Die paar leuchtenden Jahre • Mascha Kaléko

Als ich im Oktober meine erste Lyriksammlung von Mascha Kaléko las – In meinen Träumen läutet es Sturm –, wusste ich bereits, dass es definitiv nicht die letzte Lyriksammlung wäre, die ich von ihr lesen würde. Dementsprechend durfte jetzt voller Erwartungen Die paar leuchtenden Jahre bei mir einziehen und wurde nur kurz darauf von mir verschlungen.

Enttäuschende Struktur

Die paar leuchtenden Jahre wurde, ebenso wie In meinen Träumen läutet es Sturm, von Gisela Zoch-Westphal herausgegeben, eingeleitet und mit einer Biographie über Kaléko beendet. Was ich vor dem Kauf nicht wusste: Die paar leuchtenden Jahre wird als ›das große Mascha-Kaléko-Lesebuch‹ gehandelt und besteht zu einem Drittel aus der ausführlichen Biographie der beeindruckenden Lyrikerin. Das sind leider direkt zwei Punkte, die mich an der Anthologie gestört haben.

Die Anthologie beinhaltet neben klassischer Lyrik auch Chansons bzw. Lieder sowie einige mehr oder weniger kurze Prosatexte. Wie schon bei In meinen Träumen läutet es Sturm fällt mir früh aus, dass auch hier meiner Meinung nach der Aufbau der Anthologie ein vollkommener Fehlschlag ist. Auf den ersten Abschnitt, Das himmelgraue Poesie-Album, folgen Sinn- und Unsinngedichte, später werden plötzlich Prosatexte über New York eingestreut. Es folgen erneut Gedichte, dann ein weiterer Prosatext und plötzlich – Der Papagei, die Mamagei und andere komische Tiere – Tiergedichte für Kinder. Puh. Unter dem Titel hatte ich mir ähnlich anspruchsvolle, herausragende Lyrik wie in In meinen Träumen läutet es Sturm erhofft, stattdessen erwarten mich kurze Tierreime und zugegebenermaßen etwas langweilige Texte über die Lower Eastside und Greenwich Village. So einiges habe ich in dieser Anthologie überflogen – und erst recht die über 100 Seiten lange Biographie am Ende, die nicht nur ausführlichst über ihr Leben berichtet, sondern in der auch etliche Seiten Brief-Korrespondenzen abgedruckt sind. Kaum etwas daran hat mich angesprochen. Das sah bei der kurzen und knackigen Biographie in In meinen Träumen läutet es Sturm ganz anders aus; selten hat mich ein Text über eine Frau, von der ich bis dahin noch nie etwas gelesen hatte, so bewegt.

Kein gutes ›großes Lesebuch‹

Auch wenn ich sonst keine Freundin von kapitalausschöpfenden, dünnen Veröffentlichungen bin (wieso nochmal ist die Kopenhagen-Trilogie als dreiteilige Originalausgabe erschienen?), so hätte ich mir hier eine thematische Trennung gewünscht und kein großes Lesebuch, das dann trotzdem bei weitem nicht alle Gedichte enthält. Warum nicht ein hübsches Bändchen mit den Kindergedichten oder ein illustriertes Buch mit ihren Texten über New York – und die Texte dafür hier außen vor lassen? Das hier ist leider – rein strukturell betrachtet – nichts Halbes und nichts Ganzes.

Lebhafte Selbstironie und so viel Sehnsucht

Trotz aller Kritik an den Formalitäten haben mich natürlich einige der Gedichte wieder zutiefst begeistert. Ich liebe ihre lebhafte Selbstironie, die in so vielen Versen mitschwingt und doch gleichzeitig immer einen kleinen Funken Ernsthaftigkeit zu verstecken weiß: »Weiß Gott, ich bin ganz unmodern. / Ich schäme mich zuschanden: / Zwar liest man meine Verse gern, / Doch werden sie – verstanden!« (Kein Neutöner). Noch deutlicher tritt in den ausgewählten Gedichten eigentlich nur ihre Sehnsucht zum Vorschein: ihre Sehnsucht nach der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg und dem Exil, ihre Sehnsucht nach einem ›heilen‹ Deutschland. Oft schwingt da viel Biedermeier mit, wenn sie sich in kleine Stadt wünscht, »Wo alte Höfe unentdeckt noch träumen, / Als wären sie von einer andern Welt, / Nur ab und zu ein Dackel leise bellt, / Und blonde Kinder spielen unter Bäumen« (Sehnsucht nach einer kleinen Stadt).

Zwischen Unterhaltungslyrik und Rachegelüsten

Besonders gern mag ich in Die paar leuchtenden Jahre die Gedichte, in denen sie ironisch gesellschaftskritische Töne verpackt: »Wie gesagt, ich hasse alle Ketten! / Auch die Eti-Kette, die befiehlt, / Daß man bessere Gesellschaft spielt / Und sich gegenseitig in honetten / Pflichtbesuchen seinen Abend stiehlt« (Zu Gast bei feinen Leuten). Noch interessanter finde ich da nur die Gedichte, in denen sie ›Praxistipps‹ schildert – zum Beispiel ein Borschtsch-Rezept oder Texte für Postkarten an traurige oder kranke Freund:innen und Verwandte.
Alles in allem bleibt die Anthologie weitestgehend auffallend unpolitisch, gespickt mit zahlreicher Unterhaltungslyrik oder Gedichten über die Jahreszeiten. Umso mehr stechen so zwei Gedichte heraus, die zuvor in Deutschland von ihr nicht erschienen sind: Hoere, Teutschland (Hear Germany) (In memoriam Maidanek und Buchenwald – on reading the progrom documents) sowie Bittgesuch an eine Bombe. Beide Gedichte triefen vor Bitterkeit, Rachegelüsten und, ja, Hass, dass es mich umwarf beim Lesen. Folgende Zeilen möchte ich als einzigartige, ganz große Lyrik, in der ihre Mic-Drop-Verse (die ich in In meinen Träumen läutet es Sturm so liebte und hier doch kaum fand) endlich wieder zum Vorschein kommen, einfach so stehen lassen: »Sie werden kommen aus dem Land im Osten, / Wo eure Panzertanks im Blute rosten. / Im Schlaf umzingeln werden euch die Scharen, / Die eurer Mordlust stumme Opfer waren. // […] Grell schreit von eurer Stirn das rote Zeichen. / Verflucht auf ewig sei Germaniens Schwert! / Verhaßt ward mir der Anblick eurer Eichen, / Die sich von meiner Brüder Blut genährt, / Verhaßt die Äcker, die da blühn auf Leichen. // Wie haß ich euch, die mich den Haß gelehrt …« (Hoere, Teutschland (Hear Germany)).

Außen pfui, innen hui

Ihre sehnsuchtsvolle Lyrik bekommt durch diese beiden Gedichte noch einen ganz anderen Klang und ich ärgere mich zutiefst, dass nicht nur aus diesen Gegensätzen bei der Zusammenstellung der Anthologie nicht mehr herausgeholt worden ist, sondern der ganze Aufbau an sich so ein enttäuschendes Desaster ist. Ich bin froh, Die paar leuchtenden Jahre nicht zuerst von ihr gelesen zu haben – wahrscheinlich hätte es mich nie in dem Maße, wie es In meinen Träumen läutet es Sturm tat, dazu motiviert, zu einer weiteren Lyriksammlung von ihr zu greifen. Ich liebe ihre Lyrik weiterhin und bin zutiefst beeindruckt von ihrem immensen, einzigartigen Talent, das mir immer wieder den Atem raubt. Und wie auch Gisela Zoch-Westphal ganz am Ende der Anthologie schrieb: Der wohl schönste Vers Mascha Kalékos ist und bleibt »Zur Heimat erkor ich mir die Liebe«.

Mascha Kaléko, Jahrgang 1907, gestorben 1975, zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Im Alter von 22 Jahren veröffentlichte sie in Berlin ihre ersten Gedichte. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg floh sie 1938 in die USA, 1959 emigrierte sie nach Israel. Die paar leuchtenden Jahre wurde erstmals 2003 von Gisela Zoch-Westphal herausgegeben. Die rezensierte Auflage erschien im August 2007 bei dtv und umfasst 366 Seiten. Außerdem haben wir von Mascha Kaléko In meinen Träumen läutet es Sturm rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / der Herausgeberin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Ein Garten • Alma de l’Aigle

Manchmal träume ich davon, im 19. Jahrhundert zu leben. Natürlich ist das ein ziemlich törichter und romantisierender Traum, doch in Alma de l’Aigles Ein Garten kann ich mich dem ein wenig hingeben.
In dem autobiographischen Sachbuch schreibt Alma de l’Aigle über den Garten ihrer Kindheit im heutigen Hamburg-Eppendorf, das um die Wende zum 20. Jahrhundert hin noch außen vor den Toren der Stadt auf dem Land lag. Im Jahr 1888 legte de l’Aigles Vater dort auf einem ehemaligen Stück Ackerland neben dem Wohnhaus der Familie einen großen Garten an, der heute als ›Naturgarten‹ gilt und damals von Gemüse über zahlreiche Blumen, Sträucher und Bienenstöcke bis zu einer großen Streuobstwiese alles umfasste, was das Herz einer Garten-affinen Familie begehrt. Zu schade, dass es weder Skizzen oder Zeichnungen noch Fotografien vom Garten und Haus in dem Buch gibt.

Ein immenser Wissenschatz

Ein Garten ist zugleich eine Erzählung und ein Sachbuch. Autobiographisch und kunstvoll schildert de l’Aigle den Aufbau des Gartens, den Verlauf der Jahreszeiten, den Anbau und die Ernte, aber auch das Haltbarmachen der Ernte. Teils zitiert sie sogar Philosophen, Schriftsteller oder berühmte Hofgärtner wie Schopenhauer, Chamberlain und Goethe, schreibt über Ziegenhaltung oder über die Weltkriege.
Während mich das Buch zu Beginn noch nicht allzu sehr begeistert – das erste Kapitel ist eher etwas für Historiker:innen und/oder Hamburg-Liebhaber:innen –, so zieht es mich später dennoch in seinen Bann. Zwar sind die wenigen zweihundert Seiten nur sehr, ja schon fast ermüdend langsam lesbar und ich muss mich immer wieder zum Weiterlesen aufraffen, und trotzdem begeistert mich de l’Aigle stets erneut. Besonders beeindruckt hat mich ihr immenser Wissensschatz. Sie beschreibt genau, welche Obstbaumsorten im Garten stehen, welche welchen Geschmack, Geruch oder Konsistenz haben, wann sie erntereif sind, ob und wenn ja, wie sie gelagert werden sollten und wie man das Obst am besten nutzt bzw. weiterverarbeitet. Dass ihr Vater die Obstbäume in Reihenfolge ihrer Reife angepflanzt hat, tut meiner Bewunderung keinen Abbruch.

Der Vater als Diener

Der Vater von de l’Aigle steht für mich pars pro toto wie Friedrich II. für Preußen: Er ist Diener seines Reichs. Er muss sich nach der Natur richten, der Garten bestimmt über sein Tun. Und dennoch nimmt er die wichtigste Rolle in diesem Reich ein. Der Vater ist es, der in der Kammer hinter seiner Studierstube den köstlichen Johannisbeerwein aufsetzt. Er ist es, der bestimmt, wann das Obst geerntet wird und welche Früchte an den besten Feinkosthändler Hamburgs gehen, den die Familie jahrzehntelang mit italienischen Pflaumen, den schönsten Trauben und anderen Delikatessen aus dem beeindruckenden Garten beliefert hat. Der Vater ist es auch, der sich um die Bienen kümmert. Der Garten und er scheinen beinahe in einer Art Symbiose zu leben. Besonders traurig ist deshalb das Ende des Vaters, das gleichzeitig auch ein wenig das Ende des Gartens besiegelt: Nachdem der Vater und auch de l’Aigle sowie ihre Schwestern gestorben waren, ging der Garten entgegen den Wunsch des Vaters an einen privaten Besitzer und nicht an die Stadt Hamburg über. Dieser wollte den Garten dem Denkmalschutz unterstellen lassen, das Amt lehnte dies jedoch ab. So wurde der Garten an eine Investmentfirma verkauft. Allein das Umweltamt konnte durch einen Einspruch noch erreichen, dass ein Viertel des Grundstücks als Naturdenkmal an eine Stiftung ging. Dennoch wirkt der Garten von Jahr zu Jahr trauriger.

