1984 • George Orwell

Nach der wenig erhellenden Lektüre von Christopher Hitchens Essay Why Orwell Matters wollte ich selbst eine Antwort auf die Frage finden, ob bzw. warum Orwell noch Aktualität besitzt. Also widmete ich mich einer älteren Ausgabe seiner politisch-satirischen Fabel Die Farm der Tiere und der Neuübersetzung von 1984. Der Buchmarkt wird derzeit mit zahlreichen Neuübersetzungen von 1984 und Die Farm der Tiere überflutet; das liegt daran, dass 70 Jahre nach dem Tod von Autor:innen die Regelschutzfrist abläuft, wodurch ihr geistige Eigentum lizenzfrei und damit Gemeingut wird.

Framing, wohin man blickt

Winston Smith, der Protagonist des Romans (der sicherlich nach Winston Churchill benannt wurde), lebt in Landefeld 1, einer grauen, abgewirtschafteten und trostlosen Erinnerung an England. Die Welt ist in drei große Machtblöcke zerfallen: Ozeanien, Eurasien und Ostasien. Landefeld 1 gehört wie Nord- und Südamerika, die restlichen britischen Inseln, Australien und Südafrika territorial zu Ozeanien, das sich mal im Krieg mit Eurasien und mal im Krieg mit Ostasien befindet.
Die Gesellschaft Ozeaniens ist ebenfalls einer Dreiteilung unterworfen. Der unsichtbare Große Bruder, eine Führerfigur, gehört mit der Inneren Partei (einer Art Parteielite) der obersten Schicht an. Darunter folgen die restlichen Parteimitglieder der Äußeren Partei und am Ende der Gesellschaftspyramide ein verwahrlostes, massenhaftes Proletariat (Prolos). Der Staat besitzt die Gestalt eines totalitären, kommunistisch anmutenden Überwachungsstaats. Die mächtige Gedankenpolizei hört die Menschen ab und kann diese jederzeit (außer nachts) in ihren Wohnungen beobachten: In jeder Wohnung hängt ein Teleschirm, ein fernseh- oder bildschirmähnliches Gerät, das nicht abschaltbar ist und unentwegt Propagandanachrichten abspielt. Darüberhinaus sendet der Teleschirm nicht nur, sondern empfängt auch – und zwar jedes Geräusch und jede Bewegung in Sicht- und Hörweite des Bildschirms. »Man hatte mit der Annahme zu leben – und tat dies aus Gewohnheit, die zum Instinkt wurde –, dass jedes Geräusch, das man machte, abgehört und außer im Dunkeln jede Bewegung überwacht wurde« (S. 9). Überall sind Plakate mit der Aufschrift DER GROSSE BRUDER BEOBACHTET DICH und einem schnurrbärtigen Mann zu sehen. Das Land leidet unter einer gravierenden Mangelwirtschaft, täglich schlagen Raketen in Häuser ein. Die  wenigen verfügbaren und meistens qualitativ minderwertigen Produkte sind ideologisch ebenfalls instrumentalisiert: Es gibt VICTORY GIN (riecht ölig), VICTORY CIGARETTES (zerbröseln) und VICTORY MANSIONS (fallen auseinander).

Über die bereits erwähnten Überwachungsmechanismen hinaus setzt sich der Regierungsapparat aus vier Ministerien zusammen: dem Ministerium der Wahrheit (zuständig für Nachrichten, Unterhaltung, Bildung und Kultur), dem Ministerium des Friedens (zuständig für Kriegsführung), dem Ministerium der Liebe (zuständig für Recht und Ordnung) und dem Ministerium der Fülle (zuständig für Wirtschaft). Allein anhand der Namen der Ministerien wird der politische Zynismus Orwells bereits deutlich. Auf Neusprech, der verkürzenden Amtssprache Ozeaniens, heißen die Ministerien übrigens Miniwahr, Minifried, Minilieb und Minifüll. Thea Dorn ließ sich erst kürzlich im Literarischen Quartett zu dem Urteil herab, dass Neusprech die ›verordnete‹ political correctness unserer Zeit sei. Was für ein haarsträubender und gefährlicher Unsinn. Ich messe Neusprech keine große Interpretationsreichweite für unsere heutige Zeit zu.

Winston arbeitet im Ministerium der Wahrheit und ist auch hier selbstverständlich von der die Gesellschaft durchdringenden Staatspropaganda nicht gefeit: Jeden Tag gibt es einen Hass-Appell, bei dem alle Mitarbeiter:innen sich in einem Saal vor einem großen Bildschirm einfinden. Der ideologische Staatsfeind der Partei und des Großen Bruders ist Emmanuel Goldstein, der »ein hageres jüdisches Gesicht mit einem großen wirren Kranz weißer Haare und kleinem Kinnbart« (S. 20) besitzt. Der Antisemitismus, der zur Staatsräson erklärt wurde und einen Verweis auf die Geschichte Deutschlands darstellt, ist offensichtlich. In diesen zwei Minuten Hass kritisiert Goldstein üblicherweise den Großen Bruder und setzt sich für Frieden, Redefreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit und Gedankenfreiheit ein. Die versammelte Belegschaft des Ministeriums schreit daraufhin den Bildschirm aus tiefster Inbrunst an und verfällt während des Hassens in eine Art ekstatischen Gefühlsausbruch der Negativität. Wer sich an dem Hass-Appell nicht beteiligt oder sich gar offen gegen die Partei richtet, wird von der Gedankenpolizei geholt und »vaporisiert« (S. 29): Jeder Eintrag, der auf die Existenz der persona non grata verweist, wird gelöscht. Die Person wird vergessen. Hier zeigt sich der erste große Unterschied zur heutigen Welt: Orwell schrieb in einer Zeit, in der es das Internet noch nicht gab. Trotz vielfältiger Zensurmaßnahmen schaffen es beispielsweise Staaten wie Russland, China oder die Türkei nicht, alle Informationen zu tilgen, da die Kommunikationskanäle des Internets größer sind als die gedruckten Medien wie Zeitungen, Bücher, Magazine etc.

