprachen Dominik und ich über Zahlen sind Waffen. Darin ging es unter anderem darum, dass einige dystopische Vorstellungen schon längst von der Gegenwart eingeholt wurden. Ein gutes Beispiel dafür ist Orwells 1984. Aber auch in anderen Bereichen gibt es diese Diskursüberholungen. Ein gutes Beispiel dafür ist wiederum Hengameh Yaghoobifarahs Essay-›Sammlung‹ Ich war auf der Fusion, und alles, was ich bekam, war ein blutiges Herz.

Cancel Culture von allen Seiten

Im vergangenen Jahr wurde George Floyd von Polizisten ermordet. Dieser Mord war Auslöser für die globale Black-Lives-Matter-Bewegung. In diesem Zusammenhang erschien im Juni 2020 auch Yaghoobifarahs taz-Kolumne All cops are berufsunfähig, die nicht nur für jede Menge Furor sorgte, sondern Yaghoobifarah auch die Androhung einer Strafanzeige von Innenminister Horst Seehofer und die Missbilligung des Bundespräsidenten höchstpersönlich einbrachte. Mich amüsierte die Aufregung um die Kolumne sehr: Rechte Meinungen scheint unsere Gesellschaft mittlerweile gewöhnt zu sein, bei linksradikalen Meinungen hingegen ruft Jan Fleischhauer direkt den Verfassungsschutz an. Dementsprechend war ich auch positiv überrascht, als ich im Programm des Indie-Verlags SuKuLTuR über das Heftchen von Yaghoobifarah stolperte.

In Ich war auf der Fusion, und alles, was ich bekam, war ein blutiges Herz setzt sich Yaghoobifarah im Rahmen zweier Essays mit dem Besuch des Fusion-Festivals im Jahr 2016 auseinander. Der erste Essay, Der Rausch, spielt im Juli 2016 und schildert Yaghoobifarahs Erlebnisse auf der Reise zum Festival und auf dem Festivalgelände selbst. Die – natürlich – empörten, vor allem linken Stimmen zu diesem Essay veranlassten Yaghoobifarah dazu, anderthalb Jahre später im Januar 2018 den zweiten Essay, Der Kater, zu schreiben, in welchem Yaghoobifarah auf diese Stimmen eingeht.

Unreflektierte linke Kartoffeln

Beide Essays sind theoretischer als erwartet. Im ersten Essay wechselt Yaghoobifarah stets zwischen konkreten Schilderungen der Zugfahrt oder der Menschen auf dem Fusion-Festival, um von diesen Beobachtungen aus einen konkreten Bezug zu antirassistischen, antikolonialistischen Theorien zu ziehen. So schreibt Yaghoobifarah zum Beispiel über die »weißen Personen mit Wursthaaren« (S. 7), um anhand von Dreadlocks, Bindis oder »auf ethnisch gemachten Faschingskostümen« (S. 8) die Problematik kultureller Aneignung zu erklären. Oder Yaghoobifarah legt dar, warum es problematisch ist, wenn Jessica ihr exotisches Essen auf dem Fusion-Festival verkauft: »Black and brown food served by white people who make a ton of money with it« (S. 10). Das ist gut gemacht und zeigt selbst mir, die noch nie auf einem Festival war, auf, weshalb Yaghoobifarahs Essay so relevant ist: »Wenn die Fusion wirklich so auf links und kritisch macht, warum gibt es null Sensibilität in puncto Rassismus?« (S. 11).

Schaler Wein für zwischendurch

Während der erste Essay durch Yaghoobifarahs sarkastische Beobachtungen unterhaltend bleibt, ist der zweite Essay rein theoretisch. Dennoch lerne ich nicht viel Neues. Das Problem an beiden Essays wird mir schnell klar: Ich war auf der Fusion, und alles, was ich bekam, war ein blutiges Herz ist nicht gut gealtert. Hätte ich den ersten Essay schon im Jahr 2016 gelesen oder das Heft insgesamt im Jahr 2018, hätte es mich wahrscheinlich sehr bereichert. Jetzt, knapp ein Jahr nach dem Entstehen der Black-Lives-Matter-Bewegung und einer immensen Reflexions- und Weiterbildungsleistung vieler Kartoffeln, wirken die Essays nur noch wie ein netter Snack für zwischendurch. Das, was Hengameh Yaghoobifarah in den Essays schreibt, mag vor vier, fünf Jahren für die Fusion-Fans etwa so schockierend gewesen sein wie All cops are berufsunfähig für Rainer Wendt. Im Gegensatz zu gutem Wein altern die thematisch durchaus relevanten und sehr gut geschriebenen Essays aber weniger gut: Sie schmecken mittlerweile eher schal. Das mag jedoch nicht zwangsläufig etwas Schlechtes sein, spricht es doch immerhin für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.

