Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat • Henry David Thoreau

Henry David Thoreau ist dem breiteren Publikum eher durch sein Buch Walden oder Leben in den Wäldern bekannt, in dem er als einer der geradlinigsten Essayisten Amerikas sein geradezu asketisches Leben im Einklang mit der Natur schildert: Thoreau zog sich zwei Jahre in eine Blockhütte seines Arbeitgebers und späteren Freundes Ralph Waldo Emerson zurück und brachte diese Erfahrungen zu Papier.
Unbekannter hingegen ist Thoreaus kurzer Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, den derzeit sicherlich viele Kritiker:innen der Corona-Schutzmaßnahmen allein vom Titel her positiv rezipieren, Thoreau damit jedoch Unrecht tun würden. Dieser Essay ist Ausdruck eines rationalen, keineswegs moralin sauren Weltbilds und bedient ein klassisches Narrativ: hier der integre, arme (wahrscheinlich linke) Kritiker und dort der übermächtige (mehrheitlich konservative) Staat.

Von der moralischen Lethargie der Regierung

Regierungen sind anfällig für Korruption und Missbrauch. »Wenn die Regierung am notwendigsten wäre, sind die Regierten am meisten allein gelassen« (S. 4). Besonders dieser Satz hat mich an die Misere erinnert, in der wir Bürger:innen dieses Landes momentan stecken. Trotz all der vollmundigen Versprechen, dass dieser Winter anders als der Winter 2020 würde, stecken wir wieder im selben Dilemma. Alle Expert:innen schlagen ›Alarmstufe Rot‹ und die Regierung schaut zu. Es ist wie ein Flugzeugabsturz, den man in Standbildern verfolgen kann. Die Standbilder sind dabei die Meldungen in den allgegenwärtigen Live-Blogs und Newstickern zur Corona-Pandemie. Ich bin kein Anarchist, der die Regierung ablehnt – ich wünsche mir eine moralischere, tatenreichere Regierung. Auch Thoreau plädiert dafür, dass jede:r bekannt geben solle, »welche Art von Regierung seinen Respekt gewinnen würde« (ebd.). Anders könne es zu keiner Besserung der Regierung kommen. 

Widerstand als Recht

Den Widerstand gegen die Regierung stilisiert Thoreau nicht kategorisch zum Prinzip, weil er die Demokratie ablehnt. Vielmehr plädiert er an die Verantwortung aller Bürger:innen, wenn die Regierung das eigene moralische Wertesystem durch ihr Handeln verletzt oder durch ihre Unfähigkeit besteche. Thoreau begründete seinen damaligen Widerstand damit, dass er den Krieg der Vereinigten Staaten Krieg gegen Mexiko ablehnte und daraus folgend die Zahlung seiner Steuern verweigerte, um den Krieg nicht mitzufinanzieren.

Die eigentlichen Bewahrer der Regierung sind in Thoreaus Augen jene, die der Regierung durch ihre Gleichgültigkeit die Treue halten. Er schreibt: »Menschen, die den Charakter und die Maßnahmen einer Regierung missbilligen, ihr aber dennoch Gefolgschaft leisten, sind unzweifelhaft ihre gewissenhaftesten Unterstützer und somit oft die größten Hindernisse einer Reform« (S. 13). Thoreau ruft daher dazu auf, das eigene Handeln und Tun stets im Lichte der Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit zu betrachten. Stelle man jedoch fest, dass man sich zum »Arm der Ungerechtigkeit« (S. 15) mache, so solle das eigene Leben zum Gegengewicht werden. Nur so könne die Ungerechtigkeit aufgehalten werden.
Diese Betrachtung ist übrigens einer der Gründe, warum ich seit Jahren mit meinem Beruf als Lehrer hadere. Schließlich mache ich mich durch meine Tätigkeit zum Agenten der sozialen (Aus-)Sortiermaschinerie. 

Frühindustrielle Kapitalismuskritik

Im Folgenden entwickelt Thoreau eine Morallehre, die nicht durch ihre Ausdifferenziertheit besticht: Klar, natürlich ist der reiche Schmock ein moralisch verarmtes Individuum, das qua Besitzverhältnisse gar nicht moralisch integer sein kann. Dass es jedoch Unternehmer:innen wie den deutschen Trigema-Chef Wolfgang Grupp oder den früheren Nintendo-Präsidenten Satoru Iwata gibt und gab, die in Krisenzeiten eher an den Vorstandsgehältern sparten, statt den Rotstift am Personal anzusetzen, beweist, wie falsch dieses plakative, in linken Kreisen gerne erzählte Narrativ vom ›bösen Leistungsträger‹ ist. Interessant ist jedoch die konsumkritische Dimension von Thoreaus Reichen-Schelte: »Geld beschwichtigt viele Fragen, die andernfalls Antworten verlangten, während die einzige neue Frage, die es aufwirft, die so schwere wie überflüssige Frage ist, wie es ausgegeben werden soll« (S. 15). Das Zitat sollte in jedem Wartebereich einer Bank prangen.

Und nun?

Zwar regt Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat mich an, meine Privilegien als homo oeconomicus zu hinterfragen, aber mitreißen vermag mich die etwas farblose Prosa von Thoreau nicht. Ob es am Originaltext oder an der Übersetzung liegt, wage ich nicht zu bewerten. Thoreau gelingen zwar einige Einsichten und erwähnenswerte Begriffe wie »Untertanentreue« (S. 27), die verfliegen aber schnell wieder. Für eine tiefergehende Analyse, warum dem Staat mit Widerstand begegnet werden sollte, ist der schnell konsumierte Essay vielleicht nicht das geeignete Genre. Bei der Auswahl des Genres für seine Fundamentalkritik hätte Thoreau ein präziseres Klassenbewusstsein beweisen können.

Henry David Thoreau, Jahrgang 1817, verstorben 1962, war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph. Von seinen Zeitgenossen eher verlacht und ignoriert, avancierte Thoreau besonders durch die Rezeption durch Mahatma Gandhi zum Vorbild gegen materialistisches Denken. Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat erschien erstmals 1849 unter dem Titel Resistance to Civil Government. Die hier rezensierte Version erschien 2016 im Verlag Michael Holzinger, wurde von David Adner übersetzt und umfasst 34 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. beim Herausgeber und dem Übersetzer.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s