Insel der verlorenen Erinnerung • Yōko Ogawa

Wie wäre es wohl, eines Morgens aufzuwachen und beim Versuch, die Morgenstimmung einzufangen, zu spüren, dass etwas unwiderruflich verschwunden ist? In Insel der verlorenen Erinnerung versucht Yōko Ogawa, genau das abzubilden.

Orwell in light

Das Setting des Romans erinnert mich von Anfang an stark an Orwells 1984. Die Handlung des Romans spielt auf einer kleinen japanischen Insel, auf der immer wieder Dinge verschwinden, plötzlich, ohne Ankündigung. Oder, besser: Es verschwinden die Erinnerungen an Dinge. Ist wieder etwas »verschwunden«, existiert es zwar noch, wird aber vollkommen bedeutungslos für die meisten Inselbewohner:innen. Nur wenige können sich an Verschwundenes erinnern. Diese Menschen werden von der sogenannten »Erinnerungspolizei« verfolgt – und hier setzen auch die starken Parallelen zu Orwell ein. Die Erinnerungspolizei handelt rücksichtslos und routiniert und ist eine Quelle ständiger Angst. Nur wird mir im Gegensatz zu Orwell nie klar, wie die Erinnerungspolizei in das gesellschaftliche System eingebettet ist. Der Fokus des Romans liegt vor allem auf dem Alltag der namenlosen Protagonistin und weniger auf Systemkritik.

Ein Roman im Roman

Die Protagonistin ist Schriftstellerin. Vor Jahren ist ihre Mutter von der Erinnerungspolizei »abgeholt« worden. In der Gegenwart ist sie mit dem »alten Mann« eng befreundet, der einst die Fähre zum Festland und zu den anderen Inseln fuhr – bevor sein Beruf verschwand. Die Protagonistin arbeitet während der eigentlichen Handlung des Romans an ihrem eigenen Roman, der von einer Frau handelt, die an einem Schreibmaschinenkurs teilnimmt und plötzlich ihre Stimme verliert. Es entwickelt sich zwischen ihr und ihrem Kursleiter schnell eine toxische Beziehung: Er sperrt sie in das Turmzimmer eines Glockenturms ein, wo er sie zwischen Bergen alter Maschinen nicht nur verkleidet und sexuell missbraucht, sondern nach und nach auch immer mehr vergisst, bis sich die Frau schließlich auflöst.

Übergriffige, toxische Beziehungen

Es dauert eine Weile, bis ich die Parallelen zwischen der Handlung von Insel der verlorenen Erinnerung und des Romans der Protagonistin entdecke. Währenddessen hat die namenlose Protagonistin nämlich ein Gespräch mit ihrem Verleger namens R geführt. R kann sich wie ihre Mutter an Dinge erinnern und äußert dies ihr gegenüber. Anschließend schlägt die Protagonistin R vor, dass sie ihn in ihrem Haus in einer geheimen Kammer in einer Art »Zwischenetage« verstecken wird. Auf mich wirkt ihre Handlung immens übergriffig, da sie ihn nicht einmal richtig fragt, sondern es als einzige Möglichkeit äußert, wie er gerettet werden kann. Dass er dem ohne Weiteres folgt, macht mich doch sehr ratlos, da er mit einer hochschwangeren Frau verheiratet ist.

Lange Rede, kurzer Sinn: Sie versteckt R, der seine Kammer nicht mehr verlassen darf und in jeglicher Hinsicht auf sie angewiesen ist – und nach und nach wird für mich ersichtlich, dass sie vor allem aus egoistischen Gründen gehandelt hat, da sie in R verliebt ist. Um sich ihre Übergriffigkeit nicht eingestehen zu müssen, äußert sie self-fulfilling prophecies wie diese: »Sobald er die Außenwelt wieder betritt, würde es ihn zerreißen, wie einen Fisch, der aus der Tiefe des Meeres zu schnell an die Oberfläche kommt. Deshalb muss ich ihn dort unten auf dem Meeresgrund festhalten« (S. 254). Während die Frau in ihrem Roman von einem Mann in luftiger Höhe eingesperrt wird, sperrt hier die Frau den Mann also in dunkler Tiefe ein. In beiden Handlungssträngen entwickeln die jeweils Eingesperrten eine Art Stockholm-Syndrom und erwidern die toxische »Liebe«.

Logische Schlüsse sind wohl schon lange verschwunden

Allgemein nimmt diese parallele toxische Liebesgeschichte für mich lange Zeit viel zu viel Platz in dem Roman ein, in dem es doch in erster Linie um das Verschwinden von Erinnerungen gehen soll. Da macht es das auch nicht besser, dass gerade dieses Verschwinden für mich nicht allzu logisch vonstatten geht. Ich habe mich so oft gefragt, wie es überhaupt passieren kann, dass Emotionen und Erinnerungen gegenüber Dingen einfach so verschwinden können. Darüberhinaus habe ich mich noch gefragt, wie das Erinnern so nachhaltig verloren gehen kann, dass nichts diese Erinnerungen neu erwecken kann. Irgendwie erscheint mir das alles nicht ganz schlüssig. Lange hoffte ich, dass die Prozesse entweder erläutert werden oder noch etwas geschieht, das erklärt, warum Yōko Ogawa schlicht keinen Wert darauf legt, die Prozesse zu erläutern. Doch keines von beidem tritt ein. Stattdessen verschwinden immer mehr Dinge, später auch Bücher (hier werden Parallelen zu den Bücherverbrennungen der Nazis eröffnet, was – wie die Bezüge zu 1984 – die repressive, autokratische Gewalt des unsichtbaren Regimes unterstreicht) und schließlich sogar Körper; meine Fragen bleiben ungeklärt und meine verärgerte Verwirrung erhärtet sich noch mehr.

Unausgeschöpftes, hohes Potenzial

Zugegeben: Die Handlung des Romans hat ein extrem hohes Potenzial. Jedoch verdichtet sie sich nicht und schweift durch den Roman im Roman sowie durch die parallelen toxischen Liebesbeziehungen von dem (von mir als solchen empfundenen) eigentlichen Kern ab. Dass immer mehr verschwindet, ohne dass ich erfahre, wie dies geschieht und wer oder was dahintersteckt, ist sehr frustrierend – auch wenn es ein gekonnter Kniff ist, schließlich alle verschwinden zu lassen, bis auf diese, die sich erinnern können, sodass diese nun für die Verschwundenen leben. Noch dazu habe ich mich etwas zu oft über verschiedene Dinge und Handlungen in Insel der verlorenen Erinnerung geärgert, als dass ich die schnell vorüberziehenden Seiten hätte genießen können. Dafür, dass die Handlung so viel Potenzial gehabt hätte, hat es sich Yōko Ogawa meiner Meinung nach viel zu leicht gemacht.

Yōko Ogawa gilt als eine der wichtigsten japanischen Autorinnen ihrer Generation. Sie hat zahlreiche Bücher geschrieben und wurde dafür mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Yokiuri-, Akutagawa- und Tanizaki-Jun’ichiro-Preis. Insel der verlorenen Erinnerung, erstmals im Jahr 1994 im Original erschienen, erschien 2020 im liebeskind-Verlag erstmals in deutscher Übersetzung. Der Roman wurde von Sabine Mangold aus dem Japanischen übersetzt, umfasst 352 Seiten und stand auf der Shortlist für den National Book Award 2019 und den International Booker Prize 2020.
Sämtliche Rechte am Cover und an dem Zitat liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / der Übersetzerin.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

2 Gedanken zu „Insel der verlorenen Erinnerung • Yōko Ogawa

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