Afghanische Reise • Roger Willemsen

Durch die Kübel von militärisch-imperialistischer Propaganda, die (nicht nur, aber auch) derzeit in den verschiedenen Medien und ihren Live-Tickern ausgeschüttet werden, stellt sich bei mir schnell ein schaler Geschmack ein und ich vergesse, wer in Kriegen häufig vergessen wird: die Zivilbevölkerung. Spätestens seitdem der damalige Verteidigungsminister Heinz Struck (SPD) am 20. Dezember 2002 vor dem Deutschen Bundestag Folgendes sagte, war die Argumentationsschablone für den Krieg in Afghanistan klar: »Um zu verdeutlichen, worum es wirklich geht, habe ich davon gesprochen, dass unsere Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt wird. Deutschland ist sicherer, wenn wir zusammen mit Verbündeten und Partnern den internationalen Terrorismus dort bekämpfen, wo er zu Hause ist, auch mit militärischen Mitteln«.
20 Jahre nach dem Beginn des ISAF-Einsatzes (die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe war eine Sicherheits- und Wiederaufbaumission der NATO im Rahmen des Afghanistan-Krieges) ist die Analyse des Ausgangs ein Desaster für den westlichen Einsatz. Aus dem zwischenzeitlich blühenden Land ist ein Land geworden, das durch die Intervention der westlichen Imperialisten unsicherer und demokratiemüder geworden ist. Roger Willemsens mittlerweile 14 Jahre altes Buch Afghanische Reise wirft einen Blick auf dieses Land, das uns durch die Macht der medialen Bilder nur als Land des Krieges und nicht als das seiner Menschen bekannt ist.

Die Katastrophe tritt hinter die Sprache

Die erste Seite des Buches reißt mich direkt in die Sprach- und Bildwelt meines Lieblingsautors. Willemsen schildert seinen Hotelaufenthalt in Locarno: »Im Treppenhaus der größte Lüster der Welt aus farbig-zuckrigem Murano-Glas, die Knospen darauf wuchernd wie Tumore« (S. 5). Ich bin verzückt, spannt er doch wenige Zeilen später den großen Bogen hin zu Paschtunen, Tadschiken, Taliban, Usbeken, turkmenischen Nomaden, Lapislazuli, Hochgebirgen – zu den staubigen Bildern eines mit Klischees und Namen aufgeladenen Landes.

Willemsen nimmt mich mit auf seine Reise und stellt bereits in ersten Gesprächen am Flughafen fest: »Jeder hat dasselbe Deutschland, jeder ein anderes Afghanistan« (S. 12). Aus dem Land, das einst unter anderem Reiseschriftsteller:innen wie Robert Byron, Annemarie Schwarzenbach und Ella Maillart besuchten, es durch ihre Reiseberichte greifbar und aus der Ferne sprichwörtlich ›lesbar‹ machten, wurde seit dem Beginn des ISAF-Einsatzes ein Land, das besonders durch die Verwendung euphemistischer Kriegsrhetorik wie ›strategische Ziele‹, ›präzise Bombardements‹, ›zivile Aufbauhilfe‹ hinter die Sprache trat und nicht länger vor ihr stand. So ließ sich mit Wörtern die eigentliche Katastrophe wegretuschieren, denn diese war stets eine zivile. Willemsens Reise macht das durch seine Schilderungen mehr als schmerzhaft deutlich.

›Die‹ Taliban gibt es nicht

Dass der Afghanistan-Konflikt komplizierter ist als ›Der Westen bombadiert Kabul auch für die Freiheit der Frauen‹ ist allen, die genauer hinschauen, bewusst, aber gerade dieses Bild hat sich im Westen etabliert. Hier die heroischen, westlichen Kräfte, die durch militärische Gewalt den afghanischen Frauen die Freiheit schenken, da ›die‹ Taliban, die durch Attentate die westlichen Werte untergraben. Dass ›die‹ Taliban jedoch 1996 im Rahmen des Afghanischen Bürgerkriegs (1986-2001) die Vergewaltigungen durch die Milizen des Militärführers und späteren Vizepräsidenten Abdul Raschid Dostum unterbanden, wird in der komplexen und blutigen Geschichte Afghanistans im Westen vergessen. Das hohe Konfliktpotenzial Afghanistans sei dem Land jedoch in seine DNA quasi eingebrannt, resümiert Willemsen: »Die Gewalt verkürzt die Wege, und da in Afghanistan der innere wie der äußere Druck sich immer wieder in Gewalt manifestierte, gibt es wohl kaum ein Land auf der Welt, das in den letzten Jahren durch so viele extreme Zustände gegangen ist wie dieses« (S. 61).

Anhaltend und allgegenwärtig ist bei allen geschilderten Begegnungen und Gesprächen Willemsens mit ›dem zivilen Afghanistan‹ die Enttäuschung über die westlichen Kräfte und die nicht eingehaltenen Heilsversprechen, die das westlich normativ-kontaminierte Bild der Demokratie der afghanischen Bevölkerung machte. »Man kann einen Glatzkopf ja nicht gut für seine schönen Locken loben« (S. 140), quittiert Khaled die Regierungsarbeit des afghanischen Präsidenten Karzais, der statt Expert:innen »lieber die alten Gangster« (ebd.) und Warlords in der Regierung um sich scharrte. 

Begegnungen mit einem traumatisierten Land

[Triggerwarnung für diesen Abschnitt] Afghanistan ist ein Land des gelebten Widerspruchs: Da emanzipierte, fußballspielende Frauen, dort Erzählungen ehemaliger Guantánamo-Häftlinge, die von mechanisch-abgestumpften Kindern berichten, die nach Raketenangriffen ohne eine Miene zu verziehen zwischen abgetrennten Gliedmaßen und Organen geschäftig hin- und herlaufen, um die Glieder dem jeweiligen Rumpf zuzuordnen.
Willemsen schildert diese Begegnungen ohne in den moralischen Diskant zu verfallen oder zu verhärten. Hier schreibt der kluge Humanist, der er ist, ein Philanthrop im besten Sinne, der angesichts der Traumata, die selbst die Kleinsten auf seiner Reise wie eine offene Wunde vor sich hertragen, den liebevollen, manchmal sogar humorvollen Blick auf das Zwischenmenschliche nicht verliert.

Afghanische Reise ist ein Reisebericht, der schwer aus der Hand zu legen ist, nicht nur, weil er – so wie alles aus Willemsens Feder – klug geschrieben ist, sondern auch kulturelle Einsichten in ein Land bietet, die keine pdf-Datei des Auswärtigen Amtes oder des Goethe-Instituts leisten könnten. Hier schreibt ein Autor, der das Land, das er in den Mittelpunkt seines Tuns stellte, nicht nur analysierte, sondern so liebevoll wie einen Freund behandelte, aber ohne ihn zu romantisieren. Eine hochaktuelle Lektüre, die angesichts der Katastrophe wehmütig macht.

Roger Willemsen, Jahrgang 1955, verstorben 2016, war ein deutscher Publizist, Fernsehmoderator und Filmproduzent. Er galt als beliebtester Intellektueller Deutschlands. Afghanische Reise erschien 2007 im S. Fischer Verlag und umfasst 222 Seiten. Außerdem haben wir von Roger Willemsen bereits Der Knacks, Willemsens Jahreszeiten und Wer wir waren rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und den Zitaten liegen beim Verlag bzw. dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

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