Salonfähig • Elias Hirschl

Sebastian Kurz hat als Stereotyp des Law-and-Order-Schwiegersohns im Slim-Fit-Anzug in Österreich eine Generation schmieriger, aalglatter Politiker:innen etabliert, die sich eines Personenkults bedient, die sozialistische oder kommunistische Systeme wie Anachronismen wirken lassen. Die dabei verwendete Rhetorik ist nicht nur teilnahmslos, sondern vor allem auch gefährlich.

Elias Hirschl liefert mit Salonfähig einen brandaktuellen Roman, der das Psychogramm eines Jungpolitikers und seiner Clique in der unmittelbaren Nähe einer Galionsfigur der österreichischen neokonservativen Partei zeichnet. Trotz seiner allgegenwärtigen Überzeichnungen wurde der Roman nach seiner Veröffentlichung von der Realität eingeholt: Die Enthüllungen um die Textnachrichten der türkisen Familie werfen ein Licht auf den österreichischen, türkisen Filz der ÖVP, der diesem Buch in seiner Drastik in nichts nachsteht. Bret Easton Ellis könnte durchaus neidisch auf dieses fulminante, wahnwitzige, schwarze Buch sein.

Aalglatte Unsympathen

»Ich habe geträumt, dass mich Ärzte aufschneiden, und sie finden Milz, Leber, Nieren, Herz, Lunge und legen alles auf einen Tisch in silberne Metallschalen« (S. 7). Etwas enttäuscht war ich von dem ersten, einleitenden Satz schon. Vielmehr erwartete ich, dass der namenlose Protagonist schildert, die Ärzt:innen hätten nichts als Leere entdeckt.

Der namenlose Protagonist hält sich für einen guten Menschen, der selbstverliebt zum Friseur, zur Maniküre, ins Büro, Fitnessstudio, zur Psychotherapie und zur Rhetoriktrainerin geht und seinen Aufzug mit Slim-Fit-Anzug, Oxfords und Gehstock inklusive Pferdekopf-Knauf zum Urteil »Ich würde mich als vielschichtigen jungen Mann bezeichnen« (S. 11) destilliert. Seine Morgen-Routine gleicht der des American Psycho-Antihelden Patrick Bateman, während der er sich in seiner 120-Quadratmeter-Wiener-Altbauwohnung sechs verschiedene Haarprodukte ins Haar schmiert, um später Wachs aufzutragen. Unsympathisch. Dieser Ersteindruck des Antihelden von Salonfähig bessert sich auch nicht im Laufe der Lektüre.

ÖVP-Kopien und Anstandsverwahrlosungsrhetorik

Der namenlose Protagonist und seine – intellektuell betrachtet – Energiesparlampen-Freunde folgen willenlos dem Parteichef der Neuen Mitte Österreichs, der fiktionalen neokonservativen Partei in Salonfähig, die eine so große Ähnlichkeit mit der ÖVP aufweist, dass es einen gruselt, bis ich merke: Moment mal, in der Realität Österreichs ist das ja genauso! Der Parteichef Julius Varga aus der Mitte der Anhängerschaft der Jungen Mitte (die Jugendorganisation der ÖVP-Kopie) ist das absolute Idol, fast schon der gottgewordene Mensch für den namenlosen Antihelden, den ich irgendwann während der Lektüre im Kopf nur noch Julius II nannte. Varga wird während des Verlaufs der Handlung mit seiner Partei bei der Wahl mit gerade einmal 29 Jahren zum Bundeskanzler Österreichs gewählt.

Innerhalb der Jugendorganisation kommt es zu wahrhaften Exzessen des ›Leersprechs‹ des Kapitalismus. So veranstaltet die Junge Mitte mit der ihr nahestehenden Schülervertretung eine schwarz-weiß-Mottoparty, die sie auf Instagram mit folgenden Worten bewirbt: »Schwarz/weiß steht in diesem Sinne selbstverständlich sowohl für Inklusion, gelungene Integration, für differenziertes Denken und eine schicke Casual/Bowtie-Kombination in ebenjenen Farben, die niemals aus der Mode kommen« (S. 26). Würg! Immer, wenn ich während der Lektüre dachte, dass Hirschl mir endlich mal eine Pause gönnen könnte, prügelte er mit seiner Wohlstands- und Anstandsverwahrlosungsrhetorik weiter auf mich ein.

Porträt eines Psychopathen

Julius II schreibt jeden Morgen nach dem Aufwachen in ein in Leder gebundenes Notizbuch, was er geträumt hat, um auf diese Weise seine Träume »kreieren, formen, steuern« (S. 30) zu können und selbst zu bestimmen, was er träumen möchte. Die Empfehlung hat er von seiner Rhetoriktrainerin. Begleitet von Fitness- und Schönheitswahn ergibt sich so nach und nach das Bild einer Person, die sinnbildlich zwischen Ego und Eso nicht mehr zu unterscheiden vermag. So verbindet Julius II seine Gutmütigkeit gegenüber einem Bettler, dem er regelmäßig zwanzig Cent zusteckt, mit Sachertorte: Er belohnt sich als ›Verstärker‹ nach seiner guten Tat mit Sachertorte, sodass der Anblick des Bettlers »bereits ein Lächeln der Vorfreude« (S. 35) in sein Gesicht zaubert. Das ist derart zynisch, dass es schon fast unterhaltend ist.

