Willemsens Jahreszeiten • Roger Willemsen

Philosophie, Politik

Ich kenne sehr viele Produktionen und mediale Auftritte von Roger Willemsen: natürlich seine Bücher, Interviewschnipsel, Reden, Hörspiele und so weiter, aber seine von 2010 bis 2015 im ZEIT MAGAZIN erschienene Kolumne war mir bis zum Kauf des Buchs vollkommen unbekannt. Wobei ›Kolumne‹ in diesem Zusammenhang zunächst nur augenscheinlich die richtige Bezeichnung für die Beiträge Willemsens ist, da er mit diesem journalistischen Genre spielte. Seine Kolumnen waren nie kurz oder monothematisch, sondern mehrere Seiten lang und eine medizinisch-präzise Sezierung des Zeitgeistes, besonders in politischer Hinsicht. Außerdem erschien die Kolumne nicht wöchentlich, so wie die Beiträge von »Meinungswarlords« wie Margarete Stokowski oder Jan Fleischhauer, sondern nur vierteljährlich: für jede Jahreszeit eine Kolumne. Wer bei dem Titel Willemsens Jahreszeiten jedoch ästhetische Naturbetrachtungen erwartet, liegt falsch. Willemsens Kolumnen sind scharfzüngige, schonungslose Analysen des Zeitgeistes. Mein anfänglicher Zweifel über die Aktualität der Kolumnen verflog deshalb auch relativ schnell.

Rhetorische Watschen für die FDP


Bereits auf der zweiten Seite der ersten Frühling-Kolumne aus dem Jahr 2010 ist bei Willemsen zu lesen: »Angela Merkel stimmte uns auf ein hartes Jahr ein. Ihr eigenes wird so hart nicht werden dank windelweicher Rhetorik und einem Phantomschmerz namens SPD« (S. 10). Die Rhetorik der Kanzlerin ist bis heute windelweich geblieben, die SPD pflegt auch weiterhin ihr Schattendasein hinter dem Mantra der ›staatspolitischen‹ Verantwortung und auch das nationalistisch angehauchte New-Economy-Gewäsch der FDP ist heute immer noch das gleiche wie damals, als die erste Kolumne von Roger Willemsen erschien und es mit der FDP ähnlich wie heute in den Umfragen aufs Abstellgleis ging. Nur hieß der damalige Populist nicht Lindner, sondern Rösler.

Neben politischen Verantwortungsträgern bekommen auch A-B-C-D-Promis rhetorisch die Leviten gelesen und zwar in einer Schärfe, die ich vor Willemsens Kolumnen nur in Bezug auf intellektuell sowie rhetorisch schlecht ausgestattete Promis wie Till Schweiger oder Heidi Klum kannte. Doch Willemsen blickte auch auf andere Promis. Zum Frontmann der Band Unheilig schreibt Willemsen zum Beispiel: Er singe Verse, »die Hebbel zufolge selbst dann nicht entschuldigt wären, wenn es in den Zehn Geboten hieße: ›Du sollst Verse schreiben‹« (S. 33).

Begleitet werden seine boulevardistischen, spöttischen Exkurse von kulturpessimistisch anmutenden Zukunftsvisionen und schonungslosen Einblicken in den Zeitgeist. Bei näherer Betrachtung und nach einigen Ruderbewegungen im Kopf kommt mir vieles von dem bekannt vor. Willemsen prognostizierte erste politische Trends, die sich bis heute fortsetzen und an Schärfe und Relevanz noch gewonnen haben. Bemerkenswert ist besonders Willemsens Analyse, dass die Schweinegrippe im zurückliegenden Winter 2009 die Menschen zusammengetrieben habe, um das erste Mal seit der Finanzkrise ein kurzzeitiges Wir als Reaktion auf eine Bedrohung zu produzieren – ähnlich wie dies die Corona-Pandemie jetzt tut, mit der ernüchternden Erkenntnis, dass diese Solidarität nur so lange anhält, bis die Krise überwunden ist. Da sich Geschichte wiederholt, kann man sich denken, was das für die Zeit nach der Corona-Pandemie bedeutet: die Erweiterung des im Lockdown wiederentdeckten Egoismus als Konsequenz des Corona-Biedermeiers.

Der zügellose Hass im Internet, der die Welt dualistisch in das Gut-Böse-Schema einordnet, das dehumanisiert-neoliberalistische Gedankengut des Wachstumsstrebens, das Versagen des Staates bei der Enttarnung rechtsextremistischer Organisationen, die uninspirierten Reden einer müden Kanzlerin, der sich deutlich ankündigende Klimawandel sowie die rhetorische Degradierung der Bundesbürger:innen zu Verbraucher:innen – Willemsens Jahreszeiten ist eine unterhaltsame Achterbahnfahrt durch den medialen Irrsinn des vergangenen Jahrzehnts und zeigt auf, was sich am politischen Horizont bereits ankündigte. Neben der Zukunftsrede Wer wir waren ist Willemsens Jahreszeiten ein weiterer Versuch Willemsens gewesen, die Gegenwart aus der Zukunft zu betrachten. Fraglich bleibt nämlich bei all den Krisen und Bedrohungen, die sich mit immer dichterer Schlagzahl national sowie international ankündigen, wie die Gesellschaft reagieren soll: mit Nebelkerzenaktionismus oder dem bürgerlichen Rückzug der oberen Mittelschicht in das gemütliche Eigenheim (cocooning) und der egoistischen Ausblendung aller weltlicher Probleme. Willemsen entzieht sich beidem; seine Botschaft war und ist es, sich nicht einverstanden zu erklären, stattdessen selbst aktiv zu werden und sein Leben auch für Andere zu leben. Dadurch wird das Leben zwar nicht länger, aber dichter.

Roger Willemsen, Jahrgang 1955, verstorben 2016, war ein deutscher Publizist, Fernsehmoderator und Filmproduzent. Er galt als beliebtester Intellektueller Deutschlands. Willemsens Jahreszeiten ist 2020 im S. Fischer Verlag erschienen und umfasst 189 Seiten. Außerdem haben wir von Roger Willemsen bereits Der Knacks, Wer wir waren und Afghanische Reise rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Unterrichtet an einer kreativen Grundschule und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

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