Thin Places • Kerri ní Dochartaigh

Angesichts des Ergebnis des Brexit-Referendums macht sich im Jahr 2016 Ratlosigkeit in vielen Ir:innen und Nordir:innen breit. Mit dem EU-Austritt steht auch der Frieden im Grenzgebiet auf der Kippe, da alte politische, ökonomische, weltanschauliche und geographische Konflikte so neuen Zunder bekamen. Meiner Wahrnehmung nach wird trotz des Friedensnobelpreises, der im Jahr 2012 warum auch immer an die Europäische Union verliehen wurde, gerne vergessen, dass besonders an den Grenzgebieten Europas, ob im Kosovo oder in Irland, der Frieden ganz besonders dünn und zerbrechlich ist – ähnlich wie die Flügel eines Schmetterlings.

Die Sprengkraft dünner Orte

Kerri ní Dochartaigh, geboren und aufgewachsen in Derry, einer Grenzstadt im Nordwesten Nordirlands, schildert in Thin Places ihre Lebensgeschichte und persönlichen Traumata des Nordirlandkonflikts. Sie ist eine selbstgrausame Schwimmerin: Selbst in der kalten Jahreszeit begibt sie sich ins äußerst kühle Nass. Dabei sinnt sie über die unsichtbare Grenze nach, die sie beim Schwimmen durchbricht. Im Niemandsland des Wassers gleitet Kerri ní Dochartaigh über die historischen Narbe Irlands und Nordirlands.

Das Wasser und die damit verbundene Grenze in Derry bezeichnet Kerri ní Dochartaigh als thin place, also einen Ort, der durch seine Geschichte, seine Natur oder die Bedeutung, die man ihm persönlich beimisst, derart ›ruhig‹ oder ›dünn‹ ist, »that you meet yourself in the still point« (S. XVI). Zunächst bleibt unklar, was Kerri ní Dochartaigh damit konkret meint oder ausdrücken möchte.

Scheinbar unüberwindbare Grenzen

Obwohl die nordirisch-irische Grenze erst ein Jahrhundert existiert, ist sie verantwortlich für unsagbares Leid auf beiden Seiten: »I remember standing on this same beach just after that vote and weeping, memories surging through my insides like hidden tributaries. No more, no more, no more – we have all had enough already, enough for many lifetimes« (S. XIII).
Doch die Grenze ist nicht nur als 310 Meilen umspannender roter Strich im Atlas sichtbar, sondern auch an der Herkunft der Autorin: Die Mutter ist katholisch, der Vater protestantisch. Die Grenze verläuft direkt durch die Blutlinie.

Die azyklischen Erzählungen der Autorin, die aus Berichten über den politischen Kontext des letzten politisch-religiösen Konfliktes auf europäischem Boden, persönlichen Begegnungen und Motten- bzw. Schmetterlings-Allegorien bestehen, tragen trotz ihres düsteren Themas eine durchschimmernde Hoffnung, eine bettelnde Zuversicht, die ich schwer in Worte fassen kann. So schildert Kerri ní Dochartaigh beispielsweise, dass sie sich in ihrer Jugend nach nächtlichen Unruhen und/oder Bombenexplosionen in ihrer Nachbarschaft darauf besann, was sich nicht ändert: die Natur sowie die Flammen brennenden Kaminholzes: »The flames had seemed almost to dance in time with the howling winds that were shoving the tress around outside, and I remember how comforted I felt by it, by the fact that the winds still howl, and that I still love them, despite it all« (S. 16).

Zwischen Persönlichem und Politik

Der Schmetterling ziert nicht nur den graphisch schön gestalteten Umschlag des Buchs, sondern auch leitmotivisch das Schreiben Kerri ní Dochartaighs. So folgt das Erzählen der Autorin einem Dreischritt: So berichtet sie zunächst, welche folkloristische Bedeutung Schmetterlinge in Irland haben (sie sind die Seelen der Toten), was dies für sie persönlich bedeutet (die Naturbeobachtung und Beschäftigung mit ihren Bewohner:innen war ihre Zuflucht vor der traumatischen Realität des Krieges) und an welche Stationen in ihrer Biografie sie das erinnert.