Zwischen politischer Haltung und Sachregistern

Hätte ich vor dem Nachwort von Ein Garten gewusst, wer Alma de l’Aigle war, hätte ich das Buch unter einem ganz anderen Gesichtspunkt gelesen. Ein Buch über den Garten ihrer Kindheit – ausgerechnet von einer sozialistischen Reformpädagogin und Rosenexpertin, deren Schriften während der NS-Diktatur verbrannt wurden? Von ihrer politischen Haltung lässt sich zwar nur relativ wenig herauslesen, im Rückblick machen diese Informationen Alma de l’Aigle als Person für mich aber nur noch interessanter.

Allzu gern hätte ich mir zahlreiche Garten-Tipps, Obstbaumsorten oder Einkochrezepte angestrichen, doch Dominik meinte, die wunderschöne Leinenband-Ausgabe von Matthes & Seitz sei zu schade dafür. Recht hat er, doch so befürchte ich etwas, den riesigen Mehrwert kaum aus dem Buch ziehen zu können – was doch allzu schade wäre. Hoffentlich hilft mir das ausführliche Sachregister beim Wiederfinden, sodass ich dieses schöne Buch voller altem Wissen noch oft in die Hand nehmen werde. Das Buch schlechthin für alle, die das Gärtnern und Belletristik lieben!

Alma de l’Aigle, Jahrgang 1889, gestorben 1959, war Reformpädagogin, Volksschullehrerin, Autorin, Sozialistin, Gärtnerin und Rosenkennerin. Ihre Werke wurden im Dritten Reich verbrannt. Sie engagierte sich im Widerstand gegen das NS-Regime und in der Jugendbewegung. Später war sie Mitbegründerin des Deutschen Kinderschutzbundes und beim Bundesverwaltungsgericht tätig. Ein Garten erschien erstmals im Jahr 1948 bei Claassen & Coverts GmbH Hamburg. Die hier rezensierte Version erschien 2019 bei Matthes & Seitz Berlin in der Reihe Naturkunden, wurde von Judith Schalansky herausgegeben und umfasst 228 Seiten. Aus der Reihe Naturkunden haben wir außerdem Der Habicht von Terence Hanbury White sowie Singt der Vogel, ruft er oder schlägt er? von Peter Krauss rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag / der Herausgeberin bzw. bei der Autorin.


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Eine Formalie in Kiew • Dmitrij Kapitelman

Das vielleicht Erste, das ich in meinem Geographiestudium lernte, war: Staaten und damit auch Grenzen sowie Staatsangehörigkeiten sind menschengemacht. Wir haben sie erschaffen – und wären damit auch in der Lage, diese Konstrukte wieder aufzulösen. Dass ich deutsche Staatsbürgerin bin, ist somit nicht nur reiner Zufall, sondern eigentlich auch ein Konstrukt. Ein Konstrukt, für das Dmitrij Kapitelman allerhand Reisen, Bestechungen, Erinnerungen und Unangenehmes aushalten musste.

Eine beschwerliche Reise durch die Bürokratie

In Eine Formalie in Kiew beschreibt und reflektiert Dmitrij Kapitelman autobiographisch seinen Weg der ›Deutschwerdung‹ im wahrsten Sinne des Wortes. Er kam als Kind zusammen mit seinen Eltern, seiner Schwester und seiner Oma als jüdischer Kontigentflüchtling aus Kiew nach Sachsen und entscheidet sich knapp drei Jahrzehnte später dafür, dass er die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen möchte. Es beginnt eine bürokratische Odyssee, die er in Eine Formalie in Kiew sehr humoristisch festgehalten hat.

Eine Stadt aus der Erinnerung

Nicht selten schüttelte ich beim Lesen ungläubig den Kopf. Zuerst, als die sächsische Beamtin Dmitrij mitteilt, dass er für die Einbürgerung zunächst in die Ukraine reisen und dort eine Postille besorgen muss. Bis heute weiß ich nicht, was genau das sein soll. Also reist Dmitrij, der mindestens genauso flüssig sächselt wie die Beamtin, nach Kiew. Er kennt die Stadt nur aus Erinnerungen, hat zu gute Manieren und spricht nicht einmal das ortstypische ukrainische Russisch. Gleichzeitig sieht er sich noch immer als ›Landsmann‹ und erwähnt ständig Narrative und Urban Legends, mit denen er aufgewachsen ist, die für immer in seinem Kopf gespeichert sind – allen voran Tritt niemals auf Gullydeckel, sie könnten locker sein und Entdanke dich stets diskret. Das Entdanken (also bestechen) zieht sich wie ein roter Faden durch Eine Formalie in Kiew, erinnert mich sehr an Im Menschen muss alles herrlich sein von Sasha Marianna Salzmann und macht nicht nur deutlich, dass unsere deutsche Bürokratie im Vergleich zu (wahrscheinlich nicht nur) den ukrainischen Behörden ein Segen ist, sondern auch, dass die Behörden (und nicht nur die) überaus korrupt sind.

Humor gegen Hilflosigkeit

Zugegeben: Zunächst war mir Dmitrij Kapitelmans Schreibstil zu humoristisch und ironisch, doch mit der Zeit schrumpfte dieser Anteil zu einem Maß zusammen, das das Buch überaus unterhaltsam macht. Die Einbürgerungs-Odyssee liest sich bis zur Hälfte des Buchs durchaus rasant weg, bis eine zweite Odyssee beginnt, die sich dann doch etwas zieht. Und dennoch sorgen Sätze wie »Selbstverständlich kann mein SAGS auch nur in der Leipziger Straße liegen. Kiew, du alter Ironie-Igel!« (S. 42) immer wieder für einen gewissen erzählerischen Witz, durchzogen von Erinnerungen und Politik, genauer gesagt dem Ukraine-Konflikt und Rechtsextremismus und der Schilderung der gesellschaftlichen Zustände in der Ukraine: »Diese ökonomische Gefangenschaft, die Siegerpose der Missstände, ist nicht leicht auszuhalten, liebe Landsleute daheim. Besonders jene von Ihnen, die meinen, faschistisch protestwählen zu müssen, weil es so krachend mit Deutschland bergab gehe« (S. 139).

Und dann sind da ja auch noch die Eltern von Dmitrij Kapitelman.

Zwischen Grünau und Katzastan

Dmitrij Kapitelman wuchs im achten Stock eines Leipziger Plattenbaus in Grünau auf, schreibt über Nazis beim Eisessen am Kulkwitzer See und über die Katzenansammlung im jetzigen Haus seiner Eltern, das er nur noch als Katzastan bezeichnet. Und ich, ich sehe überdeutliche Ähnlichkeiten in Bezug auf meine Realität: Meine Großeltern stammen zwar nicht aus der Ukraine, wohnen aber in Grünau (im elften Stock) und züchten seit Jahrzehnten Katzen. Als ich klein war, waren wir öfter am ›Kulki‹ Eis essen (zum Glück ohne Nazis). Diese Parallelen sorgen dafür, dass ich im Laufe des Buchs fast eine familiäre Beziehung zu den ›Figuren‹ aufbaue, während sich Dmitrij immer weiter von seinen Eltern entfernt: Der Gesundheitszustand seines »Heute-Vaters« Leonid verschlechtert sich rapide, er wird schneller senil, als man ›Komikerpräsident‹ sagen kann, während seine »Heute-Mutter« Vera nur Augen und Ohren für die Katzen und eine äußerst schlechte Beziehung zu Dmitrij hat. Beide glorifizieren nun die Ukraine und sind neben dem Züchten von Katzen nur mit Belegbergen von ihrem Geschäft für das Finanzamt beschäftigt. So leidet nicht nur die Eltern-Sohn-Beziehung, sondern auch die Ehe.

Postmigrantisches Hadern

Im Endeffekt glänzt Eine Formalie in Kiew durch Dmitrij Kapitelmans stetes Hadern. Er ist hin- und hergerissen zwischen seiner ukrainischen und deutschen Identität. Meint seine Mutter gegenüber anderen »Dima versteht das ja nicht, der ist Deutscher« (S. 147), ist er zutiefst gekränkt und verletzt. Echauffiert er sich über die ukrainische Nationaltracht – Polohemd, Jeans, Goldkettchen –, ist er froh, Deutscher zu sein. Jedes Urteil über seine Nationalität ist richtig und gleichzeitig falsch.

Schließlich beendet Dmitrij Kapitelman das Buch mit den Sätzen »Nichts ist so gleichgültig wie Nationalitäten. Wollen wir wirklich an etwas so Gleichgültigem zu Grunde gehen, liebe Landsleute?« (S. 176) und ich liebe sein Plädoyer gegen menschengemachte Staaten und konstruierte Staatsangehörigkeiten. Aber gleichzeitig nimmt ein kleiner Teil von mir ihm sein Plädoyer dann doch nicht ganz ab. Was für ein kompliziertes, zwiespältiges Thema. Da kommt etwas Humor doch gerade recht.

Dmitrij Kapitelman, Jahrgang 1986, ist in Kiew geboren und kam acht Jahre später nach Deutschland. Nach seinem Studium der Politikwissenschaft und Soziologie an der Universität Leipzig und dem Absolvieren der Deutschen Journalistenschule in München arbeitet er heute als freier Journalist. Er schrieb unter anderem für die taz und die ZEIT. Eine Formalie in Kiew erschien 2021 bei Hanser Berlin, umfasst 176 Seiten und wurde mit dem Buchpreis Familienroman der Stiftung Ravensburger Verlag ausgezeichnet.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Autor und dem Verlag.


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Thin Places • Kerri ní Dochartaigh

Angesichts des Ergebnis des Brexit-Referendums macht sich im Jahr 2016 Ratlosigkeit in vielen Ir:innen und Nordir:innen breit. Mit dem EU-Austritt steht auch der Frieden im Grenzgebiet auf der Kippe, da alte politische, ökonomische, weltanschauliche und geographische Konflikte so neuen Zunder bekamen. Meiner Wahrnehmung nach wird trotz des Friedensnobelpreises, der im Jahr 2012 warum auch immer an die Europäische Union verliehen wurde, gerne vergessen, dass besonders an den Grenzgebieten Europas, ob im Kosovo oder in Irland, der Frieden ganz besonders dünn und zerbrechlich ist – ähnlich wie die Flügel eines Schmetterlings.

Die Sprengkraft dünner Orte

Kerri ní Dochartaigh, geboren und aufgewachsen in Derry, einer Grenzstadt im Nordwesten Nordirlands, schildert in Thin Places ihre Lebensgeschichte und persönlichen Traumata des Nordirlandkonflikts. Sie ist eine selbstgrausame Schwimmerin: Selbst in der kalten Jahreszeit begibt sie sich ins äußerst kühle Nass. Dabei sinnt sie über die unsichtbare Grenze nach, die sie beim Schwimmen durchbricht. Im Niemandsland des Wassers gleitet Kerri ní Dochartaigh über die historischen Narbe Irlands und Nordirlands.

Das Wasser und die damit verbundene Grenze in Derry bezeichnet Kerri ní Dochartaigh als thin place, also einen Ort, der durch seine Geschichte, seine Natur oder die Bedeutung, die man ihm persönlich beimisst, derart ›ruhig‹ oder ›dünn‹ ist, »that you meet yourself in the still point« (S. XVI). Zunächst bleibt unklar, was Kerri ní Dochartaigh damit konkret meint oder ausdrücken möchte.

Scheinbar unüberwindbare Grenzen

Obwohl die nordirisch-irische Grenze erst ein Jahrhundert existiert, ist sie verantwortlich für unsagbares Leid auf beiden Seiten: »I remember standing on this same beach just after that vote and weeping, memories surging through my insides like hidden tributaries. No more, no more, no more – we have all had enough already, enough for many lifetimes« (S. XIII).
Doch die Grenze ist nicht nur als 310 Meilen umspannender roter Strich im Atlas sichtbar, sondern auch an der Herkunft der Autorin: Die Mutter ist katholisch, der Vater protestantisch. Die Grenze verläuft direkt durch die Blutlinie.

Die azyklischen Erzählungen der Autorin, die aus Berichten über den politischen Kontext des letzten politisch-religiösen Konfliktes auf europäischem Boden, persönlichen Begegnungen und Motten- bzw. Schmetterlings-Allegorien bestehen, tragen trotz ihres düsteren Themas eine durchschimmernde Hoffnung, eine bettelnde Zuversicht, die ich schwer in Worte fassen kann. So schildert Kerri ní Dochartaigh beispielsweise, dass sie sich in ihrer Jugend nach nächtlichen Unruhen und/oder Bombenexplosionen in ihrer Nachbarschaft darauf besann, was sich nicht ändert: die Natur sowie die Flammen brennenden Kaminholzes: »The flames had seemed almost to dance in time with the howling winds that were shoving the tress around outside, and I remember how comforted I felt by it, by the fact that the winds still howl, and that I still love them, despite it all« (S. 16).

