Zur Verteidigung der Traurigkeit • Bettina Fellmann

Jede:r kennt das: Manchmal sind wir traurig, ohne genau erklären zu können, warum das so ist. In den letzten Jahren häufen sich die Schreckensmeldungen der Krankenkassen und Behörden, dass soundsoviel Prozent der Gesellschaft mittlerweile in psychotherapeutischer Behandlung seien oder an ›modernen‹ Erkrankungen – Erschöpfung, Burnout, Depressionen  – leiden würden.
Jetzt ist im MaroVerlag aus der Feder der Krankenschwester Bettina Fellmann Ein erschöpftes Heft mit dem schönen Titel Zur Verteidigung der Traurigkeit erschienen. In ihrem Essay plädiert sie für eine andere Wahrnehmung von Erschöpfungssymptomen: Diese seien letztlich (nicht in allen Fällen) die Folge äußerer, systemischer Umstände – und keine inneren Zustände des Individuums. Das leide vielmehr unter der Realität, die wir verharmlosend als ›Normalität‹ bezeichnen.

»You take the red pill … you stay in Wonderland, and I show you how deep the rabbit hole goes«

Dass der Essay keine leichte Kost werden und potentielle Leser:innen nicht wie ein rohes Ei behandeln würde, machen bereits die ersten Sätzen Fellmanns deutlich: »Die von Menschen gemachte, gesetzmäßige Ordnung ist eine traurige Ordnung und sie erscheint ausweglos. Wer darin lebt, wird unwiderruflich beschädigt oder zerstört« (S. 3). Hiermit fängt der eigentliche (systemkritische) Spaß erst an.
Fellmann hebt hervor, dass vor allem individuelle Abweichungen von der Norm, gerade in politisch widerständiger Hinsicht, gezielt vom System zermürbt und kleingemacht werden. So stoßen Verbesserungsvorschläge in den verschiedenen Teilsystemen der Gesellschaft zwar nicht auf Abwehr, fundamentale Veränderungen lassen sich aber dennoch nicht durchsetzen. Dafür sollen uns Meditationen, Mindfulness-Gelaber und Glückssprüche auf Teebeuteln trösten: Selbst Yogi-Tee betreibt konservative Systempropaganda.

Zwar zielt Fellmanns Kritik auf die Beständigkeit des Pflegesystems als Teilsystem des Kapitalismus ab, jedoch lässt sich dieses hervorragend dekontextualisieren und auf jedes beliebige Teilsystem übertragen. Fellmann schießt auf jeder Seite rhetorische Enttäuschungs-Salven ab, die ihr Ziel treffen: »Wie sich die Menschen im Alltag fühlen, wie es ihnen wirklich geht, rückt in den Hintergrund« (S. 5). Als Leser werde ich gar nicht erst wie Neo in der Matrix-Trilogie von Morpheus vor die Wahl gestellt, ob ich die rote oder blaue Pille möchte. Fellmann verordnet mir relativ drakonisch die rote Pille und lässt mich in das unschöne Antlitz der Realität blicken.

Vorhersehbare, linke Technikskepsis und konservative Psychotherapie

Etwas sprunghaft folgert Fellmann aus ihrer grob umrissenen Systemkritik mit Bezug auf das bereits 1965 von Theodor W. Adorno geschilderte Überforderungsgefühl, dass die ›digitale Kultur‹, wie sie es nennt, zu einer Verarmung der tatsächlichen erlebten Lebenswahrnehmung führe. Damit wärmt sie allerdings nur das gerne in linksintellektuellen Kreisen beliebte Narrativ der ›menschenfeindlichen‹ Technik auf und macht es sich angesichts der anfänglich hervorragenden Interpretationsansätze lächerlich einfach. Nach den Erfahrungen der verbindenden Kraft technologischer Möglichkeiten durch das pandemiebedingte social distancing schmeckt diese unreflektierte Technikskepsis nach bitterem, kalten Kaffee. Da reicht es auch nicht, protektionistisch zu behaupten, dass jeder Person, die »bei der digitalen Entwicklung nicht mitziehen will« (S. 6), ›Technikfeindschaft‹ vorgeworfen werde.
Philipp Blom hatte es bereits in Was auf dem Spiel steht angedeutet: Die transformativen Kräfte der Technologie dringen in die Mitte der Gesellschaft, weil diese bereits die transformativen Kräfte der Gesellschaft als solche längst überholt haben.

Pathologisierung der Systemmüdigkeitssymptome

Stark ist Fellmann dann wieder dort, wo sie den Zusammenhang von Systemüberdrüssigkeit und Traurigkeit herstellt. So hält sie fest, dass nur diejenigen reicher werden könnten, die »auf der Ablehnung der verkehrten Welteinrichtung« (S. 8) beharren. Folgt man der Argumentation und den Gedanken Fellmanns, so ist letztlich die Psychotherapie Verteidigerin des Systems. Die »Pathologisierung« (S. 12) des traurigen Menschen folge systemerhaltenden Logiken, weil die Gesellschaft und das System vermittelt bekommen, das diese bleiben könnten, wie sie sind und das eigentliche Problem das (traurige) Individuum ist. Früher las man Marx und schrie sich mit roten Flaggen bestückt die Seele aus dem Hals, heute bucht man sich ein Yoga-Retreat, weil nicht die Welt, sondern man selbst ›aus den Fugen‹ geraten sei.

Mit vielen Zwischenhalten und zu lang geratenen Horkheimer- und Adorno-Zitaten kommt Fellmann letztendlich zur sprachlich hervorragenden Schlussfolgerung, dass nur das sich mit dem System abfindende Individuum dieses System erhält. »Das System, das von uns zehrt, verdient nicht, erhalten zu werden« (S. 31). Punkt.

Sensibilisierung für eine andere Wahrnehmung der Traurigkeit

Bettina Fellmann hätte ihre Gedanken in dem Essay Zur Verteidigung der Traurigkeit ruhig und gern ausführlicher fassen können, weil die Ansätze der Systemkritik hervorragend, wenn auch nicht immer durchweg folgerichtig oder zielsicher sind. Für mich kommt dieser Essay zur rechten Zeit. Meine Erschöpfung oder Traurigkeit sind demnach die Folge äußerer Einflüsse, auf die ich herzlich wenig Einfluss habe. Die Konsequenz daraus wäre, sie einfach zu verlassen. Vielleicht eröffnet das neue Jahr ja solche Handlungsspielräume.

Bettina Fellmann, Jahrgang 1978, ist seit 1998 eine deutsche Krankenschwester und wundert sich sehr häufig über das System, in dem sie arbeitet. Aus Ermangelung fundierter  Widerstandsbewegungen beschäftigt sie sich in ihrer Freizeit mit kritischer Theorie und schrieb bereits mehrere Beiträge für die Wochenzeitung Jungle World. Rebekka Weihofen, Jahrgang 1991, ist eine deutsche Illustratorin und Graphikerin. Zur Verteidigung der Traurigkeit erschien 2021 im MaroVerlag, wurde von Rebekka Weihofen illustriert und umfasst 32 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Autor, dem Verlag bzw. bei der Illustratorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

2 Gedanken zu „Zur Verteidigung der Traurigkeit • Bettina Fellmann

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