Der Knacks • Roger Willemsen

Philosophie

Es war ein unscheinbarer Junitag. Damals hatte ich einen Nachhilfejob für eine Stiftung in einer nahegelegenen Stadt. Ein ungutes Gefühl, ein Schleier lag über dem Tag, dessen Wolkengrauton eine kalte Explosion ankündigen sollte. Die Stille des Tages wurde zu einem Schreien, einem langfristigen Schmerz, einem Zustand des Ausbleichens.
Eine unbeantwortete Nachricht meiner Mutter auf dem Handy. Die Rückkehr ins heimische, überheizte Wohnzimmer der Großeltern. Der kurzaufflammende, typisch westfälische und rasch in sich zusammenfallende Ton der Großmutterstimme. Dein Bruder ist tot. Das war er, der endgültige Eintritt des Knacks in die Welt, die wir als Leben bezeichnen. Dieses Ereignis war der Katalysator des Prozesses, der sich seit 25 Jahren ankündigte.

Individuen sind die Summe ihrer Narben

Francis Bacon wird der Aphorismus »Manche Bücher darf man nur kosten, andere muss man verschlingen und nur wenige kauen und verdauen« angedichtet. Diesem Verständnis nach müsste Der Knacks ein Buch sein, das das ganze Leben immer wieder gekaut, aber nie verdaut werden kann, da die Themen allgegenwärtig und niemals endend sind: Leben und Erlöschen.

Roger Willemsens Gesamtwerk ist durch das Sichtbarmachen von menschlichen Narben, durch das Nachdunkeln und Ausbleichen von Lebensgefühlen, Farben und Formen geprägt und wie diese Menschen oder Orte in ihrem Wesen transformieren, wenn nicht gar verzerren. In dieses Universum von Willemsens Büchern eingebettet, sensibilisiert er in Der Knacks dafür, dass die Ironie häufig keine starre Form der persönlichen Verhärtung ist – ein Wesenszug, der dem Menschen einfach anhängt – sondern ein Resultat des Eintritts des Knacks in das eigene Leben. Der Knacks, so schildert er am Anfang des Buches, sei ein sich langsam anbahnender Prozess und kein singuläres Ereignis. Individuen sind dieser Perspektive nach letztendlich nur die Summe ihrer Narben, Kränkungen und Veränderungen. Das kann man pathetisch oder folgerichtig finden.

Der Knacks legt das Beschädigte, das Brüchige eines Individuums offen und schafft einen Resonanzraum für das, was nicht mehr ist. Willemsen schafft es, Worte für die Sprachlosigkeit zu finden: »Kaum beginne ich zu reden, mischt sich der Knacks ein. Er greift sich die Sprache, lässt sie vielleicht nicht stottern, teilt ihr aber etwas Resignierendes zu« (S. 61).
Alles bekommt eine Patina. Nicht das Leben an sich hat sich gewandelt, sondern das grundlegende Gefühl. Es ist ein Abstumpfen, ein Unwesentlichwerden. Resignation.

Episodenhafte Schilderungen voller Eleganz

In seiner Rolle als Beobachter, als der sich Willemsen immer sah, schildert er den Knacks in verschiedenen Formen: als Todesfall, als feine Haarrisse in der Glasur von Kunstobjekten aus Keramik oder Glas (Craquelé), als emotionale Entfernung zweier ehemals Liebender, die in sich zusammenfallen und einander verlieren, obwohl sie sich nahe sind.
Jeder Satz aus der Feder Willemsens ist ein Blick in eine Welt des Intellektualismus, den es heute in dieser Form nicht mehr gibt. Willemsen war ein Universalgelehrter. Dies merkt man all seinen Texten an. Die Erzählungen changieren häufig nur durch die Einstreuung eines kleinen Wortes wie Homunkulus, insulär, Hadesfahrt usw. zwischen Philosophie, Kulturgeschichte und der Erinnerung an die manchmal etwas angestaubt wirkenden Einführungsvorlesungen in die germanistische Linguistik.

Jedes mental bewältigte Werk – von Lesen kann hier nicht die Rede sein –Willemsens lässt den Leser schöner, moralischer, gelehrter, zufriedener zurück, als er eingangs war. Trotz ihrer essayistisch erscheinenden Unordnung besitzen die episodenhaften Schilderungen und Alltagsbeobachtungen Willemsens ein Moment des emotionalen Aufatmens aus der Außenbetrachtung: Zum Glück bin ich nicht so wie dieses gescheiterte Individuum, das seinen Knacks wie eine offene Wunde vor sich trägt. Eben diese Abgrenzung des Ich und des Die führt mir die eigentliche psychologische Tiefe von Der Knacks vor Augen. Insgeheim bin ich auch nur einer der beschädigten Dorfbekloppten aus Willemsens Kindheit, der sich seiner Wunde und ihrer Zurschaustellung durch die Zwischentöne des Lebens nicht bewusst ist.

Roger Willemsen, Jahrgang 1955, verstorben 2016, war ein deutscher Publizist, Fernsehmoderator und Filmproduzent. Er galt als beliebtester Intellektueller Deutschlands. Der Knacks ist 2008 im S. Fischer Verlag erschienen und umfasst 296 Seiten. Das Buch ist außerdem fragmentarisch als Hörbuch 2020 im Tacheles! Verlag erschienen und Dauert 78 Minuten. Außerdem haben wir von Roger Willemsen bereits Willemsens Jahreszeiten, Wer wir waren und Afghanische Reise rezensiert.
Sämtliche Rechte am Cover und an den Zitaten liegen beim Verlag bzw. bei dem Autor.


Dominik | Liebt die Bücher von Roger Willemsen und Christopher Hitchens, Zartbitterschokolade und Mate. Inhaliert in freien Minuten Wikipedia-Artikel. Unterrichtet an einer kreativen Grundschule und wäre in einem anderen Leben Uhrmacher geworden.

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