Hengameh Yaghoobifarah, Jahrgang 1991, studierte Medienkulturwissenschaft und Skandinavistik und arbeitet als Autor:in, Redakteur:in und Referent:in zu queer-feministischen, antirassistischen, popkulturellen und medienästhetischen Themen. Ich war auf der Fusion, und alles, was ich bekam, war ein blutiges Herz erschien 2018 bei SuKuLTuR und umfasst 19 Seiten. Außerdem haben wir von Yaghoobifarah bereits Ministerium der TräumE rezensiert.Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Letters to a Young Contrarian • Christopher Hitchens

Die konstante Vermischung der Begriffe ›Extremismus‹ und ›Radikalismus‹ in der Öffentlichkeit macht mich recht mürbe: konservative oder liberale Politiker, die mit ihren pausbäckigen Gesichtern ernst in die Kamera blicken und deren männliche Stimme vor Erregung bricht, wenn sie vor ›radikalen‹ Kräften an den ›Rändern‹ des Parteienspektrums warnen. Die Dumpfheit und definitorische Unsicherheit dieser apocalypsenow-Redner ist kaum zu überbieten. Eine ähnliche Erschütterung erfasste Christopher Hitchens, dem 2010 ein – durchweg negativ konnotiertes – radical life angedichtet wurde, in seinem Buch Letters to a Young Contrarian in Worte. Dieses Buch ist eine Reise zum ›Kern‹ des Meinungsstreits sowie ein Austausch von Ideen und moralischer Haltung.

Sprachliche Präzision als non plus ultra

Bevor ich in das Buch einsteige, sind zunächst einige Begriffe zu klären. Das Wort radikal stammt vom mittellateinischen radicalis ab, bedeutet »an die Wurzel gehend, von Grund auf, gründlich« und meint ein Denken oder Handeln, das (in besonderem Maße) normabweichend ist. Das dazugehörige Substantiv Radikalismus stammt ursprünglich aus der links-liberalen europäischen Demokratiebewegung des 19. Jahrhunderts. Das italienische Parteienspektrum kennt sogar eine Partei mit dem Namen Radicali Italiani, die liberale Positionen vertritt. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat den bis 1974 negativ konnotierten Begriff des ›Radikalismus‹ durch den des ›Extremismus‹ ersetzt, der im englischen Sprachgebrauch gebräuchlicher ist und auch Eingang in die deutsche Politik- und Sozialwissenschaft fand. So schreibt das Amt auf seiner Website: »In einem lebendigen demokratischen Diskurs haben auch radikale Ansichten ihren Platz. Tatsächlich ist es legitim, seiner Meinung darüber Ausdruck zu verleihen, dass man etwa die Demokratie für die falsche Staatsform hält oder den Kapitalismus als Wirtschafts- und Gesellschaftsform und die soziale Marktwirtschaft als wirtschafts- und gesellschaftspolitisches Leitbild für verfehlt hält. Das Grundgesetz kennt nur die Pflicht zur Gesetzestreue, nicht aber eine Werteloyalität.« Extremistisch sind hingegen Positionen oder Handlungen, die gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung verstoßen. Wenn ich also den Kapitalismus für ein System halte, das es zu überwinden gilt – und das denke ich –, bin ich ›radikal‹. Cheerio, Hitch!