Zwischen Persönlichem und Politik

Der Schmetterling ziert nicht nur den graphisch schön gestalteten Umschlag des Buchs, sondern auch leitmotivisch das Schreiben Kerri ní Dochartaighs. So folgt das Erzählen der Autorin einem Dreischritt: So berichtet sie zunächst, welche folkloristische Bedeutung Schmetterlinge in Irland haben (sie sind die Seelen der Toten), was dies für sie persönlich bedeutet (die Naturbeobachtung und Beschäftigung mit ihren Bewohner:innen war ihre Zuflucht vor der traumatischen Realität des Krieges) und an welche Stationen in ihrer Biografie sie das erinnert.

Nach ihrer traumatischen Jugend, die sie – so wie viele ihrer Mitschüler:innen – in die Depression trieb, verließ Kerri ní Dochartaighs so schnell wie möglich Derry, nur um dann festzustellen, dass es keinen Ort, keine Menschen gab, die ihre sichtbaren sowie unsichtbaren Narben heilen konnten. Alles in ihr zog sie mehr als ein Jahrzehnt lang immer wieder an den Ort ihrer Traumata zurück: nach Derry. Grund dafür seien die ›Spuren‹, die ihr Leben in der Natur Derrys hinterlassen hätten. Kerri ní Dochartaigh entwickelt nämlich einen metaphysischen Spiritualismus mit ihrer Annahme der ›dünnen‹ Orte. Sie schreibt: »I want us to hold part of those places within our bodies too – I want to believe that we are in this all together – that we are connected. I need to believe that the sea and the land – the places we have been shaped and held by – will show us how to live again, will remind us how to be« (S. 40). Kerri ní Dochartaigh stellt so die steile These auf, dass all der Hass, der zu Konflikten wie dem zwischen den Katholik:innen und den Protestant:innen führt, in der Entfremdung des Menschen von der Natur wurzele.

Keine Gute-Nacht-Lektüre

Trotz des wunderbaren Schreibstils Kerri ní Dochartaigh ist Thin Places kein Buch zur ungestoppten Lektüre. Überladen mit vielen Facetten, musste ich das Buch häufiger zur Seite legen. Ihr Debütwerk ist vor allem ein Buch über mentale Gesundheit und traumatische Kriegserlebnisse. So berichtet Kerri ní Dochartaigh, dass sich viele ihrer Freund:innen aus der Schulzeit aufgrund des Erlebten zu Tode tranken oder erhängten. Eine Gute-Nacht-Lektüre sieht anders aus.

Kontrastierend zu diesen bestürzenden Berichten wartet die junge Autorin mit wunderschönen Sätzen wie »We are reminded, in the deepest, rawest parts of our being, that we are nature. It is in and of us« (S. 54) auf. Diesen Gegensatz muss ich als Leser erstmal aushalten lernen. 

Thin Places hat mich überrascht und umgehauen. Trotz der Schwere des politischen Themas erzeugt die antagonistische Herangehensweise mithilfe des Nature Writing eine poetische Leichtigkeit, die manchmal eine Spur zu überraschend und zu fröhlich daherkommt.
Bei der Lektüre habe ich mich auch an einige ›dünne‹ Orte erinnern müssen. Orte, an die ich zurückgekehrt bin, um mich mit dem Verlust zu beschäftigen. Vielleicht drückt sich darin auch die Größe des Debüts Kerri ní Dochartaighs aus: Wer den Schmerz der Vergangenheit hinter sich lassen will, muss die Orte besuchen, an denen dieser Wurzeln schlägt. Ich kann das nächste Werk der Autorin kaum erwarten.

Kerri ní Dochartaigh, Jahrgang 1983, ist eine nordirische Schriftstellerin. Kürzere Beiträge veröffentlichte sie in The Guardian sowie The Irish Times. Ihr Debüt Thin Places stand auf der Shortlist für den Wainwright Prize, erschien bei Canongate Books und umfasst 272 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

The Quotable Hitchens from Alcohol to Zionism • Windsor Mann

Nach zahlreichen Lektüren von Christopher Hitchens war es nun endlich Zeit, über ihn zu lesen.

Christopher Hitchens war einer der größten streitbarsten Rhetoriker des 20. und 21. Jahrhunderts. Seine scharfsinnigen, humorvollen und schneidenden Statements, Gedanken und Ideen hat Windsor Mann in The Quotable Hitchens from Alcohol to Zionism. The very best of Christopher Hitchens zusammengetragen und thematisch geordnet. Zugegeben: Die Lektüre versprach zunächst wenig überraschend zu werden, weil ich bereits vieles von Hitchens kenne. Allerdings war es eine Annahme, die sich als falsch erweisen sollte.

Eine wilde Mischung

Die gesammelten Zitate reichen thematisch vom Antiwar Movement über Consumerism, Helen Millen, Pornography, Sex, Terrorism, Walking bis hin zu Oscar Wilde. Das Buch lädt dabei nicht zur vollständigen Lektüre ein; es ist eher ein Buch zum Entdecken oder Stöbern in verschiedenen Aspekten des gesellschaftlichen und politischen Lebens.

Zwischen all den Zitaten sind der Furor und intellektuelle Zynismus des stets oppositionellen Journalisten ablesbar. Ein Beispiel dafür: Während eines seiner ersten Fernsehinterviews erläuterte Hitch einem Moderator seine poetische Vorstellung der nationalen Souveränität Amerikas. Dem Moderator war das scheinbar zu hoch: »I can’t understand a word you’re saying (S. IX).« Hitchens erwiderte trocken: »I’m not in the least surprised.«

Alltagsweisheiten & Wand-Tattoos

Neben schnippischen Momentaufnahmen Hitchens finden sich in The Quotable Hitchens from Alcohol to Zionism auch zahlreiche Alltagsweisheiten und Ausbrüche wie »… I find that it is the fucking old fools who got me down the worst, and the attainment of that level of idiocy can often require a lifetime (S. 5)« oder »It is often in the excuses and in the apologies that one finds the real offense (S. 17)«. Auch Antifaschist:innen bekommen mit Sätzen wie »… A fascist is a fascist and should be called by his or her rightful name (S. 107)« Anregungen für das nächste Wand-Tattoo.

Trotz oder gerade wegen seines Umfangs stellt dieses Buch ein Christopher-Hitchens-Kompendium dar, das vieles anbietet und seinem eigenen Anspruch gerecht wird: ›Fans‹ des leider viel zu früh verstorbenen, einzigartigen Journalisten und Rhetoriker eine Sammlung vielfältiger Statements zu bieten. Martin Amis schreibt dazu passend über ihn im Vorwort: »And yet this Christopher doesn’t have a kind. Everyone is unique – but Christopher is preternatural« (S. VII).

Windsor Mann ist ein US-amerikanischer Journalist. Er schreibt für die Washington Times und arbeitet freiberuflich als Biograph und Autor. The Quotable Hitchens from Alcohol to Zionism. The very best of Christopher Hitchens erschien 2011 bei Da Capo Press und umfasst 332 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Herausgeber.


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Notes to Self • Emilie Pine

Jede:r von uns sucht in Büchern etwas anderes. Jede:r von uns bringt in jedes Buch, das wir lesen, einen eigenen Erfahrungshintergrund ein. Manchmal vergesse ich das beim Lesen. Bei Notes to Self wiederum war das exakte Gegenteil der Fall.

Trost und Zuflucht für alle

In Notes to Self schreibt die Professorin Emilie Pine in sechs Essays über ihr Leben. Es geht um ihren alkoholkranken Vater, die Scheidung ihrer Eltern, ihre Periode und Körperbehaarung, ihren Job und den damit verbundenen Burn-Out. Und es geht um ihre Fehlgeburt, um die Totgeburt ihrer Schwester, die Menopause und um Emilies Jugend voller Unsicherheit, Nächten auf der Straße, Drogen, Essstörungen, mehr oder weniger gewolltem Sex mit alten DJs und Vergewaltigungen. Über all das schreibt sie ungeschönt, ehrlich und überaus persönlich. Manche Essays gehen mir extrem nahe, andere eher weniger. Doch bei jedem einzelnen Essay und Thema denke ich mir: Irgendjemandem, der oder die das gerade liest, hilft das sicherlich, was Pine sich hier von der Seele schreibt. Irgendjemanden tröstet es, irgendjemanden bringt es zum Weinen.

Die Antwort liegt im Titel

Bei vielen Suchvorschlägen wird Notes to Self in einer Reihe mit Lebensratgebern genannt. Und auch, wenn mir das Buch in vielerlei Hinsicht geholfen hat, mich getröstet hat, mich versöhnt hat, ist es in meinen Augen dennoch kein Ratgeber. Oft habe ich mich beim Lesen gefragt: Warum schreibt Emilie Pine dieses Buch? Wer ist die Zielgruppe von Notes to Self? Die Antwort liegt bereits im Titel: Pine hat es schlichtweg für sich selbst geschrieben: »I write it so that I can, at last, feel present in my own life. I write it because it is the most powerful thing I can think of to do« (S. 175). Das mag nicht nur die schönste Antwort auf diese Frage sein, sondern auch erklären, warum es so überaus persönlich ist.

Erkenntnisgewinn durch große Themen im Kleinen

Auch, wenn Pine über viele ›große‹ Themen schreibt, wird sie doch nie unkonkret. Sie geht nie auf die Meta-Ebene und bleibt immer am konkreten Beispiel: ihrem Leben. Sie rechnet mit dem Gesundheitswesen ab, indem sie die Zustände im griechischen Krankenhaus schildert, in dem ihr Vater lag (es gab dort so gut wie keine Pfleger:innen, erst recht keine Hygieneprodukte wie Handschuhe). Sie schreibt extrem empowernd (Reich-Ranicki würde das wohl als ›Sound einer neuen feministischen Generation‹ bezeichnen) über die Periode und lässt mich dadurch meine eigene (feministische) Haltung reflektieren. Ich nehme so viele generelle Weisheiten aus dem Buch für mich mit und denke, dass Notes to Self wirklich für jede:n irgendeine Wahrheit, irgendeine (schmerzhafte) Erkenntnis bereit hält.

Emilie Pine ist Associated Professor für Modernes Drama am University College Dublin. Ihre zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurden vielfach ausgezeichnet. Notes to Self erschien 2019 bei Penguin, umfasst 205 Seiten und wurde unter anderem mit dem Irish Book of the Year-Award ausgezeichnet.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Der Habicht • Terence H. White

Sich in ein kleines abgelegenes Waldhäuschen zurückziehen, das Handy ausstellen und einfach dem Regen lauschen – das wär’s jetzt. Terence Hanbury White, besser bekannt als T. H. White, setzte bei diesem Wunsch noch einen drauf: Im Cottage eines Bekannten wollte er mit mittelalterlichen Methoden einen wilden Habicht abrichten und sich ganz der Schriftstellerei und Falknerei widmen, da er nach sechs Jahren Schuldienst die Schnauze voll hatte. Mit dem Rollenwechsel von der des Gepeinigten während seiner traumatischen Schulzeit zum Peiniger als Englischlehrer kam er nie zurecht. Nachvollziehbar. Schon von Natur aus sei White ein Einzelgänger gewesen, der Menschen gerne mied.

Rückzug aus einer krisengeschüttelten Welt

Whites Tagebuch Der Habicht entstand in der Abgeschiedenheit. Es gilt heute als ein Klassiker des Nature Writing und setzt im Jahr 1936 ein, doch die Aggressionen und Kriegsvorbereitungen Nazi-Deutschlands klingen nur in den Zwischentönen durch.
In dieser Zeit der politischen Pulverfass-Stimmung ließ sich der von der Schule traumatisierte White einen Terzel, einen männlichen Habicht, aus dem »Grün des teutonischen Hochlands« (S. 14) in das gemietete, einsame Cottage im verschlafenen England liefern, um ihn dort abrichten oder ›abtragen‹ zu wollen, wie die Falknersprache das Trainieren eines Greifvogels auf der Faust nennt. Durch den Transport und den Freiheitsentzug war der junge, wilde Habicht, den er verniedlichend Gos nannte (nach dem englischen Namen Goshawk für ›Habicht‹), selbstverständlich mehr als verärgert. Auf der Suche nach Möglichkeiten, wie er Gos abrichten kann, versorgte er sich nicht aktuellen Fachbüchern. Stattdessen griff White auf das Buch Bert’s Treatise of Hawks and Hawking aus dem Jahr 1916 zurück, das auf mittelalterlichen Methoden basiert – eine Entscheidung, die er später bereute, da mittlerweile wesentlich bessere Abrichtungsmethoden entwickelt wurden.

