Dancing with Bees • Brigit Strawbridge Howard

Persönliches, Sonstiges

Die letzten sechs Jahre habe ich in der Stadt gelebt und mich dabei meilenweit von der Natur entfernt, die einen großen Teil meiner Kindheit ausgemacht hat. Vor zwei Monaten sind wir »raus aufs Land« gezogen. Seitdem gewöhnen wir uns langsam wieder aneinander, die Natur und ich. Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur erschien mir als perfektes Buch zur Begleitung unserer vorsichtigen Annäherung. Der Autorin Brigit Strawbridge Howard ging es nämlich ganz ähnlich wie mir.

In Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur beschreibt Brigit Strawbridge Howard, wie sie eines Tages feststellt, dass sie über die Französische Revolution mehr weiß als über heimische Insekten, Vögel und Wildblumen. Also begibt sie sich voller Neugier auf ihre ›Reise zurück zur Natur‹. Andere Leser:innen halten ihre Eindrücke dazu in Schlagworten wie »Naturbegeisterung, die ansteckt« oder »Natur hautnah« fest – und ich frage mich, ob sie die 368 Seiten wirklich gelesen haben.

Emotionalität versus Rationalität

Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und betrachte alles aus dem Herzen heraus, bevor ich den Kopf mitreden lasse. Dementsprechend ist auch ›die Natur‹ etwas sehr Emotionales für mich. Möchte ich ›die Natur‹ in all ihrer Vielfalt wahrnehmen und erleben, verlasse ich mich auf meine Sinne und schalte den Kopf ganz aus. Das ist nicht leicht, aber nur so finden wir zueinander – über die emotionale Ebene.

Bei Brigit Strawbridge Howard ist das vollkommen anders. Sie betrachtet die Natur mit einem ziemlich rationalen, beinahe wissenschaftlichem Interesse. Von jeder unbekannten Biene, die sie entdeckt, möchte sie den Namen erfahren; die meisten Bienen kennt sie jedoch schon – zumindest vermittelt sie mir dieses Gefühl. Schnell bekomme ich den Verdacht, dass ihre Reise zurück zur Natur definitiv nicht meine ist. Etliche Male geht sie in dem Buch auf irgendwelche Untergattungen von Feldbienen oder Buschhummeln ein und erklärt seitenlang, wie diese Waben bauen, sich fortpflanzen oder überwintern. Anfangs mag das noch sehr interessant sein, mit der Zeit ermüdet es mich aber so sehr, dass ich wortwörtlich Monate gebraucht habe, um das Buch fertig zu lesen. Es war ein kleiner Kampf und nicht selten habe ich Passagen oder sogar einige Seiten übersprungen, um irgendwie voranzukommen. Das außergewöhnliche Design der Auflage hilft mir dabei leider auch nicht weiter, sondern demotiviert mich durch die großen Seiten und die kleine Schriftart nur noch mehr.

Ein rationales, autobiographisches nature writing-Nachschlagewerk

Dennoch habe ich auch einige Passagen sehr genossen, vor allem solche, in denen sie ihre emotionale Verbundenheit zur Natur schildert: »Wenn ich die Elemente erlebe, fühle ich mich vollständig. Das geschieht auch, wenn ich im hohen Gras einer Wiese auf dem Rücken liege, durch den Wald gehe und innehalte, um die Rinde eines alten Baums zu berühren oder meine Schuhe ausziehe, meine Zehen in den Sand grabe und hinaus ins Meer wate. Sonne, Regen, Wind und Erde machen, dass ich mich lebendig fühle« (S. 139). An diesen Stellen entdecke ich Schnittpunkte zwischen ihrer und meiner Reise zurück zur Natur, an diesen Stellen erfüllen sich meine Erwartungen, an diesen Stellen schätze ich das Buch. Doch schnell verwandelt es sich wieder in das rationale, autobiographische nature writing-Nachschlagewerk zurück, mit dem ich nicht viel anfangen kann. Wahrscheinlich ist das Buch für Menschen, die so tief »in der Natur drin stecken«, dass sie ebenfalls dutzende Hummelsorten auf Anhieb voneinander unterscheiden können, eine wahre Offenbarung. Für mich ist es das leider bei weitem nicht.

Schon wieder unpassender Aktivismus

Am anstrengendsten finde ich jedoch nicht die ausführlichen Beschreibungen der einzelnen Insekten. Da wäre einerseits die Art von Brigit Strawbridge Howard, mir immer wieder weismachen zu wollen, dass sie etwas Einzigartiges entdeckt hätte, noch dazu als erste. Die erste Biene der Gattung XYZ in Großbritannien in diesem Jahr! Die seit Jahren nicht mehr gesehene Hummel ABC, direkt in meinem Garten! Ist klar. Andererseits stört mich auch ihre aktivistische Note, die zwischen den vielen Gattungsbestimmungen immer wieder plötzlich auftaucht und auch schnell wieder verschwindet. In ihren unpassenden Einschüben erinnern mich diese Passagen auch stark an Der perfekte Kreis. Aktivismus, sehr gern, gerade bei dem Thema Natur und Insekten, aber wenn, dann nicht auf einer manchmal fast esoterischen Ebene, die im kompletten Gegensatz zum sonst so rationalen Blick vom Brigit Strawbridge Howard steht.

Falsche Zielgruppe

Trotz der Vielzahl an Kritikpunkten ist das Buch nicht schlecht. Ich bin nur definitiv nicht die richtige Leserin dafür. Das, was ich aus den vielen, vielen Informationen als sehr interessant herausgefiltert hatte, habe ich schon wieder vergessen. Aber, ganz ehrlich, zum Nachschlagen werde ich wohl ebenfalls kaum zu Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur greifen. Was also bleibt, was nehme ich  aus diesem anstrengenden, sich immens ziehenden Buch mit? Das Gefühl der Wildheit, das mich schon seit Monaten begleitet und bis zu einem gewissen Maße ausfüllt. »Denn irgendwo tief in unserem Inneren brennt noch ein kleiner Funke »Wildheit«, der nur darauf wartet, entfacht oder von Neuem entflammt zu werden. Wir müssen ihm nur den Raum geben, sich zu entfalten« (S. 344).

Brigit Strawbridge Howard ist eine britische Naturforscherin, Wildlife-Gärtnerin und als Texte schreibende sowie Reden und Vorträge haltende »Anwältin der Bienen« in ganz Großbritannien unterwegs. Dancing with Bees. Meine Reise zurück zur Natur erschien 2021 im Löwenzahn-Verlag, wurde von Dirk Höfer aus dem Englischen übersetzt und umfasst 368 Seiten.
Ich danke dem Löwenzahn-Verlag für das Rezensionsexemplar! Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei der Autorin / dem Übersetzer.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

2 Gedanken zu “Dancing with Bees • Brigit Strawbridge Howard

  1. Tanzen tun wir alle wohl unterschiedlich, auch mit der Natur. Da sind grausame Tänze dabei, selbstvergessene, wissenschaftlich motivierte, esoterische. Nur die Natur fragt nicht danach, sie gibt es, einfach. Wiewohl in ihr wahrscheinlich kaum ein Funken Widlheit mehr steckt. Das ist eindeutig ein Konstrukt des Menschen, der sich seiner eigenen Natur wohl weit entfernt hat.

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