Julius II macht nichts, dass ihm das Prädikat ›unauffällig‹ verleihen könnte. Stets verunsichert übt er im Auto sein roboterhaftes Lächeln, reflektiert jede mimische Äußerung und kasteit sich in inneren Monologen selbst, wenn eine Blüte der Pflanzen in Julius Vargas Wohnung abgestorben ist, die er für diesen pflegt. Die Therapeutenbesuche, die Hirschl schildert, ergeben das Bild eines in der Kindheit schwer verunsicherten Einzelgängers, der – keiner eigenen Meinung oder Eigenschaften fähig – seine Persönlichkeit ausgelöscht hat, eine leere Folie geworden ist und die Rhetorik, den Kleidungsstil, das gesamte Auftreten seines persönlichen Sonnengottes, Julius Varga, chamäleonhaft kopiert hat: »Kurz erschrecke ich, als ich auf dem Weg nach unten glaube, Julius zu sehen, dann jedoch feststelle, dass es nur ein mannshoher Wandspiegel zu meiner Linken ist. Ich lächle mir zufrieden zu und betrete das eigentliche Lokal« (S. 110). Die unter der Oberfläche brodelnde konservative Radikalität mündet am Ende in einer Zuspitzung, die Patrick Bateman daneben wie einen Milchbubi wirken lässt.

Dauersalven aus der literarischen Überspitzungspatronentrommel

Die Einzeiler sind definitiv Hirschls Stärke. Dort, wo er sich knapp hält, ist er grandios. Sätze wie »Ich lache wie gut verheiltes Narbengewebe« (S. 14) oder »Das Set endete schließlich mit einem durchaus befriedigen Fuckclose in meinem Bett« (S. 66) sind wahnwitzig, pointiert und treffen sehr wohl einen ironischen Nerv bei mir, während die ausschweifenden Schilderungen häufig derart überzeichnet sind und ab der zweiten Hälfte des Buches mich eher mürbe machen. Die definitiv absurdeste Szene ist jene, als Julius II und sein Parteikollege Karl Voigt auf einem Konzert, das sie ›ironisch‹ besuchen, Linksradikale mit Dom-Pérignon-Flaschen verprügeln und nebenbei in Gesprächsfetzen eine popkulturelle Analyse der dort gespielten Musik betreiben. Abschließend kleben sie den blaugeprügelten Irokesen Wahlspruchsticker der Jungen Mitte auf die Augen.

Der Witz und die Komik in den Szenen kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Hirschl ironisch zum Nicolas Cage der österreichischen Literatur überhöht: Beide beherrschen die Kunst des overacting meisterhaft. Hirschl bedient sich einer Prosa, die sich in der zynischen Zuspitzung immer weiter, höher zu schaukeln versucht und damit dem leeren Heilsversprechen des Höher-Weiter-Mantras des Kapitalismus in die Falle geht, das Hirschl eigentlich zu persiflieren versucht. Zwar gibt es immer wieder Momente, die das kippende Boot des Leseeindrucks zu retten vermögen, aber insgesamt schimmert das ›Zuviel‹ von Hirschls Prosa durch.

Mehr Schein als Sein

»Meine Frisur sitzt, und ich habe ein reales Innenleben. Ich bin salonfähig. Mein Hugo-Boss-Anzug, slim fit, betont beiderseits meine schlanke Figur und den Ansatz an wohltrainierter Muskelmasse. Ich bin auf dem Höhepunkt meiner körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit« (S. 245). Fast auf jeder Seite musste ich mich angesichts dieser autoerotischen Schilderungen schütteln. Salonfähig ist ein zugespitztes, wahnwitziges, zynisches Buch fast ohne sonderliche intellektuelle Fallhöhe, weil es den Gestus und die Leere seiner Akteur:innen hervorragend und damit eigentlich gar nicht zugespitzt transportiert, weil diese Kaste der alt- und neureichen Konservativen exakt so wie geschildert existiert, sie um den Ex-Kanzler Sebastian Kurz genau diesen Führerkult etabliert haben und vermutlich in Ansätzen auch so denken und sprechen wie die Figuren Hirschls.

In Salonfähig hat Hirschl das Bild einer brandgefährlichen Radikalisierung der Neokonservativen gezeichnet, das Magenschmerzen bereitet, weil nunmehr die Agitation gegen Minderheiten auch aus der (angeblichen) ›Mitte der Gesellschaft‹ ausgeht. Menschenhass und der leere Erfolgssprech des Kapitalismus sind salonfähiger geworden, besonders in den abgeschlossenen Gruppen unserer Wohlstandsgesellschaften.

Elias Hirschl, Jahrgang 1994, ist ein österreichischer Autor, Poetry-Slammer und Musiker. Er gewann 2014 die österreichischen Poetry-Slam-Meisterschaften und ist neben Lisa Eckhart einer der bekanntesten österreichischen Poetry Slammer. Salonfähig erschien 2021 im Paul Zsolnay Verlag und umfasst 254 Seiten. 
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

2 Gedanken zu „Salonfähig • Elias Hirschl

  1. Schon während ich deine Rezension zum Buch und den wenigen Details über den Protagonisten lese, schüttelt es mich auch. Ob mich das überzeugt, das Buch dann zu lesen, wenn es mir jetzt schon so ergeht, weiß ich wirklich noch nicht. Dennoch eine wirklich tolle Rezension! Ich lese gerne Bücher von (ehemaligen) Poetry-Slammer*innen, weil sie die Welt oftmals viel besser auf den Punkt bringen – überspitzt oder nicht – als andere Vertreter*innen aus der Literaturbranche.

    1. Danke! Ich hab mich sehr über deinen Kommentar gefreut.

      Ich hatte auch erst Zweifel, ob ich das Buch wirklich lesen möchte, aber zum Schluss habe ich es nur ein bisschen bereut 😄

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