The Sailor Who Fell from Grace with the Sea • Yukio Mishima

Dass Yukio Mishima kein Kind des Frohsinns war, wird relativ schnell deutlich, wenn man sich mit seiner Biografie beschäftigt – schließlich beging er am 25. November 1970, nationalsozialistisch motiviert, rituellen Selbstmord (Seppuku). Trotz oder gerade wegen seiner lebenslangen Begeisterung für den Dreiklang seiner poetischen Faszinationsquellen – Schönheit, Erotismus und Tod – wohnen Mishimas Schreiben und Wirken farbenfrohe Metaphern und zahlreiche harmonische Wortklänge inne. Das trifft auch auf The Sailor Who Fell from Grace with the Sea (Der Seemann, der die See verriet) zu. Der handlungsarme Roman leuchtet durch seine Poesie und die Spiegelung Mishimas Biografie in seinen fiktiven Figuren als Juwel einer fast vergessenen literarischen Vergangenheit strahlend hell.

Verschwimmen von Realität und Fiktion

Der 13-jährige Noboru wird von seiner Mutter Fusako jede Nacht in sein Zimmer eingeschlossen. Er kann seine Mutter jedoch durch ein Loch in seinem Kleiderschrank beobachten und weiß daher, dass sich diese nachts bei ausgeschaltetem Licht vom Mondlicht beschienen nackt vor dem Spiegel betrachtet. Noborus Mutter lernt im Laufe des Romans einen Seemann, Ryuji Tsukazaki, kennen, mit dem sie zeitnah eine stürmische Beziehung eingeht. Auch diesen beobachtet der kauzige Noboru durch das Loch in seinem Kleiderschrank während des Akts mit seiner Mutter.

Ryuji Tsukazaki ist quasi die Spiegelung des Autors; Fiktion und Realität verschwimmen zu einer Einheit. Die Überfragmentierung des Seemanns geht im Verlauf des Werks sogar so weit, dass sowohl dessen als auch Mishimas Schwester an Typhus starben. Die drahtige Physis von Ryuji Tsukazaki, die ebenfalls der von Mishima deutlich ähnelt, beschreibt er folgendermaßen: »His broad shoulders were square as the beams in a temple roof, his chest strained against a thick mat of hair, knotted muscle like twists of sisal hemp bulged all over his body: his flesh looked like a suit of armor that he could cast of at will. Then Noboru gazed in wonder as, ripping up through the thick hair below the belly, the lustrous temple tower soared triumphantly erect« (S. 9). Zwar musste ich mir bei den Umschreibungen eines erigierten Penis als »lustrous temple tower« und der Körperbehaarung als »sisal hemp« ein wenig das Lachen verkneifen, muss aber dennoch anerkennen, dass darin nicht nur ein raffiniertes Vokabular, sondern auch die faszinierende Beziehung und Liebe Mishimas zur Sprache deutlich wird.

Fundamentalistischer und neo-faschistischer Wahnsinn

In dieser und vielen weiteren Beschreibungen kommen Mishimas eigener Körperkult und seine homosexuellen Tendenzen zum Ausdruck, die aber keine pornographische, sondern eine erotisierende und poetische Dimension besitzen: Seinen schmalen Körper stählte der stets in adligen Kreisen verkehrende Mishima, um sich den Samurai, seinen religiösen und kulturellen Vorbildern, anzunähern. Enttäuscht von der Kapitulation Japans 1945 und der Herabstufung des Kaisers vom Gott zum Menschen im Jahr 1946 (Negierung der Abstammung des Kaisers von den Shintō-Göttern), die ihn als jungen Mann schwer trafen, begann seine Radikalisierung. Durch seine an aristokratischen Idealen ausgerichteten Erziehung faszinierte ihn schon früh der Verhaltenskodex der Samurai (Bushidō) und das klassische, japanische Nō-Theater. Besonders die Kabuki-Darstellung der 47 Rōnin (die Geschichte der 47 herrenlosen Samurai), gilt als prägend für seine nationalistische Ideologie und seine Entscheidung für den rituellen Selbstmord.

Am 25. November 1970 stürmte Mishima mit seiner Privatmiliz (Tatenokai) das Hauptquartier der japanischen Streitkräfte, nahm einen Offizier als Geisel und rief in seiner Rede auf dem Dach des Gebäudes die japanische Armee zur Besetzung des Parlaments und zur Wiedereinsetzung des Kaisers als politischen Machthaber auf. Das Desinteresse der anwesenden Soldaten war jedoch so groß, dass Mishima seine Rede abbrach und anschließend Seppuku, den ritualisierten Selbstmord der Samurai, beging.

