Was auf dem Spiel steht • Philipp Blom

Geschichte, Roman

Ähnlich wie Roger Willemsen in seiner fragmentarischen Zukunftsrede Wer wir waren zeichnet der Historiker Phillipp Blom in Was auf dem Spiel steht das Bild einer Gesellschaft, die den Mut verloren hat, visionäre Ideen für die Zukunft zu entwickeln bzw. wie Digitalisierung und Klimawandel die westlichen Gesellschaften transformieren könnten. Die Analyse ist gnadenlos in ihrer Schonungslosigkeit: Anstatt mutig einzugestehen, dass Reformen der »Sozialen« Marktwirtschaft dringend notwendig sind, um die Ressourcen des Planeten zu schonen und unser Weiterbestehen als Spezies auf diesem blauen Staubkorn am Rande dieser Galaxis zu gewährleisten, rennen wir mit verbundenen Augen wie im Film Bird Box mit Sandra Bullock in rasendem Tempo auf den Abgrund zu. Wir haben das Interesse an der Zukunft verloren, weil der Liberalismus die Werte der Aufklärung pervertiert hat.

Willkommen im Status-Quo-Wohlgefühl der Gegenwart

Wie reagiert ein moralisch integrer Markt auf das Schmelzen der Gletscher? So: Findige Kapitalisten füllen Gletscherwasser in eine mundgeblasene und mit 24-karätigem Gold besetzte Flasche ab und verkaufen 750 ml davon für 99.000 US-Dollar.

Statt auf die enormen Transformationsprozesse, die die beginnende Erderwärmung und die Digitalisierung aller Lebensbereiche mit sich bringen, zu reagieren, drehe sich laut Blom »alles um die Verwaltung von Erwartungshaltungen und um die Verteidigung von Privilegien« (S. 15). Die Zukunft haben alle großen Wirtschaftsmächte des reichen, demokratischen Westens an den Rand gedrängt. Das schönste Gefühl, das sie vermitteln, sei die Nostalgie, das Heilsversprechen, dass die Gegenwart nie endet. Nichts wirkt so auserzählt und ausgenutzt wie das popkulturelle Narrativ der Utopie, die das Genre der Science-Fiction bis in die frühen 2000er Jahre vermittelte.

Nach der Finanz-, Griechenland-, Fukushima-, Flüchtlingskrise und zahlreichen Naturkatastrophen berieseln uns Dystopien und Untergangserzählungen in Literatur, Kultur, Politik und Rundfunk. Ganz vorne dabei sind die AfD sowie alte weiße Männer wie Houellebecq und Lars von Trier. Blom hält daher auch etwas zynisch fest: »Die Ratten packen schon ihre Sachen, die Superreichen kaufen sich boltholes in Neuseeland, Refugien mit Nahrungsreserven, Bunkern und Generatoren, um sich vor der nahenden Apokalypse zu retten« (S. 17).

»Zeit ist ein flacher Kreis«

Wie bedrohlich massive Klimaveränderungen für den gesellschaftlichen Frieden sein können, zeichnet Blom anhand der Kleinen Eiszeit des 17. Jahrhunderts nach. Durch die Abkühlung der mittleren Temperatur um zwei Grad blieben Ernten aus und verursachten einen Dominoeffekt: Auf Bittprozessionen folgten Hexenverfolgungen, Hungersnöte, Seuchen, Aufstände und Migrationsströme in die Städte, die die Lebensmittelknappheit noch verstärkten. Zeit ist ein flacher Kreis. Geschichte wiederholt sich.

Obwohl die historische Rückschau auf die Kleine Eiszeit keinen Rückschluss auf die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte liefern kann, hebt sie hervor, dass keine noch so reiche Gesellschaft, die ihren Reichtum durch die Ausbeutung von natürlichen und humanitären Ressourcen erwarb, vor den Konsequenzen des eigenen Handelns gefeilt ist: »Ihre heute sichtbaren Folgen, besonders die Erderwärmung und der dadurch bedingte Klimawandel, bedeuten, dass dieses Modell an seine Grenzen gestoßen ist. Die Ausbeutbarkeit des Planeten ist ausgereizt, wenn auch weiterhin Menschen auf ihm leben sollen« (S. 38). Dieser Prozess wird durch einen weiteren Transformationsprozess katalysiert – die Digitalisierung, die den Niedergang der menschlichen Arbeit markiert – und erhöht den Druck auf das auf Wirtschaftswachstum angewiesene Gesellschaftsmodell des Westens.