Aufhänger des Buches, so Hitchens eingangs, sei die Frage »Could I offer any advice to the young and the restless; any counsel that would help them avoid disillusionment?« (S. XIII). Das Ergebnis dieser Frage sind die Briefe bzw. Kapitel an eine:n fiktive:n, junge:n contrarian (Nonkonformist:in), di:er sonst gern mit verschiedensten Bezeichnungen bedacht werden: »dissident«, »radical«, »maverick«, »loose cannon«, »rebel«, »angry young man«, »gadfly«, »iconoclast«, »think outside the box«, »bad boy«, »fanatic«, »troublemaker«, »misfit«, »malcontent« (S. 1f.). Grundlage dieser mal mehr oder mal weniger schmeichelhaften Bezeichnungen ist das Phänomen, dass sich der Mensch als soziales Wesen nach Anerkennung und Sicherheit sehne und ungerne auf der Seite einer Minderheitenmeinung stehe, da das Leben als Oppositionelle:r alles andere als einfach ist. Eine Erfahrung, die Hitchens als einer der Horsemen des Neuen Atheismus und der Begegnung mit verschiedenen Geistlichen bestätigen konnte.

Das Leben ist zu kurz für trübsinnige Kompromisse

Das Lieblingsbeispiel Hitchens in diesem Essay für die Rolle des klassischen Oppositionellen ist Émile Édouard Charles Antoine Zola, der mit seinem offenen Brief J’Accuse … ! am 13. Januar 1898 die französische Öffentlichkeit über die wahren Hintergründe der Dreyfus-Affäre informierte. Seither bezeichnet man eine mutige, öffentliche Meinungsäußerung gegen Machtmissbrauch beispielsweise als J’Accuse (Ich klage an). Hitchens räumt jedoch ein, dass die Rolle von Oppositionellen beschreibe, was man ist und nicht, was man tue: »To be in opposition is not to be a nihilist. And there is no decent or charted way of making a living at it. It is something you are, and not something you do« (S. 12). Als Oppositionelle:r gilt die goldene Regel des as if – selbst wenn es einen inneren Drang nach politischer Loyalität, des Schluckens von Halbwahrheiten für den kurzfristigen Eigennutz gäbe, solle man stets, so Hitchens, sich gegenüber akzeptierter Meinungen so verhalten, als wenn diese nicht toleriert oder als unumgänglich zu betrachten seien. Das Leben sei zu kurz für trübsinnige Kompromisse, die man später bereuen könne.

Durch alle Zeilen, die als Mutmacher gelesen werden können, trieft die Ideologie, die Hitchens Zeit seines Lebens vertrat: die eines radikalen Humanismus. »In some ways I feel sorry for racists and for religious fanatics, because they so much miss the point of being human« (S. 109). Und weiter: »The next phase or epoch is already discernible; it is the fight to extend the concept of universal human right, and to match the ›globalisation‹ of production by the globalisation of a common standard for justice and ethics« (S. 136). Unterlegt werden diese klugen, zunächst isoliert dastehenden Sätze durch Beispiele seiner eigenen kleinen und großen Rebellionen. Am lebhaftesten ist mir nach der Lektüre die jährliche Erneuerung seines Passes beim Senat der Vereinigten Staaten in Erinnerung geblieben: Hitchens wurde im Rahmen dieser bürokratischen Hürde gebeten, seine ›Rasse‹ anzugeben. Anstatt white einzutragen – weiß sei nicht einmal eine Farbe, so Hitchens – entschied er sich für den Eintrag human und verwickelte sich in einen langen Streit mit den Bürokraten, bis diese nachgaben und die Zeile mit dem Eintrag der ›Rasse‹ ausließen. Konsequente Haltungen beginnen bereits im Kleinen. 

Mit seinen manchmal unstrukturiert wirkenden Briefen an den young contrarian hat Hitchens sein politisches Manifest in Worte gegossen: polemisch, selbstironisch, politisch inkorrekt und trotzdem intelligent, charmant und treffsicher in der Argumentation. Letters to a Young Contrarian ermutigt, weiterhin Stellung zu beziehen für die eigenen Überzeugungen – auch dann, wenn dies humanistische Minderheitenmeinungen zum Ziele des Wohlergehens aller Menschen sind. Die Ermunterung gilt jedoch nur für Humanist:innen und nicht für Rassist:innen oder andere Menschenfeinde, denn diese verachtete Hitchens mit großem Impetus. Radikalismus müsse immer menschlich gedacht werden: »Radicalism is humanism or it is nothing; the proper study of mankind is man and the ability to laugh is one of the faculties that defines the human and distinguishes the species from other animals« (S. 115).