Greifvögel werden nicht durch Bestrafung oder Prügel gefügig gemacht, da Greifvögel einen unbeugsamen Charakter haben. Misshandlungen verübeln sie den Gewaltanwendenden sehr und – im Gegensatz zu den Menschen – fürchten sie sich nicht vor dem Tod. Um einen Greifvogel gefügig zu machen, empfohlen Whites mittelalterliche Bücher stattdessen, den Vogel drei Tage lang wachzuhalten – worunter der Greifvogel und der Mensch gleichermaßen leiden. Ziel dieser Pein ist, dass der Vogel irgendwann vor Müdigkeit die Schwingen fallen lässt und auf der Faust einschläft. Nach endlos wirkenden zweiundsiebzig Stunden hält White fest: »Zwischen den beiden Protagonisten war ein Band entstanden – Erbarmen auf der einen Seite, Vertrauen auf der anderen« (S. 29). Der erste Meilenstein des Abrichtens von Gos war erreicht.

Falknerei als Achterbahn der Gefühle

Nach dem ersten Erfolg folgte jedoch nicht der nächste. Das Nervenkostüm eines Habichts verändert sich häufiger als die Laune des Ozeans. Für einen Schritt nach vorn musste White zwei Schritte zurückgehen. Doch trotz des Verdrusses, den White aufgrund der Launenhaftigkeit des Vogels verspürte, war er sich stets bewusst, über was für ein zerbrechliches, edles Wesen Macht ausübt. So nutzte White keine Trillerpfeife, um Gos zu sich zurückzurufen. Stattdessen pfiff er den Hirtenpsalm The Lord’s my Shepherd: »Gos war einfach zu schön, als dass man ihn mit einem solch schrillen, mechanischen Ton aus einer Polizistenpfeife hätte beleidigen dürfen« (S. 35).
Die Zärtlichkeit, mit der White von dem mürrischen Vogel spricht, kommt fast einer anrührenden Verliebtheit gleich. Als Gos das erste Mal an der Lockschnur in einem Tümpel badet, beschreibt White wie »der alberne kleine Prinz alle seine Federn« (S. 62) aufbläst und wie eine »alte Dame, die sich in der Straßenbahn umständlich auf einen Sitz niederlässt« (S. 62) ins Wasser setzt. Die humorvolle Würdelosigkeit dieser Situation stand mir bildhaft vor Augen. Die Überidentifikation mit dem geflügelten Gefährten führt jedoch gleichzeitig zu einem Abfärben des mürrischen Wesens des Vogels auf White. An anderer Stelle schreibt er voller Zorn davon, dass er den Vogel nach dem tausendsten Abspringen vom Lederhandschuh »schlagen, zerstampfen, zerstückeln, erwürgen, zerreißen, rupfen, in alle Winde zerstreuen, zerschmettern, auf ihm herumtrampeln« (S. 53) wolle. Zur Beruhigung rezitierte White als Engländer, der er durch und durch war, vor lauter Verdruss Hamlet, Macbeth, Richard II., Othello oder Der Sturm – aber ohne laute, tragische Stimme, da dies seinen empfindlichen Gefährten verschreckt hätte. 

Trotz Whites Bemühungen, neu eingeführte Fachbegriffe aus der Falknersprache bei ihrer Erstverwendung zu erklären, rutschen einige der Begriffe durch, was aber nicht weiter schlimm ist. Mittlerweile bedanke ich mich nach gemeinsamen Mahlzeiten mit Elisa für die Atzung, also die Fütterung des jungen Greifvogels, und auch Begriffe wie ›Stoß‹, ›Locke‹, ›Geschüh‹, ›Drahle‹, ›Beize‹ sowie ›Schmelz‹ reihen sich in diese Wunderkammer der Skurrilität ein. Für genauere Einsichten in dieses Paralleluniversum der Falknersprache empfehle ich diese Übersicht

Spiegelung der inneren Gefühlswelt

Allgemein brilliert White durch seine klare Sprache. Zwar geht diese manchmal – wie ihr Autor – auf Wanderschaft, bleibt dabei aber nicht im Morast des Künstlichen oder Kitschigen hängen. Besonders angetan haben es mir Whites Naturbeschreibungen. Da schmeckt der Herbstwind plötzlich »nach eisigem Norden« (S. 121) und der laubgepflasterte Waldboden hat sich in »Dantes zweiten Höllenkreis« verwandelt. Seinen poetischen Höhepunkt erreicht White in seinem Tagebuch, als er über das Transzendente des menschlichen Schöpfergeistes schreibt: »Manchmal, wenn wir etwas angetrunken oder in Musik versunken sind, wissen wir einfach, dass tief im Inneren der Welt ein Akkord verborgen liegt, mit dem mitzuschwingen uns Realität verleiht« (S. 125). Wenn ich nach etwas in Literatur suche, das Katharsis erweckt, dann sind es solche Sätze.

Whites Faszination für die wilden, freien, mythisch verklärten und grausamen Herrscher der Lüfte kann im Spiegel seiner geheim gehaltenen sexuellen Bedürfnisse – White war homosexuell und seit der in der Schulzeit regelmäßig stattfindenden Züchtigungen von sadistischen Praktiken wie dem Spanking begeistert – als Projektion verstanden werden. Der Greifvogel ist frei, sein Meister unfrei. Die Identifikationen sind so deutlich, dass sie nicht nur anrührend, sondern auch aufbrausend sind. In den Situationen, in denen sich der Habicht White widersetzt, flammt eine kaum zu bremsende Wut in ihm auf, die er nicht einmal mit Worten beschreiben muss, denn als Leser empfinde ich sie ebenfalls; so hoch ist zum Ende der Lektüre meine Identifikation mit White gewesen. Dennoch hat mir die reflexive Ebene gefehlt, schließlich ist es mehr als fragwürdig, menschliche Gefühle durch die Projektion und Unterdrückung eines wilden Habichts auszuleben. 

Der Habicht ist für mich eine Offenbarung. Der Autor des zunächst vor sich hin dümpelnden Tagebuchs nimmt eine Auszeit von der Gesellschaft, findet zu sich und wird so vom übellaunigen Mann zum Sympathieträger: Hier schreibt ein verletzter Mensch, der ein verletzliches Wesen sich zum Untertan machen möchte, um so Katharsis oder Frieden zu finden.
Das Tagebuch zeigt auf besondere Weise, wie eng Poesie, Macht, Psychodrama, Weltpolitik und Sehnsucht beieinander liegen. Immer wieder schafft es White mit Sätzen wie »Er {der Kelch) ist mit Champagner gefüllt, einem recht albernen, aber symbolträchtigen und medizinisch durchaus empfehlenswerten Getränk« (S. 163), die Stimmung trotz seiner Lakonie aufzuhellen und mich zu verzaubern – so, wie er damals J. K. Rowling mit seinen Artus-Romanen verzaubert haben muss: T. H. Whites King Arthur ist die literarische Vorlage für den bekanntesten Zauberer der Welt gewesen – Harry Potter. Der Schatten, den T. H. Whites Prosa wirft, ist größer, als ich es mir hätte vorstellen können.

Terence Hanbury White, Jahrgang 1906, verstorben 1964, war ein britischer Schriftsteller. Nach nur sechs Jahren im Schuldienst von 1930 bis 1936 wurde er freier Schriftsteller. Der Habicht ERSCHIEN 2019 BEI MATTHES & SEITZ BERLIN, wurde von Judith Schalansky herausgegeben, aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer übersetzt und umfasst 188 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. beim Autor / der Übersetzerin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Christopher Hitchens • Stephen Fry

Sam Harris, ein US-amerikanischer Philosoph, sagte einmal über Christopher Hitchens: »The man had more wit and style and substance than a few civilizations I could name«. Nach der Lektüre von Christopher Hitchens. The Last Interview and Other Conversations kann man zu keiner anderen Überzeugung kommen: Mit dem Tod von Christopher Hitchens ist einer der intelligentesten, provokativsten und schonungslosesten Redner der Welt von uns gegangen. Heute wäre er 72 Jahre alt geworden.

Aussichten auf zukünftige Entwicklungen

Christopher Hitchens. The Last Interview and Other Conversations vereint mehrere Interviews mit Hitchens; the Hitch oder Christopher, wie man ihn noch nennen durfte, aber nie, niemals nie Chris. Die Lektüre der Interviews ist für jene, die diesen Mann für seine mutigen Debattenbeiträge bewundern, mit Wehmut verbunden. Schon die spitzzüngige Einleitung von Stephen Fry ist ein kleiner downer, weil sie hervorhebt, wen wir als Gesellschaft, als Humanist:innen, als Zeitgeistkritiker:innen verloren haben: einen der letzten Universalgelehrten.

Ausgehend von Hitchens Perspektive, so hält es Fry fest, stelle die Verdrängung von Rationalität, Humanität und Solidarität in den letzten zehn Jahren keinen Erfolg des Neoliberalismus oder der rechten Politik dar, sondern sei auf das katastrophale globale Versagen der politischen Linken und auch des kritischen Journalismus zurückzuführen. Viele der politischen Risse, die sich in den Vereinigten Staaten der 90er Jahre ankündigten, sind auch heute in Deutschland zu beobachten.

Im ersten Interview (Hitchens on the media, geführt am 10. Februar 1987) hebt Hitch hervor, dass das Niveau der meisten TV-Talkshows »has become humiliatingly low, that it’s the province of various, well what I call, repertory company of pundits« (S. 3). Dieser geringe Geist und die fehlende kritische Haltung führten dazu, dass »the administration has been able to have such a tremendously easy ride« (S. 7). Die Beobachtungen, die aus der Zeit der Reagan-Administration stammen, lassen sich meiner Meinung nach auch auf die heutige Diskussionskultur der öffentlich-rechtlichen Sender übertragen. In den Formaten von Anne Will, Maybrit Illner oder Frank Plasberg werden gefällige, konforme und regierungsnahe oder zumindest regierungsfreundliche Meinungsbilder durch Gäst:innen abgebildet, deren Haltungen dem Publikum bereits vor der eigentlichen Diskussionsrunde klar sind. Die Gäst:innen sind außerdem häufig die gleichen: Unter den Top 10 der am häufigsten eingeladenen Gäst:innen im Jahr 2020 in Talkshows von ARD und ZDF finden sich nur zwei Wissenschaftler:innen und eine Oppositionspolitikerin (Annalena Baerbock). Die restlichen top-platzierten Gäste gehören den Regierungsfraktionen CDU/CSU und SPD an.
Unter dem Diktum dieser lahmen, harmlosen ›journalistischen‹ Gespräche hat sich eine Kritikfeindlichkeit entwickelt, die mehr als nur autoerotisch ist: Der Diskurs in den öffentlichen Talk-Formaten wird von den Regierenden selbst bestimmt, anstatt die journalistisch-öffentlichen Kanäle für Fundamentalkritik zu nutzen. Denn eines ist klar: Die gesellschaftlichen Probleme und Krisen haben sich unter der Ägide der Regierungen der letzten zwanzig Jahre zu einem so großen Haufen aufgetürmt, dass nette, versöhnliche Debatten im Fernsehen eigentlich völlig fehl am Platze sind.

Spitzfindigkeiten und Transzendenz

Der Hitch-Slap, die rhetorische Ohrfeige, die Christopher Hitchens stets eigen war, kommt in den abgedruckten Interviews natürlich nicht zu kurz. Über Mutter Teresa heißt es dort: »I don’t think she is particularly intelligent or that she has a complex mind, but I think she has a certain cunning« (S. 21). Den Religionen attestiert Hitchens an anderer Stelle sogar einen Schutz durch die öffentliche Debattenkultur: »Because of multi-culturalism and what is called »political correctness«, religion has a certain protection that it couldn’t expect to have if it was a state-sponsored racket like the Church of England« (S. 40). Besonders diesen Gedanken finde ich sehr interessant, da sich immer wieder Debatten nach islamistisch-fundamentalistischen Anschlägen ergeben, die eine Verbindung zwischen Islam- und / oder Religionskritik als solcher und Rassismus ziehen. Diese Gleichsetzung halte ich für tendenziös.

Positiv überrascht war ich von dem Interview Questions of Faith, in dessen Rahmen Christopher Hitchens ein Gespräch mit der Unitaristin Marilyn Sewell führte. Sewell teilte in diesem Gespräch trotz ihres Glaubens mehrheitlich die Bedenken Hitchens hinsichtlich der Untergrabung kritischen Denkens durch theologische Autoritäten. Darüberhinaus schilderte Hitchens Sewell im Verlauf des Gesprächs eine eigene Form der Transzendenz, die er als Atheist verspürt: der eigene kreative Schöpfergeist. Hitchens beschreibt es folgendermaßen: »I can’t compose or play music; I’m not that fortunate. But I can write and I can talk and sometimes when I’m doing either of these things I realize that I’ve written a sentence or uttered a thought that I didn’t absolutely know I had in me … until I saw it on the page or heard myself say it. It was a sense that it wasn’t all done by hand« (S. 107). Dieselbe Überraschung erfasst mich auch immer wieder – beispielsweise dann, wenn Elisa einige Stellen meiner Rezensionen oder mitgeteilte Gedanken mit Erstaunen betrachtet und hervorhebt, dass dies oder jenes gut formuliert sei. Poesie, Musik und Literatur sind jene Mittel, mit denen ich als rationales Individuum so etwas wie Transzendenz ohne den Glauben an Gottheiten erfahre.

