Blaue Frau • Antje Rávik Strubel

Mit Blaue Frau hat Antje Rávik Strubel einen kleinen Wälzer hingelegt. Die über 400 Seiten lesen sich nicht mal so eben weg, obwohl sie mich immer wieder in ihren Bann gezogen haben, auch wenn ich den Roman schließlich durchaus zwiegespalten beendete. Aber von vorn.

Ein halber Kontinent in einem Roman

Blaue Frau habe ich nur gelesen, da Strubel dieses Jahr den Deutschen Buchpreis dafür verliehen bekommen hat. Noch als es auf der Shortlist stand, dachte ich mir bei den verschiedenen Vorstellungsvideos, dass die Handlung des Romans doch sehr konstruiert wirkt.
Im Mittelpunkt steht Adina. Adina wurde im tschechischen Riesengebirge als »Kind der Samtenen Revolution« (S. 180) geboren. Später ging sie nach Berlin, wollte dort studieren, kam über Kontakte aber an ein Praktikum in der Uckermark, wird nun Nina genannt, weil Adina so kompliziert wäre – und wird dort von einem Mann vergewaltigt, der sich für Menschenrechte einsetzt. Adina flieht verzweifelt nach Finnland, schließt sich in eine Plattenbau-Wohnung am Rand von Helsinki ein, heißt nun Sala und versucht dort, den Missbrauch zu verarbeiten.

Die eigentliche Handlung wird immer wieder von kurzen Kapiteln unterbrochen, in der eine Ich-Erzählerin in einen philosophischen Dialog mit der blauen Frau tritt – zunächst scheinbar auf einer Meta-Ebene, aber dies löst sich später in unklaren Rätseln auf. Und auch wer die blaue Frau ist, erschließt sich mir bis zum Schluss nicht wirklich. Dennoch stören mich diese Unterbrechungen weniger als gedacht.

Feministische Einsteigerliteratur für ältere Semester

Antje Rávik Strubel hat laut Interview-Aussagen zehn Jahre an dem Buch gearbeitet – und ich frage mich, wie sich Blaue Frau vor #metoo gelesen hätte. Ein wenig überholt wirkt das Thema so für mich schon; dass Tätern immer mehr Glauben geschenkt wird als den Opfern oder dass Opfer nach sexuellem Missbrauch zutiefst verängstigt sind, sich vielleicht sogar schämen und eher nicht zur Polizei gehen ist für mich persönlich nichts Neues. Aber vielleicht ja für die Buchpreis-Jury? Sollte das eine Art kleines feministisches Statement von den Jury-Mitgliedern sein, quasi feministische Einsteigerliteratur für »Oldies«? Wenn ja, überzeugt mich die Entscheidung nicht so ganz.

Aber der erlebte Missbrauch ist nicht der einzige Schwerpunkt des Romans. Der andere ist Europa. Mit Finnland als Haupthandlungsort hat sich Strubel einen Staat zwischen Ost- und Westeuropa ausgesucht, »russische Seele, skandinavisches Design« (S. 47) der ähnlich unabhängig wie die Schweiz gilt. Immer wieder versucht sie, mit gängigen Osteuropa-Klischees aufzuräumen und zu informieren, was ihr größtenteils mit viel politischem Wissen gespickt auch äußerst interessant gelingt – aber nicht immer. Ab und zu tappt sie in Nebensätzen dann doch in kleine Klischeefallen, vor allem wenn es um Personenbeschreibungen geht.

Besser gelingt ihr die Beschreibung des Verhältnisses zwischen Ost- und Westdeutschland. Ich schätze es sehr, dass Strubel in der gleichen Stadt wie ich geboren ist und bereits einiges über Brandenburg geschrieben hat. Auf diesem Themengebiet bewegt sie sich äußerst sicher und kompetent, das beweisen mir viele Sätze, zum Beispiel »Hältst du das denn aus? Den Assimilationsdruck? Den inneren Druck, anzukommen, dich anpassen zu müssen, die Codes der Fremde so schnell wie möglich zu beherrschen? Es gibt Tausende wie dich, denen niemand gesagt hat, dass auch Deutsche, ein gutes Drittel von ihnen, als Migranten im eigenen Land leben und das seit zwanzig Jahren« (S. 184).

Zwischen gekonnt und zu gewollt

Zunächst las sich Blaue Frau ganz wundervoll. Der erste Teil nahm mich ganz in seinen Bann, die Schilderungen wechseln fließend zwischen der Gegenwart in Finnland und Adinas Kindheit in Tschechien. Doch beim Übergang zum zweiten Teil verändert sich etwas, bricht etwas. Das ist von Strubel durchaus gewollt, da sie ihre ganze Textstruktur ändert (die kurzen Kapitel, in denen die Ich-Erzählerin – eventuell die Autorin selbst? – der blauen Frau begegnet, kommen nicht mehr vor) und der Handlungsort nur noch in Berlin liegt. Strubels Erzähltechnik ist dabei dennoch weiterhin grandios. Doch die Figuren sind nun unnahbar und anstrengend, die Dialoge verstehe ich kaum. Im dritten Teil ändert sich das wieder, er erinnert mich an den ersten Teil. Der vierte Teil unterscheidet sich noch einmal ganz, hier begleite ich auch noch eine weitere Figur neben Adina und der blauen Frau, das Ende zieht sich plötzlich sehr – im Gegensatz zu den Teilen davor. Auch sind die Kapitel mit der blauen Frau nun wesentlich länger und scheinen nun nicht mehr auf einer reinen Meta-Ebene stattzufinden, sondern sich mit der Romanhandlung zu vermischen. Ich verstehe nicht, worauf Strubel abzielen möchte. Das gilt übrigens auch für Adinas »Alter Ego«: der letzte Mohikaner, der sich wie ein zweites Gesicht über ihr eigenes legt. Das habe ich so gar nicht verstanden.

Wechselnder Fokus

Ich weiß nicht richtig, worauf der Roman hinauswollte – abgesehen vom Sensibilisieren für sexuellen Missbrauch, Osteuropa, Ostdeutschland. Zumindest das erstere habe ich in feministischen Lektüren schon besser behandelt gelesen. Über Osteuropa und Ostdeutschland hat sie aber sehr Interessantes geschrieben, darüber hätte ich gern mehr gelesen. 
Am Ende lässt mich Blaue Frau zwiegespalten zurück. Irgendwie waren das zu viele große, wichtige Themen in einem Roman. Der Fokus pendelt oder schwankt, wird mal scharf, dann rückt er wieder in den Hintergrund, auch wenn Strubel auf über 400 Seiten dennoch einiges unterbringen konnte. Ich mag es, dass eine ostdeutsche Frau den Buchpreis gewonnen hat, die über wichtige Themen geschrieben hat, aber wie wäre es mit ein paar neuen, jungen Stimmen im nächsten Jahr?

Antje Rávik Strubel, Jahrgang 1974, ist eine deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin. Für ihre Romane wurde sie bereits mit zahlreichen Preisen geehrt, Sturz der Tage in die Nacht stand im Jahr 2011 auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Blaue Frau erschien 2021 bei S. Fischer, umfasst 432 Seiten und wurde mit dem Deutschen Buchpreis 2021 ausgezeichnet.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

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