Der perfekte Kreis • Benjamin Myers

Benjamin Myers und ich müssen uns jedes Mal auf’s Neue erst aneinander gewöhnen. Unseren gemeinsamen Rhythmus finden. Die ersten Seiten sind sehr holprig, so war es auch schon bei Offene See. Mir gefielen beide Bücher auf Anhieb nicht, Sätze wie »Er flüstert die Worte gerade so laut, dass sie real werden. Er umhüllt sie mit seiner Zunge, und sie werden in seinem Mund zu Dichtung« finde ich einfach too much. Aber auf den ersten Seiten von Der perfekte Kreis wusste ich ja zum Glück schon, dass es besser werden würde. Und das wurde es auch.

Zwei Käuze im Kornmuster-Fight-Club

Im Mittelpunkt von Der perfekte Kreis stehen zwei Männer: Redbone, ein anarchistischer Hippie, der nichts gegen leichtere Drogen einzuwenden hat und nicht ganz »erwachsen« wirkt, und Calvert, ein Ex-Soldat und Ex-Alkoholiker, der mit einigen psychischen Problemen zu kämpfen hat. Beide sind befreundet durch die Tätigkeit, die sie verbindet: Sie kreieren Kornkreise. Oder eher Kornmuster. Während Redbone im mehr oder weniger leichten Rausch sich die Motive ausdenkt, kundschaftet Calvert die ländlichen Regionen westlich von England nach perfekten Weizenfeldern aus. Gemeinsam ziehen sie Sommer für Sommer los, um immer bessere Muster so in das Getreide zu treten, dass nicht ein einziger Halm bricht. Dabei wird mir beim Lesen schnell klar, dass dies der letzte Sommer sein wird, indem sie dieser Tätigkeit nachgehen werden. Bei ihrem Projekt folgen sie vor allem zwei Regeln: Niemals jemandem davon zu erzählen. Und unablässig nach Schönheit zu streben.

Ein wenig erinnert mich Myers neuer Roman also an Fight Club, aber abgesehen davon entdecke ich nichts bisher Dagewesenes in dem Roman. Der perfekte Kreis spielt in den 80er Jahren, manchmal fühle ich mich ein wenig wie in eine Ära kurz vor Akte X versetzt (natürlich vermutet niemand einen menschlichen Ursprung der Muster). Schon das verleiht dem Roman beim Lesen ein besonderes Gefühl. Aber abgesehen davon gelingt es Myers fabelhaft, sehr leicht zu schreiben. Ich fliege durch die Seiten und von Kornmuster zu Kornmuster. Das Buch ist äußerst kurzweilig und doch nicht flach, eine Kombination, die mir nicht oft unter die Augen kommt. Denn das, worauf Myers mit dem Buch eigentlich hinaus möchte, ist alles andere als oberflächlich.

Viel Kritik auf wenig Seiten

Myers spricht vieles in dem Buch an. Oder vielmehr: Er kritisiert vieles. Zunächst tat er dies noch unterschwellig und leise, mit der Zeit wird seine Kritik aber immer deutlicher. Ein Beispiel dafür ist der Kapitalismus, aber auch der Staat und der Krieg, der gerade durch Calvert immer wieder thematisiert wird: »Krieg ist organisiertes Chaos. […] Bestenfalls ist er das […] und alle militärischen Organisationen sollten morgen aufgelöst werden.« Das ist noch ganz nette Kritik, die zwar nicht ganz zu der Kornmuster-Aufmachung des Romans passt, aber noch auf dem Boden der Tatsachen bleibt. Aber darüber hinaus sprechen beide immer wieder über das Wesen des Menschen, was mir dann doch zu philosophisch wird, gerade dann, wenn Redbone durch den Boden eine Verbundenheit bis hin zu seinen ersten Vorfahren zu spüren glaubt. Apropos Boden …

Natur- und Klimaschutz mit dem Holzhammer

Calvert und Redbone kreieren ihre Kornmuster in sehr großen Weizenfeldern im Sommer. Natürlich dauert es nicht lange, bis Redbone einen kleinen Pitch über Monokulturen hält. Und natürlich ist erst recht das Thema der Klimaerhitzung nicht fern: »Das Land ist ausgedörrt, und manche Felder werden mit riesigen Sprinkleranlagen bewässert. Meilenweit entfernt im Hochland sinken die Pegelstände der Talsperren, und in den Nachrichten ist die Rede davon, dass möglicherweise ein Bewässerungsverbot verhängt wird und Familien Badewasser einsparen sollen. Die Region ist kurz davor, offiziell zum Wassernotstandsgebiet erklärt zu werden.« Dass Myers ein so radikales Bild eines Sommers in den 80er Jahren zeichnet, erscheint auf mich ein wenig übertrieben, passt aber perfekt in seine Rahmenerzählung: Dass Redbone und Myers hoffen, dass die Menschen der nächsten Generation natürlich alles für den Klimaschutz tun werden, um unsere einzigartige Erde und die Pflanzen und die Tiere zu bewahren. Ansonsten würden uns Überschwemmungen, schlechte Ernten »oder vielleicht […] ein tödliches Virus« überkommen. No offense, aber das war dann selbst mir als studierte Geographin zu viel Holzhammer-Methode. Seinen Weckruf bzw. seine Kritik hätte Myers auch eleganter verpacken können.

Einzigartig, aber nicht perfekt

Am Ende ist Der perfekte Kreis angenehm kurzweilig. Myers’ Gesellschaftskritik in Kombination mit zwei Kornmustern kreierenden Käuzen ist ziemlich einzigartig und in großen Teilen gelungen. Allerdings war es mir zum Schluss dann doch zu viel Aktivismus für einen knappen Roman. Vielleicht hätte Myers mal ein anderes Genre ausprobieren sollen, ich denke zum Beispiel an Roger Willemsens Wer wir waren. Ein Roman mit der großartigen Kornkreis-Geschichte und eine Art Zukunftsrede für seine Gesellschaftskritik – ich hätte beides noch etwas lieber gelesen als Der perfekte Kreis.

Übrigens ergibt der Titel ganz am Ende einen schönen Sinn, der für mich vor allem nach dem letzten Kornmuster noch mal deutlicher wird. Aber ich möchte ja nicht spoilern. Denn lesenswert ist Der perfekte Kreis auf jeden Fall.

Benjamin Myers, Jahrgang 1976, ist ein britischer Journalist und Schriftsteller. Der perfekte Kreis erschien 2021 bei DuMont, wurde von Klaus Timmermann und Ulrike Wasel aus dem Englischen übersetzt und umfasst 224 Seiten. Außerdem haben wir von Benjamin Myers bereits Offene See rezensiert.
Ich danke DuMont und NetGalley für das Rezensionsexemplar. Sämtliche zitierte Stellen stammen aus dem E-Book und wurden deshalb nicht mit Seitenzahlen gekennzeichnet. Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / den Übersetzer:innen.


Elisa | Liebt die Bücher von Dörte Hansen und Zsuzsa Bánk, krummes Gemüse und frischen Pfefferminztee. Gärtnert und tobt sich in freien Minuten kreativ aus. Macht was mit Medien.

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