Christopher Hitchens. The Last Interview and Other Conversations ist eine wundervolle Auswahl verschiedener Interviews mit Christopher Hitchens, die sich den Themen Medien, Glauben, Politik, Literatur, seinem persönlichen Leben und seinem Sterben widmen. Obwohl ich das journalistische und schriftstellerische Leben dieses außerordentlichen Mannes schon lange verfolge, waren mir diese Gespräche bisher unbekannt. Mit Erstaunen musste ich deshalb feststellen, dass ich immer noch nicht alles von oder über diesen Mann gelesen habe. Nach jeder Lektüre von Hitch fühle ich mich aufs Neue politisiert und bekräftigt in dem Streben, auch unpopuläre Meinungen zu vertreten. Oder wie Fry es in der Einleitung nicht besser hätte zusammenfassen können: »The Hitchens manner can never die« (S. XII).

Stephen Fry, Jahrgang 1957, ist ein britischer Schriftsteller, Drehbuchautor, Schauspieler, Regisseur, Journalist, Dichter, Komiker und Fernsehmoderator. Gemeinsam mit Christopher Hitchens, Anne Widdecombe und dem nigerianischen Erzbischof John Onaiyekan diskutierte er 2009 bei Intelligence2 über die Behauptung The catholic church is a force for good in the world. Christopher Hitchens. The Last Interview and Other Conversations erschien 2017 bei Melville House und umfasst 192 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


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Greenlights • Matthew McConaughey

Autobiographien sind häufig viel zu lang, öde und ertrinken in Selbstlob, ohne dabei viel Substanz zu besitzen. So habe ich beispielsweise die Biographie von Richard Dawkins mit dem zurückhaltenden Titel An Appetite for Wonder. The Making of a Scientist. Brief Candle in the Dark. My Life in Science nach wenigen Seiten weggelegt. Die autobiographischen Selbstbetrachtungen des Philosophenkaisers Marcus Aurelius ist die einzige Autobiographie, die ich bisher mochte. Matthew McConaugheys Autobiographie Greenlights oder die Kunst, bergab zu rennen reiht sich nun aber direkt daneben ein. Nicht, weil sie philosophisch vielschichtig ist oder einen großen Bogen in die politische Gegenwart spannt, sondern weil sie unglaublich authentisch und vor allem ist.

McConaughey präsentiert Gefälliges

Anlass für das Verfassen dieser Autobiographie ist nicht, wie bei vielen anderen Autobiographien, sein baldiges Ableben – McConaughey wird dieses Jahr am 4. November ›erst‹ 52 Jahre alt –, sondern dass McConaughey bisher so viel aufschrieb. Seit 35 Jahren führt der texanische Schauspieler Tagebuch. Dies führt er nicht, um sich voller Sentimentalität oder Nostalgie an seine persönlichen Momente der Vergangenheit zu erinnern, sondern »um es vergessen zu können«. Greenlights oder die Kunst, bergab zu rennen sei ein Buch mit Denkansätzen und eigenen Philosophien oder Einsichten, die »objektiv verstanden, und wenn Sie das möchten, subjektiv umgesetzt werden können«. Das machte mich neugierig; ich war schon nach der ersten Seite sehr gespannt, was der Tex-Man zu sagen hat.

Matthew McConaughey, der mir besonders durch seine Rollen in Interstellar und der besten Serie aller Zeiten, True Detective, bekannt ist, ist der jüngste von drei Brüdern und Sohn eines Ölindustriearbeiters und einer Aushilfskraft, die sich zweimal voneinander scheiden ließen und sich dreimal heirateten.
Der Titel des Buches bezieht sich auf das grüne Signallicht im Straßenverkehr, das den Autos bedeutet, loszufahren. Das Weiterfahren vergleicht McConaughey in einem simplen, aber schönen Gleichnis mit einem Ja oder »Bargeld, eine Geburt, Frühling, Gesundheit, Erfolg, Freude, Nachhaltigkeit, Unschuld«. In diesem Gleichnis fährt McConaughey fort, wären gelbes und rotes Licht  hingegen eine Warnung oder »Einmischung, Scheitern, Leiden, ein Schlag ins Gesicht, der Tod«. Seine Autobiographie liest sich daher wie eine sprachlich unauffällige Rekapitulation seines Lebenswegs, von welchem er die grünen Lichter, die Greenlights, nacherzählt und diese in grafisch anregend gestalteten, pseudo-philosophischen Lebensweisheiten zusammenfasst. Diese klingen beispielsweise so: »Manchmal brauchen wir keinen Rat. Manchmal müssen wir nur hören, dass wir nicht die Einzigen sind.« Eine große intellektuelle Fallhöhe braucht man hier nicht zu erwarten. Dennoch besitzen die Weisheiten beim zweiten oder dritten Nachdenken einen großen Funken Wahrheit und damit häufig mehr Substanz und Weitsicht als das Geschreibsel von Philosophiegurus.

Nacktbongo und feuchte Träume

Trotz oder gerade wegen seiner einfachen Sprache und der hervorragenden, flüssig zu lesenden Übersetzung ist McConaugheys Autobiographie unterhaltend und schockierend zugleich und hat mich sehr häufig zum Lachen gebracht. Besonders humorvoll war folgende Begebenheit: McConaughey kam nachts gegen 2 Uhr völlig zugedröhnt auf die Idee, nackt Bongo zu spielen. Zwei Beamte verhafteten ihn daraufhin in seiner Wohnung wegen Ruhestörung und Drogenbesitzes. McConaughey ließ sich nackt abführen, Fotos dieser Festnahme gerieten an die Öffentlichkeit. Die Nachbarschaft und die Bürger:innen des Städtchens solidarisierten sich mit McConaughey. Direkt am nächsten Tag gab es T-Shirts mit dem Aufdruck Nacktbongo zu kaufen. 

Das ganze Buch beschreibt McConaugheys Selbstfindung als Künstler und als Individuum. Die etwas drögen Erzählungen von Schauspielerrollen und Regisseuren, die ihm mit einem Ständer und einem Glas Whiskey in der Hand die Tür öffnen, während eine Bettbekanntschaft im Bett wartet, werden mit der Zeit jedoch etwas anstrengend und machen das Buch zeitweise nicht gerade zu einem sideturner.
Jene Berichte wiederum, in denen McConaughey wegen eines ›feuchten Traumes‹ einfach mal in den Amazonas fährt und sich monatelang von der Welt abkapselt, um herauszufinden, was sein Unterbewusstsein ihm mit diesem Traum mitteilen wollte, sind nicht nur spannend, sondern zeugen auch von großem Mut, Privilegiertheit und Wahnsinn.
Die fehlende reflexive Ebene der eigenen Umgangsformen, der kultivierten Gewalt innerhalb seiner Familie und die damit verbundene toxische Männlichkeit waren grenzwertig. McConaughey hält fest: »Ich komme aus einer Familie von Zuchtmeistern, in der man sich besser an die Regeln hält, bis man Manns genug ist, sie zu brechen.« McConaughey und seine Brüder mussten sich gegenüber dem austeilenden Vater im jungen Erwachsenenalter beweisen, bis dieser sie als Männer anerkannte. Der älteste Bruder McConaugheys schlug dem Vater zweimal mit einem Kantholz gegen die rechte Schläfe, bis dieser das Bewusstsein verlor. Danach durfte er mit seinem Vater und seinen Jungs in die Kneipe. Was für ein rückständiger, für die Südstaaten aber anscheinend gängiger Initiationsritus. 

Auch wenn Greenlights oder die Kunst, bergab zu rennen kleinere literarische Schwächen aufweist, habe ich zum zweiten Mal eine Autobiographie mit Genuss gelesen, da sie authentisch, unterhaltend und vor allem außerordentlich wild war. Ob ich jetzt, wie McConaughey es sich mit seiner Schreibabsicht versprach, weiser oder zufriedener mit meinem Lebensweg bin, bezweifle ich jedoch. McConaughey vergisst nämlich, dass nicht alle Menschen dieses Planeten für oberkörperfreie Szenen und sechsmonatige Jobs eine horrend hohe Summe erhalten und dadurch spontan entscheiden können, eine dreimonatige Auszeit mit einem Motorrad auf dem Highway zu verbringen. Dennoch ist das Buch ein gelungenes memento mori: »Unsere Grabrede, unsere Geschichte wird von anderen erzählt werden und uns der Welt für alle Zeit bekannt machen, wenn wir fort sind. Die einzige Zielsetzung. Von Anfang an das Ende im Sinn haben. Was ist ihre Geschichte?«

Matthew David McConaughey, Jahrgang 1969, ist ein US-amerikanischer Schauspieler. Für seine Rolle als HIV-Kranker Elektriker Ron Woodroof erhielt er 2014 den Oscar als Bester Hauptdarsteller. Greenlights oder die Kunst, bergab zu rennen erschien 2021 bei Ullstein, wurde von Stephan Kleiner aus dem Englischen übersetzt und umfasst 304 Seiten.
Ich danke dem Ullstein-Verlag und NetGalley für das Rezensionsexemplar. Sämtliche zitierte Stellen stammen aus dem E-Book und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Übersetzer.


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Frida • Vanna Vinci

Denkt man an Frida Kahlo, denkt man sicherlich zunächst an ihren Blumen-Haarkranz, an ihre bunten, traditionellen Kleider, an ihren auffälligen Schmuck und vielleicht daran, dass sie andauernd geraucht hat oder an ein paar wenige ihrer Gemälde. In der heutigen Popkultur wird Frida Kahlo als Ikone verehrt. Zurecht. Doch oft beschränkt sich die Wahrnehmung von und das Wissen über Frida Kahlo auf ihr Äußeres. Dabei diente diese bunte Kleidung neben der Erklärung der kulturellen Zugehörigkeit auch als eine Art Maske.

Zwiegespräch mit dem Tod über Kunst, Schmerz und Sex

In der wahrhaft wundervoll gestalteten Graphic Novel Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe begleite ich Frida Kahlo im Zwiegespräch mit La Catrina, die sich in Mexiko mittlerweile als (popkulturelle) Darstellung des Todes etabliert hat und als Skelett mit vornehmer Kleidung und einem großen Hut dargestellt wird. Beide sinnieren gemeinsam über das Leben von Frida und tauchen auch in der Graphic Novel auf fast jeder Seite auf.

Bis Seite 45 wird vor allem die Kindheit und Jugend Kahlos thematisiert. Sie erzählt viel über ihren deutschen Vater, über ihre Selbstfindung und -darstellung und auch über ihre ersten Liebschaften. Schon früh wird mir klar: Die Graphic Novel sollte man nicht in der Gegenwart von Kindern oder unterwegs im Bus lesen. Vanna Vinci spart kein Detail aus: weder bei der Darstellung von Geschlechtsteilen, nackten Körpern oder zweideutig gezeichneten Blumen noch bei Erzählungen über Fridas zahlreiche Affären. Trotzdem wirkt die Graphic Novel nie anzüglich oder pornographisch. Alle Schilderungen und Zeichnungen gehören einfach dazu, so wie Sex elementar zu Frida Kahlos Leben dazugehörte.

Ab Seite 46 verändert sich die Graphic Novel grundlegend: Bei einem Busunfall stirbt Frida Kahlo fast. Seit diesem Tag wird La Catrina sie für den Rest ihres Lebens begleiten. Der Unfall leitet den allmählichen Verfall von Fridas Körper ein; nie wieder wird sie sich von den Folgen erholen. Aus dem quirligen Mädchen ist innerhalb einer Minute eine Frau geworden, die monatelang ans Bett gefesselt ist, aber dennoch nie die Lust am Leben verliert. Ihr Leben ist gezeichnet von der Rebellion gegen den Tod, während La Catrina gleichzeitig zu ihrer besten Freundin und Gefährtin wird.

Archäologische Offenlegung

Sex, Schmerz und Introspektion haben Frida ihr Leben lang angetrieben. Vielleicht wäre das ein besserer, nicht ganz so zurückhaltender Untertitel für die Graphic Novel gewesen. Zurückhaltend ist die Erzählung sowieso nie: Sowohl ihr Körper als auch ihre Seele werden komplett freigelegt. Ich kann Frida durch die Zeichnungen und Dialoge sehr, sehr nah kommen und so erfahren, was ihre Kunst geprägt hat – sie selbst.

