Stolz der Toten • Kenzaburō Ōe

Auf meiner Reise durch die Welt der japanischen Literatur stieß ich vor kurzem auf den Namen Ōe. Der Literaturnobelpreisträger war mir ebenso wie Yukio Mishima zunächst unbekannt – und ebenso wie bei Mishima sollte ich in Kenzaburō Ōes Stolz der Toten auf ungewöhnliche Betrachtungen stoßen, die sich auf erschreckend körperliche, geradezu kreatürliche Weise mit der Würde des Menschen beschäftigen.

Nur ein Studentenjob

Ein namenloser Philosophiestudent, eine namenlose Anglistikstudentin und ein namenloser Verwalter der Leichenaufbewahrung treffen sich an einem bewölkten Wintermorgen im Leichenkeller der medizinischen Fakultät. Die Ersteren haben einen Job angenommen, um ihr dünnes Studierendenbudget aufzupeppen: Sie sollen die alten Leichen aus dem Tank mit der abgestandenen Flüssigkeit in einen neuen Tank mit frischer Flüssigkeit umbetten. Für diese (sicherlich) ekelerregende Tätigkeit findet Ōe direkt eine passende Allegorie; über den Nebel eines Wintermorgens heißt es: »Der Nebel dringt in den Mund wie ein Tier, er bläht sich auf und reizt zum Husten oder Lachen« (S. 14).

An les- und spürbarer Morbidität weiß Ōe dies noch zu steigern. So verwickelt der Verwalter den Protagonisten der Erzählung, den Philosophiestudenten, in ein Gespräch, an dessen Ende er dem Studenten verspricht, sollte er auch einmal in einem solchen Tank landen, würde er ihn »auf den Grund zu schieben« (S. 20). Denn die ›alten‹ Leichen am Grund werden seltener für Forschungszwecke verwendet.

Verdinglichung und Kriegsgespräche

Ōe lässt den Philosophiestudenten Dinge denken, die den Umgang mit dem Tod erträglicher machen. So werden die harten und festen Körper in der Wanne vergegenständlicht, um den Tod erträglicher zu machen, den Ekel einzudämmen. Dass dies aber auch einer anderen Zielsetzung folgt, wird erst später klar: Ōe ist seit jeher ein eher linker Schriftsteller, der den Nationalismus der Liberaldemokratischen Partei Japans (LDP) sowie das Tennō-System kritisch sieht. Die Verdinglichung der Toten ist daher als zynische Replik auf die Kriegsrhetorik und das Bestreben der LDP, ein stehendes Heer wiederaufzubauen, zu verstehen. So verwundert es nicht, dass der Philosophiestudent gedanklich ein Zwiegespräch mit einem im Tank konservierten Deserteur der Armee hält, das ein pazifistisches Plädoyer darstellt: »Ihr Jungen müßt euch mehr um die Politik kümmern! Ihr seid es, die den nächsten Krieg beginnen werden! Wir Toten können nur noch zuschauen und kritisieren« (S. 36).

Antinatalismus aus dem Jahr 1958

Glich Stolz der Toten bis zum Zwiegespräch mit den ›stolzen‹ Toten bereits einem angejahrten Rotwein, so entwickelt sich das Werk im Verlauf der Lektüre zu einem Portwein, der schwer im Magen liegt – so niederschmetternd wirkt die Lektüre.

Die Anglistikstudentin, die eher eine Nebenrolle spielt, rückt plötzlich in den Mittelpunkt. Diese hat den unattraktiven Job des Leichenumlagerns deshalb gewählt, weil sie eine operative Abtreibung finanzieren möchte. Der eher emotionslose Protagonist verwehrt sich einer moralischen Wertung, während die Anglistikstudentin sich zu Sätzen wie »Die Verantwortung beim Gebären ist genauso schwer wie die bei einem Mord« (S. 43) hinreißen lässt. Ob sie sich nun für das Leben des Embryos oder für das Abtöten entscheide, ändere nichts am Umstand: »Das gibt eine Wunde, und mir bleibt die Narbe« (S. 44). Das Spiel mit mehrdeutigen Wörtern an dieser Stelle gelingt Ōe ganz ausgezeichnet – stehen die Wörter ›Wunde‹ und ›Narbe‹ doch stellvertretend für die physische, gesellschaftliche und psychische Stigmatisierung, die mit einer Schwangerschaft bzw. dem Abbruch dieser einhergehen. 

Ausgewogen, nahezu gleichberechtigt

Doch nimmt nicht nur die Frau eine antinatalistische Sicht ein, sondern auch der Verwalter. So beweist Ōe für seine Zeit nahezu revolutionär i(n Anbetracht des konservativen Rollenbilds Japans), dass die Entscheidung für Kinder auch schwer auf den Schultern des Mannes lastet. Der Verwalter hält den beiden Studierenden nämlich folgenden Monolog: »Daß jemand mit einem solchen Beruf nun einen neuen Menschen erzeugt haben sollte, war sonderbar. Mir war, als hätte ich etwas Überflüssiges getan. Weil ich ständig die Leichen vor Augen habe, kommt mir so manches sinnlos vor« (S. 58). 

Mit Stolz der Toten bietet Ōe eine kurze, morbide Erzählung, die thematisch breit gefächert ist und mit einer nahezu farblosen Sprache daherkommt, die sowohl den Toten als auch den Lebenden das verleiht, was ihr sowohl knallige Metaphern auf dem Papier als auch populistische Kriegsrhetorik von Politiker:innen nehmen würden: die Würde. 

Kenzaburō Ōe, Jahrgang 1935, ist ein japanischer Schriftsteller. Neben Kawabata Yasunari und Kazuo Ishiguro gilt er als einer der bedeutendsten japanischen Schriftsteller. Er erhielt 1994 für sein Lebenswerk den Literaturnobelpreis. Er ist unter anderem Träger des bedeutendsten japanischen Literaturpreises, des Akutagawa-Preis. Er lehnt den japanischen Nationalismus der LDP ab. Stolz der Toten erschien erstmals 1958 in der Zeitschrift Bungei shunju unter dem Originaltitel Shisha no ogori. Die hier rezensierte Version erschien 1969 im Fischer Taschenbuch Verlag, wurde von Margarete Donath und Itsuko Gelbrich übersetzt und umfasst 78 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / den Übersetzerinnen.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

4 Gedanken zu „Stolz der Toten • Kenzaburō Ōe

  1. Von Oe habe ich mir vor einigen Jahren einige Bände gebraucht gekauft. ,,Stolz der Toten“ kannte ich noch nicht. Aber die ,,erschreckend körperlichen“ Schilderungen sind mir auch aus anderen Büchern von ihm im Gedächtnis geblieben. Ich finde den Verlauf seiner Geschichten schwer vorhersehbar, die Themenwahl immer wichtig, aber auch schwer verdaulich. Oe lese ich bislang immer in großen Abständen – vielleicht als nächstes ,,Stolz der Toten“. Beste Grüße, Jana

    1. Schön, dass dich die Rezension dazu bewegt, ‚Stolz der Toten‘ vielleicht als nächstes zu lesen. Ich würde mich sehr freuen, wenn du deinen Leseeindruck hier in der Kommentarspalte dann teilen würdest!

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