Mishima deutete seinen fundamentalistischen Wahnsinn und seine Todessehnsucht bereits in vielen seiner Werke an – und so auch in diesem Roman: »He had no idea what kind of glory he wanted or what kind he was suited for. He knew only that in the depths of the world’s darkness was a point of light which had been provided for him alone and would draw near someday to irradiate him an no other« (S. 13). Trotz seiner literarischen Brillanz gehört es deshalb leider auch zur Wahrheit, dass Mishima durch seinen nationalistischen Antikommunismus heute von Rechtsextremen wie der Identitäten Bewegung als »Held« stilisiert wird.

Stochern im literarischen Nebel

Auch wenn sich die Motivation Mishimas in The Sailor Who Fell from Grace with the Sea mir für lange Zeit entzieht, macht mir das nichts aus – so sehr lullt mich Mishima in Metaphern ein, die einfach schön sind. Simpel, aber schön: »Her nose was perfect; her lips exquisite. Like a master ringing a go stone onto the board after long deliberation, he placed the details of her beauty one by one in the misty dark and drew back to savor them« (S. 31). Was für ein großer Wurf! Die vorsichtige Entdeckung einer Frau durch den Blick des einsamen und einfühlsamen Seemanns mit der langen Überlegung des Go-Spielers zu vergleichen, ist große Sprachkunst.

Ratlos lässt mich jedoch die Clique des kauzigen Noboru zurück: Nihilistische, 13-jährige Jungs, die Katzen quälen, sind im Gegensatz zur fabelhaften Prosa Mishimas zu gewollt, zu konstruiert, zu unglaubwürdig. Diese Jungs werden von einem wortgewandten, unterkühlten Jungen angeführt, der Noboru und seine Freunde nur mit der Bezeichnung number one / two / three anspricht. Diese Jungs verschmähen die Welt der Erwachsenen als illusorisch und sentimental. Väter sind in den Augen des chief »the flies of this world« (S. 99), denn in The Sailor Who Fell from Grace with the Sea übernehmen Väter die Rolle der Erziehung innerhalb einer Familie. Da die Clique jedoch nicht erwachsen werden möchte, weil sie das Erwachsensein mit Leere, Perversion und Sentimentalität verbinden, bezeichnet Noboru beispielsweise den Tod seines Vaters auch als »happy incident« (S. 7). Dementsprechend verfliegt auch die zunächst vorherrschende Faszination der Jungs für den Seemann Ryuji, nachdem der muskulöse Freigeist Noborus Mutter Fusako einen Heiratsantrag gemacht hat. Er hat sich nun schließlich gegen die endlose Trostlosigkeit des Meeres für die endliche Trostlosigkeit der Gefühle und des Festlands entschieden.

Sprachlich museumsfähig

Mishimas Sprache ist die große Stärke von The Sailor Who Fell from Grace with the Sea und damit ein krasser Gegensatz zu den vielen Büchern, die der Büchermarkt auf die Bestenlisten spült. Andere Bücher mögen durch ihren inhaltlichen Klamauk bestechen, sind sprachlich aber zumeist derart unspektakulär, dass sie mich kaum berühren.

Sprache ist das Medium, das Geschichten und Erzählungen transportiert. Sie ist das Medium, das Salz in der Suppe, das der Mahlzeit und der Lektüre ihren Pepp gibt. Mishima verwendet Codes, die ich zwar nicht vollends verstehe, aber sie schenken mir das, was ich in Büchern suche: Entgrenzung, Transzendenz – und auch Überforderung, die mich von meinem mich unterfordernden Alltag ablenkt. Dass die Handlung und die Handlungseinbrüche dabei flacher sind als der Verhandlungserfolg der Grünen in den Ampel-Sondierungen, ist mir egal. Es braucht mehr solcher sprachlicher Kanonenschüsse wie The Sailor Who Fell from Grace with the Sea.

Yukio Mishima, Jahrgang 1925, verstorben 1970, war ein japanischer Poet, Regisseur, Model, Bühnenautor, Schriftsteller und politischer Aktivist. Er gilt als einer der bedeutendsten Literaten des 20. Jahrhunderts und war 1968 in der Vorauswahl für den Literaturnobelpreis. Zur Ehrung seines Lebenswerkes wurde 1988 der Mishima-Preis eingeführt, der seither jährlich vergeben wird. The Sailor Who Fell from Grace with the Sea erschien erstmals 1963 unter dem Originaltitel Gogo No Eiko. Die hier rezensierte Ausgabe erschien 2019 bei Vintage Classics in der Penguin Random House Group und umfasst 131 Seiten. 
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Herausgeber.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

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