Christopher Eric Hitchens, Jahrgang 1949, verstorben 2011, war ein britisch-US-amerikanischer Autor, Journalist und Literaturkritiker. Hitchens galt als rhetorisch begabter und schärfster internationale Kritiker des Theismus. Das in der Erkenntnistheorie angewendete Hitchens’ Rasiermesser ist nach ihm benannt. Letters to a Young Contrarian erschien erstmals 2001 als Hardcoverausgabe bei Basic Books. Die von mir rezensierte Version erschien 2005 ebenfalls bei Basic Books als Paperbackausgabe und umfasst 141 Seiten. AUSSERDEM HABEN WIR VON CHRISTOPHER HITCHENS BEREITS Why Orwell Matters, MORTALITY SOWIE THE MISSIONARY POSITION. MOTHER TERESA IN THEORY AND PRACTICE REZENSIERT.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Why Orwell matters • Christopher Hitchens

Die bekanntesten Werke von George Orwell sind seine Dystopien, die Fabel Die Farm der Tiere (erschienen 1945) und seine Vision eines totalitären Staates 1984 (erschienen 1949). Beide Werke wurden nun neu übersetzt und 1984 hat es sogar in den Thea-Dorn-Kaffeeklatsch des ZDF geschafft (jene Sendung, die als freie Interpretation des früheren Literarischen Quartetts zu verstehen ist). Ausgehend von diesem Umstand wird die Öffentlichkeit also erneut mit den Klassikern Orwells konfrontiert.
Warum braucht es im 21. Jahrhundert denn noch dystopische Romane? Ein Blick in die Nachrichten genügt doch, mögen Zyniker:innen denken. Mit seinem Sachbuch Why Orwell matters versuchte Christopher Hitchens im Jahr 2002, die Relevanz Orwells für die Gegenwart nahezulegen. Dabei ließ er den nötigen schriftstellerischen bzw. journalistischen Abstand jedoch etwas missen.

Orwell war ein Weltenbürger

Die neun Kapitel von Why Orwell matters widmen sich jeweils einem Aspekt des literarischen Wirkens des indisch-britischen Meisters der Dystopie. Diese reichen von wenig kreativen Bezeichnungen wie Orwell and Empire, Orwell and the Left, Orwell and the Right bis hin zu Generosity and Anger: The Novels. Abgeschlossen wird das nebulöse Buch durch ein sechsseitiges Fazit (In Conclusion).

Eingangs erklärt Hitchens wortreich, witzig, treffsicher und analytisch klar, warum Orwell heute noch relevant ist: In der Wärme des »afterglow of post-colonialism« (S. 7), in der wir leben, sind die drei großen Themen des 20. Jahrhunderts – Imperialismus, Faschismus, Stalinismus – medial, gesellschaftlich und philosophisch in Wort, Bild und Schrift allgegenwärtig. Der Schrecken, den diese drei großen Themen in sich tragen, wird durch die Werke Orwells uns als Leser:innen vor Augen geführt. Damit wir diese Schrecken nicht vergessen oder eher sie nicht vergessen dürfen. In Zeiten von Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien und ausufernden Tech-Konzernen wie Google und Facebook stimmt dies sicherlich umso mehr.

Hitchens zeichnet das Bild eines Schriftstellers Orwell, der als ehemaliger Beamter der britischen Kolonialpolizei in seinen Berichten über die Pariser Unterschicht einen Draviden von einem Sikh nur durch Anschauung unterscheiden konnte. Orwell wird also als ein Mann dargestellt, der eine beachtliche interkulturelle Kompetenz besaß. Trotz dieser etwas verklärenden biographischen Darstellungen stellt Hitchens von Anfang an klar, dass Orwell ein Mann voller Widersprüche war: Erst durch eine intensive Lektüre bedeutender humanistischer Schriften konnte Orwell sich von seinem Anti-Intellektualismus, seinem Fremden- und Frauenhass als auch von seiner Begeisterung für den Imperialismus lossagen. Homophob blieb er jedoch bis zu seinem frühen Tod. »He upheld a somewhat traditional orthodoxy in sexual and moral matters, looked down on homosexuals and abhorred abhortion« (S. 79f.).