Sexverbote und Bilderkriege

Über all die Überwachungsmechanismen hinaus hat die Partei eine Jugendorganisation, die Junge Anti-Sex-Liga ins Leben gerufen. Sie vertritt die Sexualmoral der Partei: »Der wahre, unerklärte Zweck war es, dem Geschlechtsakt alle Freude zu nehmen« (S. 89). Die Rebellion, die Winston betreiben will, ist also die des genussvoll ausgeübten Geschlechtsakts, denn Begehren sei ein Gedankenverbrechen. Die sexuelle Enthaltsamkeit ist für die Partei ein hysterisches Mittel zum Zweck, da sie »in Kriegsbegeisterung und Führerkult überführt werden konnte« (S. 177). Natürlich folgt, was folgen muss: Winston trifft sich mit Julia, der jungen Ministeriumsmitarbeiterin, um mit ihr auf einer Waldlichtung gegen die Partei zu ›rebellieren‹. Im Gegensatz zu den depressiven Schilderungen der grauen, zerstörten Straßen und Innenstadt (vermutlich Londons) sind die Naturschilderungen auf der Lichtung einer der schönen Lichtmomente des Romans: Sie geben dem Leser Raum zum Erholen von der elektrisierenden Anspannung, die sich von Winston automatisch auf mich überträgt. Kurz weicht sogar die Angst, von der Gedankenpolizei erwischt zu werden.

Lebhaft ist mir besonders eine der frühen Stellen in Erinnerung geblieben: Winston berichtet in seinem illegalen Tagebuch (das Verfassen eines Tagebuchs wird mit 25 Jahre Arbeitslager oder dem Tod bestraft), dass er im Kino gewesen sei. Es sei ein Propagandafilm gezeigt worden, in dem Flüchtlinge auf hoher See erschossen und zerbombt worden wären. Der Hass gegenüber Migrant:innen wurde von der Partei scheinbar derart zum Patriotismus verklärt, dass das moralische Gewissen der Menschen ausgeschaltet zu sein scheint. Eine weitere Szene dieses Themenkomplexes ist die publikumswirksame Vorführung eurasischer Gefangene auf Lastern, die, als absolute Menschenfeinde ihrer Menschlichkeit entzogen, auf dem Weg zu ihrem Tod im Arbeitslager von den Prolos angeschrien werden. Orwell hat mit diesen Schilderungen sowohl den Faschismus als auch den Kommunismus in seiner entmenschlichenden Ideologie literarisch auf seine grausame Spitze getrieben. 
Kritisch finde ich in dem Zusammenhang die Reproduktion rassistischer Sprache in der sonst gelungenen Neuübersetzung (die zum Glück auf die Übersetzung der Gedichte und Lieder ins Deutsche verzichtet hat). Ich dachte, wir wären dahingehend schon weiter.

Große Ähnlichkeiten zwischen 1984 und unserer Zeit sehe ich neben den bereits angeführten Punkten auch anhand des folgenden Ausschnitts: »Die Partei interessiert sich nicht für das offenkundige Tun: Das Denken ist alles, woran uns liegt. Wir wollen unsere Feinde nicht einfach vernichten; wir ändern sie. Begreifen Sie, was ich damit meine?« (S. 337). Unmittelbar muss ich dabei an die Macht der Künstlichen Intelligenzen, an Algorithmen und an die ›alternativen Fakten‹ der Trump-Administration denken. Alle weiteren 1984-Vorstellungen von Totalitarismus und Überwachung sind durch die Realität ebenfalls schon überholt worden; ein Beispiel dafür ist der social scoring aller Einwohner:innen der Volksrepublik China. Die Dystopie Orwells wirkt dagegen fast schon harmlos.
In seiner grausamen, fesselnden Sprache (besonders im letzten Drittel, der Gefangennahme Winstons und Julias) liegt der doch nicht ganz so zeitgemäßen Dystopie dennoch eine Botschaft für uns Leser:innen des 21. Jahrhunderts bei: Mit 1984 ermahnt uns Orwell, die Freiheit vor denjenigen zu bewahren, die diese – am liebsten unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit – zerstören wollen. Und: Der Große Bruder ist immer noch Namensgeber des Negativpreises Big-Brother-Award, der jährlich für mangelhaften Datenschutz und die Verachtung von Privatsphäre vergeben wird.

George Orwell, Jahrgang 1903, verstorben 1950, war ein englischer Schriftsteller, Essayist und Journalist. Durch seine Dystopien Farm der Tiere (1945) und 1984 wurde er weltberühmt. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Schriftsteller Englands. 1984 erschien erstmals 1949. Die von mir rezensierte Version erschien 2021 im Manesse Verlag, wurde von Gisbert Haefs übersetzt und umfasst 443 Seiten.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor / dem Übersetzer.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Versucht, einen Teil von Mecklenburg-Vorpommern zu digitalisieren und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

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