Autumn • Ali Smith

Ich mag englische Buchausgaben sehr. Zuerst sehen sie wunderschön neu aus, dann trägt man sie einige Wochen lang zwischen Schlafzimmer, Küche und Wohnzimmer hin und her, transportiert sie vielleicht sogar noch im Rucksack und am Ende sehen sie aus, als hätten sie bereits ein ganzes Leben hinter sich gebracht. In etwa dieselbe Zeit habe ich gebraucht, um Ali Smiths Autumn zu lesen.

Der Auftakt eines Quartetts

Autumn ist der erste Teil des sogenannten Jahreszeitenquartetts von Ali Smith – alle vier Teile sind nach den jeweiligen Jahreszeiten benannt und ich freue mich schon jetzt darauf, die restlichen Teile passend zu den Jahreszeiten innerhalb der nächsten Monate zu lesen, auch wenn zumindest im Auftakt nicht allzu viele NatureWriting-Passagen auftauchen, die mich quasi dazu ›zwingen‹ würden, es ausgerechnet im Herbst lesen zu müssen. Long story short: Man kann das Quartett sicherlich auch unabhängig von den Jahreszeiten lesen.

Im Mittelpunkt des Romans stehen Elisabeth und Daniel. Elisabeth ist Mitte 30 und die Protagonistin von Autumn. Daniel ist 101 Jahre alt und im Altenheim. Als Elisabeth noch ein Kind war, war er ihr Nachbar – ein besonderer Nachbar. So ganz finde ich während des Lesens nicht heraus, was er beruflich gemacht hat, aber er hat Songs geschrieben und viel mit Künstler:innen zu tun gehabt.

Viele Sprünge, viele Ebenen, viele lose Enden

In Autumn springe ich immer wieder zwischen den Zeitebenen hin und her – manchmal angekündigt, oft nicht. Mal reise ich zurück in Kindheitserinnerungen von Elisabeth, die oft ihre Mutter oder Daniel betreffen, mal begleite ich die Gegenwarts-Elisabeth bei ihrem Besuch im Bürgeramt bei dem Versuch, einen neuen Reisepass zu beantragen. Ebenfalls spielt die Zeitebene ihrer Dissertation eine wichtige Rolle – und der Brexit.

Vieles kommt in dem Roman zusammen, vieles verstehe ich nicht so richtig, allen voran die Handlung rundum Elisabeths Dissertation. Sie hat Kunstgeschichte studiert und entdeckt kurz vor ihrer Dissertation einen Bildband über Englands einzige Pop-Art-Künstlerin der 1960er Jahre. Sie wirft ihr eigentliches Dissertationsthema über Bord, um über sie schreiben zu können. Unterbrochen durch viele Erinnerungen kommt ein wilder Mix aus Erinnerungen ihrer Mutter, der vergangenen Liebesgeschichten von Daniel und Parallelen zu Marilyn Monroe dazu – und ich komme nicht mehr hinterher. Die Zeitsprünge machen das Buch sehr schwer verständlich, noch dazu erschwert es mir Ali Smiths gekonnter, aber auch schwieriger Stil, Kohärenz aufbauen zu können – gerade bei dem Thema rund um die Künstlerin, wo der Mix aus historischen Erzählungen, künstlerischen Vergleichen, Geschichten um Schauspielerinnen und persönlichen Erfahrungen einfach zu kompliziert und wirr wird.

Wenn der Nachbar zum Opa wird

Wesentlich verständlicher ist die Handlung auf der gegenwärtigen Zeitebene: Elisabeth liest dem schlafenden Daniel im Altersheim regelmäßig etwas vor und führt so ihre tiefe Beziehung fort, die schließlich so intensiv wird, dass sie in einem Großvater-Enkelin-Verhältnis mündet. Ausgehend von dieser gegenwärtigen Ebene tauche ich immer wieder in Daniels unverständliche Träume ein, aber auch in die Anfänge ihrer Beziehung. Ich bekomme einen Schulaufsatz zu lesen, den Elisabeth über ihren neuen Nachbarn schreiben soll und bin dabei, wie sich beide kennenlernen. Vor allem habe ich genossen, davon zu lesen, wie Daniel schnell eine Mentorenrolle gegenüber Elisabeth einnimmt: Bei Besuchen fragt er sie stets als erstes, was sie gerade liest. »Does it look like I’m reading anything? she said. Always be reading something, he said. Even when we’re not physically reading. How else will we read the world? Think of it as a constant. A constant what? Elisabeth said. A constant constancy, Daniel said« (S. 68). Mindestens genauso wortgewandt lehrt er sie, dass Sprache wie Mohn ist: »It just takes something to churn the earth round them up, and when it does up come the sleeping words, bright red, fresh, blowing about. Then the seedheads rattle, the seeds fall out« (S. 69).