Ich konsumiere, also bin ich

Der Konsum und der damit verbundene Wohlstand der Länder hätten die beste aller Welten geschaffen. Im Kopf höre ich dabei das höhnische Lachen Pier Paolo Pasolinis. Dass dieses Modell des Konsums und Reichtums weiterhin eine Zukunft hat, ist ungewiss, da die Risiken, die dadurch entstanden sind, besonders für die unteren sozialen Gruppen erdrückend werden und dem Solidaritäts- und Gerechtigskeitsversprechen der westlichen demokratischen Gesellschaften diametral gegenüberstehen. Die Friss-oder-stirb-Mentalität sowie das Der-Markt-regelt-das-Mantra des Neoliberalismus beängstigen jedoch nicht nur jene, die im unteren Lohnsektor arbeiten und von ihrer Austauschbarkeit im kapitalistischen System wissen, sondern auch den wohlstandsverwahrlosten Mittelstand. Allen sitzt die Angst vor Verlust im Nacken: »Nicht nur all die schönen Spielzeuge, auch das eigene Haus und die Ausbildung der Kinder können morgen weg sein. Die wenigsten Menschen heuten sehen ihre Zukunft als gesichert an oder glauben auch nur, dass sie ihnen Gutes bringen wird. Deswegen verweigern sich diese Gesellschaften dem Gedanken an die Zukunft: weil er Verschlechterung bedeutet« (S. 98f.).

Episodenhafte Analysen

Bloms Sachbuch lässt sich als episodenhaft, manchmal sogar etwas rhapsodisch charakterisieren. Jedoch stört mich das nicht, denn das Buch transportiert eine in sich konsistente moralische Botschaft, die sich jetzt im Bundestagswahlkampf 2021 genauso abbildete: Keine der zur Wahl stehenden etablierten Parteien, nicht einmal Bündnis90/Die Grünen, hatte einen Zukunftsentwurf parat, der viele der drängenden, explosiven Probleme des Westens lösen könne. Ein Volk feilt sich sein politisches Personal so lange zurecht, bis es sich an den Zeitgeist anpasst. Ein bisschen Veränderung ist okay, sie darf nur nicht weh tun oder den Status Quo bedrohen. Dass der liberal-bürgerliche Traum nicht nur ausgeträumt, sondern auch kompromittiert ist, hält Blom an der stärksten Stelle seines Buches fest: »Ein bisschen wie Oscar Wildes Antiheld Dorian Gray konnte er [der liberale Traum] nur deshalb so lange schön bleiben, weil er die Hässlichkeit seines Lebens verstecken konnte« (S. 114). Auch die Zukunftsangst sei, so Bloms These, eine Konsequenz des Liberalismus und seines Fortschrittsgedankens. Die andauernde Veränderung oder Transformation impliziere das Hinwegfegen des Alten und produziere damit ein Gefühl der Heimatlosigkeit und des Sich-nicht-in-der-Welt-zurechtfinden. Dieses Gefühl treibe einige in die Arme der Propagandist:innenen der »autoritären Festungsmentalität« (S. 144), deren Protagonist:innen Putin, Erdogan, Bolsonaro oder Le Pen sind.

Statuserhalt versus Informiertheit

Die Fixierung der westlichen Gesellschaften auf ihren Statuserhalt im Auge des Sturms der massiven Transformationsprozesse münden bei Blom in Sätzen wie »Stell dir vor, es ist Geschichte, und keiner hat Bock drauf« (S. 180) oder »Diese Gegenwart ist bereits zu Ende – nur die Kulissen stehen noch« (S. 211). Viel Hoffnung macht Blom mit seinen Beobachtungen nicht. Vielleicht ist das aber auch gar nicht das Ziel. Vielmehr ist Was auf dem Spiel steht eine ernüchternde Rekapitulation der Veränderungsmüdigkeit des Westens und der Chancen, die er damit verspielt. Das ideale Geschenk für Familienmitglieder, die Energiewende für nicht finanzierbar oder auch unnötig halten.

Was bei all dem, was ›unseren‹ Wohlstand und unsere Art der Lebensführung bedroht, auf dem Spiel steht? Alles.

Philipp Blom, Jahrgang 1950, ist ein deutscher Schriftsteller, Historiker, Journalist und Übersetzer. Er publiziert im britisch-englischen Sprachraum in den großen Zeitungen und Zeitschriften (Guardian, Independet usw.) sowie im deutschsprachigen Raum (ZEIT, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Süddeutsche Zeitung usw). Blom ist seit 2017 Mitglied des Stiftungsrats des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Was auf dem Spiel steht erschien erstmals 2017 im Hanser Verlag. Die hier rezensierte und abgebildete Ausgabe erschien 2018 in der Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft und umfasst 224 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Unterrichtet an einer kreativen Grundschule und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

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