Wer wir waren • Roger Willemsen

Geschichte, Roman

Der Bundestagswahlkampf ist überstanden. Trotzdem hält dessen Ende Politiker:innen nicht davon ab, mit Kitschwörtern um sich zu werfen. Der Wahlverlierer der konservativen Bremser-Partei, Armin Laschet, redet nun von einer »Zukunfts-Koalition«; der schlumpfig grinsende Wahlsieger der weniger konservativeren Bremser-Partei, Olaf Scholz, spricht von einer »Fortschritts-Koalition«. Als halbwegs in der Semantik beheimatete Person frage ich mich da schon: Von welcher Zukunft, von welchem Fortschritt sprechen diese beiden alten Herren, die die letzten 16 Jahre lang mehr oder minder die Geschicke dieses Landes in verschiedenen Funktionen beeinflusst haben? In Philipp Bloms Was auf dem Spiel steht klang es schon in ausführlicher Form an: Die Zukunft, über die gerade jetzt so viel und gern gesprochen wird, ist in erster Linie eine Erzählung über Katastrophen und Niedergänge, weil es wohl keiner kommenden Generation besser gehen wird als uns.

Aus Roger Willemsens Nachlass ist Wer wir waren. Zukunftsrede als Fragment im Jahr 2016 nach dessem Tod erschienen. Als umfangreicheres Buch geplant, brach Willemsen die Arbeit an seiner Zukunftsrede, nachdem er 2015 seine Krebsdiagnose erhielt, ab. Die Rede veröffentlichte seine Nachlassverwalterin, die wunderbare Insa Wilke, zum Glück dennoch, denn trotz ihrer fragmentarischen Gestalt ist und bleibt die Zukunftsrede brandaktuell; nicht zuletzt durch den Umstand, dass, basierend auf der Rede, kürzlich die gleichnamige Dokumentation ihre Premiere feierte.

Über Fantasy, Cyber-Glanzbildchen und Future-Kitsch

Wir kriseln, also sind wir. Seitdem wir uns unserer Selbst bewusst seien, begleiten uns die Krisen. »Vom Anfang aller Tage an« (S. 8) sei alles immer schlecht(er) geworden. »Luft und Wasser sowieso, dann die Manieren, die politischen Persönlichkeiten, der Zusammenhalt unter den Menschen, das Herrentennis und das Aroma der Tomaten« (ebd.). Angesichts aller Krisen, die Namen wie Klimaerwärmung, Dürre, Migration, Ressourcenknappheit und multiresistente Keime tragen, wird eine Zukunft herbeizitiert, die ausgehöhlt, entkernt, wie »Science-Fiction ohne Science« (S. 9) wirke.

Ein wenig nimmt mir die Satzdichte und die damit bei Roger Willemsen immer einhergehende, kluge und unangenehme Wahrheitsdichte die Luft. In der Rede steckt so vieles, das angestrichen und drei oder auch vier Mal gelesen werde möchte – nicht nur, weil es so komplex, sondern auch von so unbegreiflicher Aktualität ist. Besonders der Satz »Was nicht neu ist, das ist die Zukunft« (S. 11) ist direkt zu Beginn der Lektüre bereits ein elementarer Teil der intellektuellen Weitsicht dieses schmalen Buches. Wir machen uns in die alte Zukunft auf; Stagnation ist die neue Zukunft. Als Alternative dazu scheint nur ein rechtskonservativer, misogyner, alles (im wahrsten Sinne de Wortes) »Andere« hassender Backlash übrig zu bleiben.

Wer wir gewesen sein werden

Konfus, kongenial und Foucaultschen Sätzen ähnlich nimmt Willemsen in Wer wir waren. Zukunftsrede eine ungewöhnliche Perspektive ein: Er blickt aus der Perspektive der – wie auch immer aussehenden – Zukunft auf unsere Gegenwart. Wir reflektieren uns häufig in den Augen jener Menschen, die waren und dann gingen. »Vergleichsweise selten aber versuchen wir, uns im Blick jener zu identifizieren, die kommen und an uns verzweifeln werden« (S. 25). 

Woher nehmen wir unsere Arroganz in Anbetracht aller Probleme, die uns umgeben? Die Zeiten und wissenschaftlichen Prognosen laden nicht nur zum Nonkonformismus gegenüber der politischen Mitte ein. Vielmehr sind sie eine moralische Pflicht für jede:n Humanist:in. Eines Tages wird sich die Fuck Greta-Sticker-SUV-Generation gegenüber der folgenden Generation rechtfertigen müssen, warum sie sich für den Liegestuhl und nicht für Protestplakate und sich empörende Demonstrationen entschieden haben.

Kulturpessimismus mit Hoffnungsschimmer

»Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, die begriffen, aber sich nicht vergegenwärtigen konnten, voller Information, aber ohne Erkenntnis, randvoll mit Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, nicht aufgehalten von uns« (S. 43). Nie klang Weltuntergangsprosa hoffnungsvoller! Gedanklich hat sich Willemsen schon in eine Situation unseres Niedergangs, unseres Verschwindens gedacht, um uns jetzt zu warnen. Der letzte Zyklus der Utopie hat begonnen, das macht Wer wir waren. Zukunftsrede deutlich. Die Dystopie nimmt nun die Rolle der Utopie ein. Es gibt keine Zukunft mehr zu erträumen.

Die Zukunftsrede ist Willemsens Vermächtnis. Sie ist ein flammendes Plädoyer für die Überwindung des eigenen Bestrebens, sich in der Gegenwart einzuigeln, da es uns im Westen noch zu gut geht, um die Zeichen der Bedrohungen ernst- statt nur wahrzunehmen. Doch die Zeit läuft.

Roger Willemsen, Jahrgang 1955, verstorben 2016, war ein deutscher Publizist, Fernsehmoderator und Filmproduzent. Er galt als beliebtester Intellektueller Deutschlands. Wer wir waren. Zukunftsrede erschien 2016 im S. Fischer Verlag und umfasst 60 Seiten. Außerdem haben wir von Roger Willemsen bereits Der Knacks, Willemsens Jahreszeiten und Afghanische Reise rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Herausgeber.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Unterrichtet an einer kreativen Grundschule und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

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