Nach ihrer traumatischen Jugend, die sie – so wie viele ihrer Mitschüler:innen – in die Depression trieb, verließ Kerri ní Dochartaighs so schnell wie möglich Derry, nur um dann festzustellen, dass es keinen Ort, keine Menschen gab, die ihre sichtbaren sowie unsichtbaren Narben heilen konnten. Alles in ihr zog sie mehr als ein Jahrzehnt lang immer wieder an den Ort ihrer Traumata zurück: nach Derry. Grund dafür seien die ›Spuren‹, die ihr Leben in der Natur Derrys hinterlassen hätten. Kerri ní Dochartaigh entwickelt nämlich einen metaphysischen Spiritualismus mit ihrer Annahme der ›dünnen‹ Orte. Sie schreibt: »I want us to hold part of those places within our bodies too – I want to believe that we are in this all together – that we are connected. I need to believe that the sea and the land – the places we have been shaped and held by – will show us how to live again, will remind us how to be« (S. 40). Kerri ní Dochartaigh stellt so die steile These auf, dass all der Hass, der zu Konflikten wie dem zwischen den Katholik:innen und den Protestant:innen führt, in der Entfremdung des Menschen von der Natur wurzele.

Keine Gute-Nacht-Lektüre

Trotz des wunderbaren Schreibstils Kerri ní Dochartaigh ist Thin Places kein Buch zur ungestoppten Lektüre. Überladen mit vielen Facetten, musste ich das Buch häufiger zur Seite legen. Ihr Debütwerk ist vor allem ein Buch über mentale Gesundheit und traumatische Kriegserlebnisse. So berichtet Kerri ní Dochartaigh, dass sich viele ihrer Freund:innen aus der Schulzeit aufgrund des Erlebten zu Tode tranken oder erhängten. Eine Gute-Nacht-Lektüre sieht anders aus.

Kontrastierend zu diesen bestürzenden Berichten wartet die junge Autorin mit wunderschönen Sätzen wie »We are reminded, in the deepest, rawest parts of our being, that we are nature. It is in and of us« (S. 54) auf. Diesen Gegensatz muss ich als Leser erstmal aushalten lernen. 

Thin Places hat mich überrascht und umgehauen. Trotz der Schwere des politischen Themas erzeugt die antagonistische Herangehensweise mithilfe des Nature Writing eine poetische Leichtigkeit, die manchmal eine Spur zu überraschend und zu fröhlich daherkommt.
Bei der Lektüre habe ich mich auch an einige ›dünne‹ Orte erinnern müssen. Orte, an die ich zurückgekehrt bin, um mich mit dem Verlust zu beschäftigen. Vielleicht drückt sich darin auch die Größe des Debüts Kerri ní Dochartaighs aus: Wer den Schmerz der Vergangenheit hinter sich lassen will, muss die Orte besuchen, an denen dieser Wurzeln schlägt. Ich kann das nächste Werk der Autorin kaum erwarten.

Kerri ní Dochartaigh, Jahrgang 1983, ist eine nordirische Schriftstellerin. Kürzere Beiträge veröffentlichte sie in The Guardian sowie The Irish Times. Ihr Debüt Thin Places stand auf der Shortlist für den Wainwright Prize, erschien bei Canongate Books und umfasst 272 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

Ein Gedanke zu „Thin Places • Kerri ní Dochartaigh

  1. Der Brexit
    eine Fehlentscheidung

    Mauern und Grenzen abbauen
    das ist die Bedingung

    die unteilbare Menschenwürde
    an alle Menschen
    den Bösen und den Guten

    diese Anerkennung
    ist die Aufgabe
    in der heutigen Zeit

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