Davon abgesehen, dass die gesamte Graphic Novel wunder-, wunderschön gestaltet ist, begeistern mich die Seiten, auf denen konkrete Kunstwerke Frida Kahlos thematisiert werden, sogar noch ein Stück mehr. Die Gemälde werden nicht einfach abgedruckt, sondern dem Stil der anderen Zeichnungen angepasst und wirken so nicht nur lebendiger, sondern auch verständlicher. Im Zwiegespräch mit La Catrina erklärt Kahlo so selbst einige ihrer Gemälde, ohne jegliche kunsthistorische Attitüden. So bereitet Kunst wahre Freude – und gleichzeitig viel Leid. Mir wurde beim Lesen nicht nur klar, wie viel Leid Frida Kahlo erleben musste (neben dem Unfall hatte sie unter anderem drei Abtreibungen und zahlreiche fehlerhafte Operationen), sondern auch, wie sie diesen Schmerz in ihrer Kunst verarbeitet und sich selbst stets weiterentwickelt hat. Besonders interessant war diesbezüglich der Aspekt ihrer Kleidung.

Vor ihrem Unfall trug Frida Kahlo oft Männerkleidung und ließ schon damals ihre Augenbrauen und den Damenbart wachsen. Außerdem nannte sie sich damals noch bei ihrem ursprünglichen Namen, Frieda. Sie war stolz auf ihr Erscheinungsbild – das sich rapide änderte, als sie mit ihrer großen Liebe Diego zusammenzog. Für ihn »hatte ich angefangen, mich wie eine Tehuana zu kleiden … mit den traditionellen Gewändern, die für alle Ewigkeit zu meiner Uniform werden sollten«. Mit ihrer Tracht entwickelte Frida Kahlo eine neue Identität und ließ nun auch das deutsche »E« in ihrem Namen weg. Ihre Kleidung war nun »eine Zugehörigkeitserklärung … eine kulturelle Aussage. Und eine Leinwand … Sie diente dazu, das Innere zu verbergen … die Wahrheit … Die Kleidung ersetzte die Person«. Die leuchtenden bunten Farben verborgen ihren körperlichen Verfall, ihre zahlreichen Wunden und Verletzungen sowie ihr Inneres, das vor allem aus Dunkelheit, Verzweiflung und Schmerz bestand.

Ein Leben lang rebellisch

Noch kurz vor ihrem Tod mit nur 47 Jahren nahm Frida Kahlo mit einem amputiertem Bein an einer Parteikundgebung teil. Zeit ihres Lebens war sie eine Rebellin, die sich »absolut unverfälscht« von allen anderen abheben wollte – und eine überzeugte Kommunistin. Was hätte sie wohl über ihre Barbie-Puppe, Haarreifen mit Kunstblumen und die vielen anderen Merchandise-Artikel mit einer stilisierten Abbildung ihres Kopfes (ohne Monobraue oder Damenbart) gedacht? Vielleicht hätte sie sich die nächste Zigarette angezündet und lauthals über die absurde Verbindung ihrer Person mit dem Kapitalismus gelacht.

Vanna Vinci, Jahrgang 1964, ist eine italienische Autorin und Illustratorin und unterrichtet an der Akademie der bildenden Künste in Bologna. Frida. Ein Leben zwischen Kunst und Liebe erschien 2017 bei Prestel, wurde von Christine Schnappinger aus dem Italienischen übersetzt, von Simonetta Scala gestaltet und umfasst 160 Seiten.
Sämtliche zitierte Stellen stammen aus der Graphic Novel und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / der Übersetzerin / dem Übersetzer.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Why Orwell matters • Christopher Hitchens

Die bekanntesten Werke von George Orwell sind seine Dystopien, die Fabel Die Farm der Tiere (erschienen 1945) und seine Vision eines totalitären Staates 1984 (erschienen 1949). Beide Werke wurden nun neu übersetzt und 1984 hat es sogar in den Thea-Dorn-Kaffeeklatsch des ZDF geschafft (jene Sendung, die als freie Interpretation des früheren Literarischen Quartetts zu verstehen ist). Ausgehend von diesem Umstand wird die Öffentlichkeit also erneut mit den Klassikern Orwells konfrontiert.
Warum braucht es im 21. Jahrhundert denn noch dystopische Romane? Ein Blick in die Nachrichten genügt doch, mögen Zyniker:innen denken. Mit seinem Sachbuch Why Orwell matters versuchte Christopher Hitchens im Jahr 2002, die Relevanz Orwells für die Gegenwart nahezulegen. Dabei ließ er den nötigen schriftstellerischen bzw. journalistischen Abstand jedoch etwas missen.

Orwell war ein Weltenbürger

Die neun Kapitel von Why Orwell matters widmen sich jeweils einem Aspekt des literarischen Wirkens des indisch-britischen Meisters der Dystopie. Diese reichen von wenig kreativen Bezeichnungen wie Orwell and Empire, Orwell and the Left, Orwell and the Right bis hin zu Generosity and Anger: The Novels. Abgeschlossen wird das nebulöse Buch durch ein sechsseitiges Fazit (In Conclusion).

Eingangs erklärt Hitchens wortreich, witzig, treffsicher und analytisch klar, warum Orwell heute noch relevant ist: In der Wärme des »afterglow of post-colonialism« (S. 7), in der wir leben, sind die drei großen Themen des 20. Jahrhunderts – Imperialismus, Faschismus, Stalinismus – medial, gesellschaftlich und philosophisch in Wort, Bild und Schrift allgegenwärtig. Der Schrecken, den diese drei großen Themen in sich tragen, wird durch die Werke Orwells uns als Leser:innen vor Augen geführt. Damit wir diese Schrecken nicht vergessen oder eher sie nicht vergessen dürfen. In Zeiten von Halbwahrheiten, Verschwörungstheorien und ausufernden Tech-Konzernen wie Google und Facebook stimmt dies sicherlich umso mehr.

Hitchens zeichnet das Bild eines Schriftstellers Orwell, der als ehemaliger Beamter der britischen Kolonialpolizei in seinen Berichten über die Pariser Unterschicht einen Draviden von einem Sikh nur durch Anschauung unterscheiden konnte. Orwell wird also als ein Mann dargestellt, der eine beachtliche interkulturelle Kompetenz besaß. Trotz dieser etwas verklärenden biographischen Darstellungen stellt Hitchens von Anfang an klar, dass Orwell ein Mann voller Widersprüche war: Erst durch eine intensive Lektüre bedeutender humanistischer Schriften konnte Orwell sich von seinem Anti-Intellektualismus, seinem Fremden- und Frauenhass als auch von seiner Begeisterung für den Imperialismus lossagen. Homophob blieb er jedoch bis zu seinem frühen Tod. »He upheld a somewhat traditional orthodoxy in sexual and moral matters, looked down on homosexuals and abhorred abhortion« (S. 79f.).

Essayistische Monotonie

Der Aufbau der Kapitel ist jedes Mal ziemlich ähnlich: Es gibt ein übergeordnetes Thema, Hitchens stellt eine Aussage über Orwells Ansichten zur Diskussion und gräbt sich wie ein Korrespondenz-Historiker durch die Veröffentlichungen und Kommentare Orwells. Zum Beispiel merkt Hitchens an, dass sich die Befreiung Orwells aus dem Sog des national-britischen Imperialismus und die damit verbundenen Aversionen wie ein roter Faden durch dessen Werk zögen: »Even during the years of the Second World War, when there was a dominant don’t-rock-the-boat mentality and a great pressure to close ranks against the common foe, Orwell upheld the view that the war should involve decolonization« (S. 22). Am Ende dieses Kapitels (Orwell and Empire) kommt Hitchens zu der Konklusion, dass Orwell als einer der Gründer des Post-Kolonialismus zu lesen sei. Gleichzeitig lässt er aber offen, welche Schlussfolgerungen für unser politisches Leben in der Gegenwart aus seinen Beobachtungen zu ziehen sind. Seine Schilderungen ereignen sich zwar wie immer in einem Sprachgestus, der mich als Bewunderer des Englischen bezaubert zurücklässt, aber auch gleichzeitig ratlos macht.

Warum genau nun Orwell heute noch wichtig ist, also matters, wird nach der Lektüre des Sachbuchs von Hitchens nicht ganz klar. Hitchens schafft es, passable Beobachtungen über die politische Widersprüchlichkeit von Orwell als anti-kommunistischen Sozialisten mit konservativen Anwandlungen anzustellen (»George Orwell was conservative about many things, but not about politics«, S. 102), seine Abneigung gegen die Kirche zusammenzufassen (»Orwell, too, had a rooted dislike for supernatural propaganda, especially in its Roman Catholic form«, S. 122) und biographisch nette, jedoch unnötige Detaileinsichten zu liefern (Orwell war ein Bewunderer der USA, aber reiste nie dorthin). Weitere Einsichten liefert er am Ende der jeweiligen Kapitel nicht.

Why Orwell matters ist letztlich ein gut geschriebenes Sachbuch über Herkunft, politisches Wirken und die vielen intellektuellen Irrfahrten des britisch-indischen Schriftstellers George Orwell. Warum nun seine Werke immer noch Relevanz für unsere Gegenwart besitzen, weiß ich nach der Lektüre des Sachbuchs von Hitchens aber immer noch nicht. Der Titel des Buches ist mehr als nur irreführend, vielleicht hätte es viel mehr ›Who Orwell was‹ heißen müssen. Das Buch hat mich als Teil-Biographie mit geringer Trennschärfe zur bewunderten Person überzeugt, aber nicht als politischer Kommentar zum Werk desselben.

Parallel zum Verfassen dieser Rezension habe ich die neu aufgelegten Ausgaben von 1984 und Die Farm der Tiere bestellt. Why Orwell matters – das finde ich bald selbst heraus. Für den Anreiz zu diesen (erneuten) Lektüren danke ich Hitchens jedoch.

Christopher Eric Hitchens, Jahrgang 1949, verstorben 2011, war ein britisch-US-amerikanischer Autor, Journalist und Literaturkritiker. Hitchens galt als rhetorisch begabter und schärfster internationale Kritiker des Theismus. Das in der Erkenntnistheorie angewendete Hitchens´ Rasiermesser ist nach ihm benannt. Why Orwell matters erschien erschien 2002 bei Basic Books und umfasst 211 Seiten. AUSSERDEM HABEN WIR VON CHRISTOPHER HITCHENS BEREITS MORTALITY, Letters to a Young Contrarian SOWIE THE MISSIONARY POSITION. MOTHER TERESA IN THEORY AND PRACTICE REZENSIERT.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


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Mortality • Christopher Hitchens

Christopher Hitchens (kurz Hitch) gehört zu jenem kleinen Kreis an Personen, denen ich bis an mein Lebensende Tribut zollen werde. Als radikalen, rhetorisch versierten, polternden und intellektuell austeilenden Redner und zynischen Polemiker werde ich ihn immer schätzen. Jedes Individuum, das auf dieser Erde wandelt, sollte ihn schätzen, den größten Rhetor seit Demosthenes.
In seinem Essay Mortality beschreibt Hitchens die Zeit seiner Diagnose und den damit verbundenen ›Kampf‹ (der keiner ist) mit Speiseröhrenkrebs. Hitchens konfrontiert uns mit dem, was uns allen bevorsteht.

Niemals lamentierend, niemals belehrend

Kurz vor einem weiteren Auftritt auf einer langen Buchreise erwachte Hitch in seinem Hotel und hatte das Gefühl, Zement fließe durch seine Lungenflügel, sein Herz und seinen Hals. Trotz der Warnungen seiner Ersthelfer brach er zu zwei weiteren öffentlichen Auftritten auf, um dann die niederschlagende Diagnose zu bekommen: metastasierender Speiseröhrenkrebs. Anstatt schreibend in den Gestus des Lamentos zu verfallen, schlussfolgert Hitch: »My father had died, and very swiftly, too, of cancer of the esophagus. He was seventy-nine. I am sixty-one. In whatever kind of a »race« life may be, I have very abruptly become a finalist« (S. 4). Im Folgenden beschreibt Hitch den Verlust seiner Geschmacksnerven, der Konzentrationsfähigkeit, der Verdauung, seines Haars sowie den Verlust seiner polternden Stimme.