Essayistische Monotonie

Der Aufbau der Kapitel ist jedes Mal ziemlich ähnlich: Es gibt ein übergeordnetes Thema, Hitchens stellt eine Aussage über Orwells Ansichten zur Diskussion und gräbt sich wie ein Korrespondenz-Historiker durch die Veröffentlichungen und Kommentare Orwells. Zum Beispiel merkt Hitchens an, dass sich die Befreiung Orwells aus dem Sog des national-britischen Imperialismus und die damit verbundenen Aversionen wie ein roter Faden durch dessen Werk zögen: »Even during the years of the Second World War, when there was a dominant don’t-rock-the-boat mentality and a great pressure to close ranks against the common foe, Orwell upheld the view that the war should involve decolonization« (S. 22). Am Ende dieses Kapitels (Orwell and Empire) kommt Hitchens zu der Konklusion, dass Orwell als einer der Gründer des Post-Kolonialismus zu lesen sei. Gleichzeitig lässt er aber offen, welche Schlussfolgerungen für unser politisches Leben in der Gegenwart aus seinen Beobachtungen zu ziehen sind. Seine Schilderungen ereignen sich zwar wie immer in einem Sprachgestus, der mich als Bewunderer des Englischen bezaubert zurücklässt, aber auch gleichzeitig ratlos macht.

Warum genau nun Orwell heute noch wichtig ist, also matters, wird nach der Lektüre des Sachbuchs von Hitchens nicht ganz klar. Hitchens schafft es, passable Beobachtungen über die politische Widersprüchlichkeit von Orwell als anti-kommunistischen Sozialisten mit konservativen Anwandlungen anzustellen (»George Orwell was conservative about many things, but not about politics«, S. 102), seine Abneigung gegen die Kirche zusammenzufassen (»Orwell, too, had a rooted dislike for supernatural propaganda, especially in its Roman Catholic form«, S. 122) und biographisch nette, jedoch unnötige Detaileinsichten zu liefern (Orwell war ein Bewunderer der USA, aber reiste nie dorthin). Weitere Einsichten liefert er am Ende der jeweiligen Kapitel nicht.

Why Orwell matters ist letztlich ein gut geschriebenes Sachbuch über Herkunft, politisches Wirken und die vielen intellektuellen Irrfahrten des britisch-indischen Schriftstellers George Orwell. Warum nun seine Werke immer noch Relevanz für unsere Gegenwart besitzen, weiß ich nach der Lektüre des Sachbuchs von Hitchens aber immer noch nicht. Der Titel des Buches ist mehr als nur irreführend, vielleicht hätte es viel mehr ›Who Orwell was‹ heißen müssen. Das Buch hat mich als Teil-Biographie mit geringer Trennschärfe zur bewunderten Person überzeugt, aber nicht als politischer Kommentar zum Werk desselben.

Parallel zum Verfassen dieser Rezension habe ich die neu aufgelegten Ausgaben von 1984 und Die Farm der Tiere bestellt. Why Orwell matters – das finde ich bald selbst heraus. Für den Anreiz zu diesen (erneuten) Lektüren danke ich Hitchens jedoch.

Christopher Eric Hitchens, Jahrgang 1949, verstorben 2011, war ein britisch-US-amerikanischer Autor, Journalist und Literaturkritiker. Hitchens galt als rhetorisch begabter und schärfster internationale Kritiker des Theismus. Das in der Erkenntnistheorie angewendete Hitchens´ Rasiermesser ist nach ihm benannt. Why Orwell matters erschien erschien 2002 bei Basic Books und umfasst 211 Seiten. AUSSERDEM HABEN WIR VON CHRISTOPHER HITCHENS BEREITS MORTALITY, Letters to a Young Contrarian SOWIE THE MISSIONARY POSITION. MOTHER TERESA IN THEORY AND PRACTICE REZENSIERT.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.