Perfekte Fleabag’sche Dialoge 

Gerade in Bezug auf Dialoge wird die besondere literarische Stärke von Ali Smith deutlich: Sie lässt Figuren fasst slapstick-artig miteinander agieren und denkt kommunikative Missverständnisse humorvoll mit. Dieser Stil erinnert mich extrem an die Serie Fleabag – und ist auch der Grund dafür, warum ich mir Autumn überhaupt gekauft habe. Auf der Rückseite von The Bass Rock steht nämlich folgende Pressestimme: »Like Ali Smith’s novels crossed with the TV series Fleabag«. Ich bin ein großer Fan der Serie von Phoebe Waller-Bridge, also ist es kaum verwunderlich, warum eine einzelne Pressestimme mich dazu bringen konnte, eine neue Buchreihe anzufangen.

Ein Musterbeispiel für Smiths gekonnte Dialoge ist das Gespräch zu Beginn des Romans im Bürgeramt, als sie versucht, einen neuen Reisepass zu beantragen: »He shakes his head. What? Elisabeth says. No, I think it’s all right, he says. The hair. It has to be completely clear of your eyes. It is completely clear of my eyes, Elisabeth says. It’s nowhere near my eyes. It also can’t be anywhere near your face, the man says. It’s on my head, Elisabeth says. That’s where it grows. And my face is also attached to my head« (S. 23). Schön ist auch die Stelle, als Elisabeth im Altersheim bei einem Besuch von Daniel einschläft und eine Pflegerin den Raum betritt: »Having a bit of time out? the care assistant says. All right for some, huh? Some of us have to work for a living, she says. She winks in the general direction of Elisabeth« (S. 41). Oder die Stelle, als auf ein GO HOME-Graffiti WE ARE ALREADY HOME THANK YOU geantwortet wird. Es sind immer wieder kleine sassy Passagen, die Autumn auflockern und zu einem grandiosen Lesevergnügen machen.

Der Brexit liegt in der Luft

Weitaus ernsthafter sind die Kapitel, in denen Smith den im Sommer und Herbst 2016 überall in der Luft schwebenden Brexit thematisiert. Da wird Smith fast poetisch: »All across the country, people felt it was the wrong thing. All across the country, people felt it was the right thing. All across the country, people felt hey’d really lost. All across the country, people felt they’d really won. All across the country, people felt they’d done the right thing and other people had done the wrong thing« (S. 59). Aber besonders stark fand ich den Ausbruch von Elisabeths Mutter auf einem Spaziergang. Was mit einem Schlagabtausch in gewohnten Fleabag-Stil beginnt (»I’m tired, she says. It’s only two miles, Elisabeth says« (S. 56)), endet mit einem zweiseitigen Monolog ihrer Mutter über all das, worüber sie tired ist: die Nachrichten, Wut, Egoismus, Gewalt, Lügen, die Regierung, Angst, fehlende Worte – um nur eine Auswahl zu nennen. Es sind diese politischen Passagen, an denen Autumn für mich ganz besonders glänzt und von denen ich mir mehr gewünscht hätte, schließlich wird auch im Klappentext geschrieben: »The United Kingdom is in pieces, divided by a historic once-in-a-generation summer.« Dafür waren es dann doch zu viel Erinnerungen an jugendliche Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter, Kunstlektionen von Daniel und Erkundungen bezüglich der Pop-Art-Künstlerin.

Ich bin zwiegespalten: Einerseits macht Ali Smiths Schreibstil den Roman überaus unterhaltsam, andererseits an anderen Stellen aber auch unverständlich. Einige Passagen sind wundervoll lehrreich, andere lassen jeden roten Faden vermissen. Smith springt nicht nur zwischen Zeit-, sondern auch zwischen Handlungsebenen hin und her, was mich immer wieder verwirrt und dazu geführt hat, dass ich für das gar nicht allzu umfangreiche Buch doch länger gebraucht habe als erwartet. Und dennoch möchte ich auch die folgenden drei Teile lesen – in der geheimen Hoffnung, dass Smith mit jedem Teil ein wenig weiter über sich hinaus wächst. Denn Potenzial, das hat die Idee des Jahreszeitenquartetts definitiv.

Ali Smith, Jahrgang 1962, ist eine britische Schriftstellerin. Nach ihrem Studium arbeitete sie an der Universität Strathclyde als Lecturer. Aufgrund ihrer Erkrankung am Chronischen Erschöpfungssyndrom gab sie ihren Beruf als Literaturdozentin jedoch auf und begann zu schreiben. 2015 wurde sie zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Sie stand bereits drei Mal auf der Shortlist für den Booker Prize, unter anderem für Autumn. Autumn erschien erstmals 2016 bei Hamish Hamilton. Meine Ausgabe wurde 2017 bei Penguin Books veröffentlicht und umfasst 264 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

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