Während seiner schmerzhaften Chemotherapie driftet er derartig ab, dass er sich sogar zu der Aussage hinreißen lässt, dass er es nicht einmal merken würde, wenn Penélope Cruz eine seiner Krankenschwestern wäre. Diese zynischen Randbemerkungen werden dann durch scharfe Analysen ergänzt, die mich in die Welt der griechischen Mythologie entführen: »In the war against Thanatos, if we must term it a war, the imidiate loss of Eros is a huge initial sacrifice« (S. 8). Selbst aus dem Krankenbett heraus ließ Hitch das Licht der aufklärerischen Erkenntnis auf seine Leser:innen herableuchten, ohne dabei belehrend herüberzukommen wie deutsche, schreibende Juristen.

Hitchslaps im Angesicht des Todes

Während seiner Tätigkeiten als Redner, Journalist und Autor war Hitch vor allem für seine Rolle als prominenter Religionskritiker bekannt. So habe ich auch erst von der Existenz eines Christopher Eric Hitchens erfahren: Kurze Clips mit seinen rhetorischen Deklassierungen religiöser Fundamentalisten (seien sie entweder christlich, muslimisch oder jüdisch) fanden und finden eine hohe Resonanz auf YouTube. Diese Auszüge werden wegen ihrer den Empfänger vorführenden und sprachlos zurücklassenden Wirkung als Hitchslap bezeichnet.

Geschriebene Hitchslaps finden sich auch im vorliegenden Essay. Gläubige Eifer:innen haben als Reaktion auf die Krebsdiagnose im Internet ihre Freude darüber bekundet, dass Hitch einen langsamen, qualvollen Tod durch das Organ stürbe, mit dem er die meiste Zeit Blasphemie betreiben würde. Danach erwarte ihn dann das Höllenfeuer. Hitchs Antwort: »My so far uncancerous throat, let me rush to assure my Christian correspondent above, is not at all the only organ with which I have blasphemed« (S. 14f.). Als Leser höre ich nach dem Lesen dieser Zeilen förmlich die Leere, die sich in den Köpfen solcher menschenfeindlicher Fundamentalist:innen ausbreiten muss, wenn er oder sie diese Antwort liest oder hört. Eben ein echter Hitchslap.

Metaphern aus dem Krankenbett

Hitchens Sprache changiert mehrheitlich zwischen Metaphern wie »a few other postcards from the interior« (S. 2; CT- oder Röntgenaufnahmen), »the new land« (S. 3; das Krankenhaus), »the alien« (S. 4) oder »the big C« (S. 28; der Krebs) oder Vergleichen wie »I stood, frozen, like a silly cat that had abruptly lost its meow« (S. 47; Verlust der Stimme). Trotz der Schwere seines Schicksals bleibt der Essay kitsch- und sentimentalitätsfrei.
Mortality ist ein Buch, das mich lachend, weinend und auf eine schwer beschreibbare Weise klüger zurücklässt. Gerade in einer Zeit, da mich der Tod meines persönlichen Mentors, meines Großvaters schwer beschäftigt, ist der Essay von Hitch ein schöner Beweis dafür, dass man(n) trotz der schabenden Kratzgeräusche der Sense des Sensenmannes an der Haustür seinen Humor und seine Aufgeklärtheit und Offenheit selbst aus dem Krankenbett heraus nutzen kann, um all den anderen Menschen Zerstreuung, Erkenntnis und Glück zu bringen.

Christopher Eric Hitchens, Jahrgang 1949, verstorben 2011, war ein britisch-US-amerikanischer Autor, Journalist und Literaturkritiker. Hitchens galt als rhetorisch begabter und schärfster internationaler Kritiker des Theismus. Das in der Erkenntnistheorie angewendete Hitchens’ Rasiermesser ist nach ihm benannt. Mortality erschien posthum 2012 bei Atlantic Books London und umfasst 106 Seiten. AUSSERDEM HABEN WIR VON CHRISTOPHER HITCHENS BEREITS Why Orwell Matters, Letters to a Young Contrarian SOWIE THE MISSIONARY POSITION. MOTHER TERESA IN THEORY AND PRACTICE REZENSIERT.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Kaffee und Zigaretten • Ferdinand von Schirach

Es gibt Autor:innen, um die ich bewusst einen Bogen mache, nicht aus literarischer Missbilligung, sondern aus purem Desinteresse. Mit (schreibenden) Jurist:innen wie Juli Zeh und Ferdinand von Schirach halte ich es mit dem dänischen Sprichwort »Die Tugend in der Mitte«, sagte der Teufel, und setzte sich zwischen zwei Juristen.
Durch ein Gespräch mit einer Freundin bekam ich das schmale (mal wieder weiße) Büchlein Schirachs in die Hand und wusste zunächst nicht, wie sehr ich die Lektüre alsbald bereuen werde.

Naseweise Autobiographie

Von Schirach ist bekannt für seinen sachlichen, analysierenden Schreibstil und sein Themenspektrum, das schwierige Fälle der Juristerei aufgreift: Freiheit, Gerechtigkeit, Schuld und Sühne. Die perfekte Abwechslung für Tatort-Deutsche, denen die drögen Leichen- und Gewaltpornos von Sebastian Fitzek oder Simon Beckett dann doch ein My zu spannend sind.

»Ich, der Jurist«, quoll schon bei meiner Lektüre zu Terror aus allen Zeilen, aber die Handlung des sehr erfolgreichen und von mir geschätzten Werks (naja) hat dies im Zaum gehalten. Etwas, das Schirach in Kaffee und Zigaretten nicht gelang.
Kaffee und Zigaretten ist ein autobiografisch geprägtes Büchlein, das sich in 48 Kapitel gliedert, die mal eine naseweise, halbe Seite der Strafrechtvorlesungsweisheit über die Herkunft des Farbennamens Magenta umfassen oder Episoden aus von Schirachs Kindheit, Jugend und Juristendasein. Nicht, dass ich den Berufsstand der Psycholog:innen oder Jurist:innen groß schätzen würde, aber die Schilderung von Schirachs über Otto Schily, Hans-Christian Ströbele und Horst Mahler war brilliant: »Drei junge Männer, drei grundverschiedene Charaktere, drei ganz unterschiedliche Entscheidungen für ein politisches Leben. Schily verteidigte das Recht gegen den Staat, Ströbele glaubte an das Gute, Mahler verfing sich in Extremen« (S. 25). Hier mag der stoizistische, deutsche Hemingway-Ton von Schirachs passend sein, aber das ist auch das höchste Lob, das dem Büchlein zuzusprechen ist.

Snobs, Nazis und alte weiße Männer

Der Rest des Buches besteht aus snobistischen Schilderungen von Diners, Reisen, Beobachtungen, der Nazi-Vergangenheit und Schuld der Familie von Schirach, Café-Besuchen und fadenscheinigem (nett klingendem) Oberschichtsgejammere über das Rauchverbot in der Öffentlichkeit (»Das war das Großartige an Helmut Schmidt: Das alles hat ihn einfach nicht interessiert«, S. 70), die von allgemeinen Beobachtungen eines alten Mannes mit willkürlich gewählt wirkenden Zitaten oder Ringelnatz-Gedichten garniert werden. Schön, dass du im Deutsch-Leistungskurs aufgepasst hast, Ferdinand.

Insgesamt ist das belehrende, stoische Geschreibsel von Schirachs recht schnell ermüdend, auch da er eine ihm zugewandte Intellektualität der Leser:innen voraussetzt. Da von Schirach (mit Ausnahme des Jahres 2016) seit 2009 jährlich ein Buch veröffentlicht wurde, liegt die Vermutung nahe, dass ihm einfach die Idee für den neuen Roman, der direkt in ein Theaterstück, einen Kinofilm oder eine Serie transformiert werden muss, ausging. Da erfolgte dann der Griff in die Schublade des Nussbaum-Sekretärs und hervor kam nicht nur der güldene Kugelschreiber aus der Studienzeit, sondern auch die Designer-Kladde mit den selbstgefälligen Beobachtungen und Anekdoten. Vielleicht hätten diese lieber in dieser Schublade bleiben sollen.

Ferdinand von Schirach, Jahrgang 1964, ist ein deutscher Strafverteidiger, Schriftsteller und Dramatiker. Im Alter von 45 Jahren erschien sein erster Kurzgeschichtenband. Heute gilt er als einer der erfolgreichsten Gegenwartsautoren Deutschlands. Kaffee und Zigaretten erschien erstmals 2019 bei Luchterhand. Die von mir rezensierte Version erschien 2020 bei btb und umfasst 191 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


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Kopenhagen-Trilogie • Tove Ditlevsen

Es gibt erste Sätze, die nachhaltig hängenbleiben: »Am Morgen war die Hoffnung da. Sie saß als flüchtiger Schimmer im glatten, schwarzen Haar meiner Mutter, das ich nie zu berühren wagte, und sie lag mir auf der Zunge wie der Zucker im lauwarmen Haferbrei, den ich langsam verspeiste, während ich ihre schmalen, gefalteten Hände betrachtete, die reglos auf den Zeitungsberichten über die Spanische Grippe und den Versailler Vertrag ruhten.«

Stilistische Brillanz

Selten haben mich drei schmale Bücher auch im Nachhinein so beeindruckt und bewegt. Selten habe ich mir so viele Stellen angestrichen und so viele Zitate gesammelt, die auch beim späteren Durchlesen für sich sprechen. Theoretisch könnte diese Rezension nur aus vier pdf-Seiten voller Zitate bestehen und allein diese Zitate würden durch ihre erzählerische Brillanz überzeugen.

Die Kopenhagen-Trilogie, in der Tove Ditlevsen ihr Leben verarbeitet, besteht aus drei Bänden: Kindheit, Jugend und Abhängigkeit (auf Dänisch passend Gift). Der erste Teil endet mit ihrer Konfirmation, der dritte Teil beginnt mit ihrer ersten Ehe. Der dritte Teil unterteilt sich wiederum in zwei Teile; der erste Abschnitt des dritten Teils endet mit ihrem ersten Rausch. Meinetwegen hätte man daraus auch vier Teile machen und alle vier Teile in einen Sammelband stecken können. Sollte diese Version eines Tages erscheinen, wird der Sammelband wohl eine meiner häufigsten Leseempfehlungen werden.

Poesie zur Gegenwartsbewältigung

Die Welt, in der Tove in Kindheit und Jugend aufwächst, ist rau und steckt harter Gegensätze und grausamer Fröhlichkeit. Je furchtbarer ihr Umfeld ist, desto poetischer sind jedoch ihre Sprache und ihre Gedichte, in die sie sich von kleinauf flieht, als seien sie »eine Schutzhülle über meine Seele«. Deshalb ist Kindheit am Anfang auch sehr wortgewaltig und relativ schwer fassbar; ich gewöhne mich aber sehr schnell an den sprachlich gegensätzlichen Schreibstil, der mal aus kurzen, neutralen Schilderungen besteht, mal aus ihren Gedichten und mal aus poetischen Schilderungen von Gedanken oder kleinen, alltäglichen Situationen. Schnell merkt sie, dass sie später Dichterin werden möchte, worauf ihr Vater missbilligend reagiert: »Bild dir bloß nichts ein. Ein Mädchen kann nicht Dichter werden.«

Ihre Kindheit zieht an Tove vorbei, sie »bildet eine Wolke vor dem Gesicht wie kalter Atem«. Tove bewegt sich äußerlich in dem Kopenhagener Arbeitermilieu, innerlich bewegt sie sich in ihren Träumen. Sie ist erfüllt von der Hoffnung, eines Tages ihre Gedichte veröffentlichen zu können, spricht nach der Abfuhr ihres Vaters aber mit niemandem darüber. Immer wieder findet Tove Ditlevsen für ihre Kindheit metaphorische Vergleiche: die Kindheit sei »wie Schuppen von sonnenverbrannter Haut«, die von ihr abfallen, oder ihre »Seelenbibliothek, aus der ich bis an mein Lebensende Wissen und Erfahrungen schöpfen werde«. Schnell ist das erste Bändchen vorbei, nahtlose las ich den zweiten Band weiter.

Auf der Suche nach Liebe, Tod und Arbeit

Ab dem Band Jugend beginnen ihre zahlreichen Begegnungen mit Jungen und Männer, von da an küsst sie fast jede Nacht einen anderen, ohne das Gefühl von Liebe zu empfinden, sich gleichzeitig aber immer mehr danach zu sehnen. Eine Ausnahme stellt Kurt dar, der am nächsten Tag zum Kämpfen nach Spanien gehen und dort wahrscheinlich sterben wird. Kurt ist der einzige, der Tove wirklich im Gedächtnis bleibt. Es war jedoch eine so kurze Begegnung, dass ich mich immer noch frage, wie er sie so beeindrucken konnte. War es Liebe auf den ersten Blick oder vielmehr die Tatsache, dass sie einen Totgeweihten küsste? Bedenke ich die Tatsache, dass Tove Ditlevsen im Jahr 1976 Selbstmord beging, überzeugt mich angesichts ihrer tief verborgenen Sehnsucht nach dem Tod eher zweiteres.

