Soll & Habitus • Daniela Dröscher & Paula Fürstenberg

Ich glaube, man ist ein anderer Mensch, man hat einen vollkommen anderen Blick auf das Leben, wenn man mit wenig Geld aufwächst bzw. akuten Geldmangel erlebt hat. Wenn das Leben aus dem Kalkulieren von Essen, Miete, Versicherung, Kleidung besteht – Monat für Monat, immer wieder. Ich glaube, das prägt Menschen ihr Leben lang. In Soll & Habitus scheinen mir 15 Autor:innen zuzustimmen.

Zwischen Scham und Klasse

Soll & Habitus ist ein schmales Heftchen, es umfasst lediglich 21 Seiten und macht von außen nicht wirklich viel her. Umso mehr hat mich das Innere überwältigt. Autor:innen wie Shida Bazyar, Christian Dittloff, Mareice Kasier, Şeyda Kurt und Deniz Utlu schreiben darüber, wie es ist, ohne Geld aufzuwachsen oder als Erwachsene ohne Geld klarkommen zu müssen – aber auch darüber, wie es ist, ›es zu schaffen‹ oder sich etwas zu leisten. Viele schauen aus ihrer heutigen Perspektive zurück und schämen sich: Scham spielt in Soll & Habitus eine riesige Rolle. »Erst die Scham darüber, arm zu sein, dann die Scham darüber, nicht mehr arm zu sein, schließlich die Scham darüber, sich nicht mehr zu schämen« (S. 4, Sahar Rahimi). Dazu passend begegnet mir bereits in der Einleitung der Begriff Klassenübergänger:in, der sich ebenfalls wie ein roter Faden durch die Ausgabe zieht.

Tiefsitzende Traumata

Es gibt kaum eine Seite in Soll & Habitus, auf der ich keinen Absatz unterstrichen habe. So oft finde ich mich wieder, so oft werden ungute Erinnerungen geweckt: an Monate, in denen wir nicht wussten, wie wir die Miete bezahlen können. An Einkäufe, bei denen man sich die Tränen herunterschlucken muss, weil es wieder nur Milchreis geben kann. Noch heute verfalle ich in eine kleine Krise, wenn am Monatsende kaum noch Geld da ist – so tief sitzt dieses Trauma, kein Geld zu haben, obwohl wir mittlerweile zwei Einkommen (unter dem Bundesdurchschnitt) haben. »wie entspannt die welt ist, wenn man geld in der tasche hat, wie frei die gedanken sind, wenn man geld in der tasche hat« (S. 4, Özlem Özgül Dündar).

Brechen wir die Tabus!

Seit kurzem bin ich Kleinunternehmerin – ein Wort, das in meinen Ohren immer noch äußerst absurd klingt. Seit Jahren erledige ich für Bekannte kleine Gefälligkeiten im Grafik- oder Webdesign-Bereich – und es hat ebenfalls Jahre gedauert, bis ich lernte, meine ›Arbeitskraft‹ angemessen in Geld umzurechnen. Auch das gießen die Autor:innen in Soll & Habitus in Worte, wie so vieles, von dem ich nicht wusste, dass auch andere so empfinden. Geld ist so oft der sprichwörtliche Elefant im Raum und es tut gut, dass all diese Probleme rund um das Geld endlich festgehalten und in die Öffentlichkeit gelassen werden.

Mit dem Aufwachsen mit Geld gehen auch gewisse Codes einher. Ein Beitrag in Soll & Habitus, der mich diesbezüglich ganz besonders angesprochen hat, stammt von Mareice Kaiser und ist in einem Restaurant verortet: »Wohin lege ich die Karte, wie viel Trinkgeld gebe ich, wie geht das?, denke ich. Ich kenne den Code, aber ich kenne nicht die Codes« (S. 8). Bis heute machen wir keinen Urlaub in Hotels und betreten keine noblen Restaurants, bis heute fühle ich mich in Städten mit relativ reichen Menschen unglaublich unwohl. Ich kenne nicht die Codes.

Perspektivwechsel und Optionen

Apropos Urlaub: »Ich kann schlecht in den Urlaub fahren. Irgendetwas ist da bei mir blockiert« (S. 12, Verena Brakonier). Erwähnte ich, wie viel ich mir in dem kleinen Heft angestrichen habe? So oft hatte ich das Gefühl, meine Gefühle gedruckt zu sehen. Und fragte mich gleichzeitig, wie wohl Menschen Soll & Habitus lesen würden, für die Geld eine Selbstverständlichkeit ist. Die nie Mangel erlebt haben und ihn nun als Titelthema in der ZEIT erklärt bekommen müssen. Was wäre man dann für ein Mensch? Wäre man grundsätzlich glücklicher? Oder ist das zu plakativ gedacht und man hätte dann ganz andere Probleme? Aber könnten die jemals auch nur so elementar sein wie Geldmangel in einem gesellschaftlichen System, das auf Geld beruht, in dem ohne Geld nichts funktioniert? Es ist ja nicht so, als ob man eine Option hätte; dass man sagen könnte, mir ist das Geld egal, ich brauche kein Geld. Nein, wir alle brauchen immer stets und ständig Geld, denn Arbeits- oder Obdachlosigkeit sind keine würdevolle Alternative. Aber das bedingungslose Grundeinkommen, das wäre eine. Wie sich Soll & Habitus wohl lesen würde, wenn diese Utopie Realität wäre?

Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987, studierte am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und wurde unter anderem mit dem Hattinger Förderpreis für Junge Literatur und dem Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg ausgezeichnet. Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in Trier und London. Sie wurde mit verschiedenen Förderpreisen und Stipendien ausgezeichnet. Soll & Habitus ist 2021 bei SUKULTUR erschienen, umfasst 21 Seiten und beinhaltet Beiträge von Shida Bazyar, Ewe Benbenek, Verena Brakonier, Christian Dittloff, Özlem Özgül Dündar, Verena Güntner, Mareice Kaiser, Şeyda Kurt, Aurélie Maurin, Maria Milisavljević, Jacinta Nandi, Hendrik Quast, Sahar Rahimi, Lynn Takeo Musiol und Deniz Utlu. Auf der dazugehörigen Website stehen alle Beiträge auf mehreren Sprachen kostenlos zur Verfügung.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei den Herausgeberinnen / Autor:innen.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

4 Gedanken zu „Soll & Habitus • Daniela Dröscher & Paula Fürstenberg

  1. ohne das buch schon gelesen zu haben, denke ich doch, dass es sehr wichtige fragen fokussiert und eine thematik anreisst, die noch viel zu wenig wahrgenommen und diskutiert ist … danke für die rezension!

    1. Das hast du perfekt zusammengefasst! So etwas in der Art habe ich tatsächlich bisher kaum gelesen und finde das Buch dafür umso wichtiger. Und die beiden von dir kommentierten Zitate – die habe ich auch zu 100% gefühlt ❤

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