Neben ihren Liebeleien liegt der Fokus in Jugend vor allem auf Toves Einstieg in die Arbeitswelt: »Ich denke unablässig daran, wie ich diesem trostlosen Dasein entkommen kann. Ich schreibe keine Gedichte, weil mich nichts in meinem Alltag dazu inspiriert.« Nur der Gedanke an den späteren Druck ihrer Gedichte gibt ihr die Kraft, ihren Arbeitsalltag zu bewältigen. Immer mehr treibt sie ihre ›berufliche‹ Verzweiflung hin zu den Gedanken an eine Heirat; sie lässt sich auf Verbindungen ein, obwohl sie keine Liebe empfindet und das Wort solide als Gespenst ihrer Kindheit in ihrem Kopf herumspukt.

Konservative Träume

Im Rahmen ihrer Arbeit und ihrer Liebschaften lernt sie auch sich selbst etwas besser kennen. Tove merkt, dass sie Veränderungen verabscheut – und ein solides Leben vielleicht doch nicht das Schlimmste ist. Sie erkennt, dass ihr Anderssein nicht länger wie ein Fluch ist, der auf ihr liegt, sondern dass sie lernen muss, damit umzugehen und es als ›Gabe‹ zu betrachten. Sie merkt, dass ihre Armut sie von anderen unterscheidet, findet sie aber dennoch erträglich, weil Tove immerhin von einem besseren Leben träumen kann. Den Eintritt in dieses vermeintlich bessere Leben ermöglicht ihr Viggo F., ihr erster Ehemann, der etwa drei Mal so als ist wie Tove. Schnell ist sie unglücklich in ihrer Ehe und flüchtet sich in eine Vereinigung von Künstler:innen, bei der  sie ihrem nächsten Mann begegnet. Es folgen im ersten Teil vom dritten Band ein Auf und Ab von Ehe, Scheidungen, Seitensprüngen, Glück und Unglück – immer unterlegt vom Schreiben, das Tove trotz allem immer begleitet und ihr zur Seite steht. Trotz allem ist das Schreiben für sie »wie in der Kindheit weiterhin etwas Heimliches, Verbotenes; etwas, wofür man sich in eine Ecke zurückzieht und was man nur tut, wenn es niemand sieht«. Vor allem für ihre männlichen Freunde ist es hingegen so normal wie das Atmen.

Das pure Grauen

Im dritten Teil bekommt Tove auch ihr erstes Kind und lässt zwei Abtreibungen vornehmen, was sie zu dem Satz »Wenn ich nicht gerade schreibe, bin ich schwanger« hinreißen lässt.
Nach der Geburt ihres ersten Kindes verbringt sie einige Zeit mit ihrer Freundin Ester auf dem Land. Für mich klingt diese Zeit nach der schönsten Zeit in Toves Leben; sie findet eine Verbindung zur Natur und durch ihre Gefühle zu Ester auch zurück zu ihrem Mann. Jedoch stellt diese Episode eher das Ende von Toves Glück dar, weil kurz darauf ihre zweite Abtreibung stattfindet, mit der das Grauen beginnt.

Sowohl in Kindheit als auch Jugend schreibt Tove Ditlevsen vor allem über die äußeren Einflüsse auf ihr Leben. Die Erzählung ihres Lebens nimmt mich mit, reißt mich mit; der Schreibstil ist grandios, poetisch und rau zugleich, und ich folge gern dem Fluss ihrer Lebensjahre. Doch mit der zweiten Abtreibung geht ein Bruch durch die gesamten drei Bände und es geschieht etwas, das zuvor in der Form nie dagewesen ist: Im zweiten Teil von Abhängigkeit liegt der Fokus nur noch auf dem Körper von Tove und nicht länger auf ihren äußeren Einflüssen. Die Erzählung wird schmerzhaft und körperlich.
Auslöser dafür ist Carl, mit dem sie einen Seitensprung hatte und der nicht nur Arzt, sondern eventuell auch der Vater eines ihrer Kinder ist. Er nimmt die zweite Abtreibung bei Tove vor und gibt ihr gegen die Schmerzen eine Spritze mit Pethidin zur Betäubung. Nahezu sofort verliebt sich Tove in die Wirkung des Mittels und verlässt sogar ihren Mann, um mit Carl und dadurch mit der »klaren Flüssigkeit in einer Spritze« zusammen sein zu können. Während Carl am Anfang bereitwillig mitspielt – sie habe schließlich »nicht das Zeug zur Drogensüchtigen« und sei keine »echte Abhängige« – entwickelt sich durch Toves Sucht eine toxische Beziehung zwischen beiden.

Alte Tove, neue Tove

Es ist eindeutig die beinahe ausufernde Schilderung ihrer Sucht, die mich am nachhaltigsten beeindruckt hat, die mir sehr nahe ging und die ich so schnell nicht vergesse werde. Fast schafft es Tove Ditlevsen, nur auf den Seiten der zweiten Hälfte des dritten Bandes die Geschehnisse ihres ›vorherigen‹ Lebens in meinem Gedächtnis auszulöschen. Doch auch wenn die Sucht ihr Leben von da an immer bestimmt hat, so existiert die alte Tove dennoch weiter – eine Tatsache, die mir am Ende etwas gefehlt hat, als auch das Schreiben keine Rolle mehr spielte und nur noch die nächste Spritze im Fokus war. Doch ich kann es mir kaum anmaßen, das zu beurteilen. Die Kopenhagen-Trilogie ist dermaßen ergreifend, dass ich auch jetzt noch denke: Vielleicht hätten die vier pdf-Seiten voller Zitate doch gereicht, um allen zu vermitteln, dass die drei Bändchen die zu tiefst ergreifendste Autobiografie ist, die ich bisher gelesen habe.

Tove Ditlevsen, Jahrgang 1917, verstorben 1976, galt als dänische Schriftstellerin, die nicht in die literarischen Kreise ihrer Zeit passte und offen über ihr Leben schrieb. Heute gilt sie als eine der großen literarischen Stimmen Dänemarks. Ihr zentrales Werk – die Kopenhagen-Trilogie – erschien 2021 beim Aufbau Verlag und wurde von Ursel Allenstein aus dem Dänischen übersetzt. Kindheit umfasst 118 Seiten, Jugend 154 Seiten und Abhängigkeit 176 Seiten.
Ich danke dem Aufbau-Verlag und NetGalley für die Rezensionsexemplare. Sämtliche zitierte Stellen stammen aus dem E-Book und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / der Übersetzerin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

Im Keller • Jan Philipp Reemtsma

Von Jan Philipp Reemtsma habe ich erst im Frühjahr 2020 gehört – in einem Podcast. Wo einen das Schiff der Lockdown-Langeweile eben so hintreibt. Im Podcast ZEIT Verbrechen von Sabine Rückert und Andreas Sentker werden True-Crime-Fälle vorgestellt, mit denen sich Rückert  oder andere ZEIT-Journalist:innen bereits befasst haben. Die Erzählung von Reemtsmas Entführung hat mich so nachhaltig beeindruckt, dass ich den Report aus der Feder des Opfers lesen wollte: Im Keller.

Ein gewaltforschungsanalytischer Report

Im Keller ist kein emotional aufgeladenes Werk, sondern ein analytischer, multiperspektivischer Bericht aus Ich-, Sach- und Analysesicht. Nach einer kurzen Einleitung folgt eine sachliche Abschilderung der Entführung in Ich-Form, die auf die hard facts reduziert ist und lediglich 25 Seiten umfasst. Danach folgt die den größten Umfang des Werks einnehmende Erzählung in der unpersönlicheren Er-Perspektive, der dritten Person Singular, die Reemtsma gewählt hat, da es »keine Ich-Kontinuität von meinem Schreibtisch zu dem Keller gibt, von dem ich zu schreiben haben werde« (S. 46).

Mit dem Eintritt in die Er-Perspektive ist auch spätestens ab Seite 47 dem Leser bewusst, dass er mit diesem Werk einen sprachlich virtuosen, dem Bildungsroman als Genre ähnlichen, gewaltforschungsanalytischen Report in der Hand hält. Nur analysierte Reemtsma nicht andere in der Rolle des Opfers, sondern sich selbst als Er-Figur. Die Frage dieses Abschnitts ist: Was macht das mit einem, wenn man 33 Tage in einem drei mal vier Meter großen Kellerraum mit Heizung verbringt, angekettet und mit einem geringen Bewegungsradius?
Scheinbar beginnt man zu psychologisieren und zwar in einer Sprache, die den Verlust der Uhr als Verlust des Menschseins stilisiert. Das klingt dann so: »Ohne Uhr gibt es im Grunde keine Zeit, sondern nur Ewigkeit, in die man geworfen wird, und Ewigkeit ist Stillstand« (S. 79). Leicht verdauliche Lektüre geht anders, aber Bücher von Germanist:innen atmen schließlich selten den Geist von Hemingway-Berichten, sondern schaffen eher ein Fluidum von Sprachexplosionen, deren Knall zwei bis dreimal gehört und dann erst verstanden werden kann.

Der Niedertrachtjournalismus kannte kein anderes Thema

Eindrücklich und beschämend zugleich ist der einleitende Exkurs Reemtsmas über den Umgang der Presse mit seiner Person und seiner Familie nach der erfolgreichen Freilassung. Vor Ekel schüttelt es mich dann, zu lesen, dass die medialen Flaggschiffe des Niedertrachtjournalismus – der Stern und die Bild – ein illegal beschafftes Bild von Reemtsmas ramponiertem Gesicht, das die Entführer der Familie Reemtsmas zukommen ließen, trotz der durch die Polizei öffentlich betonten Pietätlosigkeit dennoch veröffentlichten. Da sein Gesicht und seine Geschichte nun sowieso medial ausgeschlachtet wurden, entschied sich Reemtsma seine in der Kellerhaft niedergeschriebenen Gedanken in Buchform zeitnah zu veröffentlichen.

Das Gefühl von Ohnmacht haftete Reemtsma weiter an. Maximale Macht auf der Seite der Entführer, maximale Ohnmacht auf seiner Seite. Der Keller würde ihn begleiten. Den Keller kann er nie verlassen, weil sich in sein Leben trotz aller Lippenbekenntnisse, dass derselbe Mann den Keller verließ, wie der, der hineinging, etwas eingeschlichen hatte, dass sich diffus mit dem Begriff der Angst beschreiben lässt. Zwar hebt Reemtsma in hemdsärmeliger Alter-weißer-Mann-Manier hervor,  dass das gleiche Ich aus einer Extremsituation herauskäme, wie es hereinkäme, jedoch widerspricht er sich im Folgenden immer häufiger, da er Verhaltensweisen schildert, die das Gegenteil beweisen. Das rhythmische Klopfen der Entführer an der Kellertür – eins, zwei, drei – riss Reemtsma Wochen nach seiner Freilassung immer noch aus dem Schlaf und verursachte, wie damals im Keller, Herzrasen und Angst. Wenn Schritte auf dem Hotelzimmerflur hörbar waren, wurde er starr vor Angst, das rhythmische Klopfen – eins, zwei, drei – erwartend, dass dann nicht folgte. Die Analyse der Ereignisse scheitert somit an der fehlenden Selbstreflexion.

Im Keller ist eine bildungssprachliche Odyssee durch 33 Tage der Geiselhaft einer Person, die ich nicht kenne und die ich auch nach der Lektüre des vorliegenden Werks kein Stück weiter kenne. Reemtsma verschanzt sich förmlich hinter seinen Worten und philosophischen Analysen und lässt das eigene Trauma unwesentlich und fahl werden. Das ist schade, da die sachlichen Analysen trotz ihres bornierten Intellektualismus interessante Perspektiven auf Alltäglichkeiten oder deren Fehlen  bieten, die durch persönliche, emotionale Elemente hätten ergänzt werden können. So bleibt letztlich der fade Geschmack der staubigen Germanistik-Bude und der Eindruck zurück, dass hinter der Sprache Reemtsmas, irgendwo, tief verborgen, die Stille des Kellers bis heute hallend schreit.

Jan Philipp Reemtsma, Jahrgang 1952, ist deutscher Germanist, Publizist und Mäzen. Sein Werk Im Keller erschien 1997 im Verlag Hamburger Edition und umfasst 222 Seiten. Zu den Erlebnissen der Entführung erschien aus der Feder von Reemtsmas Sohn, Johann Scheerer, 2018 Wir sind dann wohl die Angehörigen. Die Geschichte einer Entführung und 2021 Unheimlich nah.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.